Katholischer Frühling

Es galt als eine der grössten Überraschungen des noch jungen Jahres, als Papst Benedikt XVI. Ende Februar seinen Rücktritt verkündete. Mit der frühzeitigen Beendigung seines Pontifikats ebnete er den Weg für einen neuen Papst – Jorge Maria Bergoglio aus Argentinien. Der Jesuit sprach bei seiner ersten Generalaudienz von dem Wunsch, eine Kirche von Armen für Arme zu führen. Nicht nur Kirchenkritiker und enttäuschte Gläubige belächelten damals dieses scheinbar leere Versprechen. Doch der Südamerikaner hielt an seiner Aussage fest und schaffte es, in noch nicht einmal 300 Tagen Amtszeit, die katholische Kirche komplett auf den Kopf zu stellen.

Photo: ALBERTO PIZZOLIA/AFP/Getty Images

In den Skandaljahren 2010-2013 verlor die Kirche nicht nur ihre Glaubwürdigkeit, sondern auch das Vertrauen hunderttausender Katholiken. Viele Gläubige konnten über die Pädophilie-Vorwürfe an ranghohen Bischöfen, Priestern und Pfarrern nicht hinwegsehen und wendeten der Kirche den Rücken zu.

Die Beliebtheit der Kirche war auf einem neuen Tiefpunkt, die Zahl der Kirchenmitglieder sank täglich im vierstelligen Bereich. Berechtigterweise stellten sich viele Theologen und „Laien“  nach dem Rücktritt von Benedikt dem XVI. die  Frage: Kann ein einzelner Mann das Schiff Petri wieder auf Kurs bringen?

Jorge Maria Bergoglio hat bewiesen: Ja. Er kann.

Frischer Wind im Vatikan
Als Papst Franziskus in den Vatikan zog riss er die Fenster des Petersdoms auf und vertrieb den neokonservativen Mief der Benedikt-Ära.  Es war ein notwendiger Akt der Entrümpelung altbewährter Traditionen, denn auch Franziskus war klar, dass an ihm die Glaubwürdigkeit der Kirche neu bemessen werden würde.

Und so tat er, was getan werden musste. Das Brechen von Traditionen mag bei vielen verklemmten Kirchenbrüdern und Traditionalisten für Missgunst gesorgt haben, doch für deren Meinungen hatte der Jesuit Bergoglio sowieso noch nie viel übrig. Unberührt von der Kritik aus der konservativen Ecke vereinfachte Franziskus seine Kleidung, veränderte das Protokoll, verzichtete auf seine Papstresidenz und wohnt bis heute immer noch im Gasthaus des Vatikans. Seine Schweizer Gardisten schickt er des Nachts auf die Strassen, damit sich die obdachlosen Bürger Roms sicherer fühlen. Vor einigen Tagen machten Gerüchte die Runde, dass Papst Franziskus des Nachts sogar selbst aus dem Vatikan schleicht um sich um die Obdachlosen und Armen der Ewigen Stadt zu kümmern. Dieses Verhalten würde durchaus zu ihm passen, immerhin küsst und wäscht er auch mehrmals im Monat die Füsse von italienischen Häftlingen.

Franziskus schaffte mit diesen radikalen Veränderungen einen wichtigen Schritt in eine offenere und liberalere Kirche, doch man darf nicht vergessen, dass er trotzdem nur ein einfacher Pilger auf irdischem Wege ist. Franziskus ist auf die Unterstützung aller Strömungen innerhalb sowie ausserhalb der katholischen Kirche dringend angewiesen und für diese sicherlich auch dankbar. Viele Katholiken hat er bereits davon überzeugt, dass man seinen Mitmenschen mit mehr Offenheit und Verständnis begegnen muss.

Die Kehrseite der Medaille
Doch der Erfolg ist damit noch lange nicht gesichert – die Gefahr des Scheiterns besteht weiterhin. Trotz seiner lobenswerten Einstellung und seinem selbstlosen Auftreten hat Franziskus bereits viele neue Feinde gewonnen. Innerhalb des Vatikans sind dies erzkonservative Lobbys, die um ihren Reichtum und ihre Macht fürchten. Ausserhalb des Vatikans ist dies die italienische Mafia, die seit Jahren ihre Gelder in der kircheneigenen Bank IOR waschen. Auch sie wären durch eine radikale Umwandlung des Kirchensystems negativ betroffen.

Was die Zukunft noch bringen wird ist unklar, nicht zuletzt weil Papst Franziskus als ein undurchschaubarer Mensch voller Überraschungen gilt.  Für mich ist allerdings sicher, dass Franziskus auch in Zukunft vielen Menschen wieder zu neuer Glaubenskraft und Hoffnung verhelfen wird. Er wird weiter vielen Menschen, unabhängig von ihrer Religion, ein Lächeln aufs Gesicht zaubern, davon bin ich überzeugt.

Ich fand in diesem Beitrag sehr viel lobende Worte für den neuen Papst. Allerdings ist es mir nicht nur als Atheist, sondern vor allem auch als Journalist eine Herzensangelegenheit, den Pilgerweg Franziskus‘ differenzierter zu betrachten als dies so manche Medienschaffende machen. Man darf nicht darüber hinwegsehen, dass Jorge Maria Bergoglio zu seiner Zeit als Erzbischof und Kardinal von Buenos Aires des Öfteren mit besonders kernigen und extremen Aussagen um sich warf. „Wer nicht zu Gott betet, der betet zu Satan“, meinte er einst. Desweiteren bezeichnete er gleichgeschlechtliche Ehen er als ein Werk des Teufels. Auch in seinem Amt als Papst predigt Bergoglio heute noch gegen die Rechte von Homosexuellen und die Gleichstellung von Frauen. Nebst seinen Heldentaten liest man davon allerdings nie in den Zeitungen. Die Berichterstattung über Religion hat einen Geruch der Unfreiheit um sich. Denselben Geruch kann man auch immer noch in den heiligen Hallen des Vatikans vernehmen, nur vermischt sich dieser nicht mehr mit dem Mief der Benediktpolitik zu einer viel giftigeren Ausdünstung.

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Eine gekürzte Version dieses Artikels findet ihr auch auf tink.ch

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