Stimmen der Gottlosigkeit: Atheisten aus aller Welt erzählen ihre Geschichte (Teil 1/2)

Die Zahl der Gott- und Konfessionslosen steigt jährlich in einem noch nie dagewesenen Ausmass. Die Ausbreitung des Unglaubens betrifft vor Allem die katholische Kirche – alleine das streng-katholische Irland verzeichnete in den letzten zehn Jahren einen Anstieg von 400%(!) an Atheisten auf der Grünen Insel. Doch auch alle anderen Weltreligionen verlieren ihre Schäfchen. Trotzdem ist Atheismus auch im 21. Jahrhundert immer noch ein Tabuthema. In mindestens sieben Ländern droht für Gotteslästerung und –leugnung sogar immer noch die Todesstrafe. Grund genug für das Jahr 2014 eine Lanze zu brechen und den Gottlosen der Welt Gehör zu verschaffen. 

Im ersten Beitrag erzählen fünf Atheisten aus Mexiko, Irland, Russland, Österreich und den USA ihre Geschichte. Im zweiten Teil kommen zwei weitere Atheisten aus den USA zu Wort, sowie ein Inder, ein Japaner und ein Australier.

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Heroica Puebla de Zaragoza, Puebla, Mexiko – ehemaliger Katholik

Ich besuchte in meiner Kindheit eine religiöse Schule, an der ich pflichtgemäss Religions- und Theologiekurse besuchen musste. Ich habe mich für einen Kurs zu den Römer- und Galaterbriefen eingetragen.

Nach einigen Wochen in dem Kurs erzählte unser Dozent die Geschichte von seiner Tochter, die er während einem gemeinsamen Sommerurlaub mit der Familie verlor. Sie wurde von der Strömung eines Flusses mitgerissen und ertrank. Er bezeichnete ihren Tod als „Gottes Plan“. Kurz darauf erzählte er uns wie er und seine Frau sich vor einigen Wochen eine Tischtennisplatte wünschten, also beteten sie am Morgen dafür und fanden tatsächlich eine, auf der ein „Gratis“-Schild klebte, bei ihrem Nachmittagsspaziergang. „Was für ein wundervoller Gott“, sagte er.

Ich sass regungslos da. Ich war in Schockstarre. Ich konnte nicht glauben, dass jemand nach dieser Geschichte immer noch den Herrn preisen konnte. Ich konnte nicht mehr glauben, dass Gott nur das Beste für seine Jünger wolle. Ich realisierte, dass dies das Ende  für mich war. Ich würde mich nie mehr mit diesem Konzept identifizieren können.

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St. Petersburg, Nordwestrussland, Russland – ehemaliger russisch-orthodoxer Christ

Meine Beziehung zu der Kirche, dem Christentum und „Gott“ war schon immer mehr als nur frostig. Meine erste Erinnerung an die Kirche ist die meiner Taufe, und wie ein bärtiger Mann mich in diesem Becken mehrmals eintauchte und beinahe ertränkte. Ich erinnere mich an sehr viel Wasser und dass ich sehr fest weinte und Panik hatte.

Ich wurde von meinen Eltern noch bis ich 12 war zur Kirche mitgenommen. Immer wieder hatte ich Angst davor, oft musste ich auch panisch die Kirche wieder verlassen, wenn ich den bärtigen Mann wieder sah.

Mit der Zeit trennten sich die Wege der Kirche und mir. Erst wurde ich ein Agnostiker, bevor ich schliesslich Atheist wurde. Allerdings bete ich heute noch, allerdings nur beim Poker und anderen Kartenspielen.

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Cork, Munster, Irland – ehemaliger Katholik  

Es war an einer der zahlreichen Mitternachtsmessen, als ich das Kreuz hochsah, während alle anderen im stillen Gebet waren, dass ich selbst zu mir sagte: „Ich kauf euch das nicht mehr ab.“

Ich war schon seit Jahren skeptisch. Ich war schon immer ein Freund der Wissenschaft und dachte, dass Gott vielmehr „die Natur“ war, und „Gott“ seine Kraft durch Erdbeben oder Tornados zeigte.

Der Wendepunkt für mich kam, als ich meinen Priester eines Tages fragte, ob die Bibel denn die Idee unterstütze, dass es auch andere Götter gebe. Er antwortete mir: „Und Gott sprach: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“

Für mich war das der Beweis, dass die Bibel zwar andere Götter anerkannte, diese allerdings aus Angst vor Machtverlust ignorierte.

Nach dem Treffen mit dem Priester begann ich, die Bibel noch einmal zu lesen. Ich entdeckte hunderte, wenn nicht sogar tausende Wiedersprüche im Heiligen Buch. Meine Kirchenbesuche wurden weniger und blieben mit der Zeit komplett aus.

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Bregenz, Vorarlberg, Österreich – ehemaliger Katholik

Ich erinnere mich an den Tag als „es“ mich traf wie ich den Tag meiner Hochzeit oder den 11. September erinnere. Es passierte, als ich „The Da Vinci Code“ von Dan Brown las. Kapitel 51, als Teabing sagte, dass Jesus nur ein einfacher Mann war. Kein Unsterblicher. Kein Gott. Ich musste das Buch weglegen, ging an meinen Computer und googelte „Atheismus“. Ich verbrachte die ganze Nacht mit meiner Recherche, und am nächsten Tag ging ich in die Bücherei und kaufte mit „Ende des Glaubens“ von Sam Harris.

Meine ganze Weltanschauung veränderte sich komplett. Ich wurde ein anderer Mensch, und das merkten auch meine Mitmenschen. Meine Mutter sagte mir innerhalb eines Monats, dass ich plötzlich intelligenter klinge. Meine Frau und meine Kinder sagten mir, dass ich viel ruhiger und toleranter wurde. Ich war damals 35 Jahre alt.

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Salt Lake City, Utah, USA – ehemaliger Mormone

Ich war schon immer ein sehr neugieriger Mensch, und da meine Eltern sehr religiös waren begann ich schon sehr früh mich mit dem Christen- und dem Mormonentum zu befassen. Bei meiner Recherche stiess ich immer wieder auf Dinge, die einfach nicht stimmen konnten und keinen Sinn ergaben.

Erst ignorierte ich meine Zweifel und dachte mir, dass mir das Geschenk des Glaubens eines Tages geschenkt werden würde, und auch ich den Sinn dahinter verstehen werde.

Einige Jahre später starb meine Schwester. Später stellte sich heraus, dass es Selbstmord war. Die Art, wie meine Eltern und die Kirche auf ihren Suizid reagierten war für mich ein Katalysator dafür, dass ich die Weisheit, die Moral und die Ethik der Mormonen noch mehr anzweifelte.

Ich begann erneut eine Suche nach dem Sinn. Diesmal dauerte die Suche fünf Jahre lang. Ich verbrachte über 2000 Stunden damit, biblische Texte zu analysieren und sie mit dem Buch Mormon zu vergleichen.

Nach fünf Jahren fand ich schliesslich eine Antwort, die ich nicht erwartete. Ich fand meinen Glauben im Judentum wieder. Alles, woran ich je glaubte, lag nun in Trümmern vor mir, und es lag an mir, diese Trümmer zu einem neuen Fundament aufzubauen.

Ich kam zum Entschluss, dass auch das Judentum seine Fehler hatte, und deshalb entschied ich mich zu einem Leben unter meinen eigenen Bedingungen. Ich wollte nicht mehr mit einer Organisation identifiziert werden. Ich glaube an keine Götter, akzeptiere allerdings, dass ich mit dieser Ansicht falsch liegen könnte.

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Die Beiträge stammen alle von Benutzern von reddit, die mir freundlicherweise ihre Geschichte erzählten und für diesen Blog zur Verfügungen stellten. Ihre Texte wurden von mir aus dem Englischen übersetzt. Die Wohnorte entsprechen der Realität.

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