Der Drang der Kirche, sich selbst zu entfremden

Zwischen dem konservativen Dogma der Kirche und den modernen Grundsätzen der heutigen Gesellschaft besteht eine grosse Kluft. Der Churer Bischof Vitus Huonder unterstrich diese Tatsache Ende 2013, als er mit einer Streitschrift gegen die Gleichstellung der Homosexuellen aufrief. Trotz heftigen Reaktionen aus der Bevölkerung hält der Bischof an seinen Aussagen fest  und appelliert weiter an die „Verteidigung des christlichen Menschenbildes“. Dass Vitus Huonder für die Veröffentlichung seines Schreibens den 10. Dezember, den Tag der Menschenrechte, auswählte, zeugt zusätzlich auch vom fehlenden Feingefühl in der kirchlichen Kommunikation.

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Vitus Huonder, Bischof von Chur
Photo: Keystone

In seinen sechs Jahren als Bischof des Bistums Chur schaffte es Vitus Huonder bereits mehrmals in die Schlagzeilen der Schweizer Medien. Kein Wunder, denn seine konservativen Ansichten sind so unzeitgemäss und unfortschrittlich, dass sie immer wieder für ein kollektives Kopfschütteln in der Schweizer Gesellschaft führen. Bereits vor zwei Jahren sorgte er mit seiner Aussage, dass das kirchliche Recht über dem weltlichen stehe, für rote Köpfe bei den Menschen. Im selben Jahr forderte er auch ein Verbot für den obligatorischen Sexualunterricht an Schweizer Schulen.

In Anbetracht dessen scheint es nicht nur wie ein verzweifelter Versuch der Aufmerksamkeitserregung, dass Vitus Huonder den Tag der Menschenrechte nutzte, um gegen Schwule und Lesben zu predigen. Viel mehr steckt hinter der Feindseligkeit auch eine tiefe Unsicherheit und die Angst vor dem Machtverlust.

Öffentliche Ausgrenzung von Schwulen und Lesben
Das Wort des Bischofs zielt allerdings nicht nur auf Homosexuelle ab, sondern auf alle Menschen, die in einer „irregulären Situationen“ leben. Irreguläre Situationen sind laut Vitus Huonder „gleichgeschlechtliche Beziehungen, das Verhüten mit Kondomen oder die Praktizierung von Sex vor der Ehe“. Menschen, auf die das zutrifft, sollen keine Kommunion erhalten. Gnädigerweise kommen diese Sünder allerdings in einen ganz besonderen Genuss – sie dürfen weiterhin am Kommuniongang ihrer „reinen“ Mitmenschen teilnehmen, müssen dann allerdings, als Teil der Zeremonie, vor den Priester treten und die Arme verschränken. Dies symbolisiert die Akzeptanz des Sündendaseins und die Anerkennung, dass man deshalb keine Kommunion verdient habe. Durch diesen sinnbildlichen Kniefall erhalten die Unreinen einen Segen des Priesters.

Vitus Huonder wünscht sich, dass dieses mittelalterliche Szenario zur „Verteidigung des christlichen Menschenbildes“ weltweit institutionalisiert wird.

Über den Sinn und die Umsetzbarkeit dieses Vorschlags muss vermutlich kaum diskutiert werden, viel mehr beschäftigt mich die Frage, wie es in der heutigen Zeit immer noch zu solch skurrilen Ideen innerhalb der Kirchenmauern kommt. Extreme Fälle wie diese beweisen, dass sich die Kirche allmählich von ihrem ultrakonservativen Dogma lösen muss. Schlussendlich liegt es an ihr, wieder einen Schritt zu den Menschen zu machen, denn die Menschen entfernen sich stetig mehr von der ältesten Institution der Welt.
Doch die Anpassung an die weltoffene Gesellschaft würde der katholischen Lehre in ihren Grundfesten widersprechen – sind Vitus Huonder und seine konservativen Ordensbrüder bereit für diesen symbolischen Kniefall vor der Moderne?

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Eine gekürzte Version dieses Artikels findet ihr auch auf tink.ch

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