„Missbrauch der Religion ist der Treibstoff des Terrorismus“

Im Rahmen des Weltwirtschaftsforums WEF, welches zurzeit in Davos-Klosters tagt, hat Tony Blair die Grossmächte der Welt dazu aufgerufen, einen globalen Plan gegen den Extremismus auszuarbeiten. Der Kampf gegen den Extremismus sei die entscheidende Schlacht des 21. Jahrhunderts, so der ehemalige Premierminister des Vereinigten Königreichs, der nach den Anschlägen des 11. September 2001 fast sämtliche militärischen Kräfte Englands in den Nahen Osten entsendete. In seinem Schreiben ergänzte Blair weiter, dass der Kampf gegen den Extremismus nicht mit militärischen Sicherungsaktionen geführt werden könne. Viel eher müsse die Wurzel des Extremismus gefunden werden. Diese finde man in der Religion und den Schulsystemen der jeweiligen Länder.

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Der ehemalige Premierminister Tony Blair bezeichnet Extremismus als das grösste Problem des 21. Jahrhunderts.
Photo: ANDREW CROWLEY

Der religiöse Extremismus sei die grösste Quelle an Zwietracht auf der Welt und müsse mit vereinten Kräften bekämpft werden, so Blair in seinem Schreiben an „The Observer“, welches er für das momentan stattfindende Weltwirtschaftsforum WEF verfasst hat. Dabei nimmt er unter anderem Bezug auf die Konflikte in Syrien, Ägypten, Pakistan, Nigeria und Burma, die weiter andauern und noch keine Lösung in Sichtweite haben. „Alle diese Konflikte haben ganz offensichtlich eines gemeinsam: Die Akte des Terrorismus werden angetrieben von Menschen, die motiviert sind vom Missbrauch der Religion.“ Ob die Religion aus politischen oder aus anderen Gründen missbraucht werde, sei dabei nicht von Bedeutung.

Durch seinen Appell will Tony Blair auch die Gesellschaft darauf aufmerksam machen, dass unser Bild vom Extremismus nicht ganz korrekt sei und die Problematik zu einem gewissen Teil auch fördere: „Obwohl viele Konflikte momentan im Nahen Osten, dem Zentrum des Islam, stattfinden, beschränkt sich der Extremismus nicht nur auf die islamistische Ausrichtung.  Es gibt auch viele Beispiele auf der Welt, in denen Muslime die Opfer von religiös-motivierten Gewaltverbrechen sind.“

Militärische Aktionen sind nicht die Lösung
Der ehemalige Premierminister erhebt gleichzeitig auch einen mahnenden Finger gegen die nordamerikanischen und europäischen Mächte: „Die westlichen Regierungen müssen ihre Annäherungsversuche für den Kampf gegen den Terrorismus neu überdenken. Mit militärischen Aktionen packt man das Problem nicht an der Wurzel. In der Vergangenheit hat man sich zu sehr auf die politischen Ziele konzentriert“, so Blair.

Immer wieder kommt Tony Blair auch auf die Religion zu sprechen: „Es besteht kein Zweifel, dass die Terroristen ihre Gewalt mit ihrem Glauben rechtfertigen. Es besteht auch kein Zweifel, dass dieses Phänomen immer häufiger auftritt, und nicht stagniert. Es ist eine Perversion des Glaubens. Diese Ausbreitung muss gestoppt werden.“

Das Internet als Waffe gegen die Diktatur
Tony Blair führte die Armee des Vereinigten Königreichs 2003 in den Irakkrieg und ist heute Sondergesandter des Nahost-Quartetts, einer Union aus der EU, der UNO, Russland und den Vereinigten Staaten, die 2002 ins Leben gerufen wurde und sich mit der Problematik im Nahen Osten auseinandersetzt. „Statt auf Gegengewalt muss man sich einsetzen für mehr Offenheit und Toleranz in den Problemländern. Die landesinterne Propaganda der Intoleranz muss gestoppt werden.“

Ein primäres Werkzeug gegen Intoleranz, Hass und Extremismus sieht Tony Blair im Internet, und fördert deshalb einen grenzenlosen und unzensierten Zugriff auf das World Wide Web in den kriegsgeschundenen Drittweltländern. Es sei eine Aufgabe der westlichen Regierungen, die Demokratie und die Freiheit auf friedliche Weise in den Ländern einzuführen.

Mit seiner Stiftung will Tony Blair genau diese Ziele erreichen. Vor Ort unterstützen seine Helfer einen religionsübergreifenden Dialog und das gemeinsame Verstehen. Mit der Tony Blair-Stiftung wolle man die Grundsätze und das Regelwerk der oft diktaturmässigen Regierungen langsam zu einer Demokratie umfunktionieren. Es sei besonders wichtig, dass man den religiösen Extremismus anerkenne als ein religiöses und politisches Problem. Doch Demokratie bedeute nicht nur Wahlrecht; Demokratie sei eine Denkweise: „Die Menschen müssen sich gleichberechtigt fühlen, und nicht nur vom Gesetz her so betrachtet werden. Diese Denkweise zu fördern ist ein Problem, dass gerade erst begonnen hat.“

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Eine gekürzte Version dieses Artikels findet ihr auch auf tink.ch

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2 Antworten zu „Missbrauch der Religion ist der Treibstoff des Terrorismus“

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