Die Vereinten Nationen gegen den Heiligen Vater

Sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche ist seit vielen Jahren ein trauriges Dauerthema in den Medien. Regelmässig muss der Heilige Stuhl öffentlich zu den Vorwürfen gegen ihre Ordensleute Stellung nehmen. Vielen Priestern wurde seither der Prozess gemacht, doch die Dunkelziffer von noch nicht aufgedeckten Missbrauchsfällen ist sehr hoch. Die UNO sieht es als eine Notwendigkeit, diesem Treiben endgültig ein Ende zu setzen. Doch hat die UNO überhaupt ein Recht, in ihrem Glashaus mit Steinen zu werfen?

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Vatikans UN-Botschafter Silvano Tomasi (l.) im Gespräch mit Charles Scicluna, dem ehemaligen Hauptbeauftragten zur Untersuchung von sexuellen Missbrauch gegen Kinder in der Kirche.
Photo: AFP/Getty Images

Der globale Aufschrei war enorm, als der Erzbischof von Boston im April 2002 aufgrund von Missbrauchsvorwürfen gegen diverse Mitglieder seines Bistums zurücktreten musste. Der „Bostoner Skandal“ war für viele Missbrauchsopfer ein Anstoss, sich öffentlich zu dem Leiden zu bekennen, das ihnen von Pfarrern und Priestern zugefügt wurde. Innerhalb weniger Wochen kamen weltweit über 10000 neue Missbrauchsfälle ans Licht. Durch geschickte Kommunikation schaffte es die katholische Kirche viele der Vorwürfe schnell wieder unter den Teppich zu kehren. Nun verlangt ein UNO-Komitee die volle Unterstützung mit der Justiz und ein Ende der Vertuschungsversuche.

Forderung nach kompletter Transparenz
In ihrem Bericht fordert die UNO die Kirche auf, endlich reinen Tisch zu machen und ihr Verhalten grundlegend zu verändern. Es dürfe nicht passieren, dass unmissverständliche Übergriffe unkommentiert bleiben oder bewusst vertuscht werden. Betroffene Ordensbrüder müssen als Straftäter angeklagt werden und den zuständigen Justizbehörden ausgeliefert werden, statt diese hinter den einigen Mauern zu schützen. Auch vergangene Taten will die UNO nicht unbestraft lassen. Sie fordern einen uneingeschränkten Einblick in die Akten sämtlicher Angestellten der Weltkirche.

Die UNO spricht im Rahmen der Missbrauchsvorwürfe von einem Stillhaltekodex, den der Vatikan Mitte der Neunzigerjahre etabliert haben soll. Zentrale Idee des Stillhaltekodex sei es, das zu den Missbrauchsvorwürfen geschwiegen und den angeklagten Ordensbrüdern die vollste Unterstützung der Kirche geboten werden soll. Statt einem Ausschluss aus der Kirche drohe den pädophilen Priestern dadurch lediglich der Umzug in ein neues Bistum ohne weitere Konsequenzen.

„Schande der Kirche“
Schon in den frühen Stunden seines Pontifikats äusserte sich Papst Franziskus I. zu den Missbrauchsvorwürfen gegen seine Untergebenen. Im Radio Vatikan bezeichnete er die Taten von pädophilen Priestern als eine Schande für die Kirche. „Zu diesen Vorfällen kommt es, wenn die Menschen ihre Beziehung zu Gott nicht mehr pflegen“, so der Papst. Weiter meinte Franziskus, dass ihm bewusst sei, dass die Kirche in grossen Teilen der Welt zum Gespött der Menschen geworden sei. Dies sei auch gut so, denn es helfe der Kirche sich an diesen traurigen Ereignissen weiterzuentwickeln.

Weitere Kritik
Auch nebst den Vorwürfen des Kindesmissbrauchs kritisiert die UNO den Vatikan scharf. Sie verurteilen die konservative Einstellung der Kirche zu Themen wie der Homosexualität oder der Empfängnisverhütung. Auch wenn diese Anschuldigungspunkte nur eine Randnotiz in dem UNO-Bericht waren, verlangen Menschenrechtsexperten auch zu diesen Themen eine klare Stellungnahme des Heiligen Stuhls.

Überraschenderweise reagierte der Papst sehr schnell auf die Aussagen der UNO und versicherte ihnen seine vollste Kooperation und Unterstützung. Auch der Erzbischof Silvano Tomasi, der diplomatische Vertreter des Heiligen Stuhls bei der UN-Einrichtung in Genf, hat die Kritik der Vereinten Nationen akzeptiert und gab sein Einverständnis. „Die Kirche soll ein Vorbild werden“, so Tomasi.

Die Zukunft wird zeigen, ob es tatsächlich zu einer Zusammenarbeit der Vereinten Nationen mit dem Heiligen Vater kommen wird. Die Beziehung der UNO mit Papst Benedikt XVI. war mehr als frostig, doch seit Papst Franziskus I. sein Amt übernahm haben nebst den Millionen Katholiken auch die UNO-Menschenrechtsexperten erleichtert aufgeatmet. Sie setzen ihr vollstes Vertrauen in den Jesuiten aus Argentinien.

Heuchlerei auf hohem Niveau
Während die längst überfälligen Anschuldigen gegen den Vatikan zu begrüssen sind, ist es zu einem gewissen Grad auch bedenkenswert, von wem die Kritik ausgeübt wird. Zu den Mitgliedern der Vereinten Nationen gehören Länder wie Bhutan, Ägypten, Somalia, Mosambik und dutzende weitere Nationen mit (Militär)Diktaturen, die zivil- und menschenrechtlich die schlimmsten anzunehmenden Zustände aufweisen. Auch hat die UNO ihre ganz eigene Historie von Vergewaltigungen und anderen Missbrauchsverbrechen in den Kriegszonen Afrikas.

Es werden Erinnerungen wach an das Jahr 2010, als das gesamte 700 Mann starke Kontingent der UN an der Elfenbeinküste aufgrund von schwerwiegenden Vergewaltigungsvorwürfen vom Dienst suspendiert werden musste. Weitere belegte Fälle betrafen Bosnien, Westafrika, Kambodscha und jüngst auch den Kongo. Diese Beschuldigungen haben sich desaströs auf das bis zu diesem Zeitpunkt stabile Ansehen der UN ausgewirkt.

Aufgrund dieser Vorfälle spricht die UNO inzwischen von einer Null-Toleranz-Politik und zieht in der Regel jeden Blauhelmsoldaten aus seinem Einsatzgebiet ab, sobald Anschuldigungen jeglichen Fehlverhaltens gegen seine Person aufkommen. Die Untersuchung gegen verdächtigte Blauhelme endet allerdings nicht mit dessen Suspendierung: Sollten sich die Vorwürfe während seinem Abzug bestätigen lassen, wird der Betroffene künftig von allen Einsätzen in Missionen der UN ausgeschlossen. Zumindest in dieser Beziehung verhalten sich die Vereinten Nationen vorbildlicher als der Vatikan.

Wer ohne Sünde ist
Böse Zungen könnten behaupten, dass die Kritik am Vatikan ein verzweifelter Versuch der UN ist, sich volksnah zu zeigen und die Blicke der Bevölkerung auf eine andere Weltorganisation zu richten. Schliesslich kommt die Kritik am Vatikan nur wenige Tage, nachdem der Papst öffentlich den Kapitalismus von weltlichen Grossmächten verurteilt hat. Doch vielleicht handelt es sich schlichtweg um eine aufrichtige Geste der UNO. Wie auch aus der Kirche konnten schon Millionen Menschen von der Kraft der Vereinten Nationen schöpfen: So entschärfte die Organisation zahlreiche Krisen in Zypern, Kuba und im Nahen Osten. 1988 beendete sie den Ersten Golfkrieg; 1993 sicherte sie den Frieden in Kambodscha, 1995 in Angola oder auch 1996 in Guatemala.

Beide Organisationen haben hunderte von Leichen im Keller. Die begangenen Taten könnten nicht wiedergutgemacht werden. Doch vielleicht schaffen es die Vereinten Nationen und der Vatikan gemeinsam, mit vereinten Kräften, ihre Dreckwäsche zu waschen und in der Zukunft eine weisse Weste zu wahren.

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Diesen Artikel findet ihr auch auf tink.ch

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