Interview: Fundamentalismusexperte Wolfgang Wippermann

Vor einem Monat berichtete ich von Tony Blairs Schreiben, in dem er den Kampf gegen den Extremismus als die entscheidende Schlacht des 21. Jahrhunderts bezeichnete. Der ehemalige Premierminister des Vereinigten Königreichs warf in seiner Streitschrift mit kontroversen Thesen um sich. Der deutsche Historiker und Experte für Fundamentalismus, Wolfgang Wippermann, beantwortete mir einige Fragen zu den Aussagen von Tony Blair und bezeichnete diese als „falsch und dumm“.

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Prof. Dr. Wolfgang Wippermann ist Experte für Rassismus, Faschismus, Fundamentalismus und Antisemitismus. Er ist Autor zahlreicher Bücher und unterrichtet Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin.
Photo: Die Linke Sachsen

Sandro Bucher: In Ihren Werken und Interviews erwähnen Sie des Öfteren, dass es ‚Extremismus‘ in diesem Sinne gar nicht gäbe, da dieser Begriff nicht eindeutig definiert sei. Wie kann man dann am besten gegen Extremismus vorgehen, wenn nicht von einem gesetzlichen Standpunkt her?

Wolfgang Wippermann: „Extremismus“ gibt es nicht. Es handelt sich um ein Konstrukt. Dabei werden linke und rechte Bewegungen und Parteien, die sich zu weit von einer imaginären und niemals genau definierten Mitte entfernt haben sollen, als „extremistisch“ bezeichnet und kriminalisiert. Letzteres obwohl Extremismus kein Rechtsbegriff ist. Er taucht weder in der (deutschen) Verfassung noch in irgendeinem Gesetz auf. Daher kann und sollte man auch nicht gegen den „Extremismus“, sondern gegen antidemokratische Bestrebungen im nationalen und internationalen Rahmen vorgehen. Heute vor allem gegen den Faschismus, den es – fast – überall auf der Welt gibt und der die Demokratie und den Frieden bedroht.

SB: Tony Blair bezeichnete Extremismus als das schwerwiegendste Problem des 21. Jahrhunderts, während er ‚extreme politische Ideologien‘ als den Hauptproblemfaktor des 20. Jahrhunderts bezeichnete. Worin unterscheidet sich ‚Extremismus‘ aber von ‚extremen politischen Ideologien‘, wenn überhaupt?

WW: Zu Tony Blair fällt mir nichts ein. Das ist einfach dumm, was er da gesagt hat. Er hätte sich besser gegen antidemokratische und faschistische Bewegungen und Ideologien aussprechen sollen. Nicht nur, aber auch in seinem Land – England.

SB: Kann ‚Extremismus‘ überhaupt vollständig eliminiert werden, oder ist dies eine utopische Vorstellung?

WW: „Extremismus“ kann man schon deshalb nicht eliminieren, weil es ihn gar nicht gibt. Was vor allem bekämpft und überwunden werden muss sind Faschismus und Rassismus.

SB: Denken Sie, dass die militärische Intervention seitens der westlichen Mächten den islamischen Fundamentalismus im Nahen und Mittleren Osten noch mehr gefördert hat oder zu einer Verbesserung beigetragen hat?

WW: Mit militärischen Interventionen kann man weder den islamischen noch den christlichen, jüdischen, hinduistischen etc. Fundamentalismus überwinden.

SB: Fördert das Internet extremistisches Gedankengut, da man sich mit Gleichgesinnten besser organisieren kann, oder wird man durch die Benutzung des Internets eher toleranter und offener?

WW: Das Internet ist ein Medium, das von allen – Demokraten wie Antidemokraten, Faschisten wie  Antifaschisten, Fundamentalisten wie Aufklärern genutzt wird. Es kommt darauf an, wie das geschieht.

SB: In dem Koran und auch im Neuen Testament findet man unmissverständlich judenfeindliche Aussagen. Der islamistische und christliche Antisemitismus kann also fundamentalistisch begründet werden, weshalb es sich nicht um eine ‚Perversion des Glaubens‘ handelt. Wie kann man von diesem Standpunkt her am effektivsten Antisemitismus eindämmen oder gar eliminieren?

WW: Sowohl im Koran wie und noch mehr im Neuen Testament findet man verschiedene judenfeindliche Aussagen. Mit ihnen konnte eine – die religiöse Variante des Antisemitismus begründet werden. Doch dies gilt nicht für den rassistischen und sozialen Antisemitismus. Gleichwohl ist auch der religiöse Antisemitismus zu bekämpfen. Dies durch uns – Christen und Muslime in aller Welt. Wir sollten unsere jeweiligen Glaubensgemeinschaften dazu aufrufen, dies intensiver zu tun als es bisher geschehen ist.

SB: Die islamistische ‚Scharia‘ regelt auch die rechtlichen Aspekte und fördert Gewalt gegen Gesetzesbrecher und ‚minderwertige Menschen‘, wie z.B. Homosexuelle und Frauen. Wie kann der fundamentalistische Islamismus also überhaupt mit einem liberalen Weltbild vereint werden?

WW: Nicht der Islam, wohl aber der Islamismus genannte islamische Fundamentalismus ist mit einem aufklärerischen und liberalen Weltbild unvereinbar. Daher sind der islamische und der Fundamentalismus insgesamt nicht zu tolerieren, sondern zu bekämpfen.

SB: Laut verschiedenen Umfragen assoziiert ein Großteil der deutschsprachigen und amerikanischen Bevölkerung ‚Extremismus‘ ausschließlich mit der islamistischen Ausrichtung und ignoriert dabei, dass diese radikale Strömung in sämtlichen Weltreligionen auftaucht. Wie problematisch sind diese einseitigen Ansichten der Bevölkerung im 21. Jahrhundert?

WW: Erstens ist der real existierende Fundamentalismus nicht mit dem nur konstruierten „Extremismus“ zu verwechseln. Zweitens ist es falsch, unter Fundamentalismus nur den islamischen Fundamentalismus zu verstehen. Die Leute, die das machen, kritisieren den `Splitter´ und übersehen den `Balken´ in ihren Augen.

SB: Falls Sie den Brief von Tony Blair gelesen haben: Wie waren Ihre Gefühle nach dem Lesen? In welchen Punkten stimmen Sie ihm zu, in welchen Punkten hat er Unrecht?

WW: Asterix – Der spinnt, der Blair.

SB: Gibt es etwas, was Sie der Schweizer Bevölkerung zum Thema Fundamentalismus/Extremismus/Antisemitimus/Faschismus/etc. unbedingt noch sagen wollen?

WW: Das werde ich auf keinen Fall machen. Ich beteilige mich nicht an dem in meinem Land leider etwas modisch gewordenen bashing der Schweizer. Eine gewisse schweizerische Partei lehne ich aber entschieden ab und werde sie auch weiterhin kritisieren. Allerdings nicht mit Hilfe der Kavallerie. Was die weltweite Bekämpfung von Antisemitismus, Faschismus und Fundamentalismus angeht, so sind wir Weltbürger dazu aufgerufen.

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