Wer glaubt was? Christliche Glaubensrichtungen im Überblick (2/3)

Vor rund 2000 Jahren predigte ein junger Mann namens Jesus seine Botschaft der Liebe. Gepeinigt von barbarischen Königen und ungerechten Herrschern entdecken die Menschen nach und nach einen neuen Glauben, folgen seiner Lehre und bekennen sich zu Christus. Fast ein Drittel aller Menschen auf der Welt nennt sich heute Christen. Doch wie wird das Christentum heute praktiziert?

Evangeliken – Die christlichen Protestanten

protestanten

Martin Luther, Philipp Melanchthon, Johannes Calvin, Martin Bucer und Ulrich Zwingli (v.l.n.r)

«Ein Christ sein heisst nicht von Christus schwätzen, sondern wandeln wie Christus gewandelt ist.» – Ulrich Zwingli

Die Unterschiede zwischen der Evangelisch-Reformierten Kirche und der Katholischen Kirche sind klein aber zahlreich. Diese findet man weniger in den theologischen Glaubensinhalten, sondern vor allem in der Praktizierung des Glaubens.

Um diese Unterschiede zu verstehen muss man die Entstehungsgeschichte der Reformationsbewegung kennen: Vor genau 500 Jahren waren noch alle Christen faktisch betrachtet Katholiken. So auch der Mönch Martin Luther, der 1483 in Deutschland geboren wurde und heute als Urheber der Reformation gilt. Luther missfiel, was seine Kirche predigte. So fand er es beispielsweise verwerflich, dass reiche Menschen in der katholischen Kirche bevorzugt wurden. Dies äusserte sich unter anderem darin, dass es die Bibel nur auf Latein gab. Viele einfache Leute verstanden diese „Sprache der Gelehrten“ nicht, und so blieb ihnen der direkte Kontakt mit Gottes Wort verwehrt. Als die Kirche anfing Ablassbriefe zu verkaufen, die einen vor dem Fegefeuer schützen sollen, sah Luther dringenden Handlungsbedarf und veröffentlichte im Jahre 1517 seine 95 Thesen, die diese Ablasspraxis scharf kritisierten.

Durch die Thesen Luthers kam es zu Protesten und innerkirchlichen Streitigkeiten, die, entgegen Luthers Absicht, zu einer Spaltung der Kirche führten. Es entstand die evangelisch-lutherische Kirche, aus der sich wiederum zahlreiche andere Konfessionen des Protestantismus entwickelten. Der damals weit bekannte Theologe Philipp Melanchthon war begeistert von Martin Luthers Thesen und gilt heute als eines der ersten Mitglieder der neuen Reformation und als treibende Kraft neben Martin Luther.

Das Brechen von katholischen Traditionen hat sich seither fest in der Konfession von evangelisch-reformierten verankert: Sie lehnen den Papst und das Anbeten Heiliger ab, denn nur Christus alleine sei heilsvermittelnd. Als Pfarrer in einer evangelischen Kirche darf man auch verheiratet oder sogar weiblich sein.

Nebst der Spaltung vom Katholizismus unterscheidet man auch bei den Evangeliken zwischen drei Richtungen: Evangelisch-Reformiert, Evangelisch-Lutherisch und Evangelisch-Uniert.

Die spitzfindigen Unterschiede findet man vor allem auf geographischer Ebene in den Landeskirchen. Die Evangelisch-Lutherischen Christen leben, wie der Name schon sagt, viel genauer nach den Lehren von Martin Luther, während die Evangelisch-Reformierte Kirche in der Schweiz von Ulrich Zwingli im deutschsprachigen und später von Johannes Calvin im französischsprachigen Raum  geprägt wurde. Calvin war ein Reformator zweiter Generation und wurde in seiner Theologie von den Pionieren des Protestantismus beeinflusst. Nebst Melanchthon, Luther und Zwingli war das auch Martin Bucer, der von Strassburg aus die Reformation in Frankreich verbreiten liess.
Durch seine tiefreligiös Art entwickelte Calvin aber auch seine eigenen Ansätze. Er sah es als seine Aufgabe, die Lehren auch ausserhalb der Schweiz und Deutschland in ganz Europa zu verkünden.

Lutherismus und Calvinismus im kurzen Vergleich
Nach Martin Luther sind der Wein und das Brot bei der Abendmahlsfeier der Leib und das Blut Christi. Calvin jedoch sieht das als eine Diffamierung des Herren, die die „himmlische Majestät Gottes“ in Frage stellt. Deshalb seien Brot und Wein lediglich metaphorische Zeichen für das letzte Abendmahl.

Weiter lehrte Luther, dass es davon abhängt, ob der Mensch gläubig ist und das Geschenk der göttlichen Gnade  annimmt um erlöst zu werden. Calvin jedoch war der Überzeugung, dass der Mensch keinen Einfluss darauf habe erlöst zu werden. Jeder Mensch – auch im Falle von Ungläubigkeit – werde Gottes Liebe spüren und erlöst werden, wenn seine Zeit gekommen sei.

Die dritte Konfession im Bunde, Evangelisch-Uniert, verbindet die beiden reformierten Traditionen. Durch diese Union enstanden Hybridformen in der Theologie so wie auch bei den Gottesdiensten – demnach sind evangelisch-unierte Menschen auch weniger streng in der Auslebung ihres Glaubens und haben mehr Spielraum.

Zeugen Jehovas – Von Haus zu Haus

Rechtsstreit um Zeugen Jehovas

Der Wachtturm: die Streitschrift der Zeugen Jehovas.

Die Zeugen Jehovas sind eine Sekte, die hauptsächlich von dem  amerikanischen Theologen Charles Taze Russel geprägt wurde. Dieser schrieb vor seinem Tod 1916 sechs Bände mit seinen eigenen Interpretationen der Bibel. Sein guter Freund,  der Richter Joseph Franklin Rutherford, beendete das Werk Russels und schrieb einen siebten Band. Diese Serie wurde bekannt als „Millennium Tagesanbruch Reihe“ und wird heute durch den „Wachtturm“ verbreitet.

Zentrale Glaubensinhalte der Zeugen Jehovas sprechen davon, dass Jesus gleichzeitig auch Erzengel Michael ist, das höchste Engelswesen des Himmels. Die Erlösung der Menschen durch ebendiesen Engel erfolgt durch Glauben, Gehorsam und gute Taten.

Dadurch, dass Jesus eine Doppelrolle einnimmt, gibt es auch dass Konzept der Heiligen Dreifaltigkeit in einer anderen Form:  Jesus ist trotz seiner Engelsfunktion ein „normales“ Lebewesen, und der Heilige Geist ist Gottes leblose Kraft. Sie glauben an den allmächtigen Gott namens Jehova, der Schöpfer des Himmels und der Erde.

Sie erstreben eine Theokratie – einen Staat unter der Herrschaft von Gott.

Ihre komplette Umstellung von Zentralinhalten der Bibel begründen die Zeugen Jehovas damit, dass die Bibel, wie wir sie heute kennen, von korrupten Kirchen verändert wurde. Deshalb beanspruchen die Zeugen Jehovas die alleinige Autorität, die Heilige Schrift so auszulegen, wie sie es für richtig halten.

Russisch-Orthodox – Zwischen Dialog und Ökumene

otho

Das Russisch-Orthodoxe Kreuz: Der untere, schräge Querbalken symbolisiert den Übergang von der Hölle zum Himmel.

Die Abspaltung der Russisch-Orthodoxen Kirche von der Katholischen geschah in erster Linie aus politischen Gründen, weshalb es bei näherer Betrachtung  zu erstaunlich vielen Unterschieden kommt. Diese sind nicht nur klein sondern oft essentiell.

Orthodoxe Gläubige bezeichnen ihre Glaubensstätte als die „geistliche Heimat aller Christen“. Durch diese radikale Denkweise stehen Orthodoxe auch im Weg einer Ökumene – einer Vereinigung aller christlichen Konfessionen.

Ein weiterer markanter Unterschied zwischen der orthodoxen Kirchen und anderen christlichen Kirchen ist das julianische Kirchenjahr.  Orthodoxe feiern Neujahr nämlich erst am 13. Januar, weshalb sich auch sämtliche anderen, christlichen Feiertage um einige Tage verschieben. Weihnachten ist folglich Anfang Januar und Ostern findet immer zwei Wochen nach dem katholischen Fest der Auferstehung statt.

Selbstredend lehnt die russisch-orthodoxe auch den Papst als Oberhaupt einer Kirche ab, denn sie haben ihren eigenen „Papst“ – einen Patriarchen. Zurzeit ist dies Kyrill, der mit bürgerlichem Namen Vladimir Gundjajew heisst. Kyrill bezeichnet sich selbst als gemässigt konservativ und fördert den Dialog mit anderen Kirchen – besonders mit der Römisch-Katholischen. Er und Papst Benedikt XVI waren gute Freunde, weshalb ihm Ökumenengegner innerhalb der russisch-orthodoxen Kirche eine zu grosse Nähe und Offenheit gegenüber anderer Religionen vorwerfen.

Nebst der Tatsache, dass die offizielle Liturgie der russisch-orthodoxen Kirche nicht lateinisch sondern altslawisch ist, haben sie auch einigen Bibeltexten mehr Priorität zugeschrieben als anderen. Dies geschieht vor allem deshalb, weil sich die russisch-orthodoxe eher auf ihre jüdischen Grundsätze bezieht als auf westliche katholische. Dadurch gewinnen die Bücher Esras und die Texte der Makkabäer an mehr Priorität für sie.

Zwischen den oft erwähnten russisch-orthodoxen und griechisch-orthodoxen Kirchen gibt es keine Unterschiede. Lediglich in Sprache und Liturgie findet man kleine Gegensätze, diese sind aber mehr von geographischer als von theologischer Natur. Wie bei den meisten Kirchen ist es typisch, dass die Majorität der politisch-geokulturellen Orientierung dadurch wiedergespiegelt wird,  wie sie durch ihren geographischen Standpunkt assimiliert wurden.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Geschichte & Gesellschaft, Religion abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s