Interview: Evangelisch-reformierter Pfarrer Jürg Baumgartner

Zwischen dem konservativen Dogma des Christentums und der modernen Gesellschaft von heute besteht eine grosse Kluft. Jährlich verliert die Kirche tausende von Mitgliedern. Viele Gläubige können sich mit den Lehren nicht mehr identifizieren. Im Interview beantwortet ein Pfarrer der evangelisch-reformierten Kirche in Winterthur, Jürg Baumgartner, Fragen zu den abnehmenden Zahlen von Christen und der Zukunft der Kirche.

Pfr.JrgBaumgartner

Pfarrer Jürg Baumgartner: «So kann es mit der Kirche nicht weitergehen»

Sandro Bucher: Herr Baumgartner, wo liegen die Herausforderungen des Christentums in der heutigen Zeit?

Pfarrer Jürg Baumgartner: In der heutigen Zeit gibt es für das Christentum zwei grosse Herausforderungen. Zum einen müssen wir unsere Gemeinsamkeiten innerhalb der christlichen Konfessionen mehr betonen und uns dieser Gemeinsamkeiten wieder bewusster werden. Der ehemalige Churer Weihbischof Peter Henrici und der ehemalige reformierte Kirchenratspräsident Ruedi Reich haben schon vor rund 20 Jahren gesagt, dass die Christen aller Konfessionen viel mehr verbindet als das Wenige, was sie trennt. Dieser Grundsatz ist zentral für alle Kirchen. Es liegt in der Verantwortung christlicher Kirchen, dass wir wieder vermehrt aufeinander zugehen und gemeinschaftlich den Weg gehen. Das Christentum ist eine Suchbewegung und sollte ein gemeinsames Suchen bleiben.
Die zweite Herausforderung ist, das wir das institutionalisierte Denken verändern und uns längerfristig (komplett) davon befreien. Wir müssen im Bezug auf unseren Glauben zu einer Haltung finden, die der ursprünglichen Bewegung um Christus ähnelt. Das war eine Weggemeinschaft fern von prunkvollen Gebäuden und aufgeblähten Verwaltungsstrukturen. Hier können wir uns auch an den dynamischen Freikirchen des Landes ein Vorbild nehmen.

SB: Sie erwähnen, dass alle Kirchen in der Schweiz wieder mehr gemeinsam unternehmen sollten. Welchen Teil steuert die evangelisch-reformierte Kirche zur Ökumenischen Bewegung bei?

JB: Hier in Winterthur haben wir mit den römisch-katholischen Pfarreien auf Gemeindeebene eine gute Zusammenarbeit. Wir treffen uns regelmässig und halten einmal im Jahr einen ökumenischen Gottesdienst ab. Des Weiteren  veranstalten wir auch einen Kanzeltausch, bei dem wir die jeweils andere Kirchgemeinde besuchen. Der Austausch mit anderen Kirchen ist allerdings auf die Stadt Winterthur beschränkt. Lediglich derZürcher Kirchenrat, das oberste Gremium der reformierten Landeskirche, hat Kontakt mit den römisch-katholischen Bistümern.
Unser Problem ist, dass wir Evangelischen kein Aushängeschild haben, das öffentlich und auch innerkirchlich zu Problemen und weltlichen Fragen Stellung beziehen kann. In unserer medial geprägten Gesellschaft hat es verheerende Auswirkungen, dass wir diese Bezugsperson nicht haben. Auch kommen pointierte Stellungsnahmen bezüglich der katholischen Kirche von Evangelischen bei den römisch-katholischen Kirchen nicht gut an und sind sogar eher kontraproduktiv, da es für sie eventuell wie ein aufmüpfiges Eingreifen wirkt.

SB: In den letzten 40 Jahren sanken die Mitgliederzahlen der Evangelisch-Reformierten Kirche um fast 15%. Worauf ist dieser Rückgang zurückzuführen?

JB: In den letzten Jahren haben sich bei den Gläubigen vier Hauptbewegungsgründe für den Kirchenaustritt herauskristallisiert. Bei einigen findet der Austritt rein aus finanziellen Gründen statt, da sie nicht mehr bereit sind die Kirchensteuer zu zahlen. Für andere hingegen findet sich in den institutionalisierten Religionen schlichtweg keine Bedeutung mehr für ihr alltägliches Leben. Viele dieser Abgänger sind seit Jahren nicht mehr mit der Kirche in Berührung gekommen. So wird der Glaube nicht mehr alltagsrelevant für viele Menschen. Das muss uns ernsthaft zu denken geben, denn so kann es nicht weitergehen.
Bei dem dritten Bewegungsgrund handelt es sich um den allgemeinen Trend des Antiinstitutionellen.  Wir sind geprägt von einer Gesellschaft, die sehr institutionskritisch ist. Nicht nur die Kirche hat Mitgliederprobleme, sondern allgemein haben Vereinsstrukturen wie auch politische Parteien die Tendenz, dass sie verkrusten und starr werden. Das führt zu schleichender Abwanderung und Desinteresse.
Bei dem vierten Bewegungsgrund handelt es sich womöglich um sich stark verändernde Kommunikationsgewohnheiten durch die mobilen Kommunikationstechnologien. Viele Menschen sind sich nicht mehr gewohnt, jemandem länger als eine halbe Stunde zuzuhören. Vernetzung geschieht im Internet und nicht mehr in der physischen Gemeinschaft. Die ganze Kommunikationsgewohnheit hat sich so stark verändert, dass die Gottesdienste auf einige sehr befremdlich wirken.

 SB: Wie kann man das Bild des Christentums in Anbetracht dieser vier Bewegungsgründe wieder verbessern?

JB: Das ist eine schwierige Frage. Man kann nicht viel dagegen machen, ausser die neuen Medien wie Internetforen, Facebook, Twitter und WhatsApp effektiver zu nutzen. Die Kirche sollte mit jungen Fachleuten zusammensitzen und einen Plan ausarbeiten, wie man mit den neuen Kommunikationstechnologien die jungen Menschen wieder besser erreichen kann. Dazu gehört auch das Bilden von Foren und Chats. Doch diese Massnahmen alleine versprechen leider noch nicht, dass die Massen wieder die Gottesdienste in den Kirchen besuchen; Der Rückfluss ist alleine durch das Einsetzen neuer Medien noch nicht gegeben.

SB: Wie stehen Sie zum Vatikan und Papst Franziskus?

JB: Auch als Evangelischer nimmt man das Geschehen in Rom natürlich mit grosser Spannung wahr. Mit Bewunderung habe ich den vorzeitigen Pontifikatsabbruch von Benedikt XVI vor gut einem Jahr verfolgt. Es war spannend mitzuverfolgen, wie Benedikt XVI mit seinem Rücktritt einen enormen Tabubruch begangen hat. Nun bleibt abzuwarten, ob auch die nächsten zehn Päpste diese eigentlich unhinterfragte Tradition brechen und noch vor ihrem Lebensende abdanken werden. Papst Franziskus könnte in diesem Bereich das Feld bereiten. Denn trotz seiner lobenswerten Einstellung wurde mit Franziskus leider wieder ein alter Mann ins höchste Amt gewählt. Im Geist scheint er aber jugendlicher aufzutreten als viele 40-Jährige! Er könnte jedoch Benedikts Tabubruch weiterführen, damit vielleicht auch einmal ein 55-Jähriger wieder Papst wird. Im Geist ist Franziskus nämlich noch sehr jung und stellt die wichtigste Botschaft überhaupt ins Zentrum: Eine Kirche für die Armen. Er ist zwar bei einigen theologischen Fragen genauso konservativ wie sein Vorgänger, doch er gewichtet diese Themen anders. Mittelfristig hofft man jetzt natürlich, dass der offenere Franziskus auch eine Auswirkung auf die eher konservativen, römisch-katholischen Kirchen in der Schweiz hat.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Geschichte & Gesellschaft, Interview, Religion abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s