Geheimnisse des Vatikans

Seit zweitausend Jahren ranken sich zahlreiche Mythen und Legenden rund um den Vatikan. Viele dieser Geschichten sind trotz ihrer historisch nicht nachweisbaren Validität fest in den Köpfen der Menschen verankert und prägen das Bild des Päpstlichen Roms rigoros. Doch wie viel Wahrheit steckt in diesen Sagen wirklich?

Die Päpstin: Eine Frau auf dem Heiligen Stuhl?

Filmplakat «Die Päpstin»

Filmplakat «Die Päpstin»

Die US-amerikanische Schriftstellerin Donna Woolfolk Cross nahm 1996 den weitverbreiteten Mythos einer weiblichen Papstfigur als Vorlage für ihren historischen Roman «Die Päpstin». In dem Bestseller wurde die Legende von Johanna zum ersten Mal der breiten Öffentlichkeit präsentiert und mit weiteren Details der Autorin ausgeschmückt. Nur 13 Jahre später wurde die Geschichte im gleichnamigen Film von Sönke Wortmann ebenfalls zu einem Welterfolg und festigte damit den Konsens der Bevölkerung, dass einst eine Frau auf dem Stuhl des Heiligen Petrus thronte.

Doch wie entstand die Legende von Johanna, dem jungen Mädchen, das als Johannes Anglicus die Kirche regiert haben soll? Erstmals tauchte sie in der «Chronica Universalis Mettensis» von Jean de Mailly auf. De Mailly schreibt von einer namenlosen Päpstin, die im 11. Jahrhundert das Oberhaupt der katholischen Kirche gewesen sein soll. Später fanden Historiker eine ähnliche Geschichte im «Tractatus de Diversis Materiis Predicabilibus» von Stephan von Bourbon. In dessen Erzählung fand die Regentschaft allerdings erst im 13. Jahrhundert statt. Die gängigste Geschichte ist jedoch die von Martin von Troppau, der in einer Chronik aus dem 13. Jahrhundert Johannas Regentschaft in das 9. Jahrhundert zurückversetzt. Erstmals wurde auch der Weg der Päpstin an die Spitze der Kirche detailliert beschrieben und schriftlich festgehalten.

Tarot-Karte: „La Papessa“  aus dem 15. oder 16. Jahrhundert

Tarot-Karte: „La Papessa“ aus dem 15. oder 16. Jahrhundert

So soll Johanna als Tochter eines zwangsbekehrten Wikingers im deutschen Mainz aufgewachsen sein. Als Frau diskriminiert schlüpfte sie in ihrer frühen Jugend in die Rolle ihres verstorbenen Bruders, bevor sie nach England reiste um dort Medizin zu studieren. Ihr Studium schloss sie mit Bestnoten ab und wurde später zur Hausärztin des Papstes Leo IV. Schliesslich sei sie im Jahr 855 völlig überraschend zum Pontifex Maximus gewählt worden.

Diese Legende wurde von französischen Dominikanern, italienischen Humanisten und deutschen Autoren wie Hans Sachs zu einer Farce ausgeschmückt. Es wird erzählt, dass Johanna während ihrem Pontifikat auf öffentlichem Platz im Rom ein Kind gebärt habe. Wenige Sekunden später soll Satan persönlich in der Ewigen Stadt erschienen sein und gerufen haben: „Der Papst, Vater der Väter, gebar als Päpstin ein Päpstchen.“

Der reformierte Kirchenhistoriker David Blondel meldete Anfang des 17. Jahrhunderts zum ersten Mal ernsthafte Zweifel an der Legende an und konnte seine Skepsis fundiert mit zeitnahen Dokumenten stützen. Im 19. Jahrhundert bekräftigte der katholische Theologe Ignaz von Döllinger, dass die Geschichte von Johanna ein Ammenmärchen ohne jeglichen Wahrheitsgehalt sei.  Heute sind sich alle Historiker und Theologen einig, dass es nie zu so einer Peinlichkeit für die Kirche gekommen ist.

Johannes Paul I: Wurde der Papst ermordet?

Johannes Paul I.

Johannes Paul I.

Bereits zu seiner Zeit als Kardinal war Albino Luciani bei den Massen sehr beliebt. Er zeigte sich bodenständig und volksnah, was vielen Würdeträgern des Vatikans auf den Magen schlug. Nichtsdestotrotz wurde der Arbeitersohn aus einem kleinen Bergdorf am 26. August 1978 zum neuen Papst gewählt. Nun, da Luciani das höchste Amt der katholischen Kirche bekleidete, bemerkte man den Kontrast zwischen den uralten Bräuchen des Vatikans und seinem verträumten Gemüt noch deutlicher.

«Johannes Paul I. hat sich gegen das ganze übertriebene höfische Zeremoniell, dass es im Vatikan zuweilen gibt, gewehrt. Er war ein Fremder in dieser Umgebung. Der Vatikan ist eine höfische Umgebung, und er hat sich geweigert, den König zu spielen.» – Valeska von Roques, ehemalige Rom-Korrespondentin „Spiegel“.

Während Luciani von der Masse gefeiert wurde, tuschelte man im Vatikan hinter vorgehaltener Hand. Er sei zu naiv, ärgerten sich konservative Kleriker.

Am 28. September 1978, nur 33 Tage nach seinem Amtsantritt, verstarb Johannes Paul I. Diagnose: Herzinfarkt.

«Gegen 5:30 betrat der Privatsekretär des Papstes das Schlafzimmer seiner Heiligkeit, Papst Johannes Paul I. Er fand ihn Tod auf seinem Bett und er konnte feststellen, dass er etwa um 23:00 Uhr verstorben ist. Und zwar, wie es heisst, in unerwarteter Weise, an einem Herzinfarkt.» – Originalstimme Radio Vatikan.

Christen auf der ganzen Welt waren zutiefst betrübt und sprachlos. Seit fast 400 Jahren gab es keine so kurze Amtszeit mehr. Johannes Paul I. wirkte für sein Alter ausserordentlich aktiv und energiegeladen, es war in der damaligen Zeit kaum vorstellbar, dass er so überraschend an einem Herzinfarkt stirbt. Das Kardinalskollegium in Rom beschwichtigt die Menschen: Johannes Paul I. sei schon seit mehreren Jahren herzkrank gewesen. Verbunden mit dem Wetterumschwung und einem extremen Herbststurm habe sich dies sehr schlecht auf das Befinden des Papstes ausgewirkt. Doch die Zweifel der Bevölkerung konnten nicht restlos beseitigt werden. War es Mord?

Propaganda Due Mitgliedsbestätigung von Silvio Berlusconi

Propaganda Due Mitgliedsbestätigung von Silvio Berlusconi

Zu dieser Zeit war bereits bekannt, dass die Vatikanbank in kriminelle Machenschaften mit anderen italienischen Banken verstrickt war. Johannes Paul I. wollte dies ändern.  Dies verärgerte nicht nur die Mafia sondern auch eine andere Untergrundpartei: Propaganda Due, die damals Italien vor dem Kommunismus schützen wollte.  Zu Propaganda Due gehörten neben hohen Amtsträgern der Kirche auch Mafiosi und Politiker. Berühmtestes Mitglied: Silvio Berlusconi.

Verschwörungstheorien besagen, dass Johannes Paul I. für P2 zu liberal und kompromissbereit gewesen sei. Die Kirchenmänner der Geheimloge sollen seinen Mord in Auftrag gegeben haben. Dies sind allerdings haltlose Behauptungen und Theorien, für die es keinerlei Beweise gibt. Auch namhafte Historiker zweifeln an der Richtigkeit: «Geheimdienste in- und ausserhalb Italiens und vor allem auch die P2 wollte eine Destabilisierung der Situation. Die Kirchenführung wollte die Christlich demokratische Partei stärken, und deswegen ist es absolut unwahrscheinlich, dass da jemand in der Kirche bei Lucianis Tod mitgespielt hat. Sein Tod war ein natürlicher Tod. Er fühlte sich verirrt im Vatikan, es war zu viel für ihn.» – Marco Politi, Journalist „La Repubblica“

Obwohl eine Obduktion des Leichnams nie stattgefunden hat zweifelt auch der österreichische Pathologe Hans Bankl an einem Mord. In einem Buch schreibt er, dass laut früheren Krankenakten Johannes Pauls I. schnell ersichtlich wird, dass dieser schon in jungen Jahren herzkrank war. Ein plötzlicher Tod durch ein aus den Beinvenen in die Lungenschlagader verschlepptes Blutgerinnsel sei sehr wahrscheinlich, genau so ein plötzlicher Herzanfall, ausgelöst durch den Stress seines neuen Amtes.

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