Das Schweizer Bildungssystem: Mit dem Erfolg kommt das Leid

Die Nachricht schlug im Februar ein wie eine Bombe: Die Schweiz wird von der Europäischen Union nach dem Ja zur Zuwanderungsinitiative von dem Studentenaustauschprogramm Erasmus ausgeschlossen und vorerst nur noch wie ein Drittstaat behandelt. Experten sprechen von einem enormen Rückschritt, der die Qualität der Bildung in unserem Land erschüttert. Doch das Bildungssystem der Schweiz ist auch ohne Erasmus schon stark beschädigt: Versagensangst und Leistungsdruck sind die Antriebsmechanismen an den Schulen unseres Landes.

bildungschweiz

Der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi gilt bis heute als einer der bedeutendsten Revolutionäre des europäischen Bildungssystems. Schon im 18. Jahrhundert warnte er die Lehrerschaft im ganzen Land vor ihren falschen Erziehungsmethoden: «Mit Angst vor dem Rohrstock ist nicht gut Lernen. Kinder sollen Freude haben am Lernen.»  Mit dem Übereinkommen über die Rechte des Kindes von 1989 wurde die Körperstrafe in ganz Europa zwar abgeschafft, doch die Furchtsamkeit in den Schulzimmern Europas wurde durch neue Ängste ersetzt: Die Angst vor Misserfolgen, die Angst vor dem Versagen.  Therapeuten an allen Schweizer Universitäten verzeichnen einen noch nie dagewesenen Ansturm an Studenten, die unter akuter Prüfungsangst leiden und psychologische Unterstützung brauchen.

Internationale Konkurrenzwelt
Durch die fortschreitende Globalisierung wird seit dem 21. Jahrhundert auch international immer mehr Druck auf die Schüler und Studenten ausgeübt. Der Konkurrenzkampf findet nicht mehr nur in den Klassenzimmern statt, sondern wird weltweit auf einer globalen Bühne ausgelebt: DESI, IGLU, TIMSS, PIRLS und allen voran PISA heissen die internationalen Schulleistungsuntersuchungen, die die Kinder auf der ganzen Welt zu Testobjekten verkommen lassen.

Die Schweiz erzielt jährlich Top-Ergebnisse in der PISA-Studie. 2012 erreichte sie im Bereich Mathematik den neunten Platz, vor ihr waren lediglich China, Korea, Japan und andere asiatische Bezirke, die teilweise Schulzeiten von bis zu 13 Stunden am Tag aufweisen. Unterschiede zwischen der deutschen und französischen Sprachgruppe sind in der Schweiz eher gering, lediglich die italienischsprachige Schweiz liegt etwas zurück. Die Schweiz gilt weltweit als eine unerbittliche Erfolgs- und Leistungsmaschinerie.

«Ich habe kein Leben mehr»
Während ihrer ganzen schulischen Laufbahn werden Kinder und Jugendliche in von Erwachsenen erschaffenen Schemas gezwängt, die sie zu leistungsorientierten Wissensfressern machen, die das wichtigste nie gelernt haben: Selbst zu denken.

Die Hamburger Gymnasiastin Yakamoz Karakurt verfasste 2011 einen Kommentar für die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“, der damals tausenden von Jugendlichen aus der Seele sprach und auch in der Schweiz für einen Aufschrei in Politik und Schulen sorgte:

«Ich gehe in die 9. Klasse eines Hamburger Gymnasiums und habe ein Problem: Ich habe kein Leben mehr. Mit Leben meine ich Hobbys, Freizeit und Spass. Jeder weiss, dass die Schule nicht das Leben ist. Mein Leben aber ist die Schule, was heisst, dass da etwas falsch gelaufen sein muss. Ich komme um 16 Uhr aus der Schule und gehe nicht vor 23 Uhr ins Bett. Und das liegt nicht daran, dass ich fernsehe, mich entspanne oder sogar Spass habe. Mein Kopf ist voll. Zu voll. Es mag für einige vielleicht übertrieben klingen, aber die Schule nimmt mir gerade das wichtigste, was ich besitze: Meine Kindheit. Was denken sich eigentlich diejenigen, die über unser Schulleben bestimmen? Was bringt es mir, wenn ich die chemische Formel von Cola kenne? Was bringt mir dieses unnötige Wissen? Es kann sein, dass es einige Leute interessant finden. Es kann aber nicht sein, dass ich 14 Fächer habe und von mir erwartet wird, in jedem davon eine super Leistung zu bringen?»

«Die Kreativität wird durch das momentane System getötet»
Yakamoz kritisiert in ihrem Kommentar vor allem die Standardisierung und die konsum- und wirtschaftsorientierte Nützlichkeit des Wissens, welche der Fantasie, Kreativität und dem selbstständigen Denken der Kinder vorgezogen wird.

Der chinesische Erziehungswissenschaftler, Yang Dongping, ist Leiter der staatlichen Organisation für Bildung des 21. Jahrhunderts und gilt als scharfer Kritiker des globalen Bildungswesens: «Ein Hauptmerkmal des prüfungsorientierten Systems ist, dass unterschiedliche Meinungen nicht gefragt sind. Das einzige Ziel liegt darin, eine Standardantwort zu finden. Diese Situation ist es, die die Kreativität tötet. Deshalb mangelt es den Kindern, die in diesem System aufgewachsen sind, an Selbstständigkeit und der Fähigkeit, sich gesellschaftlichen Veränderungen zu stellen und Dinge zu hinterfragen.»

Ob in China oder in der Schweiz, die Problematik ist überall die gleiche: Schon seit Jahren ist die Leistungsorientiertheit das Mass aller Dinge.

In der Schweiz leidet jeder 2. Jugendliche unter Stress
Es war eine für Eltern und Schulen alarmierende Offenbarung, als das Basler Gesundheitsdepartement 2012 die Resultate ihrer Befragung von 1400 Jugendlichen veröffentlichte: 61 Prozent der Mädchen und 41 Prozent aller Knaben gaben an, häufig unter Stress zu sein. Erwartungsgemäss war der grösste Stressfaktor die Schule.

Dr. Silke Schmitt Oggier ist Schulärztin und Medienbeauftrage des Schulärztlichen Dienstes der Stadt Zürich und kennt die Problematik genau: «Der Stress betrifft die Leistungsanforderungen ebenso wie die elterlichen Leistungserwartungen und den erforderlichen Zeitaufwand. So sind auch Verhaltensauffälligkeiten und Gesundheitsbeeinträchtigungen verstärkt bei denjenigen Jugendlichen anzutreffen, die den schulischen Anforderungen nicht gerecht werden können und die elterlichen Erwartungen enttäuschen.»

In einem Interview mit der Schweizer Tageszeitung „20 Minuten“ warnt der Zürcher Psychoanalytiker Markus Fäh die Eltern und Schulen vor diesem Trend: «Wir sind auf dem Weg zur total erschöpften Gesellschaft. Wenn man den Stress als Junger ignoriert, steigt die Chance, dass man irgendwann eine Therapie braucht.»

98% aller Kinder kommen hochbegabt zur Welt, nach der Schule sind es gerade noch 2%
Der österreichische Autor und Filmemacher Erwin Wagenhofer befasst sich in seinem Film „Alphabet“ mit den Bildungssystemen der Welt. Bei seiner Forschung stützt er sich auf die These des deutschen Hirnforschers Gerald Hüther. Dieser behauptet, dass 98% aller Kinder hochbegabt zur Welt kommen, aber durch die Verschulung und Uniformierung der Pädagogik sind es nach der obligatorischen Schulzeit nur noch 2%. «Finanz, Energie und Klima: Eines haben all diese Problemfelder gleich: sie wurden von Menschen gemacht. Oft von Menschen, die an den besten Universitäten und Ausbildungsstätten dieser Welt geschult wurden», sagt Wagenhofer.

Eine abschliessende Lösung für das momentane Bildungsproblem finden Wagenhofer und Experten nicht, doch eines ist für sie klar: «Die Bildungslandschaft von morgen muss mit der systematischen Belehrung von gestern aufhören und stattdessen Potentialentfaltung und Bereicherung durch Verschiedenartigkeit in den Mittelpunkt stellen. Und schließlich: Wer soll damit beginnen, wenn nicht wir! Jetzt müssen wir uns entscheiden, wo wir hinwollen. Dazu braucht es eine neue Beziehungskultur und ein neues Denken!»

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Eine Antwort zu Das Schweizer Bildungssystem: Mit dem Erfolg kommt das Leid

  1. Luca Ghiselli schreibt:

    Der Luzerner Journalismusstudent Sandro Bucher läutet mit seinen unregelmässig erscheinenden Beiträgen auf seinem Blog eine noch unberührte Ära des Schweizerischen Journalismus ein.

    Mit seinem neusten Beitrag redefiniert er nicht nur sich selbst, sondern das ganze Spektrum der Medienlinguistik. Hochstehende Metonymie nebst tiefgründigen Synekdochen umrahmen Themen wie Religion, Religion und Religion sowie die immer schneller werdende Religion in Luzern.

    Seine bestechende Eloquenz wird nur durch eine noch hervorragendere Produktion der Bucher Productions übertroffen. Alles in Allem ein literarisches Meisterwerk, das wir bis dato so noch nicht gelesen haben.

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