Gottlose Gläubige: Glaube ohne Gott

Das Gehen ohne Gott wird in evangelisch-reformierten Kreisen seit Jahrhunderten praktiziert. Schritt für Schritt weitet sich die atheistische Anschauung der Welt auch auf andere Weltreligionen aus. Ein Schritt in die richtige Richtung oder der paradoxe Niedergang religiöser Richtlinien?

adlernebel

Der offene Sternhaufen «Säulen der Schöpfung». Für viele ein Symbol des Kontrastes zwischen Religion und Wissenschaft, zwischen Glaube und Gottlosigkeit. Photo: Weltraumteleskop Hubble NASA, ESA and the Hubble Heritage Team (STScI/AURA)

Die Frage nach der Zukunft der Religionen ist so wichtig wie noch nie. Internationale Studien und Statistiken zeigen: Noch nie fiel die Zahl der Gläubigen so drastisch, noch nie stieg die Zahl der Konfessionslosen so massiv – noch nie war die Zahl der Menschen, die zwar Mitglied einer Kirche sind, aber zu institutionellen Glauben auf Distanz gegangen sind, so hoch.

„Fehlt uns Jesus?“ Diese theologische Frage stellte sich das Schweizer WochenmagazinBeobachter auf der Titelseite der Ausgabe vom 17. April. Auch das renommierte deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel stellte sich im Juni dieses Jahres die göttliche Gretchenfrage: „Ist da jemand?“

Religion als obsolete Option

Der Beobachter beantwortete die Frage nach Gott primär aus der Sicht von Schweizer Familien. Im Laufe seiner Recherche kam er dabei zu einem – für kirchliche Kreise – ernüchternden Ergebnis: Kaum ein Kind kennt noch die Bedeutung religiöser Feiertage. Statt mit Anfang und Auferstehung assoziieren sie die höchsten Feiertage des Christentums mit Schenken und Schokolade. Auch die meisten Eltern proklamieren ihre wachsende Distanz zu Gott und der Institution Kirche.

Für den Schweizer Religionssoziologen Jörg Stolz seien die Resultate keine Überraschung: „Verantwortlich für diese Entwicklung sind die gesellschaftlichen Umbrüche in den 60er-Jahren. Mit dem Übergang zur Ich-Gesellschaft wurde die Konfession, respektive die eigene Religiosität, zur blossen Möglichkeit. Gleichzeitig gab es in dieser Zeit einen starken Wirtschaftsaufschwung. Die Möglichkeiten, die Freizeit zu gestalten, wurden zahlreicher.“

Jahwe weicht dem Wandel

Ist Gott nur noch ein altbackener Anhaltspunkt für die Religion im 21. Jahrhundert? Fast alle gesellschaftlichen Umbrüche deuten darauf hin und forcieren die Kluft zwischen Gott und Religion.

Wir sind geprägt von einer Gesellschaft, die institutionskritisch ist. Auch Parteien und Vereine verlieren zunehmends feste Mitglieder und werden starr. Menschen zelebrieren ausweitend ihre Selbstständigkeit und Individualität. Ein omnipotenter Überwacher im Himmelsdach, der zu Zurückhaltung, Hilfsbereitschaft und Bescheidenheit ermahnt, stellt dabei die grösste Überwindung dar.

Der Drang der Kirche, sich selbst zu entfremden, spielt der säkularen Wende in der Gesellschaft zusätzlich in die Karten. Mit einer verstaubten Sexualpolitik und unzeitgemässen Moralvorstellungen schaffen es die grössten Glaubensinstitutionen der Welt regelmässig in die Medien. Damit prägen sie die öffentliche Wahrnehmung der Gesellschaft negativ, denn fern der Medien haben nur noch wenige Schweizer regen Kontakt mit der Religion. Das zeigen Umfragen des Schweizer Nationalforschungsprogramms 58, das 2012 Religionsgemeinschaften der Schweiz beforscht hat.

Plädoyer gegen Gott

In der evangelisch geprägten Schweiz stehen mittlerweile viele Menschen offen dazu, dass sie Religion ausschliesslich oder teilweise rein zweckmässig leben. Die reformierten und katholischen Gotteshäuser bleiben zwar leer, doch die Zahl der kirchlichen Taufen und Beerdigungen sinkt nur unmerklich. Für viele ist der Glaube nur noch das automatisierte Festhalten an traditionellen Ritualen. Die Spiritualität ist im Hintergrund aber nicht mehr präsent.

Dass dies keine Blamage oder gar Blasphemie ist, zeigt die 2000-jährige Kirchengeschichte. Alle historischen und aktuellen Glaubensinstitutionen entschieden selbst, was sie als gottgegeben nehmen, und welche Passagen der Heiligen Schriften sie bewusst ignorieren. Der Glaube ist seit jeher von Gegensätzen geprägt – man gibt und man nimmt. Deshalb ist es auch nicht paradox, wenn man sich gottlos auf einer spirituellen Reise befindet.

Auch im Vatikan anerkennt man den Trend der Gottlosigkeit und lenkt ein. Im Mai 2013 insistierte Papst Franziskus, dass auch Atheisten in den Himmel kämen und rehabilitierte damit christliche Atheisten und Ungläubige. Diese wurden von seinen Vorgängern noch geächtet. Das grüne Licht von Gottes Vertreter zeigt, dass die Fragen nach der Zukunft der Religion schon die höchsten Instanzen erreicht haben. Eine endgültige Antwort wird aber auch nach endlosen Debatten nie gefunden werden, denn diese ist abhängig von Wertvorstellungen und philosophischen Ansichten, die sich in ständigem Wandel der Gesellschaft befinden. So wie auch die Frage nach der Existenz Gottes.

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Der Artikel erschien zusätzlich auf tink.ch.

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