Der mediale Antisemitismus

Medien aktivieren antiisraelische Einstellungen. Das behauptet die Linguistin und Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel im Interview mit dem christlichen Medienmagazin pro. Sie mahnt die Verantwortung der Medien an und kritisiert diese scharf.

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Bei einer Pro-Palästina-Demo in Lausanne Anfang Woche wurden antisemitische Parolen skandiert. Wurden diese von den Medien geprägt? Foto: Aargauer Zeitung/KEY

 «Neu sind diese Sprüche nicht», erklärt Monika Schwarz-Friesel im Interview mit dem christlichen Medienmagazin pro, und verweist damit auf die antisemitischen Parolen, die in der vergangenen Woche auf mehreren Demonstrationen in Deutschland gerufen worden sind.

Europas latenter Antisemitismus

Die pro-palästinensischen Demonstrationen im Rahmen des Nahostkonflikts fanden unter anderem in Berlin, Essen und Frankfurt statt. Sie wiesen laut Schwarz-Friesel einen Bestand der Volksverhetzung auf: «Dass Äusserungen, wie sie zuletzt von den Nationalsozialisten artikuliert wurden, nun auf Berlins Strassen zu hören sind, ist unerträglich. Ebenso unerträglich ist es, dass die Staatsanwaltschaft nicht den antisemitischen und volksverhetzenden semantischen Charakter darin erkennt – und damit die hasserfüllten judenfeindlichen Parolen bagatellisiert.»

Antisemitismus ist kein deutsches Problem. Auch bei Pro-Palästina-Demos in der Schweizer Stadt Lausanne wurden judenfeindliche Parolen skandiert. Besonders «Kindermörder Israel» stand auf vielen Plakaten, genauso wie bei Deutschen Protestmärschen.

Medien als Türöffner

Obwohl viele der Parolen offenbar von arabisch-palästinensischen Demonstranten geäussert wurden, beteiligten sich auch zahlreiche andere Gesellschaftsgruppen an den Massenkundgebungen: Gruppen, die weder religiösen noch politischen Bezug zum Nahostkonflikt haben, aber trotzdem ein antiisraelisches Sentiment aufweisen.

Mögliche Gründe für dieses Verhalten sieht Schwarz-Friesel laut pro in der medialen Berichterstattung: «Grosse Teile der Presse versagen in diesem Bereich. Es gibt eine sehr einseitige Berichterstattung im Bezug auf Israel,  zum Teil auch in seriösen Medien wie der ARD oder dem ZDF. Da ist ganz klar eine pro-palästinensische Tendenz zu erkennen mit extrem hohem Emotionspotenzial: Einzelschicksale von Palästinensern werden der militärischen Macht Israels gegenüber gestellt. Das löst natürlich starke Gefühle aus und reaktiviert auch antiisraelische Einstellungen.»

Die vergessenen Christen

Die einseitige Berichterstattung zum Nahostkonflikt hat sich schon relativ früh festgefahren. Um die Nachrichtenfaktoren einzuhalten und die Problematik zu vereinfachen, wird in den Nachrichten häufig nur von Palästinensern gesprochen. Dabei wird nicht unterschieden zwischen palästinensischen Muslimen und palästinensischen Christen: Gruppierungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und sich ebenfalls im Krieg befinden.

Alleine in Syrien leben 2,4 Millionen Christen. Auch in Israel leben derzeit immer noch 154‘000 Christen. Ihre Notlage wird in den Medien nur spärlich beleuchtet.

Gradwanderung der Kritik

Ein Grossteil der Kritik an Israel bleibt selbstverständlich berechtigt. Das unterstreicht auch Schwarz-Friesel im Interview: «Es ist völlig legitim, bestimmte Zustände und politische Entscheidungen Israels zu kritisieren. Es gibt zum Beispiel Zuschriften an die Botschaft, die den Einsatz von Streubomben anprangern und dazu auffordern, etwas dagegen zu tun. Aber vieles, was als Kritik ausgegeben wird, enthält antisemitische Konzepte. Kein seriöser Kritiker würde zum Beispiel NS-Vergleiche nutzen wie „der Geist von Auschwitz“ oder „Warschauer Ghetto“ für die Beschreibung des Gazastreifens. Auch gebildete Journalisten sprechen von einem „Rachekrieg Israels“. Das ist ein sehr alter Stereotyp. Da sieht man, dass auch Bildung nicht vor Antisemitismus schützt.»

Bestehende Feindseligkeit

Der Nahostkonflikt ist ein hochkomplexes Thema, weshalb mit den Medien auch nicht zu scharf ins Gericht gegangen werden darf. Es ist nicht der erste Aufschwung des Gaza-Konflikts, doch bisher wurde keiner so ausgewogen von Medien dokumentiert wie dieser.

Viel eher liegt das Problem beim schlummernden Antisemitismus in Europa, der bereits durch Bagatellen wieder geweckt werden kann: «Wenn nicht einmal der zivilisatorische Bruch des Holocaust es geschafft hat, dem Antisemitismus den Boden zu entziehen, zeigt das, wie schwer es ist. Man muss vor allem darüber aufklären und den Menschen klar machen, dass Antisemitismus in der deutschen Geschichte nicht auf zwölf Jahre Nationalsozialismus beschränkt ist. Es ist eine seit fast 2‘000 Jahren verankerte Komponente der abendländischen Kultur. Und man muss anerkennen, dass Antisemitismus nicht nur in der rechten Ecke zu finden ist. Es gibt eine sehr gefährliche linke Strömung, die oft bagatellisiert wird. Das Wollen oder Können viele nicht wahrnehmen. Der linke, gebildete Antisemitismus ist viel salonfähiger und wird seltener als solcher erkannt. Das habe ich auch durch empirische Studien nachweisen können.»

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