Interview: IBKA-Pressesprecher Rainer Ponitka

Im Interview mit tink.ch spricht Rainer Ponitka, Sprecher des Internationalen Bunds der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA), über die für ihn belästigende Tragweite der Religion, Einschränkungen für Nichtgläubige in der Arbeitswelt und die Abschaffung von obligatorischem Religionsunterricht.

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Der IBKA bei einer Standaktion auf dem Heumarkt in Köln. Foto: IBKA

Der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten ist ein Zusammenschluss nichtreligiöser Menschen, mit dem Ziel die allgemeinen Menschenrechte, allen voran die Weltanschauungsfreiheit, sowie die konsequente Trennung von Staat und Religion durchzusetzen.

Sandro Bucher: Herr Ponitka, sie setzen sich für die Säkularisierung ein. Wo sind aus Ihrer Sicht heute die grössten Baustellen der Trennung von Kirche und Staat?

Rainer Ponitka: Eine Baustelle sind Konkordate und Kirchenverträge, die Religionsgemeinschaften gegenüber anderen Vereinen privilegieren und ihnen Einkünfte aus dem öffentlichen Steueraufkommen sichern. Auch beim staatlich finanzierten Religionsunterricht an öffentlichen Schulen und nicht zuletzt beim kirchlichen Sonderarbeitsrecht, durch das sich Mitarbeiter der kirchlichen Wohlfahrtsverbände bei Verletzung ihrer sogenannten Loyalitätsobliegenheiten mit Kündigung bedroht sehen, liegen Baustellen.

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IBKA-Pressesprecher Rainer Ponitka: «Ich halte es für berechtigt, von religiöser Belästigung zu reden» Foto: DORIS PONITKA

SB: Der IBKA setzt sich ein «gegen religiöse Diskriminierung am Arbeitsplatz (GerDiA)». Werden Konfessionslose und Atheisten in der Arbeitswelt denn wirklich diskriminiert?

RP: Die Kampagne GerDiA greift das Arbeitsrecht in kirchlichen Sozialeinrichtungen an. Es mutet mittelalterlich an, wenn die dort Beschäftigten ihren privaten Lebenswandel wie die eigene Sexualität an kirchlichen Vorgaben ausrichten müssen. Erst recht, da diese zum absolut überwiegenden Teil aus öffentlichen Mitteln finanziert werden. Verteidiger des kirchlichen Sonderarbeitsrechtes beharren dennoch auf ihrem Privileg der angeblichen Selbstbestimmung, das sie aus der Weimarer Reichsverfassung herleiten. Dort steht jedoch ganz klar: «Jede Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbständig innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes.»

SB: Der IBKA unterstützt die Aktion «Reli Adieu». Man fordert, dass Schüler zukünftig selber entscheiden dürfen, ob sie am Religionsunterricht teilnehmen wollen oder nicht. Sollte nicht eher eine neutrale, nicht-predigende Unterrichtsart forciert werden?

RP: Die Teilnahme am Religionsunterricht ist allen Schülerinnen und Schülern an staatlichen Regelschulen in Deutschland freigestellt. Ein Kritikpunkt an der aktuellen Praxis des Religionsunterrichts ist die Trennung der Schüler nach ihrer Konfession. Sicherlich ist eine gemeinsame Unterrichtung aller Schülerinnen und Schüler in philosophischen und ethischen Fragen unter staatlicher Aufsicht absolut wünschenswert. Auch Themen der Religions- und Staatsbürgerkunde sowie die Grundwerte des modernen und demokratischen Miteinanders – die vielfach im Kampf gegen die Religionen verwirklicht wurden! – sollten miteinander diskutiert werden. Doch ob das in einem eigenen Fach geschehen muss, oder ob ein entsprechender integrativer Unterricht besser fächerübergreifend stattfindet, bedarf meines Erachtens einer Diskussion. Ganz sicher ist die religiöse Prägung Mitteleuropas ein keinesfalls zu unterschätzendes Thema. Dies sollte aber unvoreingenommen, neutral und vor allem ohne religiösen Tunnelblick vermittelt werden.

SB: Sie setzen sich seit mehreren Jahren für die Trennung von Kirche und Staat ein, da «ein Kirchenaustritt allein nicht ausreicht, um nicht mehr von Religion belästigt zu werden.» Fühlen Sie sich heute immer noch gleich belästigt wie damals?

RP: Ich halte es für berechtigt, von Belästigung zu reden! Es fängt frühmorgens im öffentlich-rechtlichen Rundfunk an. Vor den 7-Uhr-Nachrichten gibt es die Gedanken zum Tag, die von den Kirchen verfasst werden. Dann gibt es im Fernsehen Das Wort zum Sonntag und sonntags die Übertragung mehrerer Gottesdienste. Und weiter geht es mit Glockengeläut. Aus welchem Grund halten sich die Religionsgemeinschaften nicht an die allgemeinen Lärmvorschriften? Es gibt keinen Grund, zur vollen oder gar zur Viertelstunde zu läuten – der moderne Mensch verfügt über eine eigene Uhr! Zu guter Letzt sind mir die länderspezifischen Feiertagsgesetzgebungen ein Dorn im Auge: Warum dürfen Religionsgemeinschaften an speziellen «stillen Tagen» allen Anders- und Nichtgläubigen ihre Andacht oder Trauer vorschreiben? Das geht deutlich zu weit.

SB: Der IBKA begrüsst die von Martin Schulz initiierte Debatte über das Entfernen aller Kreuze in öffentlichen Einrichtungen in Deutschland. Streben Sie längerfristig auch das Entfernen aller Kreuze in sämtlichen offenen Räumen an?

RP: Öffentliche Einrichtungen haben frei von religiösen und weltanschaulichen Symbolen zu sein. Hängen also Kruzifixe in staatlichen Schulen, in Amtsgebäuden oder gar in Gerichten, so macht sich der Staat, der Heimstaat aller Bürger zu sein hat, eine bestimmte Weltanschauung zu eigen – und dies ist aus säkularer Sicht nicht hinnehmbar. Auch Kreuze oder Kruzifixe auf Wanderwegen halte ich in manchen Gegenden im Aufkommen für inflationär. Es ist für mich schlecht nachvollziehbar, warum ich bei einem Spaziergang ohne erkennbaren Grund mit religiöser Symbolik konfrontiert werde. Auch finde ich, dass die Darstellung eines zu Tode gefolterten Menschen an einem Lattengerüst gewiss nichts für die Augen von Kindern ist.

SB: Aber zählen Kruzifixe nicht auch zum europäischen Kulturerbe, fern von religiöser Symbolik?

RP: Sicherlich ist das richtig. Es ist die Erinnerung an eine Zeit, in der Thron und Altar eine Einheit bildeten. Und gerade im wohl deswegen sogenannten finsteren Mittelalter war kein normaler Mensch vor religiöser Willkür sicher. Im demokratischen Staat wären Denkmäler sinnvoll, die daran erinnern, dass die modernen Werte des Zusammenlebens im erbitterten Kampf gegen die Religion erstritten wurden, wie zum Beispiel die Rede- und Religionsfreiheit oder die Gleichheit von Mann und Frau.

SB: Die Religion verliert zunehmend ihre Bedeutung, weltweit sinken die Zahlen von Gläubigen. Warum scheinen viele Atheisten und Agnostiker trotzdem Angst davor zu haben, sich zu ihrer Gottlosigkeit zu bekennen?

RP: Ich halte es für ein Ergebnis der Propaganda, dass Religionen mitverantwortlich für die Werte des modernen Zusammenlebens zeichnen. Bislang ist es nicht gelungen, diese Legende zu entmystifizieren.

SB: Und wie können Vereine wie der IBKA diese Legende «entmystifizieren»?

RP: Nach meinem Ermessen ist es wichtig, dass immer mehr Menschen offen zu ihrer Ungläubigkeit stehen. Sie sollen der Welt klarmachen, ein Leben zu führen, welches auf gesellschaftlich kompatiblen ethischen Überzeugungen  beruht – nur dass diese Überzeugungen keiner übersinnlichen Erklärung oder Quelle bedürfen.

SB: Wie schätzen Sie die Lage hinsichtlich Säkularisierung in der Schweiz ein?

RP: Wichtig wird wahrscheinlich sein, sich als Nichtreligiöser auf sein Bürgerrecht der Religionsfreiheit zu berufen und dieses öffentlichkeitswirksam zu diskutieren. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich auf die Dauer vernunftgeleitetes Denken gegenüber organisierter Religion oder Weltanschauung durchsetzen wird.

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