Rückschritt durch Fortschritt

Papst Franziskus sprach sich erstmals offen gegen die Todesstrafe aus, und liess damit nicht nur ihm gutgesinnte Personen überrascht aufhorchen. Ein Sinnbild der abgebrannten Sittlichkeit von Katholiken und Kirche, wenn es verblüfft, dass sich der Pontifex für die Einhaltung eines der zehn Gebote stark macht.

Mit seinen brüderlichen Botschaften überrascht Franziskus auch nach eineinhalb Jahren immer noch. Aber warum? (Foto: FRANCO ORIGLIA/Getty Images)

Beflügelt vom Revolutionsgeist der Familiensynode rief Papst Franziskus am Donnerstag zur Abschaffung der Todesstrafe auf. Obwohl der Argentinier bereits zu seiner Zeit als Kardinal in Buenos Aires regelmässig Füsse von Häftlingen wusch, staunten sowohl Befürworter als auch Kritiker über die unumwundene Fürsprache von Franziskus, dass Sträflinge in Zukunft humaner behandelt werden sollen. Die ausgelöste Überraschung ist ein Armutszeugnis: Schliesslich ist der Richtsatz des Nicht-Tötens bereits in den zehn biblischen Geboten – den Grundgesetzen des christlichen Lebens – verankert.

Sturm im Wasserglas

Dass der Jesuiten-Papst mit seinen Botschaften der Nächstenliebe auch nach eineinhalb Jahren im Amt immer noch viele Menschen verdutzt, verdeutlicht das verkommene Vertrauen der Gesellschaft in die katholische Kirche.

Dass die Kirche in der neuzeitlichen Geschichte einen derart immensen Image-Schaden hat, ist nicht nur auf die Vertuschung von Pädophilie-Skandalen und monetäre Machenschaften zurückzuführen. Den immerwährenden Schaden erzeugt die Kirche durch erzkonservative Moralvorstellungen, die nicht nur in den Grundgedanken diskriminierend, homophob und frauenfeindlich sind. Für jeden Kübel Wasser, den Papst Franziskus aus dem sinkenden Kirchenschiff leert, spült der Sturm der Rückständigkeit Kubikmeter an neuen Wassermassen in den Kahn.

Für die brüderlichen Vorhaben und Gedanken darf man dem Papst durchaus zujubeln. Allerdings sollte man sich darüber im Klaren sein, dass er sich auf einem Festzug ins Nichts befindet, solange die erzkonservativen Kardinäle ihren fortschrittlichen und revolutionären Gefährten im Vatikan zahlenmässig überlegen sind.

Verbleib oder Verwässerung

Es wäre falsch, den Schwarzen Peter rein in die erzkonservativen Kreise des Vatikans zu schieben. Schliesslich vertreten auch sie mit genau so viel Recht christliche Ethik, die durch biblische Texte ihre theoretische Berechtigung findet. Ob diese Berechtigung noch zeitgenössisch ist, spielt dabei keine Rolle. Es muss nämlich durchaus berücksichtigt werden, dass sich viele Katholiken nicht wünschen, dass ihre Kirche gesellschaftlichen Strömungen nachgibt und sich durch freiheitliches Gedankengut berieseln lässt.

Den Weg gemeinsam gehen

Bei der dringend notwendigen Erschliessung eines Mittelweges schlüpft Papst Franziskus mustergültig in die Rolle des Hirten. Seine Bereitschaft zu Kompromissen bewies er zuletzt bei der Familiensynode. Nach Angaben der Teilnehmer habe er diese aufmerksam mitverfolgt, ohne direkt einzugreifen. Damit zeigt er, dass die Zukunft der Kirche in den Händen einer brüderlichen Konsensfindung liegt. Sobald diese vorliegt, und man sich wieder auf die altchristlichen Werte der Nächstenliebe zurückberuft, sollte es auch niemanden mehr überraschen, wenn Papst Franziskus an Grundwerte des Menschen erinnert.

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Der Artikel erschien zusätzlich auf hpd.de.

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