Interview: Kranzschwinger Christian Stucki

Obwohl der Sieg beim Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest bisher ausblieb, gilt der Kranz-Schwinger Christian Stucki bei vielen Fans als das Aushängeschild des Schweizer Traditionssports. Beim Mittagessen in der Berner Altstadt sprach „Chrigu“ über seine neue Rolle als Vater, den frischen Hype ums Schwingen und seine ungewissen Zukunftspläne.

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Christian Stucki: «Der Sieg beim Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest wäre langsam überfällig.» Foto: zVg

Tink.ch: Steht man als Schwinger gerne in der Öffentlichkeit oder ist das ein nervendes Nebenprodukt?
Christian Stucki: Es kommt ein wenig auf die Tagesform an. Interviews sind natürlich immer ein Geben und ein Nehmen. Während den Vorbereitungen macht man das eher weniger gerne, aber jetzt in der Pausenphase ist das kein Problem.

Das Schwingen feiert zurzeit eine Art Renaissance. Wie erlebst du den Frühling des Schweizer Traditionssports?
Der Hype ums Schwingen ist zurzeit gross, vor allem seit dem letzten Eidgenössischen Schwingfest. Auch hat sich die ganze Publikumsdemographie geändert: Es sind nicht mehr nur die 65-jährigen Pensionäre mit dem „Tschäppu ufem Gring“ und einem „Brummer i de Schnurre“. Mittlerweile gibt es auch sehr viele Teenager. Ebenso hat der Anteil weiblicher Fans zugenommen, weil es neu zwei, drei Schwinger gibt, die nicht so schlecht aussehen. (lacht)

Hat dieser jugendliche Wandel auch Auswirkungen auf den Sport?
Es ist im Grossen und Ganzen sicher gut für den Sport. Das Problem ist vielleicht, dass vor allem bei Grossanlässen viele auch nur wegen dem Fest kommen, nicht wegen dem Schwingen. Aber das ist natürlich zwangsläufig eine Begleiterscheinung, die jeder Sport hat. Generell ist es sicher nicht schlecht, dass der Sport auch an die Jungen weitergetragen wird

Apropos Junge: Du bist seit gut eineinhalb Jahren Vater. Hat die Geburt von Xavier für dich viel umgestellt?
Am Anfang war es schon eine grosse Umstellung, aber je älter Kinder werden, desto angenehmer werden sie. (lacht) Mittlerweile schläft er die Nacht einwandfrei durch. Durch seine Geburt und meine damalige Vorbereitung auf das Eidgenössische 2013 habe ich mein Arbeitspensum eingeschränkt, und dies mittlerweile auch beibehalten, um mehr trainieren zu können.

Mittlerweile hast du schon 95 Kränze erschwungen. Wie weit planst du deine weitere Karriere noch?
Mit meinen bald 30 Jahren gehöre ich natürlich schon fast zu den älteren Eisen im Schwingsport. Bis zur Unspunnen-Schwinget 2017 möchte ich sicher noch dabei sein. Aber wenn es mir gut geht, werde ich sicher noch länger schwingen. Wenn ich keine Beschwerden oder schwerwiegende Verletzungen erleide, werde ich vielleicht am Eidgenössischen 2019 auch noch am Start sein, eventuell sogar auch noch 2022.

2007 wurdest du beim Eidgenössischen Vierter, 2010 Dritter und im letzten Jahr Zweiter. Eigentlich weisst du ja bereits, was dich 2016 erwartet…
Ja. (lacht) Das wäre langsam überfällig. Beim Eidgenössischen ist es immer etwas anderes, als bei anderen Schwingfesten. Es muss alles zusammenspielen. Manchmal bist du auf einen glücklichen Entscheid zu deinen Gunsten angewiesen. Auch von der Tagesform ist es sehr abhängig – der erste Tag kann super laufen, und am zweiten kann alles wieder in die Hose gehen.

Mit deinen 140 Kilo und den fast zwei Metern Grösse stichst du sogar aus den Schwingern heraus. Merkst du, dass deine Gegner gegen dich dadurch eher defensiv schwingen?
Ja, das merke ich sehr gut. (lacht) Das ist natürlich ein Ärgernis, aber ändern kann man daran nichts. Es wird sich nie ändern, dass kleine Gegner immer nur defensiv gegen mich schwingen. Aber es sind ja nicht nur die Kleinen, sondern auch die Grösseren, die oft nicht aktiv gegen mich schwingen. Aber wenn ich in der gleichen Situation wäre, würde ich vermutlich dasselbe machen. Werner Jakob, der technische Leiter des Eidgenössischen Schwingerverbands, hat es letztes Jahr treffend ausgedrückt: «278 Schwinger sind zum Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest angetreten, und davon wollen 277 nicht gegen Stucki Chrigu antreten.»

Wie bereitest du dich auf ein Schwingfest vor?
Man setzt in den Trainings immer andere Schwerpunkte. Beispielsweise habe ich für das letzte Eidgenössische die Schnellkraft umgestellt, um dem defensiven Verhalten der Gegner entgegenzuwirken. Dann haben wir auch im mentalen Bereich anders gearbeitet. Eigentlich ist die Vorbereitung immer wie ein Puzzlespiel, das man jedes Mal wieder neu zusammensetzen muss.

Der mentale Aspekt spielt also eine grosse Rolle?
Ich glaube schon. Der Druck von aussen wächst, aber das ist überall gleich. Die Zuschauer erwarten etwas von dir, und auch du hast eine gewisse Erwartungshaltung an dich selbst. Diesen Erwartungsdruck hast du immer.

Kannst du dir nach deiner aktiven Karriere vorstellen, wie König Jörg Abderhalden beim SRF Schwingkommentator zu werden?
Auf jeden Fall. Es ist natürlich schwierig, an so einen Posten zu kommen. Aber wenn man mir die Möglichkeit bietet, würde ich das sehr gerne machen. Bisher war ich natürlich ein gerngesehener Gast beim Schweizer Fernsehen, da ich relativ locker bin und gut mit Worten umgehen kann. Aber das wird sich dann zeigen. Nach der Karriere möchte ich dem Schwingsport auf jeden Fall etwas zurückgeben.

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Der Artikel erschien zusätzlich auf tink.ch.

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