«Es reicht schon, Jugo zu sein»

Mit mehr als zehn Millionen Menschen bilden Roma die grösste transnationale Minderheit. Obwohl die Völker seit 1200 Jahren mitten unter uns leben, gelten sie bei vielen Europäern als ehrlose Diebe und Verbrecher, die in unsere Zivilisation eindringen. Im Gespräch mit Tink.ch erklärt Stéphane Laederich, Direktor der Rroma Foundation Schweiz, wie es tatsächlich um die Roma in der Schweiz steht.

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Das Wohnzimmer einer Roma-Familie. Mindestens 80 000 der in der Schweiz lebenden Roma sind sesshaft. (Bild: Tink.ch/MANUELA PAGANINI)

Ob durch die Besetzung der kleinen Allmend in Bern Ende April oder durch mediale Hexenjagden rechtspopulistischer Schweizer Medien: Die Roma sind zurück im Bewusstsein der Schweizer. Die Bevölkerungsgruppen, die ihre Wurzeln im Nordwesten Indiens haben, sind seit dem fünften Jahrhundert ohne Land. Von barbarischen Königen unterdrückt und von Kriegen vertrieben sind die Roma heute eine transnationale Minderheit abseits von nationalistischen Bewegungen.

Ein Volk auf dem Prüfstand
Aktuell leben Roma auf allen Kontinenten. Auch 1‘500 Jahre nach dem Beginn ihrer Leidensgeschichte gelten sie bei vielen Menschen als fahrendes Volk ohne Vaterland. Die Population der Roma in ihrer Ursprungsform ist besonders in Osteuropa und im Balkan stark ausgeprägt, während sich die «Zigeuner» in Mitteleuropa den sprachlichen und kulturellen Normen ihrer neuen Heimat angepasst haben und sich Sinti nennen. Doch ob Ost-, Mittel- oder Westeuropa, ob Rom, Sinti oder Jenische: Die Völker gehören zu den ärmsten Schichten der Gesellschaft. In der Schweiz nicht im wirtschaftlichen, jedoch im gesellschaftlichen Sinne: Intoleranz, Verachtung und Hass bestimmen ihren Alltag.

Salonfähige Missachtung
Der 53-jährige Stéphane Laederich ist Banker, Mathematikprofessor und Rom. Der Direktor der Rroma Foundation Schweiz kennt die Vorurteile und Diskriminierung
gegenüber seinem Volk: «Es ist in der Schweiz und in weiten Teilen Europas absolut salonfähig, sich despektierlich über die Roma zu äussern. Ich wurde mehrmals gefragt, ob ich lesen und schreiben kann.» Nach Schätzungen der Rroma Foundation leben heute 80 000 bis 100 000 Roma in der Schweiz. Seit den 60er-Jahren kam ein Grossteil der Roma aus Jugoslawien als Gastarbeiter in das Land. Während den Jugoslawienkriegen in den 90er-Jahren stieg die Zahl der Flüchtlinge nochmals erheblich.

Jedes Jahr mehr Hass
Das öffentliche Bild der Roma habe sich in den letzten zwanzig Jahren verschlechtert, erklärt Stéphane Laederich. Dieser Trend werde vor allem durch die denunzierenden Darstellungen in den Medien getragen: «Es gibt heute sehr viel mehr Rechtsextremismus
und Rassismus in Europa. Wie die Roma in der Presse dargestellt werden, ist durchaus gefährlich.» Die Rroma Foundation leistet zwar aktiv Aufklärungsarbeit, doch sie scheint unerheblich und leer im Vergleich zur medialen Phalanx, die ein Grundgefühl der Geringschätzigkeit in der Bevölkerung heraufbeschwört: «Einige Medien vermitteln, dass die Roma ein zu lösendes Problem darstellen. Als man dieses Sündenbockdenken zuletzt im Zweiten Weltkrieg angewendet hat, hat das mit den Juden nicht gut geendet.»

«Gegen Roma darf man Dinge schreiben die man sonst nicht schreiben darf»
Bereits mehrmals klagte die Rroma Foundation gegen die verächtliche Berichterstattung gegenüber den Roma, und erhalten dabei auch oft Unterstützung aus der Bevölkerung.
Die kontroversen Titelbilder der «Weltwoche» sorgten abermals für Empörung und sind schweizweit in den Medien diskutiert worden. Am 5. April 2012 veröffentlichte das Schweizer Wochenmagazin das Bild eines Kindes, das mit einer Pistole direkt auf den Betrachter zielt. Darunter titelte der stellvertretende Weltwoche-Chefredaktor Philipp Gut «Die Roma kommen: Raubzüge in die Schweiz».

Der Gang vor den Presserat bescherte der Rroma Foundation aber nur dünn gesäten Erfolg: «Die meisten Klagen werden wieder abgewiesen, so auch die Beanstandung gegen das Kind mit der Handfeuerwaffe. Der Presserat kam zum Urteil, dass solche implizite Darstellungen weder relevant noch rassistisch seien. In Deutschland würden die Autoren der Artikel rechtlich als Rassisten gelten. Aber in der Schweiz darf man Dinge schreiben, die man gegen andere Minderheiten nicht schreiben darf. Allgemein sind in der Schweiz viele Dinge noch absolut akzeptabel, die in Deutschland längst unter Strafe stehen.»

Das Problem seien allerdings nicht nur Zeitungen, die offen politisch Stellung beziehen: «Alle Zeitungen sind ähnlich. Dieselben Argumente wie in der Weltwoche findet man auch in den gängigsten Tageszeitungen. Gewisse machen es gezielt, um zum Beispiel gegen das Freizügigkeitsabkommen zu kämpfen, aber bei den meisten ist es eigentlich nur unüberlegt.»

Rote Köpfe in der Romandie
Besonders in der welschen Schweiz kommt es immer wieder zu Spannungen zwischen ansässigen Schweizern und Roma. Eine besonders konfliktreiche Zeit war der Sommer vor zwei Jahren. 2012 schlugen die Roma in den Medien über mehrere Monate hohe Wellen, als sie in Allaman VD eine ganze Wiese besetzten. Die empörten Anwohner riefen die Polizei, die den Grundbesitzer stoppen musste, da dieser Jauche auf die 40 Wohnwagen spritzen wollte. Wenige Wochen später kam es im Walliser Collombey-Muraz zu einem aufsehenerregenden Zwischenfall, als eine Roma-Hochzeitsgesellschaft während den Feiern ein Feld verwüstete. Zusätzlich klagten viele Anwohner über eine Zunahme der Kriminalität während den Festivitäten. In der Folge ermächtigte die waadtländische Sicherheitsdirektorin Jacqueline de Quattro zum ersten Mal in der Schweiz, ein Roma-Zeltlager wenn nötig mit Gewalt zu räumen.

Stéphane Laederich kennt die Gründe, weshalb Roma in der Westschweiz vermehrt im Fadenkreuz der Öffentlichkeit stehen: «In der Westschweiz wird mehr über das Thema Minderheiten gesprochen, doch die Roma-Problematik ist genauso wenig beständig wie in der restlichen Schweiz.» Laederich verweist dabei auf die letztjährige Studie vom Lausanner Professor für Soziologie, Jean-Pierre Tabin, der ein Jahr lang alle Bettler der Stadt Lausanne begleitet hat. «In der 125 000-Einwohner-Stadt Lausanne gab es nie mehr als 60 Bettler, und davon sind nicht alle Roma. Die Problematik ist also praktisch inexistent, und wird lediglich von der Presse und gewissen rechtspopulistischen Parteien hochgeschraubt.»

«Man macht alles für seine Familie»
Das Stigma der Herkunft hat für die Roma lange Tradition. «Die alten Stereotypen werden einfach rausgespuckt, ohne nachzudenken. 600 Jahre Geschichte kann man leider nicht in ein paar Jahren wieder umbiegen.» Die öffentliche Ausgrenzung schweisst zusammen, die Ablehnung wird umfunktioniert zum zentralen Band, das die Roma zusammenhält. «Die Familie ist für die Roma sehr wichtig. Man macht alles für seine Familie.» Der Gemeinsinn und die Verbundenheit werden dabei zusammengehalten mit dem Erhalt von Bräuchen und Traditionen. «Die Sprache ist ein Grossteil davon. Unsere Kultur ist weder national geprägt noch basiert sie auf einer gemeinsamen Religion, aber sie ist trotzdem stark vorhanden und in unserer Identität verankert.»

Die Geschichte hat gezeigt, dass auch andere Staaten den starken Zusammenhalt der Roma innerhalb ihres Landes als furchtsam beäugten und gefährlich betrachteten. Die Folge davon waren Zwangsassimilierungen in mehreren Ländern. «Besonders schlimm war das in Ungarn, als die Sprache und die Tradition zwei Jahrhunderte lang bewusst verboten wurden.»

Herrschaft des Ältestenrats
Seit eh und je werden Roma in Westeuropa unterdrückt. Auf ihrem steinigen Weg durch die Welt waren sie nie ein Teil solidarischen Regierung. Die Repression und Freiheitsberaubung widerspiegelt sich bis heute in ihren Ansichten, und resultierte in der Instandhaltung einer Roma-internen «Sippen-Politik»: «Je älter man ist, desto respektierter wird man in der Roma-Gesellschaft. Wenn man Familien- oder Geschäftsprobleme mit anderen Roma hat, dann regelt man das mit einer internen Schlichtung mit älteren Roma, die als Friedensrichter fungieren. Das Urteil eines respektierten Rom wird von beiden Parteien immer akzeptiert.»

«Es reicht schon, Jugo zu sein»
Stéphane Laederich fühlt als Direktor der Rroma Foundation den Puls Schweizer Roma so gut wie kein anderer. Er weiss, dass sein Volk bereit ist zum Dialog und dem bedingungslosen Miteinander. «Roma integrieren sich eigentlich immer, doch dazu müssen sie die Möglichkeit bekommen. Nur in vielen Ländern gibt man ihnen die Möglichkeit nicht.»

Seit Jahren widmet sich die Rroma Foundation genau dieser Aufgabe. Aber auch als Aussenstehender kann man viel zur Akzeptanz des Volkes beitragen: «Niemand hat gemerkt, dass in der Schweiz 80 000 bis 100 000 Roma leben, denn die haben es nie in die Presse geschafft. Täglich begegnen Schweizern Rom, aber sie merken es nicht.»

Roma unterscheiden sich nicht von anderen Bevölkerungsgruppen, so, dass sie im Alltag einen Mantel der Anonymität über ihre Ethnie werfen können und teilweise auch müssen. Doch auch privat entscheiden sich viele Roma gegen den offenen Dialog über ihre Herkunft. «Roma verheimlichen ihre Ursprünge aus Angst, ihre Arbeit und ihre Freunde zu verlieren. Viele meiner Freunde sehen ihre Roma-Identität deshalb nur noch als ein sekundäres Gesicht. Ein guter Freund von mir ist Banker und sagt er sei Pakistani.
Ein weiterer ist Architekt und sagt er ist Armenier. Ein anderer ist Arzt und sieht sich als Jugoslawe. Letzterer hat mir einmal sehr passend gesagt: «In der Schweiz reicht es bereits, Jugo zu sein. Da muss man sich nicht auch noch als Roma zu erkennen geben.» Darum ist die Akzeptanz und das Nachdenken über die Roma das Allerwichtigste für eine erfolgreiche Integration.

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Der Artikel erschien im Tink Jugendmagazin 03/14.

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