Traumberuf Journalist/in – Aus der Sicht von vor 44 Jahren

In einem Berner Brockenhaus habe ich ein interessantes Buch gefunden: «Traumberufe» von Ursula Meier-Hirschi gibt einen kritischen und anschaulichen Einblick in die beliebtesten Jobs junger Schweizerinnen und Schweizer. Dazu zählt auch Journalist/in. Geschrieben wurde das Buch vor 44 Jahren.

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Journalist – damals wie heute ein Traumberuf. (Bild: S. HOFSCHLAEGER / pixelio.de)

Er ist zu finden zwischen dem Ingenieur und der Kindergärtnerin. Der Journalist. «Er befindet sich in der landläufigen Vorstellung ununterbrochen auf der Jagd nach dramatischen, welterschütternden Ereignissen. Er trifft mit lauter berühmten Leuten zusammen und lebt in einer Welt der Spannung und des Glanzes.»

Das schreibt Ursula Meier-Hirschi in dem Buch «Traumberufe», in welchem sie einige der beliebtesten Berufe junger Schweizerinnen und Schweizer detailliert und plastisch porträtiert. Veröffentlicht wurde das Buch 1972.

Gespräch mit einer Jungjournalistin

Zu Beginn ihres Porträts möchte Meier-Hirschi einen «weitverbreiteten Irrtum» aufdecken: «Wer gute Aufsätze schreibt, ist noch lange nicht der geborene Journalist. Ein sicheres Sprachgefühl und ein lebendiger Stil sind Voraussetzungen, aber nur zwei von vielen.»

Alles habe eine Kehrseite, so auch die glanzvolle Vorstellung vom Beruf des Journalisten: «Man müsse sich vor ihm in Acht nehmen, denken einige. Es handle sich da vorwiegend um Luftikusse, und mit der Wahrheit würden sie es nicht allzu genau nehmen.»

Um der Wirklichkeit des Berufes auf die Spur zu kommen, trifft sich Meier-Hirschi mit der jungen Journalistin Marie-Louise Stickelberger, die damals «auf der Redaktion einer grossen Schweizer Tageszeitung» gearbeitet hat.

Meine Recherche hat hervorgebracht, dass Stickelberger am 4. Januar 1979 zur verantwortlichen Redaktorin des «Extrablatts der Jungen» und des Ressorts «Mode» der Neuen Zürcher Zeitung ernannt wurde. Von 1983 bis 2001 schrieb sie für den Tages-Anzeiger, wo sie zwischen 1998 bis 2001 einige der «züritipps» verfasste. Von 2004 bis 2006 schrieb sie Kulturhinweise für das mittlerweile eingestellte Ressort «Ticket» der Neuen Zürcher Zeitung. 2009 arbeitete sie laut dem Schweizer Mediendienst «Kleinreport» für die «Theater-Zeitung».

«Viele Wege führen zum Journalismus»

Meier-Hirschi konfrontiert die junge Journalistin mit den Fragen, wie man denn überhaupt zu einer Zeitung komme und wie man über Zeitfragen, wichtige Ereignisse und Spezialgebiete schreiben könne, obwohl es in der Schweiz gar keine Reporterschulen gäbe, wie sie beispielsweise in England seit Jahren bestünden.

«Viele Wege führen zum Journalismus», antwortet die Journalistin, «Oft kommt man auf Umwegen und über ganz andere Berufe dazu. Oder über ein Universitätsstudium, was jedoch keine Bedingung ist.» Heute, also 1972, seien  Berufsverbände bestrebt, den Nachwuchs zu fördern.

Studium und Berufsförderung in den Siebzigerjahren

Ein konkretes Beispiel dieser Nachwuchsförderung der Berufsverbände ist die «Union Romande de Journaux» in der Westschweiz und der «Verein der Schweizer Presse», die Anfang der Sechzigerjahre ein Schulungsprogramm ausgearbeitet haben. Durch dieses können sich Nachwuchsjournalisten während einer zweijährigen Stage bei einer Zeitung oder Zeitschrift die notwendigen Berufskenntnisse aneignen. «Diese Lehrzeit setzt sich aus einem theoretischen und einem praktischen Teil zusammen», schreibt Meier-Hirschi, «Gebiete aus Geschichte, Geographie, Soziologie und Politik werden behandelt. Die Stagiaires lernen eine Nachrichtenauswahl treffen, eine Meldung gestalten und präsentieren und werden gründlich in die technische Zeitung eingeführt.»

Lediglich eine theoretische Einführung in den Journalismus bieten die Universitäten von Bern, Zürich, Freiburg, Genf und Lausanne sowie die Handelshochschule (heutige Universität) St. Gallen.

Wache Menschen mit sehr grosser Verantwortung

Aus dem Gespräch mit Stickelberger und ihren Berufskolleginnen und -kollegen schlussfolgert Meier-Hirschi, dass alle Journalistinnen und Journalisten etwas gemeinsam hätten: «Es sind wache Menschen, denen am Herzen liegt, was sich ringsum in der Öffentlichkeit zuträgt. Es sind Menschen mit journalistischem Temperament, einer Mischung aus Neugierde, Hartnäckigkeit, Ausdauer, Unerschrockenheit und Aufgeschlossenheit.»

Die Autorin führt aus, dass Journalistinnen und Journalisten mit beiden Beinen auf der Erde stehen müssen: «Zwischen den Lesern und einem Problem stellen sie eine Brücke her. Mit ihren Artikeln fordern sie zur Diskussion heraus, wirken meinungsbildend, formen an unserem Weltbild mit und tragen eine sehr grosse Verantwortung.»

Zeitung als Gemeinschaftswerk

Am Ende des Porträts fasst Stickelberger den Beruf mit ihren eigenen Worten zusammen: «Journalisten leben am Puls der Zeit, aber nicht nur acht, sondern vierundzwanzig Stunden am Tag. Journalist sein heisst, sich restlos, mit Haut und Haar, seiner Tätigkeit verschieben haben. Es bedeutet auch, immer zuvorderst an der Front zu stehen, was unendlich anregend, aber auch entsprechend aufregend und aufreibend ist.»

Meier-Hirschi rekapituliert folgendermassen: «Mag eine Ausgabe am Schluss noch so glänzend gelungen sein, es gibt keine Stars zu bewundern. Jede Zeitung ist ein Gemeinschaftswerk, ein Zusammenspiel verschiedener Talente, das nur dann funktioniert, wenn jeder Journalist und jeder Redaktor seinem Beruf und nicht seinem Namen zuliebe arbeitet.»

Das Buch «Traumberufe» kann in der Schweizerischen Nationalbibliothek bestellt werden.

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