Interview: Gesichtsmalerin Claudia Marclay

Vor drei Tagen reiste die 28-jährige Walliserin Claudia Marclay nach Jamaika. Nicht aber, um sich an den Sandstränden des karibischen Inselstaats zu sonnen. Sondern, um die Gesichter von hunderten Kindern zu bemalen – als die wahrscheinlich erste ehrenamtliche Gesichtsmalerin der Welt.

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Geduldig und voller Vorfreude warten die brasilianischen Kinder darauf, dass ihre Gesichter bemalt werden. (Bild: zVg)

Claudia, die Gesichtsmalerei ist nicht gerade ein gängiges Hobby. Wie bist du darauf gekommen?
Sieben Jahre lang habe ich gesucht, was ich in meinem Leben machen möchte. Ich hatte Büro-Jobs, arbeitete im Eventmanagement und wirkte bei Filmproduktionen mit. Doch all diese Tätigkeiten haben mich nicht erfüllt, da ich etwas wirklich Bedeutsames machen wollte. Etwas, das anderen Menschen hilft.

Und die Gesichtsmalerei ist dieses bedeutsame Etwas?
Ich denke schon, das habe ich schon beim ersten Mal gemerkt. Das war vor ein paar Jahren, als mich eine Freundin gefragt hat, ob ich den Kindern an einer Osterparty Hasengesichter aufmalen möchte. Dies, weil ich schon immer gezeichnet und gemalt habe, bisher aber nur auf Papier und auf Keilrahmen. Die Begeisterung und Freude der Kleinen hat mich sehr berührt. Es war unglaublich inspirierend und ermutigend.

War es eine Herausforderung, erstmals auf «lebender Fläche» zu malen?
Ja, denn man muss spontan und schnell sein, um die Kinder zu unterhalten. Genau das hat mir aber gefallen. Denn oft war ich bei meiner normalen Kunst blockiert. Das kann hier nicht passieren.

Mittlerweile hast du dieses Hobby beinahe schon zum Beruf gemacht.
Stimmt, doch neben bezahlten Ateliers für Geburtstage, Events und Messen ist der wichtigste Teil meiner Arbeit unentgeltlich oder für wohltätige Zwecke. So auch meine Reise nach Jamaika in ein paar Tagen.

Dein Jamaika-Trip ist die erste Reise, die du im Rahmen deines neuen Gesichtsbemalungs-Projekts «Kibi Kibira» machst. Was bedeutet dieser Name?
Kibi Kibira bedeutet «kleine Ameise» in Tupí, der Sprache der «Tupinamba». Das ist ein einheimisches Volk aus dem Nordosten Brasiliens. Es war der Name eines kleinen Mädchens, das ich während dem Statisten-Casting für den Film «Babysitting 2» fotografiert habe.

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«Das Lachen der Kinder ist die grösste Belohnung» (Bild: zVg)

Und welche Bedeutung hat der Name für dein Projekt?
Ameisen sind die besten! Sie verkörpern Geduld, Teamwork und sind eine Einheit. Sie bringen uns bei, gemeinsam für das Wohl der Gemeinschaft zu arbeiten. Denn nichts von Dauer kann ohne die Zusammenarbeit mit anderen erreicht werden. Und dies ist die kleine Geschichte, welche die Kernidee meines Projekts hervorgerufen hat. Die Menschen von morgen auf der ganzen Welt durch Gesichtsbemalung zu verbinden.

Mitte Juni wirst du nach Jamaika reisen. Ist es das erste Mal, dass du in anderen Ländern Kindergesichter bemalen wirst?
Nein, bereits vor dem besagten Filmjob habe ich einmal die jungen Gesichter einer Favela bemalt. Dort war ich von gut fünfzig Kindern umgeben. Ich malte farbige Schmetterlinge auf die Gesichter der Mädchen, als einige der Jungs mich baten, ihnen Totenköpfe, Messer und Pistolen aufzumalen. Ich bot ihnen an, stattdessen kleine Tiere zu malen. Erst waren sie skeptisch, da sie das für mädchenhaft hielten. Doch nachdem der erste es mir erlaubte, wollten danach alle anderen auch ein süsses Tier. In diesem Moment habe ich gemerkt, dass die Gesichtsmalerei Kinder nicht nur glücklich macht, sondern auch die Kraft hat, ihre unschuldige Seite hervorzubringen.

Wirst du das auch noch in zwanzig, dreissig Jahren machen?
Soweit plane ich nicht voraus. Doch solange es die Kinder und mich erfüllt, würde ich es auch noch in 95 Jahren machen. In jedem Fall ist die Gesichtsmalerei eine äussert lohnende Aktivität. Ich liebe es, von Kindern umgeben zu sein, die es kaum erwarten können, bemalt zu werden. Es macht mich glücklich, ihnen für einen Moment Aufmerksamkeit zu schenken, sie ihren Alltag vergessen zu lassen und sie strahlen zu sehen, wenn sie im Spiegel ihr Make-up bewundern.

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Das Interview erschien auf tink.ch.

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