Boulevard zu unrecht in der Kritik?

Keine Schweizer Tageszeitung steht derart oft im Fokus medienkritischer Beiträge wie das Boulevardblatt Blick. Dies zeigt auch eine studentische Fallstudie am Institut für Angewandte Medienwissenschaft der Zürcher Fachhochschule in Winterthur. Sie analysierte den medienkritischen Diskurs in der Deutschschweiz zum Vierfachmord von Rupperswil im Jahr 2015.

Im Dezember 2015 ereignete sich im schweizerischen Rupperswil im Kanton Aargau eines der grauenvollsten Verbrechen der Schweizer Kriminalgeschichte. Ein 33-Jähriger aus der gleichen Ortschaft ermordete in einem Einfamilienhaus eine Mutter, ihre zwei Söhne sowie die Freundin einer ihrer Söhne. Bis der später geständige Täter verhaftet und aufgrund von DNA-Spuren und Fingerabdrücken identifiziert werden konnte, vergingen rund fünf Monate. Fünf Monate, in denen Schweizer Massenmedien nicht mit Mutmaßungen, Spekulationen und Hypothesen zum Geschehen sparten. Unter dieser medialen Lust der Dauerbeobachtung litten nicht nur die Angehörigen der Opfer und des Täters, sondern auch übrige Einwohner der 5000-Seelen-Gemeinde: Viele Journalisten harrten vor dem Haus der Opfer aus, redeten mit den Schulkollegen der Opfer und Freunden des Täters. Vor allem die Boulevardzeitung Blick, die dem Verlagshaus Ringier angehört, wurde für diese Methoden vom Publikum und Branchenkollegen kritisiert.

Anhand von rund vierzig Beiträgen aus den sozialen Medien, der Fachpresse und den Massenmedien analysierten die Autoren den medienkritischen Diskurs zum Vierfachmord von Rupperswil. Resultat: In zwei von drei medienkritischen Beiträgen wird der Blick kritisiert. Beanstandet wurde von den medienkritischen Akteuren insbesondere die frühe Namensnennung und das Abdrucken eines unverpixelten Fotos des Täters, die offensiven Recherche-Methoden der Zeitung sowie die Tatsache, dass der Blick das Gesicht des Täters von einem „Physiognomie-Experten“ analysieren ließ. Im Fokus der öffentlichen Debatte standen aber auch die massenmedialen Titel Schweizer Illustrierte (ebenfalls Ringier), der Tages-Anzeiger und die Gratiszeitung 20 Minuten (beide vom Verlagshaus Tamedia) sowie die Schweiz am Sonntag (Verlagshaus AZ Medien). Wie beim Blick wurde auch hier vor allem das Missachten der Richtlinien des Schweizer Presserats kritisiert, die den Schutz der Privatsphäre (Richtlinie 7.1), die Identifizierung (7.2) und den besonderen Schutz der Kinder (7.3) gewährleisten sollten.

Hauptthema: Kritik mit normativem Bezug

Die Beiträge zeigen, dass im öffentlichen Diskurs weniger die individuelle Meinung der Medienkritiker zu den journalistischen „Defiziten“ dominiert, sondern sich die geäußerte Kritik auf gesellschaftliche Normen bezieht. Zu diesen Normen zählen medienethische und medienrechtliche Vorgaben wie sie u.a. das nationale Medienrecht oder auch internationale Pressekodizes vorgeben. Sich auf solche Normen zu beziehen, macht aus einem ausschließlich kritisierenden Schlagabtausch eine konstruktive öffentliche Debatte. Die Argumentation wird so gesamtgesellschaftlich vergleich- und bewertbar. Lediglich in den sozialen Medien wurde der Blick punktuell ohne tiefergehende Argumentation als „Schundblatt“ mit „Schmieren-Journalisten“ bezeichnet. Insgesamt überwog aber auch hier die normativ abgestützte Kritik.

Blick-Blattmacher Thomas Ley überraschen die Untersuchungsresultate nicht: „Der Blick gilt als Medium der einfachen Leute. Das zieht Spott und manchmal auch Verachtung auf sich“, sagt er. „Da wir emotionale Themen immer gross gewichten, sind wir sowieso permanent Kritik ausgesetzt. Jüngere Boulevard-Medien wie 20 Minuten sind viel weniger markiert als wir.“ Auch war die Medienkritik in den untersuchten Beiträgen das Hauptthema und fördert damit das Verständnis beim Publikum, dass eine regelmäßige, öffentliche Medienkritik eine gesellschaftliche Notwendigkeit ist.

Soziale Medien als Hauptakteur der Kritik

Die Fallstudie brachte weitere Indizien ans Licht, die für das Forschungsfeld Medienkritik relevant sind: So fand die Kritik an der Berichterstattung über den Vierfachmord vor allem in den sozialen Medien und nicht in der Fachpresse und den Massenmedien statt. Zeitlich gesehen war die Social-Media-Kritik dem restlichen Diskurs vorgelagert. Es stellt sich damit die Frage, welcher Anteil eines medienkritischen Diskurses künftig über diese neuen Kanäle stattfindet, damit nur einer Teilöffentlichkeit zugänglich ist und so weniger gesellschaftliche Resonanz auslösen kann. Offen ist, ob diese Verlagerung damit zu tun hat, dass Medienschaffende, die sich systemisch betrachtet überdurchschnittlich häufig medienkritisch äußern, dem Vorwurf des Kollegenbashing entgehen wollen. Da Medienschaffende auf Social Media als Privatpersonen auftreten können, wird der eigenen Zukunft möglicherweise weniger Schaden zugefügt.

In den digitalen Netzwerken war auch die Kommunikationswissenschaft als medienkritischer Akteur vertreten. So fragte Journalistikprofessor Vinzenz Wyss am 13. Mai, einen Tag nachdem der Täter gefasst wurde, ob schon Wetten darüber laufen würden, welches „Dödelmedium“ als erstes den Namen des Täters nennen werde. Am selben Tag startete ein anderer Twitter-User eine Umfrage, welche Zeitung wohl als erste das Foto des Täters veröffentlichen werde. Der Blick gewann die Umfrage mit 72 Prozent der 116 Stimmen. „Das zeigt, dass viele Medienkritiker schon Fotos oder Namen grundsätzlich nicht okay finden, sogar wenn sie verpixelt oder abgekürzt sind“, sagt Thomas Ley. „Das kriegen wir dann in jedem prominenten Fall zu hören.“

„Anderen Medien wird viel schneller verziehen“

Was Thomas Ley jedoch stört, ist, dass andere, vermeintliche Qualitätsmedien, genauso boulevardesk über den Vierfachmord geschrieben hätten, denen das jedoch viel öfters verziehen würde. „Im Fall von Rupperswil hat sich die Konkurrenz vom Tages-Anzeiger Sachen erlaubt, die wir nie machen würden.“

Konkret spricht Thomas Ley vom Artikel «Weg des Grauens», den der Tages-Anzeiger fünf Tage nachdem der Täter gefasst wurde, publizierte. Für den Artikel wurde ein Video gedreht, in dem der rund fünfminütige Weg vom Haus des Täters zum Haus der Opfer zu sehen ist. Diese Darstellungsform wurde nur von wenigen Usern in den sozialen Medien kritisiert – unter anderem von Thomas Ley.

Diskurs dauert an

Die Fallstudie des medienkritischen Diskurses zum Vierfachmord von Rupperswil hat gezeigt, dass in der Schweiz konstruktive Medienkritik anzutreffen ist. Nur scheint sich diese – zumindest fallindividuell – von den Massenmedien in die sozialen Medien verlagert zu haben.

Vor einem halben Jahr hat sich der Vierfachmord von Rupperswil zum ersten Mal gejährt. Der medienkritische Diskurs jedoch dauert weiterhin an: Im Dezember 2016 hat die Schweizer Ausgabe der Zeit mit Mirco Metger, dem Sohn des Freundes der getöteten Mutter, über seine Erfahrungen mit dem Blick gesprochen. Insbesondere über den Blick-Journalisten Ralph Donghi, der laut Metger damals nicht nur ihn, sondern viele weitere Menschen aus dem nahen Umfeld belästigt habe. „Er legte mir Sätze in den Mund, die ich nie gesagt hatte“, sagt Metger gegenüber der Zeit.

Ley zeigt sich davon unbeeindruckt: „Die Zeit spricht mit genau einem Menschen, der Donghi nicht mag, aber ihm nicht einmal wirklich journalistische Fehler nachweisen kann. Auf der anderen Seite beispielsweise fand der Mediensprecher des Fussballclubs, in dem der Täter verkehrt hatte, unsere Arbeit tadellos.“

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Der Artikel erschien auf dem European Journalism Observatory und dem Blog des IAM.

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