«Es besteht die Gefahr eines Bürgerkriegs»

Anfang April wurde der säkulare Blogger Nazimuddin Samad in Bangladesch auf offener Strasse ermordet. Wie bereits sechs Kritiker des radikalen Islamismus vor ihm. Einer von Nazimuddins Freunden, Azam Khan, lebt heute in der Schweiz. Auch er steht auf einer von islamistischen Gruppen zusammengestellten Todesliste von Atheisten.

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Azam Khan. (Bild: zVg)

Ostersonntag. Die Strassen sind wie leergefegt, dicke Nebelschwaden hängen über dem Kanton Thurgau. In der beschaulichen Gemeinde Tobel-Tägerschen hat der säkulare Blogger Azam Khan eine neue Heimat gefunden. Eine Heimat, in der er das Haus verlassen kann, ohne mit einem Angriff auf sein Leben zu rechnen.

Auch heute hat er schlecht geschlafen. Wie jeden Morgen nach dem Aufstehen blickt er auf sein Handy und hofft, dass der Bildschirm frei von Schreckensnachrichten aus seiner Heimat bleibt. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein weiterer Freund auf dem Weg nach Hause, zur Arbeit oder zur Universität brutal ermordet wird“, sagt der 32-jährige Bengale, der durch seine einnehmende und schüchterne Art wesentlich jünger wirkt.

Am nächsten Tag, Ostermontag, hat das Gericht von Bangladesch einen Antrag auf die Streichung des Islam als Staatsreligion abgelehnt. Die Kammer aus drei Richtern wies den Antrag innert Minuten zurück, wie ein bengalischer Journalist berichtete. Wenige Tage später ereilte Azam die Nachricht vom Tod seines Freundes, Nazimuddin Samad.

Mediale Hetze gegen Atheisten

„Die Konflikte zwischen uns säkularen Bloggern und den radikalen Islamisten begannen 2013, sieben Jahre nachdem wir unseren Blog gegründet haben“, erzählt Azam. In den ersten sieben Jahren seien die säkularen Freidenkenden von der Regierung noch nicht als Bedrohung wahrgenommen worden. Das änderte sich, als die religiös-konservative Bangladesh Nationalist Party öffentlich gegen die Blogger hetzte und auch die Staatsmedien dazu trieb, Propaganda gegen Atheisten zu betreiben. „Täglich war in gewissen Zeitungen zu lesen, dass Ungläubige böse Menschen seien, die dem Land schaden wollen.“

Leben auf der Todesliste

Wenige Tage nach der ersten öffentlichen Kundgebung der Bangladesh Nationalist Party wurde ein Gründer des Blogs auf offener Strasse mit Macheten ermordet. Zwei Jahre später wurde ein atheistischer Blogger während einer Buchmesse in der Hauptstadt Dhaka erdolcht. „Sie beide standen auf einer von islamistischen Gruppen zusammengestellten Abschlussliste von Atheisten. Zusammen mit 84 anderen Menschen, die von den Fanatikern zum Abschuss freigegeben wurden. Zu diesen zähle auch ich heute noch.“

Die sunnitischen Gruppierungen nennen sich Hefazat-e-Islam und Jamaat-e-Islami. „Diese Organisationen werden von der Bangladesh Nationalist Party beschützt“, ist sich Azam sicher. „Auch von Pakistan, Saudi-Arabien, der Türkei und den USA werden sie finanziell unterstützt.“ Dies, um den Handel und die Beziehungen zu dem Land mit vielen Bodenschätzen und reicher Agrikultur aufrecht zu erhalten.

Verfolgung Andersgläubiger

Im dem südasiatischen Land ist der Islam erst seit 1988 die offizielle Staatsreligion. Der Militärmachthaber Hussain Muhammad Ershad verankerte diese, um sich den Rückhalt der islamistischen Wählerinnen und Wähler zu sichern. Heute ist Bangladesch mit über 80 Prozent Musliminnen und Muslimen in der Bevölkerung eines der islamischsten Länder der Welt. Und radikale Tendenzen und die Gewalt nehmen seit Jahren zu. „Neben Atheisten werden auch Christen und Hindus verfolgt. Aber auch Andersgläubige innerhalb des Islams, beispielsweise Schiiten, Sufis und Ahmadiyya-Muslime“, sagt Azam.

Angst vor einem Bürgerkrieg

Nach dem Tod von Nazimuddin Samad protestierten mehr als 1.000 Studenten auf den Strassen Dhakas gegen die Regierung Bangladeschs. Sie werfen ihr vor, nicht entschieden gegen gewaltbereite Muslime vorzugehen und fordern, dass die Täter so schnell wie möglich gefasst und verurteilt werden. „Es besteht seit geraumer Zeit die Gefahr, dass in Bangladesch ein Bürgerkrieg ausbrechen wird“, sagt Azam.

Das Problem sei, dass Militär und Polizei seit Jahren schleichend islamisiert werden, so Azam. „Das alles begann, als der Islam als Staatsreligion deklariert wurde. Damit öffneten sie auch dem Islamischen Staat (IS) Tür und Tor.“

Ende April wurde ein bengalischer Professor auf offener Strasse mit Macheten ermordet, weil dieser zum Atheismus aufgerufen haben soll. Vor wenigen Tagen wurde ein christlicher Arzt im Westen Bangladeschs auf ähnliche Weise getötet. Zu beiden Morden hat sich der Islamische Staat (IS) bekennt.

Flucht in die Schweiz

Azam Khan gelang die Flucht aus Bangladesch im Februar dieses Jahres. „Ich ging zu der Schweizer Botschaft und verlangte ein Visum. Glücklicherweise wussten sie über die Missstände in der Regierung und die Ermordungen von Bloggern wie mir. Schon nach wenigen Tagen erhielt ich ein Schengenvisum und durfte ausreisen.“

Mit einem Schengenvisum können Personen bis zu drei Monate in der Schweiz bleiben. „In dieser Zeit werde ich weiter auf Facebook bloggen, ein Buch über globalen Terrorismus schreiben und Deutsch lernen.“

Sobald sich die Situation in Bangladesch beruhigt, will Azam in seine Heimat zurückkehren. „In Bangladesch herrscht nur wenig Armut, es gibt genügend Nahrung und Arbeitsplätze. Wir lebten gut, bevor der Islam zur Staatsreligion wurde.“

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«Mein Senf»: Religiöse Macht und Ohnmacht

Das Schweizer Radio Fernsehen verfügt als einziges Medienhaus in der Schweiz über eine Fachredaktion, die sich ausschliesslich mit Fragen des Glaubens und der Religion beschäftigt. Das es mit diesem lobenswerten Engagement alleine in der Schweizer Medienlandschaft steht, ist bedenklich, scheint doch gerade in der heutigen Zeit eine differenzierte Auseinandersetzung mit diesen Themen so wichtig. Wie aber geht das SRF mit der Verantwortung um, die sie sich mit einem «medialen Religions-Monopol» geschaffen hat? «Mein Senf» dazu auf SRG Insider.

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«Sendungen wie das „Wort zum Sonntag“ sind in unserer pluralistischen Gesellschaft nicht mehr zeitgemäss.» Illustration: SRG INSIDER

Dass SRF mit seinem lobenswerten Engagement alleine in der Schweizer Medienlandschaft steht, ist bedenklich, scheint doch gerade in der heutigen Zeit eine differenzierte Auseinandersetzung mit diesen Themen so wichtig. Im Jahr produziert die SRF-Religionsredaktion rund 400 journalistische Beiträge. Diese können in zwei Gruppen unterteilt werden: Sendungen über Religion und religiöse Sendungen.

Mit Sendungen über Religion wie den Sternstunden leistet die SRF-Religionsredaktion einen essentiellen und mehr oder weniger ausgewogenen Beitrag in der Schweizer Medienwelt. Gleichzeitig hält sie aber an religiösen Sendungen fest, die in unserer pluralistischen Gesellschaft nicht mehr zeitgemäss sind: Im ‹Wort zum Sonntag› werden Gedanken aus sogenannt christlicher Sicht vermittelt. Dabei kommen Theologinnen und Theologen der drei Landeskirchen sowie ab und an ein Vertreter der evangelisch-methodischen Kirche zu Wort.

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Atheisten sind…

Nachdem Atheisten diese Woche mit Psychopathen gleichgestellt und als grosses Risiko für die Welt bezeichnet wurden, habe ich mir die Frage gestellt, was nichtgläubige Menschen sonst noch sind und denken. Um das herauszufinden, habe ich sämtliche in der Schweizer Mediendatenbank sowie in Google News archivierten Texte der letzten fünf Jahre durchforstet, die Antworten darauf geben wollen, was Atheisten ausmacht.

Bild: SANDRO BUCHER

«[…] Atheisten sind auch bloss Menschen. Auch sie suchen letztlich Frieden, wollen geliebt werden und lieben, sorgen sich um den Planeten. Sie glauben an sich selbst und an die Welt. Der Glaube ist der Punkt, wo Atheisten und Gläubige sich treffen. […]», Hindu-Friedenbotschaft Sri Sri Ravi Shankar im Interview mit Die Zeit, 30. Juni 2011.

«[…] Atheisten sind gebildeter, toleranter und wissen mehr über den Gott, an den sie selbst nicht glauben. […]», Ergebnisse des Pew Center 2010 in einer Umfrage in den USA, Spiegel, 25. Juli 2011.

«[…] Militante Atheisten haben dafür gesorgt, dass die Religion Erfahrungsbereiche exklusiv für sich beansprucht, die von Rechts wegen allen Menschen gehören – und die für ein säkulares Leben zurückzufordern, uns nicht unangenehm sein sollte. […]», Atheist und Bestsellerautor Alain de Botton, Weltwoche, 16. Februar 2012.

«[…] Atheisten sind die unbeliebteste Glaubensgruppe der USA. Fast die Hälfte der Amerikaner würde eine atheistische Schwiegertochter oder einen Schwiegersohn ablehnen – aber nur ein Drittel eine muslimische. […]», Ergebnisse einer amerikanischen Studie, Annabelle, 7. März 2012.

«[…] Bücher dezidiert atheistischen Inhalts landen auf den Bestsellerlisten, atheistische Autoren sind gern gesehene Gäste in Talkshows, Verlage, die bisher vornehmlich Bücher christlicher oder dem Christentum nahestehender Autoren verlegten, bemühen sich eifrig um die Bestseller ausländischer Autoren, wenn deren Programm der Atheismus ist. […], Religionsphilosoph und Religionswissenschafter Hubertus Mynarek im Interview mit Profil, 25. Mai 2012.

«[…] Ein auffallendes Merkmal vieler Atheisten ist, dass sie eine katholische Schule besuchten, teils gepaart mit einem liberalen Elternhaus. Die beiden Pole führten irgendwann, häufig noch in der Pubertät, zu einem „Erweckungserlebnis“, das ihnen die Augen geöffnet habe gegenüber einer Realität, in der Kirche und Staat viel enger miteinander verknüpft sind, als das allgemein wahrgenommen wird. […]», Freidenker Ronald Bilik im Interview mit Profil, 25. Mai 2012.

«[…] Atheisten sind nicht nur von Gott Befreite, sie leben mit anderen Notwendigkeiten, in ihrem Fall mit jener, in allem einzig auf sich selbst, also den Menschen, verwiesen zu sein. […]» Frankfurter Rundschau Online, 21. Juli 2012.

«[…] Heute haben nicht nur Moslems, sondern auch andere Europäer, die unterschiedlichen Traditionen entstammen oder Atheisten sind, persönliche und kulturelle Prioritäten, die sich nicht in christlichen Werten fassen lassen – und dieser Anteil der Bevölkerung wird weiter steigen. […]», Cicero, 1. September 2012.

«[…] Religion schafft eine Basis, auf der Fremde gut miteinander auskommen. Nur eine Fraktion entzieht sich gänzlich: die Atheisten. Und sie müssen dafür bezahlen. In mehrheitlich religiösen Gesellschaften sind Atheisten immer diejenige Gruppe, der die Leute am wenigsten vertrauen. […]» Sozialpsychologe-Professor Ara Norenzayan, Spiegel, 22. Dezember 2012.

«[…]Atheisten sind ansteckend in ihrer Zweifelsucht, und sie fürchten keinen strafenden Gott. Mehr noch, sie finden es ulkig, dass die anderen so unermüdlich in ihren Aberglauben investieren.», Spiegel, 22. Dezember 2012.

«[…]Atheisten verstehen nicht, warum Religionen anstrengend und teuer sind. Sie sehen nur die gigantische Verschwendung von Zeit und Energie. […]», Spiegel, 22. Dezember 2012.

«Atheisten sind beachtenswert ehrliche Menschen, da sie zu ihren ­intellektuellen und spirituellen Fragen stehen. Dabei sind sie allerdings gläubiger, als sie wahrhaben wollen, denn sie glauben, dass es keinen Gott gibt.» Freikirchler René Christen im Interview mit Migros-Magazin, 11. März 2013.

«[…] Atheisten sind nicht gut auf Religion zu sprechen, erst recht nicht in England. […]», Basler Zeitung, 15. Mai 2013.

«[…]Atheisten sind nicht notwendigerweise kämpferische Reli­gionsgegner. Im Gegenteil, viele von ihnen sind offen für spirituelle Fragen. […]», Stefan Huber, Professor für empirische Religionsforschung an der Uni Bern im Interview mit reformiert, 29. November 2013.

«[…] Atheisten sind in der Regel Einzelgänger. Sie reden nicht mit einer Stimme. Und sie fühlen sich mitunter diffamiert als eigennützig, verbohrt, abgewandt von der Gesellschaft. Sich mit Gleichgesinnten zusammenzuschliessen und die eigenen Überzeugungen offensiv zu vertreten, verspricht offenbar vielen Abhilfe: ein sichtbares Zeichen dafür, dass man ebenfalls ein gutes und wertvolles Mitglied einer Gemeinschaft sei. […]», St. Galler Tagblatt, 14. Juni 2014.

«[…] Die ostdeutschen Atheisten sind das beste Beispiel dafür, dass einem Atheisten nichts zu einem guten Leben fehlt. […]», Religionssoziologe Gert Pickel im Interview mit der Reformierten Presse, 14. November 2014.

«[…] Im Kontakt mit Menschen, die sich Atheisten nennen, ist mir immer mehr aufgegangen, was Menschen zur Kirche hinaustreibt: die Verlogenheit. Wenn sie uns das vorhalten, so sind sie päpstlicher als viele, die sich papsttreu nennen. […] Die Atheisten sind uns immer wieder unangenehme Mahner für das, was Papst Franziskus seinen engsten Mitarbeitern kurz vor Weihnachten ans Herz gelegt hat. Es könnte kurz zusammengefasst werden mit den Worten: Was wir beten, zum Leben werden lassen; was wir leben, zum Gebet werden lassen. […]», Schweizer Benediktiner Martin Werlen, Sonntag, 8. Januar 2015

«[…] Solange Unsicherheit herrscht und die grossen Götter regieren, werden Atheisten gehasst, wie viele Umfragen ergeben haben. Die Frommen fürchten, die Gottlosen könnten sie ausnutzen, da sie nicht an göttliche Regeln gebunden sind. Doch diese Angst wird schnell vergessen, wenn der Staat die strafende Rolle Gottes übernimmt. […]», Sozialpsychologe-Professor Ara Norenzayan, Basler Zeitung, 23. März 2015.

«[…] Atheisten sind immer Klugscheißer, das unterscheidet sie von den Agnostikern. Agnostiker und Atheisten verbindet ihre Ablehnung religiöser Institutionen. Doch während der Agnostiker die Beschränktheit des menschlichen Erkenntnisvermögens betont und somit eine gewisse intellektuelle Demut offenbart, ist der Atheist restlos von sich und seinem überlegenen Intellekt überzeugt, was ihm nach seiner Überzeugung das Recht gibt, jede Form von Religiosität in den Dreck zu ziehen. […]», The European, 28. Mai 2015

«[…] Innenminister Thomas de Maizière stellt pauschal urteilend einen direkten Zusammenhang zwischen Fremdenfeindlichkeit und Atheismus her, weswegen mehr Christlichkeit besser wäre. Die Grüne Katrin Göring-Eckardt unterstellt Atheisten kognitive Störungen, weshalb das komplexe Christentum, „verständlich und lebensnah“ vermittelt werden müsse. […]», Berliner Zeitung, 28. Dezember 2015.

«[…] Wer an Gott glaubt, verwendet mehr Hirnzellen für Mitgefühl als für analytisches Denken. Das Gehirn von Atheisten arbeitet genau andersherum. Dadurch sind sie intelligenter, aber auch kaltherziger. Diese Eigenschaften definieren auch Psychopathen. […]», FOCUS Online, 25. März 2016.

«[…] Für viele moderne wissenschaftliche Atheisten sind die Religionen etwas, das mit Gottesbeweisen beginnt und von ihnen abhängt. […]», David Gelernter, amerikanischer Informatiker und Netzkritiker im Interview mit der Süddeutschen Zeitung, 26. März 2016.

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Traumberuf Journalist/in – Aus der Sicht von vor 44 Jahren

In einem Berner Brockenhaus habe ich ein interessantes Buch gefunden: «Traumberufe» von Ursula Meier-Hirschi gibt einen kritischen und anschaulichen Einblick in die beliebtesten Jobs junger Schweizerinnen und Schweizer. Dazu zählt auch Journalist/in. Geschrieben wurde das Buch vor 44 Jahren.

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Journalist – damals wie heute ein Traumberuf. (Bild: S. HOFSCHLAEGER / pixelio.de)

Er ist zu finden zwischen dem Ingenieur und der Kindergärtnerin. Der Journalist. «Er befindet sich in der landläufigen Vorstellung ununterbrochen auf der Jagd nach dramatischen, welterschütternden Ereignissen. Er trifft mit lauter berühmten Leuten zusammen und lebt in einer Welt der Spannung und des Glanzes.»

Das schreibt Ursula Meier-Hirschi in dem Buch «Traumberufe», in welchem sie einige der beliebtesten Berufe junger Schweizerinnen und Schweizer detailliert und plastisch porträtiert. Veröffentlicht wurde das Buch 1972.

Gespräch mit einer Jungjournalistin

Zu Beginn ihres Porträts möchte Meier-Hirschi einen «weitverbreiteten Irrtum» aufdecken: «Wer gute Aufsätze schreibt, ist noch lange nicht der geborene Journalist. Ein sicheres Sprachgefühl und ein lebendiger Stil sind Voraussetzungen, aber nur zwei von vielen.»

Alles habe eine Kehrseite, so auch die glanzvolle Vorstellung vom Beruf des Journalisten: «Man müsse sich vor ihm in Acht nehmen, denken einige. Es handle sich da vorwiegend um Luftikusse, und mit der Wahrheit würden sie es nicht allzu genau nehmen.»

Um der Wirklichkeit des Berufes auf die Spur zu kommen, trifft sich Meier-Hirschi mit der jungen Journalistin Marie-Louise Stickelberger, die damals «auf der Redaktion einer grossen Schweizer Tageszeitung» gearbeitet hat.

Meine Recherche hat hervorgebracht, dass Stickelberger am 4. Januar 1979 zur verantwortlichen Redaktorin des «Extrablatts der Jungen» und des Ressorts «Mode» der Neuen Zürcher Zeitung ernannt wurde. Von 1983 bis 2001 schrieb sie für den Tages-Anzeiger, wo sie zwischen 1998 bis 2001 einige der «züritipps» verfasste. Von 2004 bis 2006 schrieb sie Kulturhinweise für das mittlerweile eingestellte Ressort «Ticket» der Neuen Zürcher Zeitung. 2009 arbeitete sie laut dem Schweizer Mediendienst «Kleinreport» für die «Theater-Zeitung».

«Viele Wege führen zum Journalismus»

Meier-Hirschi konfrontiert die junge Journalistin mit den Fragen, wie man denn überhaupt zu einer Zeitung komme und wie man über Zeitfragen, wichtige Ereignisse und Spezialgebiete schreiben könne, obwohl es in der Schweiz gar keine Reporterschulen gäbe, wie sie beispielsweise in England seit Jahren bestünden.

«Viele Wege führen zum Journalismus», antwortet die Journalistin, «Oft kommt man auf Umwegen und über ganz andere Berufe dazu. Oder über ein Universitätsstudium, was jedoch keine Bedingung ist.» Heute, also 1972, seien  Berufsverbände bestrebt, den Nachwuchs zu fördern.

Studium und Berufsförderung in den Siebzigerjahren

Ein konkretes Beispiel dieser Nachwuchsförderung der Berufsverbände ist die «Union Romande de Journaux» in der Westschweiz und der «Verein der Schweizer Presse», die Anfang der Sechzigerjahre ein Schulungsprogramm ausgearbeitet haben. Durch dieses können sich Nachwuchsjournalisten während einer zweijährigen Stage bei einer Zeitung oder Zeitschrift die notwendigen Berufskenntnisse aneignen. «Diese Lehrzeit setzt sich aus einem theoretischen und einem praktischen Teil zusammen», schreibt Meier-Hirschi, «Gebiete aus Geschichte, Geographie, Soziologie und Politik werden behandelt. Die Stagiaires lernen eine Nachrichtenauswahl treffen, eine Meldung gestalten und präsentieren und werden gründlich in die technische Zeitung eingeführt.»

Lediglich eine theoretische Einführung in den Journalismus bieten die Universitäten von Bern, Zürich, Freiburg, Genf und Lausanne sowie die Handelshochschule (heutige Universität) St. Gallen.

Wache Menschen mit sehr grosser Verantwortung

Aus dem Gespräch mit Stickelberger und ihren Berufskolleginnen und -kollegen schlussfolgert Meier-Hirschi, dass alle Journalistinnen und Journalisten etwas gemeinsam hätten: «Es sind wache Menschen, denen am Herzen liegt, was sich ringsum in der Öffentlichkeit zuträgt. Es sind Menschen mit journalistischem Temperament, einer Mischung aus Neugierde, Hartnäckigkeit, Ausdauer, Unerschrockenheit und Aufgeschlossenheit.»

Die Autorin führt aus, dass Journalistinnen und Journalisten mit beiden Beinen auf der Erde stehen müssen: «Zwischen den Lesern und einem Problem stellen sie eine Brücke her. Mit ihren Artikeln fordern sie zur Diskussion heraus, wirken meinungsbildend, formen an unserem Weltbild mit und tragen eine sehr grosse Verantwortung.»

Zeitung als Gemeinschaftswerk

Am Ende des Porträts fasst Stickelberger den Beruf mit ihren eigenen Worten zusammen: «Journalisten leben am Puls der Zeit, aber nicht nur acht, sondern vierundzwanzig Stunden am Tag. Journalist sein heisst, sich restlos, mit Haut und Haar, seiner Tätigkeit verschieben haben. Es bedeutet auch, immer zuvorderst an der Front zu stehen, was unendlich anregend, aber auch entsprechend aufregend und aufreibend ist.»

Meier-Hirschi rekapituliert folgendermassen: «Mag eine Ausgabe am Schluss noch so glänzend gelungen sein, es gibt keine Stars zu bewundern. Jede Zeitung ist ein Gemeinschaftswerk, ein Zusammenspiel verschiedener Talente, das nur dann funktioniert, wenn jeder Journalist und jeder Redaktor seinem Beruf und nicht seinem Namen zuliebe arbeitet.»

Das Buch «Traumberufe» kann in der Schweizerischen Nationalbibliothek bestellt werden.

Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?

Da ich mich sowohl beruflich als auch privat mit Religion auseinandersetze, durfte ich jene Frage, die Gretchen dem Faust in Goethes epochalem Werk stellt, schon öfters beantworten. Nicht selten wird die Gretchenfrage dabei begleitet von dem Nachtrag: «Aber du bist doch Atheist, warum beschäftigst du dich überhaupt mit Religion und der Kirche?»

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Faust im Studierzimmer (Gemälde von Georg Friedrich Kersting, 1829)

Im Schweizer Sonnenkanton Tessin erschlich ich mir vor rund siebzehn Jahren meinen ersten, unlauteren Blick hinter die Kulissen der katholischen Kirche. Vor einem tiefliegenden Pfarrhausfenster bat ich meine Grossmutter, auf ihre Schultern steigen zu dürfen, um einen Blick ins Innere des Gotteshauses werfen zu können. Von meinem neuen Aussichtspunkt aus, sah ich direkt auf die Halbglatze des Pfarrers und konnte ihn beim Schreiben eines Briefes beobachten – ein Bild, das sich bis heute bei mir eingeprägt hat.

Weitere Erinnerungen an die ersten Sommerferien in der Südschweiz beinhalten diverse Kirchen-, Kloster- und Kapellenbesichtigungen sowie meine fortwährende Fragerei von «Was bedeutet dieses Symbol?» über «Wer ist dieser Heilige?» bis «Was ist der Unterschied zwischen katholisch und reformiert?». Fragen nach dem «Wieso, Weshalb, Warum» würden erst später folgen. Wie auch Gretchen habe ich in meinen Kindesjahren die Kirche und die Religion nicht hinterfragt und hätte sie wohl dabei bekräftigt, als sie in Goethes Faust die damalige öffentliche Meinung aussprach: «Man muss dran glauben!»

Steigende Meinungsvielfalt

Die Gretchenfrage zeigt auf, wie viel sich seit Goethes Zeiten verändert hat. Fausts zurückhaltendes «Muss man daran glauben?» muss nicht mehr hinter vorgehaltener Hand geflüstert werden. Eine Befragung des Schweizer Bundesamtes für Statistik zeigt, dass 2016 fast jede vierte Person in der Schweiz konfessionslos ist. Gretchen würde das gar nicht gefallen.

Doch konfessionslos heisst noch nicht religionslos, und deshalb befindet sich ein Grossteil der europäischen Bevölkerung vermutlich irgendwo zwischen Faust und Gretchen. Viele Menschen machen sich ein eigenes Bild des Göttlichen, einige setzen auf Esoterik und Astrologie, einige sagen ja zu Gott und nein zur Kirche und wiederum andere sind Religion und Kirche gegenüber indifferent oder gar feindlich.

Bindung durch Distanz

Obwohl ich in der erzkatholischen Innerschweiz aufgewachsen bin und die Grundlagen und die Verfassung der Schweiz stark von sogenannten christlichen Werten geprägt sind, war eine Identifikation für mich nach meinen Kindestagen nie mehr spürbar. Mein fragiler Draht zu Gott und meinem Glauben zerbrach bereits an der ersten, kritischen Auseinandersetzung am Ende meiner Primarschulzeit. Als Folge davon habe ich den Atheismus als für mich richtige Auseinandersetzung mit der Religion entdeckt. Ironischerweise wurde ich durch den subjektiven Religionsunterricht in meiner Entscheidung bekräftigt.

Mein unablässiges Interesse an den Systemen und Menschen hinter der Religion wurde durch diese Distanzierung jedoch nur noch intensiver. Da Gläubige etwas besitzen, das mir fehlt und ich glücklicherweise dennoch nicht vermisse, bleiben die Gespräche mit ihnen für mich stets ertragreich und interessant, sofern sie grundehrlich mit ihrem Glauben umgehen und sie nicht doktrinistisch und gnadenlos festgefahren sind. Aber auch hier begegne ich einer paradoxen Bindung: Je mehr ich mich mit Religion auseinandersetze, desto abwegiger wird es für mich, je einem Glauben anzuhängen.

Förderung des Dialogs

Bücher und Essays von Christopher Hitchens, Richard Dawkins und Sam Harris halfen mir dabei, die zeitgenössische Philosophie der Aufklärung als Gegenstück zur institutionalisierten Religion und blindem Glauben besser zu verstehen und bildeten einen wichtigen Brückenschlag zum Existenzialismus. Religion wurde für mich fassbarer, verständlicher und logischer. Die delphischen Strukturen und Schemen wurden nach und nach aufgebrochen.

Gerade in der heutigen Zeit ist es enorm wichtig, dass man sich wieder intensiver und objektiver mit Religion und Glaube auseinandersetzt. Und dennoch ist in den (sozialen) Medien eine zunehmende Verhärtung der Fronten zu beobachten. Atheistinnen und Freidenker werden nicht ernst genommen oder schiessen polemisch gegen Gläubige, während Christinnen und Christen über Churer Bischöfe und Musliminnen und Muslime über den Islamischen Zentralrat der Schweiz definiert werden. Diese Frontenverhärtung kann und muss durchbrochen werden, um einen differenzierten Dialog mit den Religionen zu ermöglichen. Denn unser gesellschaftliches Zusammenleben ist ohne irgendeine Form der Religion gar nicht denkbar. Sie ist ein Spiegel unserer geistigen Souveränität oder eben Abhängigkeit.

Illusion eines idealen Internets

Shitstorms, Hetzkampagnen und Videos von Enthauptungen lassen den Ruf nach Regulativen im Internet laut werden. Ein neues Thema des Aufklärungsdiskurses wird diskutiert. Eine Medienzensur im digitalen Netz kann und darf aber nicht die Lösung sein.

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Nicht nur in elitär geführten Gesellschaften, sondern auch in jenen Teilen der Welt, die sich für aufgeklärt und demokratisch halten, wird der Ruf nach Medienzensur im digitalen Netz laut. (Bild: SANDRO BUCHER)

Das Internet verändert die menschliche Kommunikation so einschneidend, wie dies nur dem Buchdruck, der Reformation und der damit verbundenen «Enthierarchisierung» der Kommunikation zu Beginn der Neuzeit gelang.

Damals wie heute erhofften wir uns durch die neuen Formen der Kommunikation, alle Menschen miteinander zu verbinden und zu einer globalen Gesellschaft ohne Grenzen zu werden. Damals wie heute stellt sich die Frage, ob das Publikum mündig genug ist, um die verbreiteten Botschaften differenziert genug aufzunehmen, ohne dass es einer Regelung durch Zensur bedarf.

Medienrevolution

Die vernetzte Welt des digitalen Lebensraums lädt aufgrund ihres unerforschten Wesens fortwährend zu Entdeckungsfahrten ein. Jeder Mensch kann sich durch die schier unbegrenzten Kommunikationsmöglichkeiten zu Wort melden und seine Botschaft weltweit Gehör finden lassen. Etablierte Medien scheinen überflüssig zu werden. Doch darf die Autorität des herkömmlichen Journalismus deshalb hinterfragt werden?

Während sich etablierte Medien an Richtlinien und Standards eines nationalen Presserates oder unternehmensinternen Bestimmungen orientieren, zwängt sich ein Grossteil der Menschen in der digitalen Lebenswelt nicht in ein vergleichbares Korsett.

Internet als Ideal

Dieses Ungezwungene entspricht dem „Ideal einer vollkommenen Zeitung“, das der deutsche Schriftsteller Karl Philipp Moritz 1784 formulierte. Für ihn ist der Grundgedanke hinter einer erfolgreichen Aufklärung die Miteinbeziehung aller Bevölkerungsschichten in den Dialog. Die „öffentliche Zeitung“ soll eine mediale Öffentlichkeit schaffen, sie sei ein «unbestechliches Tribunal», «der Mund, wodurch zu dem Volke gepredigt, und die Stimme der Wahrheit, so wohl in die Paläste der Grossen, als in die Hütten der Niedrigen dringen kann.»

Der aktive Austausch über die vermittelten Informationen gehört für Moritz ebenso zur Einbindung aller Menschen in den Dialog: «Eltern, Erzieher, Menschen die in einer Stadt zusammen, oder entfernt leben, könnten sich einander ihre wichtigsten Vorschläge und Entdeckungen mitteilen, und sich durch die Zeitung miteinander über die angelegentlichsten Dinge besprechen.»

Mit der geforderten Partizipation knüpft Moritz an Immanuel Kants „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ an. Kant nimmt die Menschen selbst in die Verantwortung, sich aufzuklären um damit zur Unabhängigkeit zu gelangen, denn «Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so grosser Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben.»

Social Media-Terror

Das digitale Neuland wurde im Namen der Freiheit entdeckt. Die Gründerväter dieser Technologien feiern ihre neue Welt bis heute als Ort mit endlosem Freiheitspotential und würden in ihrer Euphorie auch von Kant und Moritz gestärkt werden. Doch die Vision, eine „digitale Basisdemokratie“ zu schaffen, birgt auch seine Gefahren.

Das Internet wird von terroristisch agierenden Milizen wie dem Islamischen Staat (IS) genutzt, um ihre Hassbotschaften und vergifteten Vorstellungen von Religion zu proklamieren. Zusätzlich nutzt der IS die Sozialen Medien, um neue Mitglieder zu rekrutieren. Twitter reagiert, wenn auch mit schwulstiger Sorgfalt. Der Mikroblogging-Dienst beruft sich auf seine selbstauferlegte Neutralität, die Mündigkeit seiner Nutzer und die freie Meinungsäusserung, die er auf seiner Kommunikationsplattformen gewähren will.

Mehr denn je drängt sich nicht nur die Frage auf, ob es für Inhalte im Internet ebenso Regulierungen und Grenzen braucht wie für etablierte Medien, sondern auch, ob solche Normierungen auf globaler Stufe sowohl rechtlich als auch kulturell und gesellschaftlich überhaupt umsetzbar sind.

Differenzierung und Einschränkung

«Auch das Elend und die Armut in den verborgnen Winkeln muss aufgedeckt, und nicht aus einer falschen Empfindsamkeit vor unserm Blick in Dunkel eingehüllt werden», schreibt Moritz in seinem Konzept der vollkommenen Zeitung und spricht sich damit gänzlich gegen eine Zensur von Unmenschlichkeit und Terror aus, fordert aber einen differenzierten und aufklärerischen Ansatz, der in das Gezeigte einfliessen muss: «Das Elend, wenns einmal da ist, muss unter uns zur Sprachen kommen, und auf Mittel gedacht werden, wie man demselben abhelfen kann.»

Dienen Videoaufnahmen von Enthauptungen als unabdingbares Anschauungsmaterial, oder taugen sie lediglich zum Stillen der Sensationsgier des Publikums? Eine mediale Thematisierung des Terrors und ein Abwägen von möglichen Lösungsansätzen gegen extremistische Ideologien müsste in einer aufgeklärten Gesellschaft auch ohne das gezeigte Bildmaterial möglich sein.

Grenzen der Freiheit

Die von Moritz formulierten Ideale einer vollkommenen Zeitung werden zu Recht kritisch hinterfragt. Globale Konsequenzen wurden vom deutschen Schriftsteller nicht berücksichtigt. Das Internet würde unter seinen Wertvorstellungen zu einem Nährboden und Brutplatz für Terrorismus verkommen.

Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet. Dieser Gedanke kann nicht isoliert von den Grundsätzen der Aufklärung betrachtet werden. In der „Dialektik der Aufklärung“, die Max Horkheimer und Theodor Adorno 1944 formulierten, behaupten die beiden Sozialphilosophen, dass ebendieses Denken schon den Keim zu jenem Rückschritt enthalte: «Nimmt Aufklärung die Reflexion auf dieses rückläufige Moment nicht in sich auf, so besiegelt sie ihr eigenes Schicksal.»

Ob ein Korsett der Regulierungen und Zensur das Endprodukt attraktiver macht, oder ob ihm dieser Schnürleib lediglich die Luft zum Atmen nimmt, ist je nach Sichtweise des Rezipienten unterschiedlich.

Aufklärung durch Eigenverantwortung

Es ist immanent, dass jeder Mensch etablierte und neue Medien sowie deren Autoritätsanspruch fortwährend hinterfragt. In der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ festgehaltene Artikel wie «Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäusserung; dieses Recht schliesst die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten» werden für das Internet beharrlich ihre Geltungsdauer haben, da Normierungen an der Mauer der Anonymität und Globalisierung gnadenlos zerbrechen.

Eine Umsetzung jedwelcher Zensur im Internet ist ein Kampf gegen Windmühlen. Es liegt, frei nach Kant, in der Verantwortung jedes Menschen, sich durch eigene Bearbeitung seines Geistes aus der Unmündigkeit herauszuwickeln und dennoch einen sicheren Gang zu tun.

David gegen Gott

Amerikas «Chefatheist» David Silverman geht mit Religionen und deren Vertretenden gnadenlos ins Gericht. Auf seiner Europa-Tour kam der «American Atheists»-Präsident nach Basel und Zürich, um sein neues Buch «Fighting God» und den sogenannten «Firebrand Atheism»vorzustellen: die Universalwaffe gegen die «grösste Lüge der Menschheitsgeschichte».

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«Hört auf, euch Freidenker zu nennen» – David Silverman bei seinem Vortrag im Karl der Grosse Zürich. (Bild: SANDRO BUCHER)

 «Sagt, dass ihr Atheisten seid, und hört mit diesem Freidenker-Bullshit auf», proklamiert Amerikas Chefatheist David Silverman bei der Mikrofonprobe im Zürcher Zentrum «Karl der Grosse» und legt damit vorzeitig den Grundstein für ein radikales Referat voller Überzeugung, Tatendrang und Strebsamkeit.

Schonungslose Aufklärung

Zu Beginn seines Vortrags hebt der Präsident der amerikanischen Atheisten hervor, dass Hardline-Atheismus sowohl auf persönlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene die effektivste Waffe gegen Religion sei: «Wenn ihr Religionen respektiert, so handelt ihr egoistisch und eigennützig.» Ein vorsichtiges Vorgehen im Kampf gegen die Religion sei der falsche Ansatz, wenn man etwas verändern möchte: «Religion ist ein Gift, dass aus den Wunden der Befallenen ausgesogen werden muss. Es liegt an uns, ihnen dabei zu helfen.»

Bei dieser Hilfestellung gehe es in erster Linie jedoch nicht darum, religiöse Menschen zum Atheismus zu bewegen: «Unser Ziel ist die Hoffnung der Aufklärung. Religiöse Menschen sind indoktrinierte Opfer ihrer sozialen Umgebung. Wir müssen die Ideologie angreifen, nicht den Menschen, und uns dabei jeglicher Dogmen enthalten.»

Fakten, keine Beleidigungen

Respektlosigkeit gegenüber jeder Religion: Das ist die unerschrockene «Firebrand Atheism»-Strategie, für die der Name David Silverman steht. Unter seiner Führung fanden in den USA PR-trächtige Werbeaktionen und Megaveranstaltungen wie die «Reason Rally 2012» statt, die als grösste atheistische Veranstaltung in die Weltgeschichte eingegangen ist.

Die wichtigste Regel beim «Firebrand Atheism» ist, dass Atheisten die Gläubigen nicht beleidigen: «Beschimpfungen sind Zeichen schwacher Argumente. Wir haben die stärksten Argumente auf unserer Seite, nämlich Fakten und Daten», sagt Silverman, «deshalb sind wir in der Pflicht, das Kind beim Namen zu nennen: Religion ist eine Lüge und alle Götter sind falsch.»

Silverman bekräftigt, dass er für gläubige Menschen Mitgefühl habe und sie genau deshalb nicht vor der brutalen Wahrheit schone. «Ich respektiere alle Menschen als Person, doch den Glauben respektiere ich nicht. Wer an Gott glaubt, ist nicht dumm, sondern Opfer der grössten Lüge in der Geschichte der Menschheit.»

«Hört auf, euch Freidenker zu nennen»

Nicht nur in Amerika, sondern überall auf der Welt sei es wichtig, keine Angst davor zu haben, sich als Atheist zu positionieren: «Relativierende Euphemismen wie Skeptiker, Humanisten, Säkulare, Agnostiker und Freidenker schaden unserer Sache», sagt Silverman, «in der Regel werden diese Begriffe von verkappten Atheisten verwendet, um nicht anzuecken.» Nur Atheismus sei der korrekte Terminus, bei dem alle verstünden, was gemeint sei.

Durch die sprachliche Verwässerung entstehe ein falsches Bild von Gottlosen, besonders in Amerika: «Viele denken, es gebe in den USA nur etwa drei Prozent Atheisten. Dabei kommt man durch das Zusammenzählen aller Atheisten, die sich hinter einem Euphemismus verstecken, locker auf rund dreissig Prozent. Dass wir uns nicht klar positionieren, schadet unserer Sache enorm.»

«Ein atheistischer US-Präsident wird kommen»

Seine fundamentale Haltung begründet der 49-jährige Amerikaner unter anderem durch die durchdringenden Missstände in seinem Land: «Stets betonen wir die Gleichheit unserer Bürger, doch wer nicht an Gott glaubt, kann beispielsweise eine Karriere in der Politik gleich wieder vergessen.»

Silverman sagt, er wisse aus persönlicher Erfahrung, dass sich im US-Senat Dutzende Atheisten verstecken, die nicht offen zu ihrem Unglauben stehen können. «Bis wir einen offen atheistischen US-Präsidenten haben, geht es bestimmt noch einige Jahrzehnte. Aber er oder sie wird kommen. Die religiöse Landschaft in den Vereinigten Staaten entwickelt sich im Eiltempo zu unseren Gunsten.»

Korrektes Kritisieren

Mängel und Unrechtmässigkeiten gegenüber Atheisten beobachtet Silverman nicht nur in der Politik, sondern in fast allen gesellschaftlichen Bereichen: «Als Gläubiger geniesst man überall Privilegien. Viele fühlen sich nur deshalb beleidigt, wenn man ihren Glauben kritisiert, weil sie Angst davor haben, ihre Sonderstellung zu verlieren.»

In diesen Fällen ist es wichtig, den Gläubigen klarzumachen, dass sich die Kritik nicht auf die Person, sondern auf die Religion bezieht: «Atheisten müssen sich bei Religionskritik den Nuancen religiöser Komponenten bewusst sein: Gott, Geister, Wunder und Offenbarungen basieren auf einer Lüge. Die karitative Arbeit der Kirche hat damit nichts zu tun und existiert nur, weil helfende Menschen empathisch sind. Das sind soziale Werte ohne religiösen Ursprung, die Respekt verdient haben.»

Fighting God

Silverman schliesst sein Referat mit der Aufforderung, sein atheistisches Manifest für eine religiöse Welt, «Fighting God», so schnell wie möglich vorzubestellen: «Durch gute Vorverkaufszahlen sind grosse Zeitungen und religiöse Magazine dazu gezwungen, über das atheistische Manifest zu berichten. Dadurch erreicht unsere Botschaft höhere Resonanz.» Das Buch zeige die Wahrheit über Religion und deren negative Effekte auf die heutige Gesellschaft sowie die wesentlichen Beweise dafür auf, wie die Inexistenz Gottes erfolgreich nachgewiesen werden kann. Eine deutsche Fassung ist noch nicht angekündigt.

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Das Interview erschien auf hpd.de.