David gegen Gott

Amerikas «Chefatheist» David Silverman geht mit Religionen und deren Vertretenden gnadenlos ins Gericht. Auf seiner Europa-Tour kam der «American Atheists»-PrĂ€sident nach Basel und ZĂŒrich, um sein neues Buch «Fighting God» und den sogenannten «Firebrand Atheism»vorzustellen: die Universalwaffe gegen die «grösste LĂŒge der Menschheitsgeschichte».

Silverman2
«Hört auf, euch Freidenker zu nennen» – David Silverman bei seinem Vortrag im Karl der Grosse ZĂŒrich. (Bild: SANDRO BUCHER)

 «Sagt, dass ihr Atheisten seid, und hört mit diesem Freidenker-Bullshit auf», proklamiert Amerikas Chefatheist David Silverman bei der Mikrofonprobe im ZĂŒrcher Zentrum «Karl der Grosse» und legt damit vorzeitig den Grundstein fĂŒr ein radikales Referat voller Überzeugung, Tatendrang und Strebsamkeit.

Schonungslose AufklÀrung

Zu Beginn seines Vortrags hebt der PrĂ€sident der amerikanischen Atheisten hervor, dass Hardline-Atheismus sowohl auf persönlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene die effektivste Waffe gegen Religion sei: «Wenn ihr Religionen respektiert, so handelt ihr egoistisch und eigennĂŒtzig.» Ein vorsichtiges Vorgehen im Kampf gegen die Religion sei der falsche Ansatz, wenn man etwas verĂ€ndern möchte: «Religion ist ein Gift, dass aus den Wunden der Befallenen ausgesogen werden muss. Es liegt an uns, ihnen dabei zu helfen.»

Bei dieser Hilfestellung gehe es in erster Linie jedoch nicht darum, religiöse Menschen zum Atheismus zu bewegen: «Unser Ziel ist die Hoffnung der AufklĂ€rung. Religiöse Menschen sind indoktrinierte Opfer ihrer sozialen Umgebung. Wir mĂŒssen die Ideologie angreifen, nicht den Menschen, und uns dabei jeglicher Dogmen enthalten.»

Fakten, keine Beleidigungen

Respektlosigkeit gegenĂŒber jeder Religion: Das ist die unerschrockene «Firebrand Atheism»-Strategie, fĂŒr die der Name David Silverman steht. Unter seiner FĂŒhrung fanden in den USA PR-trĂ€chtige Werbeaktionen und Megaveranstaltungen wie die «Reason Rally 2012» statt, die als grösste atheistische Veranstaltung in die Weltgeschichte eingegangen ist.

Die wichtigste Regel beim «Firebrand Atheism» ist, dass Atheisten die GlĂ€ubigen nicht beleidigen: «Beschimpfungen sind Zeichen schwacher Argumente. Wir haben die stĂ€rksten Argumente auf unserer Seite, nĂ€mlich Fakten und Daten», sagt Silverman, «deshalb sind wir in der Pflicht, das Kind beim Namen zu nennen: Religion ist eine LĂŒge und alle Götter sind falsch.»

Silverman bekrĂ€ftigt, dass er fĂŒr glĂ€ubige Menschen MitgefĂŒhl habe und sie genau deshalb nicht vor der brutalen Wahrheit schone. «Ich respektiere alle Menschen als Person, doch den Glauben respektiere ich nicht. Wer an Gott glaubt, ist nicht dumm, sondern Opfer der grössten LĂŒge in der Geschichte der Menschheit.»

«Hört auf, euch Freidenker zu nennen»

Nicht nur in Amerika, sondern ĂŒberall auf der Welt sei es wichtig, keine Angst davor zu haben, sich als Atheist zu positionieren: «Relativierende Euphemismen wie Skeptiker, Humanisten, SĂ€kulare, Agnostiker und Freidenker schaden unserer Sache», sagt Silverman, «in der Regel werden diese Begriffe von verkappten Atheisten verwendet, um nicht anzuecken.» Nur Atheismus sei der korrekte Terminus, bei dem alle verstĂŒnden, was gemeint sei.

Durch die sprachliche VerwÀsserung entstehe ein falsches Bild von Gottlosen, besonders in Amerika: «Viele denken, es gebe in den USA nur etwa drei Prozent Atheisten. Dabei kommt man durch das ZusammenzÀhlen aller Atheisten, die sich hinter einem Euphemismus verstecken, locker auf rund dreissig Prozent. Dass wir uns nicht klar positionieren, schadet unserer Sache enorm.»

«Ein atheistischer US-PrÀsident wird kommen»

Seine fundamentale Haltung begrĂŒndet der 49-jĂ€hrige Amerikaner unter anderem durch die durchdringenden MissstĂ€nde in seinem Land: «Stets betonen wir die Gleichheit unserer BĂŒrger, doch wer nicht an Gott glaubt, kann beispielsweise eine Karriere in der Politik gleich wieder vergessen.»

Silverman sagt, er wisse aus persönlicher Erfahrung, dass sich im US-Senat Dutzende Atheisten verstecken, die nicht offen zu ihrem Unglauben stehen können. «Bis wir einen offen atheistischen US-PrÀsidenten haben, geht es bestimmt noch einige Jahrzehnte. Aber er oder sie wird kommen. Die religiöse Landschaft in den Vereinigten Staaten entwickelt sich im Eiltempo zu unseren Gunsten.»

Korrektes Kritisieren

MĂ€ngel und UnrechtmĂ€ssigkeiten gegenĂŒber Atheisten beobachtet Silverman nicht nur in der Politik, sondern in fast allen gesellschaftlichen Bereichen: «Als GlĂ€ubiger geniesst man ĂŒberall Privilegien. Viele fĂŒhlen sich nur deshalb beleidigt, wenn man ihren Glauben kritisiert, weil sie Angst davor haben, ihre Sonderstellung zu verlieren.»

In diesen FĂ€llen ist es wichtig, den GlĂ€ubigen klarzumachen, dass sich die Kritik nicht auf die Person, sondern auf die Religion bezieht: «Atheisten mĂŒssen sich bei Religionskritik den Nuancen religiöser Komponenten bewusst sein: Gott, Geister, Wunder und Offenbarungen basieren auf einer LĂŒge. Die karitative Arbeit der Kirche hat damit nichts zu tun und existiert nur, weil helfende Menschen empathisch sind. Das sind soziale Werte ohne religiösen Ursprung, die Respekt verdient haben.»

Fighting God

Silverman schliesst sein Referat mit der Aufforderung, sein atheistisches Manifest fĂŒr eine religiöse Welt, «Fighting God», so schnell wie möglich vorzubestellen: «Durch gute Vorverkaufszahlen sind grosse Zeitungen und religiöse Magazine dazu gezwungen, ĂŒber das atheistische Manifest zu berichten. Dadurch erreicht unsere Botschaft höhere Resonanz.» Das Buch zeige die Wahrheit ĂŒber Religion und deren negative Effekte auf die heutige Gesellschaft sowie die wesentlichen Beweise dafĂŒr auf, wie die Inexistenz Gottes erfolgreich nachgewiesen werden kann. Eine deutsche Fassung ist noch nicht angekĂŒndigt.

___________

Das Interview erschien auf hpd.de.

Adoray – Bunter Katholiken-Konservativismus

Rund 500 Interessierte haben vom 6. bis 8. November das diesjĂ€hrige «Adoray»-Festival im Schweizer Kanton Zug besucht. Die katholische Gebetsgruppe lockt mit einer jugendlichen Frische und umhĂŒllt ihre konservativ-erzkatholische Vision hinter einem Schleier der Aufgeschlossenheit.

kirchenrecht
Nebelhafte Kernbotschaften: Zurzeit ist in gewissen Punkten unklar, in welche Richtung die «Adoray»-Bewegung geht. (Bild: SANDRO BUCHER)

Am Anfang war der Entstehungsmythos. Die GrĂŒndung von «Adoray» geht nĂ€mlich auf eine Legende zurĂŒck: Mehrere  Jahre lang haben BrĂŒder in einem Zuger Kloster dafĂŒr gebetet, dass sich eine junge und frische Gebetsgruppe bilden werde, die die katholischen Werte vertreten wĂŒrde. Bis eines Tages zwei junge MĂ€nner an die KlostertĂŒr geklopft und die BrĂŒder um UnterstĂŒtzung bei der GrĂŒndung einer ebensolchen Gebetsgruppe gebeten haben.

Das war 2004. Heute, elf Jahre spÀter, prÀsentiert sich die Adoray-Gebetsgruppe als bunt verpacktes Erzkatholiken-Geschenk, das trotz oder gerade wegen seiner Farbvielfalt kaum auffÀllt neben all den evangelikalischen Geschenken unter dem Freikirchen-Weihnachtsbaum der Schweiz.

Elegantis Feder

In den Adoray-Gebetsgruppen wird katholisches Gedankengut vermittelt und auch in dem diesjÀhrigen Festival-Flyer scheinen die Organisatoren nur knapp daran vorbeizuschrammen, von einer römischen Linie und Papsttreue zu sprechen: «Adoray wird von engagierten, vom Glauben an Jesus Christus begeisterten, katholischen, jungen Menschen organisiert. Adoray untersteht dem Jugendbischof der Schweizerischen Bischofskonferenz, der die Statuten bestÀtigt hat.»

FlyerAdoray
Auszug des diesjÀhrigen Adoray-Flyers. (Screenshot)

Auffallend ist, dass der Jugendbischof der Schweizerischen Bischofskonferenz nicht namentlich erwÀhnt wird. Nur im Programm des Flyers findet man dessen Namen beim Abschlussgottesdienst am Sonntag: Marian Eleganti. Zur Erinnerung: Marian Eleganti ist jener Bischof, der im Mai dieses Jahres dazu aufgerufen hat, den modernen Menschen zur Umkehr zu bewegen und dass sich nicht die Kirche der heutigen Zeit anpassen solle, sondern umgekehrt.

Eleganti
Elegantis PlĂ€doyer fĂŒr eine rĂŒckstĂ€ndigere Gesellschaft, die sich der Kirche anpasst (Auszug «Bote der Urschweiz», Front, 11. Mai 2015)

Die Schweizer Bischofskonferenz ist dafĂŒr bekannt, dass sie in sozial-ethischen und prophetischen Fragen fĂŒr den römischen Revolutionsgeist Franziskus‘ nicht empfĂ€nglich ist. Unter dieser PrĂ€misse wird sich Adoray nur schwer als zeitgemĂ€sse Institution mit katholischem Gedankengut etablieren können.

Schönborns Rede

Was Adoray dennoch schon jetzt von der römisch-katholischen Kirche abhebt, ist, dass «fehlerhafte» Menschen ĂŒberall und immer willkommen sind. Unter Fehlerhaftigkeit versteht man beispielsweise Sex vor der Ehe oder HomosexualitĂ€t.

So haben die Veranstalter des diesjĂ€hrigen Adoray-Festivals in Christoph Schönborn den perfekten Kandidat fĂŒr die Kanzel  gefunden: der 70-jĂ€hrige Erzbischof von Wien ist ein Kardinal ganz im Sinne von Franziskus. VordergrĂŒndig fĂ€hrt er eine liberale Schiene (ja zu EmpfĂ€ngnisverhĂŒtung, offen fĂŒr Dialog mit anderen Glauben, etc.), hintergrĂŒndig wĂŒrde er jedoch auf ebendieser Schiene das Papstmobil gegen die Wand fahren (Stillschweigen zu Missbrauchsskandalen, Stillschweigen zu Vatileaks, etc.). Diese Zerrissenheit und UnschlĂŒssigkeit widerspiegelt sich, zumindest gegen aussen, auch in den derzeitigen Adoray-Wertvorstellungen.

Adorays Jugend

Die junge Adoray-Community wird sich in den nĂ€chsten Jahren bestimmt noch formen, entwickeln, spezifizieren und mit grosser Wahrscheinlichkeit auch ausdehnen. Die Frage ist, ob sie im Laufe dieses Prozesses noch offener wird oder sich unter der FĂŒhrung der Schweizer Bischofskonferenz noch strenger auf den Hauptgehalt der katholischen Kirche stĂŒtz. Und wie synchron sie den Kurs mit Rom fahren wird. Und wie gewissenhaft sich das jugendliche Publikum ĂŒberhaupt an den gepredigten GrundsĂ€tzen orientiert, oder ob es fĂŒr die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer nur eine «neo-traditionellere» Form eines Jugendtreffs ist. Die Entwicklung der ReligiositĂ€t in der Schweiz deutet darauf hin, dass es eher Letzteres ist.

«Die Entwicklung in der Schweiz ist beunruhigend»

Schon vor der Jugendsession haben sich die 22 Teilnehmenden der Projektgruppe «Datenschutz» aus beruflichen und privaten GrĂŒnden rege mit dem Thema beschĂ€ftigt. Mit ihrer FĂŒrsorge verkörpern sie einen grossen Teil der Schweizer Jugend, der sich seit den EnthĂŒllungen Edward Snowdens vermehrt Gedanken um die Sicherheit seiner persönlichen Daten macht.

BKO4363-720x340
Nicht nur im echten Leben, auch dann, wenn wir uns im Internet bewegen, werden wir ĂŒberwacht. (Bild: BASIL KOLLER/Tink.ch)

Seit das Zeitalter der Digitalisierung eingelÀutet wurde, ist die weltweit gespeicherte Datenmenge explodiert. Nicht nur die Privatwirtschaft und der Staat werden durch die Entwicklung der letzten Jahre vor eine enorme Herausforderung gestellt. Smartphone und Notebook reichen bereits, um selbst in den Sog des Datensturms zu geraten.

Umstrittener Einsatz von Staatstrojanern

In der demokratischen Gesellschaftsordnung der Schweiz gilt, dass jeder Mensch so weit wie nur möglich selber darĂŒber bestimmen kann, welche Informationen ĂŒber ihn wann, wo und wem bekannt gegeben werden. Dass dies so bleibt, gewĂ€hrleistet der Datenschutz.

In der Sommersession dieses Jahres stimmte der National- und StĂ€nderat ĂŒber zwei umstrittene Gesetzesvorlagen ab, die den Datenschutz betreffen: die Revision des Bundesgesetzes zur Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs (BĂŒpf) und des Nachrichtendienstgesetzes. Durch die beiden Erlasse soll die Vorratsdatenspeicherung von einem halben auf ein ganzes Jahr ausgedehnt werden.

Des Weiteren ermöglicht die Revision den Einsatz von sogenannten «Staatstrojanern». Darunter versteht man eine Software, die ohne das Wissen des Anwenders auf Computer installiert werden kann. Einmal installiert, können die Trojaner E-Mails lesen und Internet-Telefonate mitschneiden.

«In einem Rechtsstaat sollte das nicht passieren»

Die beiden Erlasse stossen in der Datenschutz-Gruppe der Jugendsession nicht bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf Zuspruch: «Die geplanten Schritte finde ich beunruhigend. Durch Staatstrojaner können Beweise manipuliert werden, was in einem Rechtsstaat nicht passieren sollte. Damit stellt man die gesamte Bevölkerung unter Generalverdacht», sagt der 19-jÀhrige David Scherer.

Sonja Nussbaumer, 20, sieht im Datenschutz eine anhaltende Gratwanderung: «Zu einem gewissen Punkt brauchen wir die Überwachung. Doch sobald die PrivatsphĂ€re zu fest eingeschrĂ€nkt wird, wird es zu viel.»

Die 16-jĂ€hrige CĂ©line Beutler war vor der Jugendsession klar gegen eine Revision des BĂŒpf. Durch die VortrĂ€ge der Experten versteht sie mittlerweile beide Seiten: «Das Aufkommen von Terrorismus legitimiert die SchĂ€rfung der Gesetze. Trotzdem mĂŒsste man sie in der jetzigen Form einschrĂ€nken.»

FrĂŒhling der DatenschĂŒtzer

Durch die OmniprĂ€senz der sozialen Medien, EnthĂŒllungen von Edward Snowden und die fortwĂ€hrende Datensammelwut globaler Unternehmen setzen sich die Jugendlichen seit einigen Jahren vermehrt mit Datenschutz auseinander.

Dies haben die meisten Mitglieder der Datenschutz-Arbeitsgruppe auch in ihren Freundeskreisen bemerkt: «Es gab bei uns in der Schule einen Vorfall von Datenmissbrauch. Dadurch wurde bei uns allen das Interesse wieder grösser», sagt der 17-jÀhrige Camill Grob.

Auch David Scherer hat bemerkt, dass sein Freundeskreis durch die EnthĂŒllungen Edward Snowdens fĂŒr das Thema sensibilisiert wurde. Sonja Nussbaumer hingegen sah keinen Wandel in ihrem Umfeld: «Viele wissen zwar, wie sie ihre Daten besser schĂŒtzen könnten, doch aus Bequemlichkeit machen sie nichts dagegen.»

Die Diskussionen in der Arbeitsgruppe bleiben durch die verschiedenen Erfahrungen und HintergrĂŒnde der Teilnehmenden differenziert, ausgewogen und abwechslungsreich.

Die von ihnen erarbeitete Forderung hat zum Ziel, fĂŒr die nationale Politik verwendbar zu sein. Sie alle sind sich jedoch einig: Die Eigenverantwortung im Umgang mit den Daten darf dabei nicht vergessen werden.

___________

Der Artikel erschien auf tink.ch.

Das Ergrauen des Regenbogens

Vor 22 Jahren machten sich Homosexuelle im katholischen Irland noch strafbar, heute leuchtet die grĂŒne Insel bunt: 62,1 Prozent aller WĂ€hler votierten Ende Mai fĂŒr eine VerfassungsĂ€nderung, die gleichgeschlechtliche Ehen ermöglicht. Trotz dieses richtungsweisenden Resultats zeigen sich die BefĂŒrworter der Homo-Ehe in Mitteleuropa zögerlich und lassen der Gegenpartei freie Hand bei der Meinungsbildung.

regenbogenfahne_sw
Foto: FRANK NICOLAI/hpd.de

Dass die Katholiken-Hochburg Irland die Homo-Ehe erlaubt, ist die bisher greifbarste Versinnbildlichung davon, dass katholische Kleriker und konservative Kreise bei der Homo-Ehen-Frage den Kontakt zur Basis verloren haben. Von einem «substanziellen Riss zwischen der katholischen Kirche und der Gesellschaft» sprach der Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, und bewertete den Ausgang des Referendums im Interview mit der Internetplattform „Vatican Insider“ als «Zeichen einer Kulturrevolution».

«Schwulenrechte greifen Familien an»

Ein Grossteil der Schweizerinnen und Schweizer zeigt sich bisher noch nicht beflĂŒgelt vom irischen Revolutionsgeist. Am 10. Juni wurde ein neues Komitee gegrĂŒndet, das die Homo-Ehe in der Schweiz verhindern und das traditionelle Familienbild stĂ€rken will. «Es ist an der Zeit, die Demontage der traditionellen Familie zu stoppen», sagt Co-PrĂ€sident und EDU-Politiker Marco Giglio, «die Ausdehnung der Schwulenrechte ist ein Angriff auf die Familie.» Geplant ist bereits ein Referendum gegen die PlĂ€ne des Bundesrats, homosexuellen Paaren die Adoption zu erlauben. Der bisher einzige, verhaltene Kommentar zur GrĂŒndung des Komitees kommt vom Schwulen-Verband «Pink Cross»: GeschĂ€ftsleiter Bastian Baumann bezeichnet den Verein im Interview mit der Schweizer Tageszeitung «20 Minuten» als «verschlossene Gruppe, die die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat.»

Unbiegsame Befangenheit

Trotz oder gerade wegen den steilen Behauptungen des EDU-Politikers Marco Giglio neigen BefĂŒrworter der gleichgeschlechtlichen Ehe und des Adoptionsrechts fĂŒr homosexuelle Paare dazu, sĂ€mtliche Gegenparteien als eine Desavouierung des Zeitgeistes abzuwinken, und verhindern damit wichtige Diskussionen, die zu einer Einlenkung und AnnĂ€herung fĂŒhren könnten. Zwar sind in der Schweiz Ă€hnliche Forderungen wie in Irland pendent – die GrĂŒnliberalen fordern eine parlamentarische Initiative, die die Ehe und die eingetragene Partnerschaft fĂŒr alle öffnet – doch die Meinungen beider Lager sind derart festgefahren, dass auch die Strahlkraft des irischen Votums niemanden zu erweichen scheint.

Politische Zerrissenheit

Die Öffnung der Homo-Ehe ist eine ethische und moralische Grundsatzfrage, die die Geister scheidet und bis in den Kern des traditionellen, christlichen Familien- und Gesellschaftsbilds bohrt. Gerade deswegen stehen vor allem Politiker im Zwiespalt. So auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, die als CDU-Politikerin um die Haltung des traditionellen Teils ihrer Partei weiss, aber auch die gesellschaftliche Stimmung in Deutschland kennt. Nicht nur sie wird deshalb vor die Frage gestellt, ob sie bei der Ehe-Frage gegen die Mehrheit des Bundestags, des Bundesrats und der Bevölkerung regieren möchte: Laut einer aktuellen Umfrage des deutschen Wochenmagazins «Stern» sind 74 Prozent dafĂŒr, dass Lebensgemeinschaften von gleichgeschlechtlichen Partnern vollkommen der traditionellen Ehe gleichgestellt werden.

Mehr Mut zur Meinung

UnabhĂ€ngig der Denkweise ist es fĂŒr Volksvertreter unabdinglich, sich auch bei derart heiklen Gesellschaftsfragen zu Ă€ussern; was noch keine klare Positionierung an einer der polarisierenden Fronten zur Folge haben muss. Im Zentrum steht, wie bei jeder Debatte, die Suche nach Integration gesellschaftlicher GegensĂ€tze, geleitet von den Mechanismen der demokratischen Auseinandersetzung.

___________

Der Artikel erschien zusÀtzlich auf tink.ch und hpd.de.

Wie steht es um die ReligiositĂ€t der Schweiz?

Mit der 2014 veröffentlichten Studie „Religion und SpiritualitĂ€t in der Ich-Gesellschaft“ schliesst der Schweizer Religionssoziologe Dr. Jörg Stolz an eine Forschungsrichtung an, die vor ĂŒber zwanzig Jahren begann. Erstmals wurde auch alternative SpiritualitĂ€t und SĂ€kularitĂ€t berĂŒcksichtigt, um eine noch exaktere Vermessung der religiösen Landschaft in der Schweiz zu gewĂ€hrleisten. An einer Veranstaltung der Freidenker Vereinigung Schweiz (FVS) stellte Stolz seine Befunde vor und sprach ĂŒber die Tendenzen und den Wandel der Schweiz.

stolz (1)
Dr. Jörg Stolz wÀhrend seines Vortrags in Olten. (Bild: Dorothee Schmid)

ReligiositĂ€t und SpiritualitĂ€t zeigen sich in der Schweiz in vier grossen Gestalten, so der Befund von Dr. Jörg Stolz, Professor fĂŒr Religionssoziologie an der UniversitĂ€t Lausanne. Die „Institutionellen“ (17,5 Prozent) sind traditionell und freikirchlich-christlich, wĂ€hrend „Alternative“ (13,4 Prozent) auf Esoterik und Astrologie setzen. „SĂ€kulare“ (11,7 Prozent) sind oft konfessionslos und Religion gegenĂŒber indifferent oder feindlich. Der Löwenanteil der Bevölkerung gehört jedoch den „Distanzierten“ (57,4 Prozent) an. Der distanzierten Gruppe ist Religion nur in bestimmten Situationen wichtig. Ihre religiösen Überzeugungen sind hĂ€ufig diffus und werden fĂŒr die jeweiligen Lebenslagen immer wieder aufs Neue zurechtgebogen und angepasst.

Aufstieg der Konfessionslosen

Innerhalb der letzten fĂŒnfzig Jahre haben sich diese vier Milieus aufgrund von gesellschaftlicher VerĂ€nderung, sozialen Trends und Wertewandel massgeblich verĂ€ndert. Tendenziell wird die Schweiz mit jeder Generation weniger religiös. Diverse Indikatoren zeigen, dass sich die institutionelle religiöse Praxis gerade in den 1960er Jahren, wĂ€hrend des Wirtschaftsbooms, tiefgreifend verĂ€ndert hat. Zum ersten Mal treten 1960 in der nationalen VolkszĂ€hlung die Konfessionslosen auf, damals mit 0,7 Prozent noch ein vernachlĂ€ssigbares MinderheitsphĂ€nomen. Diese Minderheit ist bis im Jahr 2013 auf 21,4 Prozent rasant angestiegen und zĂ€hlt mittlerweile die grösste „Zugehörigkeit“ nach den beiden Landeskirchen.

WĂ€hrend vor einem Jahrhundert noch 58 Prozent der Schweizer der evangelisch-reformierten Kirche angehörten, sind es heute noch 26,9 Prozent. Die katholische Kirche konnte einen Absturz dieses Ausmasses durch den Zuzug von italienischen, portugiesischen und spanischen Gastarbeitern vorerst verhindern und erlebte gar eine Renaissance. Im Jahr 1900 waren die Katholiken mit 42 Prozent klar in der Minderheit, bevor sie Mitte des 20. Jahrhunderts gar an der 50-Prozent-Marke kratzten. Heute ist von diesem Aufschwung nicht mehr viel spĂŒrbar: Die Katholiken sind mit 38,2 Prozent, wie auch die Evangelisch-reformierten, an einem bisherigen Tiefstwert angelangt. Zugunsten von Personen ohne Konfession.

SÀkularitÀt durch Pluralisierung und Individualisierung

Neben ökonomischen Faktoren hat auch eine Pluralisierung des Glaubens, die aufgrund von Immigration und Globalisierung vor rund fĂŒnfzig Jahren ihren Anfang nahm, zu der starken VerĂ€nderung in der Schweiz beigetragen. Durch die Zuwanderung von Buddhisten, Hindus und Muslimen musste sich der Schweizer Staat zunehmend die Frage stellen, wie man allen GlĂ€ubigen zukĂŒnftig gerecht werden könne. Da die Regierungen der Kantone nicht alle Religionen anerkennen konnten, wurde beispielsweise der Religionsunterricht in den Schulen verstĂ€rkt neutraler gestaltet, was zu einer differenzierten Auseinandersetzung des Glaubens bei Kindern fĂŒhrte.

Parallel zur Pluralisierung entstand zusĂ€tzlich eine Individualisierung der Religion: „Die Menschen wurden immer individueller und wollten zunehmend selbst entscheiden, was ihre ganz eigenen BedĂŒrfnisse sind“, erklĂ€rt Dr. Stolz, „dadurch entsteht ein Interessenskonflikt mit der institutionellen Religion, die klare Vorgaben und Richtlinien hat.“

Kampf an den polarisierenden Fronten

„FĂŒr die Schweizer Bevölkerung ist wahrscheinlich, dass es in den nĂ€chsten Jahrzehnten zu einer neuartigen Polarisierung kommen wird“, schliesst Dr. Stolz. Konfessionslosigkeit und GottesunglĂ€ubigkeit werden im Laufe der Zeit immer weniger GemĂŒter erhitzen. Dagegen scheint sich abzuzeichnen, dass das Abschmelzen der selbstverstĂ€ndlichen und traditionell gestĂŒtzten VolksreligiositĂ€t der Landeskirchen zu einem neuen Gegenpol und einer neuen Konfliktlinie fĂŒhren wird.

Auf der einen Seite werden in der Schweiz diejenigen sein, die besonders stark und ausgeprĂ€gt ihren Glauben praktizieren werden. Unter denjenigen wird die Anzahl der Freikirchlichen, die sich aktiv gegen die sĂ€kularen Neigungen der modernen Gesellschaft stellen, steigen. Auf der anderen Seite erstarken die engagierten SĂ€kularisten, die Religion als unnötiges Nebenprodukt oder als Fehler der Evolution bekĂ€mpfen wollen. Dr. Stolz: „In jedem Fall wird es wichtig sein, auf das zu setzen, was unserer Gesellschaft seit Jahrzehnten inneren Frieden gebracht hat: die Mechanismen der demokratischen Auseinandersetzung, des Rechtstaats und der nie endenden Suche nach Integration der gesellschaftlichen GegensĂ€tze.“

___________

Der Artikel erschien zusÀtzlich auf hpd.de.

Warum gibt es keine Kirchenrebellen mehr?

Gegen den Willen seines Bistums hat ein Schweizer Pfarrer ein  gleichgeschlechtliches Paar gesegnet. Statt sich weiter fĂŒr seine Überzeugung einzusetzen und damit eine Versetzung zu riskieren, missachtet er die SolidaritĂ€t von fast 44 000 Schweizerinnen und Schweizern, lenkt ein und waltet seines Amtes kĂŒnftig mit einem Maulkorb. Kein Einzelfall: Die Gattung «Kirchenrebell» ist schon seit der Reformation in Europa vom Aussterben bedroht.

LutherGabi Schoenemannpixelio
Martin Luther (1483 – 1546), Archetyp des modernen Kirchenrebellen. (Bild: Gabi Schoenemann/pixelio.de)

Keine andere Institution auf der Welt wird so oft, so scharf und so leidenschaftlich kritisiert wie die katholische Kirche. Forderungen nach Reformen und WĂŒnsche nach einer liberaleren Kirche erreichen den Vatikan und die Aussenstellen des Heiligen Stuhls im Stundentakt. Angebracht werden die Beanstandungen dieser Tage primĂ€r von Konfessionslosen und Laien. Kircheninterne Kritik wird kaum noch wahrgenommen oder prallt spĂ€testens an der theologisch geleiteten Erinnerung im Dienste des religiösen GedĂ€chtnisses ab.

Fehlendes VerantwortungsgefĂŒhl

Aufgeschlossener Aktionismus ist dem starrem Folgen von angeblich zementierten Lehren des Patriarchats gewichen. Nicht nur bei Kardinal Gerhard Ludwig MĂŒller, der Anfang Mai als PrĂ€fekt der Glaubenskongregation vor einer Anpassung der katholischen Lehre zur Ehe an den Zeitgeist in Europa gewarnt hat: «Die Kirche kann ihre Lehre ĂŒber die SakramentalitĂ€t der Ehe nicht Ă€ndern.» Sollte das effektiv die MentalitĂ€t der katholischen Obrigkeit widerspiegeln, stellt sich die Frage: Wer sonst, wenn nicht sie? Die Kirche wird seit jeher von Menschen gefestigt, geformt, verĂ€ndert und weiterentwickelt.

Kuschende Kleriker

Ein Auswuchs dieser starren Lethargie zeigte sich jĂŒngst in der Gemeinde BĂŒrglen im Schweizer Kanton Uri. Der langjĂ€hrige Pfarrer des 4000-Seelen-Dorfes, Wendelin Bucheli, erteilte im Oktober 2014 einem homosexuellen Paar den Segen. Als das zustĂ€ndige Bistum Chur Wind davon bekam, legten sie dem Pfarrer einen RĂŒcktritt nahe und drohten ihm gar mit einer Zwangsversetzung. Die Schweizer Bischofskonferenz bekrĂ€ftigte im MĂ€rz dieses Jahres, dass die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare abzulehnen sei. Die Segnung widerspreche der Lehre, und die Bischöfe könnten diese nicht Ă€ndern.

Aufgrund des immer frostiger werdenden, dogmatischen Winds aus dem Bistum Chur gab der Pfarrer klein bei und schoss die SolidaritĂ€tsbekundungen von fast 44 000 Laien, Konfessionslosen sowie einigen Kolleginnen und Kollegen, die fĂŒr ihn in einer Onlinepetition Position bezogen haben, in ebendiesen Wind.  Wendelin Bucheli entschied sich im Angesicht einer drohenden Versetzung fĂŒr den Weg des geringsten Widerstands: die aufgezwungene kuriale Politik der ruhigen Hand anzunehmen. Maulkorb inklusive.

Beginn bei der Menschlichkeit

Der Aktionsradius der kirchlichen Spitze hĂ€ngt stets von der Kooperationsbereitschaft der Ortskirchen ab. Trotzdem ist die gescheiterte Revolution nicht auf das schuldhafte Versagen eines Einzelnen zurĂŒckzufĂŒhren, der das Nagen an den Pfeilern noch vor der ersten ErschĂŒtterung einstellte. Es scheint sich eine immer offenkundigere und dramatischere Auslegungsverschiedenheit zwischen den ĂŒberlieferten religiösen Deutungen und den Wahrnehmungen und BedĂŒrfnissen der Öffentlichkeit und den unmittelbar Betroffenen eingestellt zu haben.

Solange sich Kleriker bei der angemessenen Entfaltung von der kirchlichen Hierarchie einschrĂ€nken lassen, klemmen sie ihren menschlichen Eigeneinsatz fĂŒr Versöhnung, Gemeinschaft und Frieden ab. Die zögernde Haltung wird zum Grunddilemma, das den aufgenommenen Kompromisscharakter des Zweiten Vatikanischen Konzils im Keim erstickt. Dadurch erleuchtet am Horizont nicht der dringend notwendige Paradigmenwechsel, sondern erlischt das Erinnerungsbild an eine obsolete Denktradition.

Papst – auf Lebenszeit?

Franziskus sagt, dass er einen RĂŒcktritt nach dem Vorbild seines VorgĂ€ngers nicht ausschliesse. Mit solchen Gedankenspielereien erwĂ€rmt der Argentinier die Debatte, die seit der Demission von Papst Benedikt XVI. sporadisch aufflammt: Ist das Pontifikat auf Lebenszeit noch zeitgemĂ€ss?

28_-Februar-20-Uhr-Sedisvakanz-beginnt
Papst Benedikt XVI. beendete sein Pontifikat frĂŒhzeitig. Wird es ihm Franziskus gleichmachen? (Bild: katholisches.info)

«Ich glaube, Benedikt hat mit viel Mut eine TĂŒr fĂŒr emeritierte PĂ€pste geöffnet», erklĂ€rt Papst Franziskus in einem Interview mit dem mexikanischen Fernsehsender «Televisa». Weiter glaubt der Argentinier, dass sein Herr ihn lediglich fĂŒr ein Pontifikat berufen habe, das höchstens vier oder fĂŒnf Jahre andauern werde. Bereits im August des letzten Jahres Ă€usserte der 78-JĂ€hrige erste Gedanken ĂŒber seinen Tod und bliess dabei temporal in ein Ă€hnliches Horn: «Sollten meine gesundheitlichen Beschwerden ĂŒberhandnehmen, werde ich vermutlich schon in zwei bis drei Jahren zum Herren zurĂŒckkehren.»

Mit seinen AusfĂŒhrungen lĂ€sst der Jesuiten-Papst mutmassen, dass er seinen Abschied zumindest in den GrundzĂŒgen unlĂ€ngst geplant hat und die Amtsniederlegung auf der Basis seines VorgĂ€ngers als salonfĂ€hig etablieren möchte.

RĂŒcktritte nicht als Ausnahme sehen

Weiter wĂŒnschte sich Franziskus, dass RĂŒcktritte kĂŒnftig nicht mehr als Ausnahme gesehen werden. Die Formulierung zum Pontifikats-RĂŒcktritt im Codex des Kanonischen Rechtes lĂ€sst die Amtsablegung ebenso unbehelligt erscheinen. Keine Etikette, kein Ritus und kein Usus, lediglich ein eindeutiger Entscheid ist notwendig, der nicht einmal von irgendjemandem bestĂ€tigt werden muss: «Falls der Papst auf sein Amt verzichten sollte, ist zur GĂŒltigkeit verlangt, dass der Verzicht frei geschieht und hinreichend kundgemacht, nicht jedoch, dass er von irgendwem angenommen wird.» (Can. 332, §2). Dass der RĂŒcktritt aus freien Schritten erfolgen und öffentlich verkĂŒndet werden muss, wurde erst 1983 bei der Neufassung des Kirchenrechts unter Papst Johannes Paul II. in den Kanon aufgenommen.

Dessen ungeachtet muss bedacht werden, dass die Wahl eines Papstes ad vitam laut kirchlichem Recht als heiliges Gesetz gilt. In der Praxis wird gelebt, dass lediglich gravierende GrĂŒnde wie Verfolgung oder Exil fĂŒr einen RĂŒcktritt geltend sind. Die Formulierung im Codex Iuris Canonici kann demnach auch nur als HintertĂŒr betrachtet werden.

Einschneidende Änderung der Wahrnehmung

Durch die historische Konkretion des Papsttums als sozial und politisch existentes Modell der Dauerhaftigkeit hat der Stuhl Petri wie kaum ein zweites Amt auf dieser Welt Legitimation. Ein Perspektivenwechsel hinsichtlich der Amtszeit hĂ€tte weitreichende Folgen fĂŒr die zeitgeschichtliche Betrachtung der StabilitĂ€t der Institution.

Trotz einer historisch-kritischen Aufbereitung des Pontifikats bleibt die jahrtausendalte BewÀhrung eine historisch rein menschliche Leistung. Das Papsttum baut auf einem Bekenntnis auf. Es ist ein Menschenwerk, nicht die Verwirklichung eines göttlichen Auftrags oder gar Gottes wirkender Wille.

Der Papst ist kein Fels

Der Auftrag, der Jesus Christus dem Apostel Petrus erteilt hat, bildet das einzige zentrale Zeugnis, das das Pontifikat als göttlichen Auftrag ausweisen soll. Dabei gibt die Überlieferung der Verse einige Probleme auf, wird von Kirchenhistorikern wie beispielsweise dem protestantischen Theologen Adolf von Harnack als spĂ€terer Einschub gehalten. DafĂŒr spricht, dass das Wort Christi ausserhalb von MatthĂ€us in den Parallelevangelien des Johannes, Lukas und Markus keine entsprechende ErwĂ€hnung findet. Ausserhalb der Bibel findet dieser Auftrag in den ersten zwei Jahrhunderten ebenfalls keine ErwĂ€hnung. So wie die Irrtumslosigkeit des Papstes erst im Ersten Vatikanischen Konzil von 1870 verkĂŒndet wurde, ist auch das Pontifikat auf Lebenszeit nicht in einen Felsen gemeisselt.