Interview: Gesichtsmalerin Claudia Marclay

Vor drei Tagen reiste die 28-jährige Walliserin Claudia Marclay nach Jamaika. Nicht aber, um sich an den Sandstränden des karibischen Inselstaats zu sonnen. Sondern, um die Gesichter von hunderten Kindern zu bemalen – als die wahrscheinlich erste ehrenamtliche Gesichtsmalerin der Welt.

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Geduldig und voller Vorfreude warten die brasilianischen Kinder darauf, dass ihre Gesichter bemalt werden. (Bild: zVg)

Claudia, die Gesichtsmalerei ist nicht gerade ein gängiges Hobby. Wie bist du darauf gekommen?
Sieben Jahre lang habe ich gesucht, was ich in meinem Leben machen möchte. Ich hatte Büro-Jobs, arbeitete im Eventmanagement und wirkte bei Filmproduktionen mit. Doch all diese Tätigkeiten haben mich nicht erfüllt, da ich etwas wirklich Bedeutsames machen wollte. Etwas, das anderen Menschen hilft.

Und die Gesichtsmalerei ist dieses bedeutsame Etwas?
Ich denke schon, das habe ich schon beim ersten Mal gemerkt. Das war vor ein paar Jahren, als mich eine Freundin gefragt hat, ob ich den Kindern an einer Osterparty Hasengesichter aufmalen möchte. Dies, weil ich schon immer gezeichnet und gemalt habe, bisher aber nur auf Papier und auf Keilrahmen. Die Begeisterung und Freude der Kleinen hat mich sehr berührt. Es war unglaublich inspirierend und ermutigend.

War es eine Herausforderung, erstmals auf «lebender Fläche» zu malen?
Ja, denn man muss spontan und schnell sein, um die Kinder zu unterhalten. Genau das hat mir aber gefallen. Denn oft war ich bei meiner normalen Kunst blockiert. Das kann hier nicht passieren.

Mittlerweile hast du dieses Hobby beinahe schon zum Beruf gemacht.
Stimmt, doch neben bezahlten Ateliers für Geburtstage, Events und Messen ist der wichtigste Teil meiner Arbeit unentgeltlich oder für wohltätige Zwecke. So auch meine Reise nach Jamaika in ein paar Tagen.

Dein Jamaika-Trip ist die erste Reise, die du im Rahmen deines neuen Gesichtsbemalungs-Projekts «Kibi Kibira» machst. Was bedeutet dieser Name?
Kibi Kibira bedeutet «kleine Ameise» in Tupí, der Sprache der «Tupinamba». Das ist ein einheimisches Volk aus dem Nordosten Brasiliens. Es war der Name eines kleinen Mädchens, das ich während dem Statisten-Casting für den Film «Babysitting 2» fotografiert habe.

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«Das Lachen der Kinder ist die grösste Belohnung» (Bild: zVg)

Und welche Bedeutung hat der Name für dein Projekt?
Ameisen sind die besten! Sie verkörpern Geduld, Teamwork und sind eine Einheit. Sie bringen uns bei, gemeinsam für das Wohl der Gemeinschaft zu arbeiten. Denn nichts von Dauer kann ohne die Zusammenarbeit mit anderen erreicht werden. Und dies ist die kleine Geschichte, welche die Kernidee meines Projekts hervorgerufen hat. Die Menschen von morgen auf der ganzen Welt durch Gesichtsbemalung zu verbinden.

Mitte Juni wirst du nach Jamaika reisen. Ist es das erste Mal, dass du in anderen Ländern Kindergesichter bemalen wirst?
Nein, bereits vor dem besagten Filmjob habe ich einmal die jungen Gesichter einer Favela bemalt. Dort war ich von gut fünfzig Kindern umgeben. Ich malte farbige Schmetterlinge auf die Gesichter der Mädchen, als einige der Jungs mich baten, ihnen Totenköpfe, Messer und Pistolen aufzumalen. Ich bot ihnen an, stattdessen kleine Tiere zu malen. Erst waren sie skeptisch, da sie das für mädchenhaft hielten. Doch nachdem der erste es mir erlaubte, wollten danach alle anderen auch ein süsses Tier. In diesem Moment habe ich gemerkt, dass die Gesichtsmalerei Kinder nicht nur glücklich macht, sondern auch die Kraft hat, ihre unschuldige Seite hervorzubringen.

Wirst du das auch noch in zwanzig, dreissig Jahren machen?
Soweit plane ich nicht voraus. Doch solange es die Kinder und mich erfüllt, würde ich es auch noch in 95 Jahren machen. In jedem Fall ist die Gesichtsmalerei eine äussert lohnende Aktivität. Ich liebe es, von Kindern umgeben zu sein, die es kaum erwarten können, bemalt zu werden. Es macht mich glücklich, ihnen für einen Moment Aufmerksamkeit zu schenken, sie ihren Alltag vergessen zu lassen und sie strahlen zu sehen, wenn sie im Spiegel ihr Make-up bewundern.

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Das Interview erschien auf tink.ch.

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Interview: Zeremonienleiter Daniel Stricker

Für immer mehr Menschen hat Religion keine Bedeutung mehr. Doch auch religionsferne Menschen werden bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen zeitweilig mit einem Besuch in der Kirche konfrontiert. Um diesen Konflikt zu verhindern, bietet Daniel Stricker eine Lösung: Der 45-jährige Schweizer hält Zeremonien ohne religiöse Rituale ab. Mit mittlerweile fast 60 Zeremonien im Jahr gilt er als der bekannteste Zeremonienleiter der Schweiz. 

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«Ich habe Zeremonien verachtet» (Bild: zVg)

Daniel, du bist gelernter Luftverkehrsangestellter, hast den Kundendienst von Sony geleitet und neben Videotheken sogar eigene Pizzakurierdienste betrieben. Wieso jetzt Zeremonienleiter?
Vor vielen Jahren habe ich eine schlimme Zeremonie in der Kirche erlebt. Mein bester Freund verstarb sehr jung. Bei der Abdankung meinte der Pfarrer, dass er gerne mehr über das Leben des Verstorbenen erzählen würde, doch es gäbe nichts zu sagen, weil dieser so jung verstorben sei. Diese Zeremonie war zwar noch nicht der Grund, weshalb ich Zeremonienleiter wurde, doch es war der Grund, weshalb ich Zeremonien fortan vermieden und verachtet habe.

Und was war dann der Grund?
Zwei Jahre nachdem ich meine Firma verkauft habe, wurde ich von einem entfernten Bekannten angefragt, eine Zeremonie für ihn zu leiten. Anfangs war ich aufgrund meiner Abneigung gegenüber Zeremonien skeptisch. Doch der Gedanke, es besser zu machen, liess mich nicht mehr los. Ich dachte, dass ich Zeremonien revolutionieren könnte, indem ich statt einer Predigt die Geschichte des Paars ins Zentrum rücke. In Wirklichkeit gibt es freie Redner wie mich natürlich schon seit der Aufklärung.

Heute bist du mit fast 60 Zeremonien im Jahr der bekannteste Zeremonienleiter der Schweiz. Welche Menschen suchen deine Begleitung
Neben religionsfernen Menschen und Atheisten traue ich auch viele Paare, die noch in einer Kirche sind, aber kirchenfern leben oder nicht derselben Konfession angehören. Sie suchen mich auf, gerade weil meine Zeremonien religionsneutral gestaltet sind. Ich habe keine Mission und erteile keinen Segen im Namen Gottes. Dadurch habe ich den Vorteil, Zeremonien kurzweiliger zu machen und mich viel stärker auf die Geschichte des jeweiligen Brautpaars abzustützen.

Trotzdem magst du es nicht, wenn Menschen deine Zeremonien als Alternative zur Kirche bezeichnen.
Ja, denn ich sehe mich nicht als Alternative. Das würde implizieren, dass wer anders das Original ist. Ich bin ein Zeremonienleiter, der einen neutralen Standpunkt einnimmt. Die institutionalisierten Religionen, die wir heute kennen, gibt es erst seit einigen tausend Jahren, während Ausgrabungen belegen, dass schon vor über einer Million Jahre Menschen Rituale durchgeführt haben. Die Kirchen haben die Zeremonien also nicht erfunden. Sie haben schlicht die existierenden Bräuche übernommen und ein Monopol beansprucht. Die Idee des Heiratens samt Eheringe und Ja-Wort sind wesentlich älter als das Christentum.

Wie äussert sich dieser neutrale Standpunkt konkret in den Zeremonien?
Ich habe nicht den Anspruch, Leute zu belehren, sondern einzig das Ziel, die Menschen zu berühren. Ich habe keine eigene Mission sondern sehe mich als Sprachrohr. Im Falle einer Hochzeit verkünde ich, dass die beiden Menschen sich gefunden haben und zusammenbleiben möchten. Dies möchte ich auf möglichst schöne Weise tun. Einen erzieherischen, moralischen, missionarischen oder anderswie belehrenden Anspruch habe ich nicht.

Und dieses Bedürfnis nach Feiern und Ritualen steigt auch bei jüngeren Menschen wieder. Wie erklärst du dir diesen Trend?
Durch die ständige Erreichbarkeit haben junge Menschen immer weniger Fixpunkte und Routine im Alltag. Dadurch werden sie sehr ungeduldig. Zeremonien hingegen sorgen für Entschleunigung und schaffen gerade dadurch Stunden und Tage, die man sein ganzes Leben lang nicht mehr vergisst.

Mit 60 Zeremonien im Jahr feierst du mindestens einmal in der Woche mit Menschen. Ist die Tendenz steigend?
Ja, vor allem bei Trauerfeiern. Doch da jede Zeremonie viel Zeit und Energie beansprucht, kann ich gar nicht mehr machen. Ich habe mir sogar schon überlegt, mittelfristig etwas kürzer zu treten. Sonst besteht die Gefahr, dass ich eines Tages in eine Routine verfalle und ich meinem Anspruch nicht mehr gerecht würde.

Wäre dann der nächste Schritt, andere zu Zeremonienleitern auszubilden?
Ich bin dabei, einen Online-Kurs zu machen. In diesem möchte ich Interessierten beibringen, wie man Zeremonien schreibt, führt, aber vor allem auch, wie man Kunden gewinnt. Es gibt tausende von Zeremonienleitern in Deutschland und in der Schweiz, doch aufgrund ihrer Internetauftritte vermute ich, dass die meisten von ihnen im Jahr zwischen null und zwei Zeremonien machen. Obwohl sie zwar die Begeisterung und vermutlich auch das Talent mitbringen, stehen viele vor demselben Problem: es ist niemand da, der ihnen die handwerklichen Aspekte detailliert aufzeigt. Und es fehlt am Wissen, wie man eine Dienstleistung günstig und effektiv anpreist. Doch wenn man in dieser Nische Erfolg haben will, muss man zu den allerbesten gehören.

Hast du für dein Engagement auch schon Kritik von religiösen Menschen erhalten?
Nur selten. Vielleicht haben die meisten Kritiker einfach den Anstand, zu schweigen. Vor einigen Jahren leitete ich eine Zeremonie, bei der die Mutter der Braut von Anfang an gegen eine Hochzeit ohne Religionsbezug war. Bei der Zeremonie selbst sass sie mit verschränkten Armen in der ersten Reihe. Schlussendlich war sie die erste, die geweint hat. Das hat mir gezeigt: Auch wenn Menschen sehr religiös sind, fallen ihre Vorbehalte ab, wenn man es schafft, sie auf eine gute Art zu berühren. Und bei Beerdigungen sind Menschen, die jemand verloren haben, der ihnen sehr nahe stand, sowieso untröstlich. Egal ob sie an Gott glauben oder nicht.

Welche war die schönste Zeremonie, die du je erlebt hast?
Eine meiner schönsten Zeremonien war die Hochzeit von einer Muslimin und einem Reformierten. Sie wollten in der Nähe eines Bergrestaurants heiraten und gingen fest von gutem Wetter aus. Doch es regnete in Strömen. Das Ausweichszenario war eine Scheune, in der nichts vorbereitet war und sogar noch ein Traktor stand. Ein paar Kerzen und Scheinwerfer reichten für eine unglaubliche Atmosphäre. Dieses Beispiel zeigt, dass teure Hochzeiten manchmal eher wie ein Schleier über der eigentlichen Zeremonie liegen. Es braucht nicht viel Geld, um einen unvergesslichen Tag zu erleben.

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Das Interview erschien auf hpd.de.

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«Es besteht die Gefahr eines Bürgerkriegs»

Anfang April wurde der säkulare Blogger Nazimuddin Samad in Bangladesch auf offener Strasse ermordet. Wie bereits sechs Kritiker des radikalen Islamismus vor ihm. Einer von Nazimuddins Freunden, Azam Khan, lebt heute in der Schweiz. Auch er steht auf einer von islamistischen Gruppen zusammengestellten Todesliste von Atheisten.

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Azam Khan. (Bild: zVg)

Ostersonntag. Die Strassen sind wie leergefegt, dicke Nebelschwaden hängen über dem Kanton Thurgau. In der beschaulichen Gemeinde Tobel-Tägerschen hat der säkulare Blogger Azam Khan eine neue Heimat gefunden. Eine Heimat, in der er das Haus verlassen kann, ohne mit einem Angriff auf sein Leben zu rechnen.

Auch heute hat er schlecht geschlafen. Wie jeden Morgen nach dem Aufstehen blickt er auf sein Handy und hofft, dass der Bildschirm frei von Schreckensnachrichten aus seiner Heimat bleibt. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein weiterer Freund auf dem Weg nach Hause, zur Arbeit oder zur Universität brutal ermordet wird“, sagt der 32-jährige Bengale, der durch seine einnehmende und schüchterne Art wesentlich jünger wirkt.

Am nächsten Tag, Ostermontag, hat das Gericht von Bangladesch einen Antrag auf die Streichung des Islam als Staatsreligion abgelehnt. Die Kammer aus drei Richtern wies den Antrag innert Minuten zurück, wie ein bengalischer Journalist berichtete. Wenige Tage später ereilte Azam die Nachricht vom Tod seines Freundes, Nazimuddin Samad.

Mediale Hetze gegen Atheisten

„Die Konflikte zwischen uns säkularen Bloggern und den radikalen Islamisten begannen 2013, sieben Jahre nachdem wir unseren Blog gegründet haben“, erzählt Azam. In den ersten sieben Jahren seien die säkularen Freidenkenden von der Regierung noch nicht als Bedrohung wahrgenommen worden. Das änderte sich, als die religiös-konservative Bangladesh Nationalist Party öffentlich gegen die Blogger hetzte und auch die Staatsmedien dazu trieb, Propaganda gegen Atheisten zu betreiben. „Täglich war in gewissen Zeitungen zu lesen, dass Ungläubige böse Menschen seien, die dem Land schaden wollen.“

Leben auf der Todesliste

Wenige Tage nach der ersten öffentlichen Kundgebung der Bangladesh Nationalist Party wurde ein Gründer des Blogs auf offener Strasse mit Macheten ermordet. Zwei Jahre später wurde ein atheistischer Blogger während einer Buchmesse in der Hauptstadt Dhaka erdolcht. „Sie beide standen auf einer von islamistischen Gruppen zusammengestellten Abschlussliste von Atheisten. Zusammen mit 84 anderen Menschen, die von den Fanatikern zum Abschuss freigegeben wurden. Zu diesen zähle auch ich heute noch.“

Die sunnitischen Gruppierungen nennen sich Hefazat-e-Islam und Jamaat-e-Islami. „Diese Organisationen werden von der Bangladesh Nationalist Party beschützt“, ist sich Azam sicher. „Auch von Pakistan, Saudi-Arabien, der Türkei und den USA werden sie finanziell unterstützt.“ Dies, um den Handel und die Beziehungen zu dem Land mit vielen Bodenschätzen und reicher Agrikultur aufrecht zu erhalten.

Verfolgung Andersgläubiger

Im dem südasiatischen Land ist der Islam erst seit 1988 die offizielle Staatsreligion. Der Militärmachthaber Hussain Muhammad Ershad verankerte diese, um sich den Rückhalt der islamistischen Wählerinnen und Wähler zu sichern. Heute ist Bangladesch mit über 80 Prozent Musliminnen und Muslimen in der Bevölkerung eines der islamischsten Länder der Welt. Und radikale Tendenzen und die Gewalt nehmen seit Jahren zu. „Neben Atheisten werden auch Christen und Hindus verfolgt. Aber auch Andersgläubige innerhalb des Islams, beispielsweise Schiiten, Sufis und Ahmadiyya-Muslime“, sagt Azam.

Angst vor einem Bürgerkrieg

Nach dem Tod von Nazimuddin Samad protestierten mehr als 1.000 Studenten auf den Strassen Dhakas gegen die Regierung Bangladeschs. Sie werfen ihr vor, nicht entschieden gegen gewaltbereite Muslime vorzugehen und fordern, dass die Täter so schnell wie möglich gefasst und verurteilt werden. „Es besteht seit geraumer Zeit die Gefahr, dass in Bangladesch ein Bürgerkrieg ausbrechen wird“, sagt Azam.

Das Problem sei, dass Militär und Polizei seit Jahren schleichend islamisiert werden, so Azam. „Das alles begann, als der Islam als Staatsreligion deklariert wurde. Damit öffneten sie auch dem Islamischen Staat (IS) Tür und Tor.“

Ende April wurde ein bengalischer Professor auf offener Strasse mit Macheten ermordet, weil dieser zum Atheismus aufgerufen haben soll. Vor wenigen Tagen wurde ein christlicher Arzt im Westen Bangladeschs auf ähnliche Weise getötet. Zu beiden Morden hat sich der Islamische Staat (IS) bekennt.

Flucht in die Schweiz

Azam Khan gelang die Flucht aus Bangladesch im Februar dieses Jahres. „Ich ging zu der Schweizer Botschaft und verlangte ein Visum. Glücklicherweise wussten sie über die Missstände in der Regierung und die Ermordungen von Bloggern wie mir. Schon nach wenigen Tagen erhielt ich ein Schengenvisum und durfte ausreisen.“

Mit einem Schengenvisum können Personen bis zu drei Monate in der Schweiz bleiben. „In dieser Zeit werde ich weiter auf Facebook bloggen, ein Buch über globalen Terrorismus schreiben und Deutsch lernen.“

Sobald sich die Situation in Bangladesch beruhigt, will Azam in seine Heimat zurückkehren. „In Bangladesch herrscht nur wenig Armut, es gibt genügend Nahrung und Arbeitsplätze. Wir lebten gut, bevor der Islam zur Staatsreligion wurde.“

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«Mein Senf»: Religiöse Macht und Ohnmacht

Das Schweizer Radio Fernsehen verfügt als einziges Medienhaus in der Schweiz über eine Fachredaktion, die sich ausschliesslich mit Fragen des Glaubens und der Religion beschäftigt. Das es mit diesem lobenswerten Engagement alleine in der Schweizer Medienlandschaft steht, ist bedenklich, scheint doch gerade in der heutigen Zeit eine differenzierte Auseinandersetzung mit diesen Themen so wichtig. Wie aber geht das SRF mit der Verantwortung um, die sie sich mit einem «medialen Religions-Monopol» geschaffen hat? «Mein Senf» dazu auf SRG Insider.

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«Sendungen wie das „Wort zum Sonntag“ sind in unserer pluralistischen Gesellschaft nicht mehr zeitgemäss.» Illustration: SRG INSIDER

Dass SRF mit seinem lobenswerten Engagement alleine in der Schweizer Medienlandschaft steht, ist bedenklich, scheint doch gerade in der heutigen Zeit eine differenzierte Auseinandersetzung mit diesen Themen so wichtig. Im Jahr produziert die SRF-Religionsredaktion rund 400 journalistische Beiträge. Diese können in zwei Gruppen unterteilt werden: Sendungen über Religion und religiöse Sendungen.

Mit Sendungen über Religion wie den Sternstunden leistet die SRF-Religionsredaktion einen essentiellen und mehr oder weniger ausgewogenen Beitrag in der Schweizer Medienwelt. Gleichzeitig hält sie aber an religiösen Sendungen fest, die in unserer pluralistischen Gesellschaft nicht mehr zeitgemäss sind: Im ‹Wort zum Sonntag› werden Gedanken aus sogenannt christlicher Sicht vermittelt. Dabei kommen Theologinnen und Theologen der drei Landeskirchen sowie ab und an ein Vertreter der evangelisch-methodischen Kirche zu Wort.

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Atheisten sind…

Nachdem Atheisten diese Woche mit Psychopathen gleichgestellt und als grosses Risiko für die Welt bezeichnet wurden, habe ich mir die Frage gestellt, was nichtgläubige Menschen sonst noch sind und denken. Um das herauszufinden, habe ich sämtliche in der Schweizer Mediendatenbank sowie in Google News archivierten Texte der letzten fünf Jahre durchforstet, die Antworten darauf geben wollen, was Atheisten ausmacht.

Bild: SANDRO BUCHER

«[…] Atheisten sind auch bloss Menschen. Auch sie suchen letztlich Frieden, wollen geliebt werden und lieben, sorgen sich um den Planeten. Sie glauben an sich selbst und an die Welt. Der Glaube ist der Punkt, wo Atheisten und Gläubige sich treffen. […]», Hindu-Friedenbotschaft Sri Sri Ravi Shankar im Interview mit Die Zeit, 30. Juni 2011.

«[…] Atheisten sind gebildeter, toleranter und wissen mehr über den Gott, an den sie selbst nicht glauben. […]», Ergebnisse des Pew Center 2010 in einer Umfrage in den USA, Spiegel, 25. Juli 2011.

«[…] Militante Atheisten haben dafür gesorgt, dass die Religion Erfahrungsbereiche exklusiv für sich beansprucht, die von Rechts wegen allen Menschen gehören – und die für ein säkulares Leben zurückzufordern, uns nicht unangenehm sein sollte. […]», Atheist und Bestsellerautor Alain de Botton, Weltwoche, 16. Februar 2012.

«[…] Atheisten sind die unbeliebteste Glaubensgruppe der USA. Fast die Hälfte der Amerikaner würde eine atheistische Schwiegertochter oder einen Schwiegersohn ablehnen – aber nur ein Drittel eine muslimische. […]», Ergebnisse einer amerikanischen Studie, Annabelle, 7. März 2012.

«[…] Bücher dezidiert atheistischen Inhalts landen auf den Bestsellerlisten, atheistische Autoren sind gern gesehene Gäste in Talkshows, Verlage, die bisher vornehmlich Bücher christlicher oder dem Christentum nahestehender Autoren verlegten, bemühen sich eifrig um die Bestseller ausländischer Autoren, wenn deren Programm der Atheismus ist. […], Religionsphilosoph und Religionswissenschafter Hubertus Mynarek im Interview mit Profil, 25. Mai 2012.

«[…] Ein auffallendes Merkmal vieler Atheisten ist, dass sie eine katholische Schule besuchten, teils gepaart mit einem liberalen Elternhaus. Die beiden Pole führten irgendwann, häufig noch in der Pubertät, zu einem „Erweckungserlebnis“, das ihnen die Augen geöffnet habe gegenüber einer Realität, in der Kirche und Staat viel enger miteinander verknüpft sind, als das allgemein wahrgenommen wird. […]», Freidenker Ronald Bilik im Interview mit Profil, 25. Mai 2012.

«[…] Atheisten sind nicht nur von Gott Befreite, sie leben mit anderen Notwendigkeiten, in ihrem Fall mit jener, in allem einzig auf sich selbst, also den Menschen, verwiesen zu sein. […]» Frankfurter Rundschau Online, 21. Juli 2012.

«[…] Heute haben nicht nur Moslems, sondern auch andere Europäer, die unterschiedlichen Traditionen entstammen oder Atheisten sind, persönliche und kulturelle Prioritäten, die sich nicht in christlichen Werten fassen lassen – und dieser Anteil der Bevölkerung wird weiter steigen. […]», Cicero, 1. September 2012.

«[…] Religion schafft eine Basis, auf der Fremde gut miteinander auskommen. Nur eine Fraktion entzieht sich gänzlich: die Atheisten. Und sie müssen dafür bezahlen. In mehrheitlich religiösen Gesellschaften sind Atheisten immer diejenige Gruppe, der die Leute am wenigsten vertrauen. […]» Sozialpsychologe-Professor Ara Norenzayan, Spiegel, 22. Dezember 2012.

«[…]Atheisten sind ansteckend in ihrer Zweifelsucht, und sie fürchten keinen strafenden Gott. Mehr noch, sie finden es ulkig, dass die anderen so unermüdlich in ihren Aberglauben investieren.», Spiegel, 22. Dezember 2012.

«[…]Atheisten verstehen nicht, warum Religionen anstrengend und teuer sind. Sie sehen nur die gigantische Verschwendung von Zeit und Energie. […]», Spiegel, 22. Dezember 2012.

«Atheisten sind beachtenswert ehrliche Menschen, da sie zu ihren ­intellektuellen und spirituellen Fragen stehen. Dabei sind sie allerdings gläubiger, als sie wahrhaben wollen, denn sie glauben, dass es keinen Gott gibt.» Freikirchler René Christen im Interview mit Migros-Magazin, 11. März 2013.

«[…] Atheisten sind nicht gut auf Religion zu sprechen, erst recht nicht in England. […]», Basler Zeitung, 15. Mai 2013.

«[…]Atheisten sind nicht notwendigerweise kämpferische Reli­gionsgegner. Im Gegenteil, viele von ihnen sind offen für spirituelle Fragen. […]», Stefan Huber, Professor für empirische Religionsforschung an der Uni Bern im Interview mit reformiert, 29. November 2013.

«[…] Atheisten sind in der Regel Einzelgänger. Sie reden nicht mit einer Stimme. Und sie fühlen sich mitunter diffamiert als eigennützig, verbohrt, abgewandt von der Gesellschaft. Sich mit Gleichgesinnten zusammenzuschliessen und die eigenen Überzeugungen offensiv zu vertreten, verspricht offenbar vielen Abhilfe: ein sichtbares Zeichen dafür, dass man ebenfalls ein gutes und wertvolles Mitglied einer Gemeinschaft sei. […]», St. Galler Tagblatt, 14. Juni 2014.

«[…] Die ostdeutschen Atheisten sind das beste Beispiel dafür, dass einem Atheisten nichts zu einem guten Leben fehlt. […]», Religionssoziologe Gert Pickel im Interview mit der Reformierten Presse, 14. November 2014.

«[…] Im Kontakt mit Menschen, die sich Atheisten nennen, ist mir immer mehr aufgegangen, was Menschen zur Kirche hinaustreibt: die Verlogenheit. Wenn sie uns das vorhalten, so sind sie päpstlicher als viele, die sich papsttreu nennen. […] Die Atheisten sind uns immer wieder unangenehme Mahner für das, was Papst Franziskus seinen engsten Mitarbeitern kurz vor Weihnachten ans Herz gelegt hat. Es könnte kurz zusammengefasst werden mit den Worten: Was wir beten, zum Leben werden lassen; was wir leben, zum Gebet werden lassen. […]», Schweizer Benediktiner Martin Werlen, Sonntag, 8. Januar 2015

«[…] Solange Unsicherheit herrscht und die grossen Götter regieren, werden Atheisten gehasst, wie viele Umfragen ergeben haben. Die Frommen fürchten, die Gottlosen könnten sie ausnutzen, da sie nicht an göttliche Regeln gebunden sind. Doch diese Angst wird schnell vergessen, wenn der Staat die strafende Rolle Gottes übernimmt. […]», Sozialpsychologe-Professor Ara Norenzayan, Basler Zeitung, 23. März 2015.

«[…] Atheisten sind immer Klugscheißer, das unterscheidet sie von den Agnostikern. Agnostiker und Atheisten verbindet ihre Ablehnung religiöser Institutionen. Doch während der Agnostiker die Beschränktheit des menschlichen Erkenntnisvermögens betont und somit eine gewisse intellektuelle Demut offenbart, ist der Atheist restlos von sich und seinem überlegenen Intellekt überzeugt, was ihm nach seiner Überzeugung das Recht gibt, jede Form von Religiosität in den Dreck zu ziehen. […]», The European, 28. Mai 2015

«[…] Innenminister Thomas de Maizière stellt pauschal urteilend einen direkten Zusammenhang zwischen Fremdenfeindlichkeit und Atheismus her, weswegen mehr Christlichkeit besser wäre. Die Grüne Katrin Göring-Eckardt unterstellt Atheisten kognitive Störungen, weshalb das komplexe Christentum, „verständlich und lebensnah“ vermittelt werden müsse. […]», Berliner Zeitung, 28. Dezember 2015.

«[…] Wer an Gott glaubt, verwendet mehr Hirnzellen für Mitgefühl als für analytisches Denken. Das Gehirn von Atheisten arbeitet genau andersherum. Dadurch sind sie intelligenter, aber auch kaltherziger. Diese Eigenschaften definieren auch Psychopathen. […]», FOCUS Online, 25. März 2016.

«[…] Für viele moderne wissenschaftliche Atheisten sind die Religionen etwas, das mit Gottesbeweisen beginnt und von ihnen abhängt. […]», David Gelernter, amerikanischer Informatiker und Netzkritiker im Interview mit der Süddeutschen Zeitung, 26. März 2016.

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Traumberuf Journalist/in – Aus der Sicht von vor 44 Jahren

In einem Berner Brockenhaus habe ich ein interessantes Buch gefunden: «Traumberufe» von Ursula Meier-Hirschi gibt einen kritischen und anschaulichen Einblick in die beliebtesten Jobs junger Schweizerinnen und Schweizer. Dazu zählt auch Journalist/in. Geschrieben wurde das Buch vor 44 Jahren.

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Journalist – damals wie heute ein Traumberuf. (Bild: S. HOFSCHLAEGER / pixelio.de)

Er ist zu finden zwischen dem Ingenieur und der Kindergärtnerin. Der Journalist. «Er befindet sich in der landläufigen Vorstellung ununterbrochen auf der Jagd nach dramatischen, welterschütternden Ereignissen. Er trifft mit lauter berühmten Leuten zusammen und lebt in einer Welt der Spannung und des Glanzes.»

Das schreibt Ursula Meier-Hirschi in dem Buch «Traumberufe», in welchem sie einige der beliebtesten Berufe junger Schweizerinnen und Schweizer detailliert und plastisch porträtiert. Veröffentlicht wurde das Buch 1972.

Gespräch mit einer Jungjournalistin

Zu Beginn ihres Porträts möchte Meier-Hirschi einen «weitverbreiteten Irrtum» aufdecken: «Wer gute Aufsätze schreibt, ist noch lange nicht der geborene Journalist. Ein sicheres Sprachgefühl und ein lebendiger Stil sind Voraussetzungen, aber nur zwei von vielen.»

Alles habe eine Kehrseite, so auch die glanzvolle Vorstellung vom Beruf des Journalisten: «Man müsse sich vor ihm in Acht nehmen, denken einige. Es handle sich da vorwiegend um Luftikusse, und mit der Wahrheit würden sie es nicht allzu genau nehmen.»

Um der Wirklichkeit des Berufes auf die Spur zu kommen, trifft sich Meier-Hirschi mit der jungen Journalistin Marie-Louise Stickelberger, die damals «auf der Redaktion einer grossen Schweizer Tageszeitung» gearbeitet hat.

Meine Recherche hat hervorgebracht, dass Stickelberger am 4. Januar 1979 zur verantwortlichen Redaktorin des «Extrablatts der Jungen» und des Ressorts «Mode» der Neuen Zürcher Zeitung ernannt wurde. Von 1983 bis 2001 schrieb sie für den Tages-Anzeiger, wo sie zwischen 1998 bis 2001 einige der «züritipps» verfasste. Von 2004 bis 2006 schrieb sie Kulturhinweise für das mittlerweile eingestellte Ressort «Ticket» der Neuen Zürcher Zeitung. 2009 arbeitete sie laut dem Schweizer Mediendienst «Kleinreport» für die «Theater-Zeitung».

«Viele Wege führen zum Journalismus»

Meier-Hirschi konfrontiert die junge Journalistin mit den Fragen, wie man denn überhaupt zu einer Zeitung komme und wie man über Zeitfragen, wichtige Ereignisse und Spezialgebiete schreiben könne, obwohl es in der Schweiz gar keine Reporterschulen gäbe, wie sie beispielsweise in England seit Jahren bestünden.

«Viele Wege führen zum Journalismus», antwortet die Journalistin, «Oft kommt man auf Umwegen und über ganz andere Berufe dazu. Oder über ein Universitätsstudium, was jedoch keine Bedingung ist.» Heute, also 1972, seien  Berufsverbände bestrebt, den Nachwuchs zu fördern.

Studium und Berufsförderung in den Siebzigerjahren

Ein konkretes Beispiel dieser Nachwuchsförderung der Berufsverbände ist die «Union Romande de Journaux» in der Westschweiz und der «Verein der Schweizer Presse», die Anfang der Sechzigerjahre ein Schulungsprogramm ausgearbeitet haben. Durch dieses können sich Nachwuchsjournalisten während einer zweijährigen Stage bei einer Zeitung oder Zeitschrift die notwendigen Berufskenntnisse aneignen. «Diese Lehrzeit setzt sich aus einem theoretischen und einem praktischen Teil zusammen», schreibt Meier-Hirschi, «Gebiete aus Geschichte, Geographie, Soziologie und Politik werden behandelt. Die Stagiaires lernen eine Nachrichtenauswahl treffen, eine Meldung gestalten und präsentieren und werden gründlich in die technische Zeitung eingeführt.»

Lediglich eine theoretische Einführung in den Journalismus bieten die Universitäten von Bern, Zürich, Freiburg, Genf und Lausanne sowie die Handelshochschule (heutige Universität) St. Gallen.

Wache Menschen mit sehr grosser Verantwortung

Aus dem Gespräch mit Stickelberger und ihren Berufskolleginnen und -kollegen schlussfolgert Meier-Hirschi, dass alle Journalistinnen und Journalisten etwas gemeinsam hätten: «Es sind wache Menschen, denen am Herzen liegt, was sich ringsum in der Öffentlichkeit zuträgt. Es sind Menschen mit journalistischem Temperament, einer Mischung aus Neugierde, Hartnäckigkeit, Ausdauer, Unerschrockenheit und Aufgeschlossenheit.»

Die Autorin führt aus, dass Journalistinnen und Journalisten mit beiden Beinen auf der Erde stehen müssen: «Zwischen den Lesern und einem Problem stellen sie eine Brücke her. Mit ihren Artikeln fordern sie zur Diskussion heraus, wirken meinungsbildend, formen an unserem Weltbild mit und tragen eine sehr grosse Verantwortung.»

Zeitung als Gemeinschaftswerk

Am Ende des Porträts fasst Stickelberger den Beruf mit ihren eigenen Worten zusammen: «Journalisten leben am Puls der Zeit, aber nicht nur acht, sondern vierundzwanzig Stunden am Tag. Journalist sein heisst, sich restlos, mit Haut und Haar, seiner Tätigkeit verschieben haben. Es bedeutet auch, immer zuvorderst an der Front zu stehen, was unendlich anregend, aber auch entsprechend aufregend und aufreibend ist.»

Meier-Hirschi rekapituliert folgendermassen: «Mag eine Ausgabe am Schluss noch so glänzend gelungen sein, es gibt keine Stars zu bewundern. Jede Zeitung ist ein Gemeinschaftswerk, ein Zusammenspiel verschiedener Talente, das nur dann funktioniert, wenn jeder Journalist und jeder Redaktor seinem Beruf und nicht seinem Namen zuliebe arbeitet.»

Das Buch «Traumberufe» kann in der Schweizerischen Nationalbibliothek bestellt werden.

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Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?

Da ich mich sowohl beruflich als auch privat mit Religion auseinandersetze, durfte ich jene Frage, die Gretchen dem Faust in Goethes epochalem Werk stellt, schon öfters beantworten. Nicht selten wird die Gretchenfrage dabei begleitet von dem Nachtrag: «Aber du bist doch Atheist, warum beschäftigst du dich überhaupt mit Religion und der Kirche?»

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Faust im Studierzimmer (Gemälde von Georg Friedrich Kersting, 1829)

Im Schweizer Sonnenkanton Tessin erschlich ich mir vor rund siebzehn Jahren meinen ersten, unlauteren Blick hinter die Kulissen der katholischen Kirche. Vor einem tiefliegenden Pfarrhausfenster bat ich meine Grossmutter, auf ihre Schultern steigen zu dürfen, um einen Blick ins Innere des Gotteshauses werfen zu können. Von meinem neuen Aussichtspunkt aus, sah ich direkt auf die Halbglatze des Pfarrers und konnte ihn beim Schreiben eines Briefes beobachten – ein Bild, das sich bis heute bei mir eingeprägt hat.

Weitere Erinnerungen an die ersten Sommerferien in der Südschweiz beinhalten diverse Kirchen-, Kloster- und Kapellenbesichtigungen sowie meine fortwährende Fragerei von «Was bedeutet dieses Symbol?» über «Wer ist dieser Heilige?» bis «Was ist der Unterschied zwischen katholisch und reformiert?». Fragen nach dem «Wieso, Weshalb, Warum» würden erst später folgen. Wie auch Gretchen habe ich in meinen Kindesjahren die Kirche und die Religion nicht hinterfragt und hätte sie wohl dabei bekräftigt, als sie in Goethes Faust die damalige öffentliche Meinung aussprach: «Man muss dran glauben!»

Steigende Meinungsvielfalt

Die Gretchenfrage zeigt auf, wie viel sich seit Goethes Zeiten verändert hat. Fausts zurückhaltendes «Muss man daran glauben?» muss nicht mehr hinter vorgehaltener Hand geflüstert werden. Eine Befragung des Schweizer Bundesamtes für Statistik zeigt, dass 2016 fast jede vierte Person in der Schweiz konfessionslos ist. Gretchen würde das gar nicht gefallen.

Doch konfessionslos heisst noch nicht religionslos, und deshalb befindet sich ein Grossteil der europäischen Bevölkerung vermutlich irgendwo zwischen Faust und Gretchen. Viele Menschen machen sich ein eigenes Bild des Göttlichen, einige setzen auf Esoterik und Astrologie, einige sagen ja zu Gott und nein zur Kirche und wiederum andere sind Religion und Kirche gegenüber indifferent oder gar feindlich.

Bindung durch Distanz

Obwohl ich in der erzkatholischen Innerschweiz aufgewachsen bin und die Grundlagen und die Verfassung der Schweiz stark von sogenannten christlichen Werten geprägt sind, war eine Identifikation für mich nach meinen Kindestagen nie mehr spürbar. Mein fragiler Draht zu Gott und meinem Glauben zerbrach bereits an der ersten, kritischen Auseinandersetzung am Ende meiner Primarschulzeit. Als Folge davon habe ich den Atheismus als für mich richtige Auseinandersetzung mit der Religion entdeckt. Ironischerweise wurde ich durch den subjektiven Religionsunterricht in meiner Entscheidung bekräftigt.

Mein unablässiges Interesse an den Systemen und Menschen hinter der Religion wurde durch diese Distanzierung jedoch nur noch intensiver. Da Gläubige etwas besitzen, das mir fehlt und ich glücklicherweise dennoch nicht vermisse, bleiben die Gespräche mit ihnen für mich stets ertragreich und interessant, sofern sie grundehrlich mit ihrem Glauben umgehen und sie nicht doktrinistisch und gnadenlos festgefahren sind. Aber auch hier begegne ich einer paradoxen Bindung: Je mehr ich mich mit Religion auseinandersetze, desto abwegiger wird es für mich, je einem Glauben anzuhängen.

Förderung des Dialogs

Bücher und Essays von Christopher Hitchens, Richard Dawkins und Sam Harris halfen mir dabei, die zeitgenössische Philosophie der Aufklärung als Gegenstück zur institutionalisierten Religion und blindem Glauben besser zu verstehen und bildeten einen wichtigen Brückenschlag zum Existenzialismus. Religion wurde für mich fassbarer, verständlicher und logischer. Die delphischen Strukturen und Schemen wurden nach und nach aufgebrochen.

Gerade in der heutigen Zeit ist es enorm wichtig, dass man sich wieder intensiver und objektiver mit Religion und Glaube auseinandersetzt. Und dennoch ist in den (sozialen) Medien eine zunehmende Verhärtung der Fronten zu beobachten. Atheistinnen und Freidenker werden nicht ernst genommen oder schiessen polemisch gegen Gläubige, während Christinnen und Christen über Churer Bischöfe und Musliminnen und Muslime über den Islamischen Zentralrat der Schweiz definiert werden. Diese Frontenverhärtung kann und muss durchbrochen werden, um einen differenzierten Dialog mit den Religionen zu ermöglichen. Denn unser gesellschaftliches Zusammenleben ist ohne irgendeine Form der Religion gar nicht denkbar. Sie ist ein Spiegel unserer geistigen Souveränität oder eben Abhängigkeit.

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