«Die Entwicklung in der Schweiz ist beunruhigend»

Schon vor der Jugendsession haben sich die 22 Teilnehmenden der Projektgruppe «Datenschutz» aus beruflichen und privaten Gründen rege mit dem Thema beschäftigt. Mit ihrer Fürsorge verkörpern sie einen grossen Teil der Schweizer Jugend, der sich seit den Enthüllungen Edward Snowdens vermehrt Gedanken um die Sicherheit seiner persönlichen Daten macht.

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Nicht nur im echten Leben, auch dann, wenn wir uns im Internet bewegen, werden wir ĂĽberwacht. (Bild: BASIL KOLLER/Tink.ch)

Seit das Zeitalter der Digitalisierung eingeläutet wurde, ist die weltweit gespeicherte Datenmenge explodiert. Nicht nur die Privatwirtschaft und der Staat werden durch die Entwicklung der letzten Jahre vor eine enorme Herausforderung gestellt. Smartphone und Notebook reichen bereits, um selbst in den Sog des Datensturms zu geraten.

Umstrittener Einsatz von Staatstrojanern

In der demokratischen Gesellschaftsordnung der Schweiz gilt, dass jeder Mensch so weit wie nur möglich selber darüber bestimmen kann, welche Informationen über ihn wann, wo und wem bekannt gegeben werden. Dass dies so bleibt, gewährleistet der Datenschutz.

In der Sommersession dieses Jahres stimmte der National- und Ständerat über zwei umstrittene Gesetzesvorlagen ab, die den Datenschutz betreffen: die Revision des Bundesgesetzes zur Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs (Büpf) und des Nachrichtendienstgesetzes. Durch die beiden Erlasse soll die Vorratsdatenspeicherung von einem halben auf ein ganzes Jahr ausgedehnt werden.

Des Weiteren ermöglicht die Revision den Einsatz von sogenannten «Staatstrojanern». Darunter versteht man eine Software, die ohne das Wissen des Anwenders auf Computer installiert werden kann. Einmal installiert, können die Trojaner E-Mails lesen und Internet-Telefonate mitschneiden.

«In einem Rechtsstaat sollte das nicht passieren»

Die beiden Erlasse stossen in der Datenschutz-Gruppe der Jugendsession nicht bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf Zuspruch: «Die geplanten Schritte finde ich beunruhigend. Durch Staatstrojaner können Beweise manipuliert werden, was in einem Rechtsstaat nicht passieren sollte. Damit stellt man die gesamte Bevölkerung unter Generalverdacht», sagt der 19-jährige David Scherer.

Sonja Nussbaumer, 20, sieht im Datenschutz eine anhaltende Gratwanderung: «Zu einem gewissen Punkt brauchen wir die Überwachung. Doch sobald die Privatsphäre zu fest eingeschränkt wird, wird es zu viel.»

Die 16-jährige Céline Beutler war vor der Jugendsession klar gegen eine Revision des Büpf. Durch die Vorträge der Experten versteht sie mittlerweile beide Seiten: «Das Aufkommen von Terrorismus legitimiert die Schärfung der Gesetze. Trotzdem müsste man sie in der jetzigen Form einschränken.»

FrĂĽhling der DatenschĂĽtzer

Durch die Omnipräsenz der sozialen Medien, Enthüllungen von Edward Snowden und die fortwährende Datensammelwut globaler Unternehmen setzen sich die Jugendlichen seit einigen Jahren vermehrt mit Datenschutz auseinander.

Dies haben die meisten Mitglieder der Datenschutz-Arbeitsgruppe auch in ihren Freundeskreisen bemerkt: «Es gab bei uns in der Schule einen Vorfall von Datenmissbrauch. Dadurch wurde bei uns allen das Interesse wieder grösser», sagt der 17-jährige Camill Grob.

Auch David Scherer hat bemerkt, dass sein Freundeskreis durch die Enthüllungen Edward Snowdens für das Thema sensibilisiert wurde. Sonja Nussbaumer hingegen sah keinen Wandel in ihrem Umfeld: «Viele wissen zwar, wie sie ihre Daten besser schützen könnten, doch aus Bequemlichkeit machen sie nichts dagegen.»

Die Diskussionen in der Arbeitsgruppe bleiben durch die verschiedenen Erfahrungen und HintergrĂĽnde der Teilnehmenden differenziert, ausgewogen und abwechslungsreich.

Die von ihnen erarbeitete Forderung hat zum Ziel, fĂĽr die nationale Politik verwendbar zu sein. Sie alle sind sich jedoch einig: Die Eigenverantwortung im Umgang mit den Daten darf dabei nicht vergessen werden.

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Der Artikel erschien auf tink.ch.

Interview: Kranzschwinger Christian Stucki

Obwohl der Sieg beim Eidgenössischen Schwing- und Ă„lplerfest bisher ausblieb, gilt der Kranz-Schwinger Christian Stucki bei vielen Fans als das Aushängeschild des Schweizer Traditionssports. Beim Mittagessen in der Berner Altstadt sprach „Chrigu“ ĂĽber seine neue Rolle als Vater, den frischen Hype ums Schwingen und seine ungewissen Zukunftspläne.

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Christian Stucki: «Der Sieg beim Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest wäre langsam überfällig.» Foto: zVg

Tink.ch: Steht man als Schwinger gerne in der Öffentlichkeit oder ist das ein nervendes Nebenprodukt?
Christian Stucki: Es kommt ein wenig auf die Tagesform an. Interviews sind natürlich immer ein Geben und ein Nehmen. Während den Vorbereitungen macht man das eher weniger gerne, aber jetzt in der Pausenphase ist das kein Problem.

Das Schwingen feiert zurzeit eine Art Renaissance. Wie erlebst du den FrĂĽhling des Schweizer Traditionssports?
Der Hype ums Schwingen ist zurzeit gross, vor allem seit dem letzten Eidgenössischen Schwingfest. Auch hat sich die ganze Publikumsdemographie geändert: Es sind nicht mehr nur die 65-jährigen Pensionäre mit dem „Tschäppu ufem Gring“ und einem „Brummer i de Schnurre“. Mittlerweile gibt es auch sehr viele Teenager. Ebenso hat der Anteil weiblicher Fans zugenommen, weil es neu zwei, drei Schwinger gibt, die nicht so schlecht aussehen. (lacht)

Hat dieser jugendliche Wandel auch Auswirkungen auf den Sport?
Es ist im Grossen und Ganzen sicher gut für den Sport. Das Problem ist vielleicht, dass vor allem bei Grossanlässen viele auch nur wegen dem Fest kommen, nicht wegen dem Schwingen. Aber das ist natürlich zwangsläufig eine Begleiterscheinung, die jeder Sport hat. Generell ist es sicher nicht schlecht, dass der Sport auch an die Jungen weitergetragen wird

Apropos Junge: Du bist seit gut eineinhalb Jahren Vater. Hat die Geburt von Xavier fĂĽr dich viel umgestellt?
Am Anfang war es schon eine grosse Umstellung, aber je älter Kinder werden, desto angenehmer werden sie. (lacht) Mittlerweile schläft er die Nacht einwandfrei durch. Durch seine Geburt und meine damalige Vorbereitung auf das Eidgenössische 2013 habe ich mein Arbeitspensum eingeschränkt, und dies mittlerweile auch beibehalten, um mehr trainieren zu können.

Mittlerweile hast du schon 95 Kränze erschwungen. Wie weit planst du deine weitere Karriere noch?
Mit meinen bald 30 Jahren gehöre ich natürlich schon fast zu den älteren Eisen im Schwingsport. Bis zur Unspunnen-Schwinget 2017 möchte ich sicher noch dabei sein. Aber wenn es mir gut geht, werde ich sicher noch länger schwingen. Wenn ich keine Beschwerden oder schwerwiegende Verletzungen erleide, werde ich vielleicht am Eidgenössischen 2019 auch noch am Start sein, eventuell sogar auch noch 2022.

2007 wurdest du beim Eidgenössischen Vierter, 2010 Dritter und im letzten Jahr Zweiter. Eigentlich weisst du ja bereits, was dich 2016 erwartet…
Ja. (lacht) Das wäre langsam überfällig. Beim Eidgenössischen ist es immer etwas anderes, als bei anderen Schwingfesten. Es muss alles zusammenspielen. Manchmal bist du auf einen glücklichen Entscheid zu deinen Gunsten angewiesen. Auch von der Tagesform ist es sehr abhängig – der erste Tag kann super laufen, und am zweiten kann alles wieder in die Hose gehen.

Mit deinen 140 Kilo und den fast zwei Metern Grösse stichst du sogar aus den Schwingern heraus. Merkst du, dass deine Gegner gegen dich dadurch eher defensiv schwingen?
Ja, das merke ich sehr gut. (lacht) Das ist natürlich ein Ärgernis, aber ändern kann man daran nichts. Es wird sich nie ändern, dass kleine Gegner immer nur defensiv gegen mich schwingen. Aber es sind ja nicht nur die Kleinen, sondern auch die Grösseren, die oft nicht aktiv gegen mich schwingen. Aber wenn ich in der gleichen Situation wäre, würde ich vermutlich dasselbe machen. Werner Jakob, der technische Leiter des Eidgenössischen Schwingerverbands, hat es letztes Jahr treffend ausgedrückt: «278 Schwinger sind zum Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest angetreten, und davon wollen 277 nicht gegen Stucki Chrigu antreten.»

Wie bereitest du dich auf ein Schwingfest vor?
Man setzt in den Trainings immer andere Schwerpunkte. Beispielsweise habe ich für das letzte Eidgenössische die Schnellkraft umgestellt, um dem defensiven Verhalten der Gegner entgegenzuwirken. Dann haben wir auch im mentalen Bereich anders gearbeitet. Eigentlich ist die Vorbereitung immer wie ein Puzzlespiel, das man jedes Mal wieder neu zusammensetzen muss.

Der mentale Aspekt spielt also eine grosse Rolle?
Ich glaube schon. Der Druck von aussen wächst, aber das ist überall gleich. Die Zuschauer erwarten etwas von dir, und auch du hast eine gewisse Erwartungshaltung an dich selbst. Diesen Erwartungsdruck hast du immer.

Kannst du dir nach deiner aktiven Karriere vorstellen, wie König Jörg Abderhalden beim SRF Schwingkommentator zu werden?
Auf jeden Fall. Es ist natürlich schwierig, an so einen Posten zu kommen. Aber wenn man mir die Möglichkeit bietet, würde ich das sehr gerne machen. Bisher war ich natürlich ein gerngesehener Gast beim Schweizer Fernsehen, da ich relativ locker bin und gut mit Worten umgehen kann. Aber das wird sich dann zeigen. Nach der Karriere möchte ich dem Schwingsport auf jeden Fall etwas zurückgeben.

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Der Artikel erschien zusätzlich auf tink.ch.