Kleines Land, grosse WĂ€hrung

In der Schweiz gibt es heute ungefĂ€hr 2500 Sammler von GeldstĂŒcken. Fabio Luraschi von der Erwin Dietrich AG in ZĂŒrich ist Berufsnumismatiker. Der Tessiner MĂŒnzkundler kennt die bewegte Geschichte hinter den Talern, die heute die sicherste WĂ€hrung der Welt reprĂ€sentieren.

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Schweizer MĂŒnzen gelten auch im weltweiten Vergleich als besonders vielseitig. Foto: SANDRO BUCHER

Vor 216 Jahren stand die Schweiz unter der strengen Aufsicht von Frankreich. Die fremde Herrschaft aus dem Westen wollte der Helvetischen Republik noch vor der nahenden Jahrhundertwende ein einheitliches Geldsystem aufzwingen, um die AbhÀngigkeit der Alpennation zu erhÀrten. Als Folge daraus wurde im Jahr 1798  der Schweizer Franken als kraftlose ErgÀnzung zum  französischen Franc in Umlauf gebracht.

Der von den Franzosen erhoffte Erfolg blieb allerdings aus. Die Schweizer wehrten sich hartnĂ€ckig gegen ihr neues Zahlungsmittel und bildeten einen aktiven Widerstand. Nur ein Jahr nach der EinfĂŒhrung des Frankens ergriff Napoleon die Macht in Frankreich. Dieser priorisierte die Optimierung der Schweizer Geldsituation nicht und liess den Schweizern wieder freie Hand bei ihrer WĂ€hrungspolitik.

MonetÀrer Kantönligeist

Die Helvetische Republik zerbrach fĂŒnf Jahre spĂ€ter, worauf die Kantone erneut ihre kurzzeitig verlorene MĂŒnzhoheit beanspruchten. Der dadurch entstandene eigenbrötlerische Modus der GeldprĂ€gung verhinderte ĂŒber einen langen Zeitraum die Entstehung einer einheitlichen Schweizer WĂ€hrung. Gerade deshalb ist die Schweiz fĂŒr viele MĂŒnzkundler ein  Schatz der Vielfalt.

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Schweizer MĂŒnzvielfalt: Fabio Luraschi begutachtet eine rare Schweizer MĂŒnze. Foto: SANDRO BUCHER

«Bis 1850 hatte jeder Kanton eigene MĂŒnzen», erklĂ€rt der Berufsnumismatiker Fabio Luraschi, «wenn man beispielsweise von Bern nach ZĂŒrich fuhr, musste man seine kantonseigenen MĂŒnzen jeweils gegen die anderen tauschen.» Das bescherte den HĂ€ndlern und Reisenden nicht nur erhebliche UmstĂ€nde, sondern war auch gefĂ€hrlich: Besonders in den Kantonen Uri und Schwyz wurde den «AuswĂ€rtigen» an der Grenze wiederholt MĂŒnzen mit niedrigem Silbergehalt gegeben. Erst durch die GrĂŒndung des modernen Schweizer Bundesstaates wurde wieder ein einheitliches Geldsystem eingefĂŒhrt.

Eine MĂŒnze fĂŒr 9‘000‘000 Franken

Zu den Schweizer Seltenheiten gehört ein MĂŒnzensatz aus dem Jahr 1896, der bei der zweiten Landesausstellung in Genf in einer eigens dafĂŒr angefertigten MĂŒnzprĂ€gemaschine vor Ort produziert wurde. Luraschi weiss, dass es von diesen Exponaten heute nur noch wenige gibt und deshalb auch grossen Wert haben. «FĂŒr einige dieser Taler kann man bis zu 20‘000 Franken verlangen», erklĂ€rt der Numismatiker.

Eine vergleichbare RaritĂ€t sind die FĂŒnfliber mit dem Jahrgang 1928. Vor dem Jahr 1928 waren die FĂŒnfliber viel grösser als die heutigen. Sie entsprachen dem tatsĂ€chlichen, fĂŒnffachen Gewicht eines EinfrĂ€nklers. «Mitten im Jahr 1928 fand der Umbruch statt. Man stoppte die Produktion der originalen FĂŒnfliber und begann mit der PrĂ€gung der kleineren, wie wir sie heute kennen», erklĂ€rt Luraschi.

Trotz ihrer bewegten Geschichte, die Taler der Alpenregion können nicht mit den historischen GeldstĂŒcken der Grossnationen mithalten: «Der US-amerikanische Silberdollar von 1794 wurde 2013 fĂŒr den weltweiten Rekordauktionspreis von umgerechnet 9 Millionen Schweizer Franken verkauft», erzĂ€hlt Luraschi. Der Silberdollar ist laut amerikanischen Experten der erste seiner Art, den die US-MĂŒnzanstalt prĂ€gen liess.

Siegeszug des Frankens

Heute gibt es in der Schweiz nur noch eine MĂŒnzstĂ€tte, die „Swissmint“ in Bern. Die Eidgenössische MĂŒnzprĂ€gungsstelle ist eine selbstĂ€ndige Einheit der Eidgenössischen Finanzverwaltung und beschĂ€ftigt gegenwĂ€rtig 20 Personen. Seit 1848 versorgt die Swissmint die Schweiz mit dem nötigen „Stutz“, der nicht zuletzt dank seiner vielseitigen Geschichte und Tradition trotz des zunehmenden bargeldlosen Zahlungsverkehrs seine Position als Zahlungsmittel behauptet.

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Der Artikel erschien zusÀtzlich auf tink.ch.

Das Schweizer Bildungssystem: Mit dem Erfolg kommt das Leid

Die Nachricht schlug im Februar ein wie eine Bombe: Die Schweiz wird von der EuropĂ€ischen Union nach dem Ja zur Zuwanderungsinitiative von dem Studentenaustauschprogramm Erasmus ausgeschlossen und vorerst nur noch wie ein Drittstaat behandelt. Experten sprechen von einem enormen RĂŒckschritt, der die QualitĂ€t der Bildung in unserem Land erschĂŒttert. Doch das Bildungssystem der Schweiz ist auch ohne Erasmus schon stark beschĂ€digt: Versagensangst und Leistungsdruck sind die Antriebsmechanismen an den Schulen unseres Landes.

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Der Schweizer PĂ€dagoge Johann Heinrich Pestalozzi gilt bis heute als einer der bedeutendsten RevolutionĂ€re des europĂ€ischen Bildungssystems. Schon im 18. Jahrhundert warnte er die Lehrerschaft im ganzen Land vor ihren falschen Erziehungsmethoden: «Mit Angst vor dem Rohrstock ist nicht gut Lernen. Kinder sollen Freude haben am Lernen.»  Mit dem Übereinkommen ĂŒber die Rechte des Kindes von 1989 wurde die Körperstrafe in ganz Europa zwar abgeschafft, doch die Furchtsamkeit in den Schulzimmern Europas wurde durch neue Ängste ersetzt: Die Angst vor Misserfolgen, die Angst vor dem Versagen.  Therapeuten an allen Schweizer UniversitĂ€ten verzeichnen einen noch nie dagewesenen Ansturm an Studenten, die unter akuter PrĂŒfungsangst leiden und psychologische UnterstĂŒtzung brauchen.

Internationale Konkurrenzwelt
Durch die fortschreitende Globalisierung wird seit dem 21. Jahrhundert auch international immer mehr Druck auf die SchĂŒler und Studenten ausgeĂŒbt. Der Konkurrenzkampf findet nicht mehr nur in den Klassenzimmern statt, sondern wird weltweit auf einer globalen BĂŒhne ausgelebt: DESI, IGLU, TIMSS, PIRLS und allen voran PISA heissen die internationalen Schulleistungsuntersuchungen, die die Kinder auf der ganzen Welt zu Testobjekten verkommen lassen.

Die Schweiz erzielt jĂ€hrlich Top-Ergebnisse in der PISA-Studie. 2012 erreichte sie im Bereich Mathematik den neunten Platz, vor ihr waren lediglich China, Korea, Japan und andere asiatische Bezirke, die teilweise Schulzeiten von bis zu 13 Stunden am Tag aufweisen. Unterschiede zwischen der deutschen und französischen Sprachgruppe sind in der Schweiz eher gering, lediglich die italienischsprachige Schweiz liegt etwas zurĂŒck. Die Schweiz gilt weltweit als eine unerbittliche Erfolgs- und Leistungsmaschinerie.

«Ich habe kein Leben mehr»
WÀhrend ihrer ganzen schulischen Laufbahn werden Kinder und Jugendliche in von Erwachsenen erschaffenen Schemas gezwÀngt, die sie zu leistungsorientierten Wissensfressern machen, die das wichtigste nie gelernt haben: Selbst zu denken.

Die Hamburger Gymnasiastin Yakamoz Karakurt verfasste 2011 einen Kommentar fĂŒr die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“, der damals tausenden von Jugendlichen aus der Seele sprach und auch in der Schweiz fĂŒr einen Aufschrei in Politik und Schulen sorgte:

«Ich gehe in die 9. Klasse eines Hamburger Gymnasiums und habe ein Problem: Ich habe kein Leben mehr. Mit Leben meine ich Hobbys, Freizeit und Spass. Jeder weiss, dass die Schule nicht das Leben ist. Mein Leben aber ist die Schule, was heisst, dass da etwas falsch gelaufen sein muss. Ich komme um 16 Uhr aus der Schule und gehe nicht vor 23 Uhr ins Bett. Und das liegt nicht daran, dass ich fernsehe, mich entspanne oder sogar Spass habe. Mein Kopf ist voll. Zu voll. Es mag fĂŒr einige vielleicht ĂŒbertrieben klingen, aber die Schule nimmt mir gerade das wichtigste, was ich besitze: Meine Kindheit. Was denken sich eigentlich diejenigen, die ĂŒber unser Schulleben bestimmen? Was bringt es mir, wenn ich die chemische Formel von Cola kenne? Was bringt mir dieses unnötige Wissen? Es kann sein, dass es einige Leute interessant finden. Es kann aber nicht sein, dass ich 14 FĂ€cher habe und von mir erwartet wird, in jedem davon eine super Leistung zu bringen?»

«Die KreativitÀt wird durch das momentane System getötet»
Yakamoz kritisiert in ihrem Kommentar vor allem die Standardisierung und die konsum- und wirtschaftsorientierte NĂŒtzlichkeit des Wissens, welche der Fantasie, KreativitĂ€t und dem selbststĂ€ndigen Denken der Kinder vorgezogen wird.

Der chinesische Erziehungswissenschaftler, Yang Dongping, ist Leiter der staatlichen Organisation fĂŒr Bildung des 21. Jahrhunderts und gilt als scharfer Kritiker des globalen Bildungswesens: «Ein Hauptmerkmal des prĂŒfungsorientierten Systems ist, dass unterschiedliche Meinungen nicht gefragt sind. Das einzige Ziel liegt darin, eine Standardantwort zu finden. Diese Situation ist es, die die KreativitĂ€t tötet. Deshalb mangelt es den Kindern, die in diesem System aufgewachsen sind, an SelbststĂ€ndigkeit und der FĂ€higkeit, sich gesellschaftlichen VerĂ€nderungen zu stellen und Dinge zu hinterfragen.»

Ob in China oder in der Schweiz, die Problematik ist ĂŒberall die gleiche: Schon seit Jahren ist die Leistungsorientiertheit das Mass aller Dinge.

In der Schweiz leidet jeder 2. Jugendliche unter Stress
Es war eine fĂŒr Eltern und Schulen alarmierende Offenbarung, als das Basler Gesundheitsdepartement 2012 die Resultate ihrer Befragung von 1400 Jugendlichen veröffentlichte: 61 Prozent der MĂ€dchen und 41 Prozent aller Knaben gaben an, hĂ€ufig unter Stress zu sein. ErwartungsgemĂ€ss war der grösste Stressfaktor die Schule.

Dr. Silke Schmitt Oggier ist SchulĂ€rztin und Medienbeauftrage des SchulĂ€rztlichen Dienstes der Stadt ZĂŒrich und kennt die Problematik genau: «Der Stress betrifft die Leistungsanforderungen ebenso wie die elterlichen Leistungserwartungen und den erforderlichen Zeitaufwand. So sind auch VerhaltensauffĂ€lligkeiten und GesundheitsbeeintrĂ€chtigungen verstĂ€rkt bei denjenigen Jugendlichen anzutreffen, die den schulischen Anforderungen nicht gerecht werden können und die elterlichen Erwartungen enttĂ€uschen.»

In einem Interview mit der Schweizer Tageszeitung „20 Minuten“ warnt der ZĂŒrcher Psychoanalytiker Markus FĂ€h die Eltern und Schulen vor diesem Trend: «Wir sind auf dem Weg zur total erschöpften Gesellschaft. Wenn man den Stress als Junger ignoriert, steigt die Chance, dass man irgendwann eine Therapie braucht.»

98% aller Kinder kommen hochbegabt zur Welt, nach der Schule sind es gerade noch 2%
Der österreichische Autor und Filmemacher Erwin Wagenhofer befasst sich in seinem Film „Alphabet“ mit den Bildungssystemen der Welt. Bei seiner Forschung stĂŒtzt er sich auf die These des deutschen Hirnforschers Gerald HĂŒther. Dieser behauptet, dass 98% aller Kinder hochbegabt zur Welt kommen, aber durch die Verschulung und Uniformierung der PĂ€dagogik sind es nach der obligatorischen Schulzeit nur noch 2%. «Finanz, Energie und Klima: Eines haben all diese Problemfelder gleich: sie wurden von Menschen gemacht. Oft von Menschen, die an den besten UniversitĂ€ten und AusbildungsstĂ€tten dieser Welt geschult wurden», sagt Wagenhofer.

Eine abschliessende Lösung fĂŒr das momentane Bildungsproblem finden Wagenhofer und Experten nicht, doch eines ist fĂŒr sie klar: «Die Bildungslandschaft von morgen muss mit der systematischen Belehrung von gestern aufhören und stattdessen Potentialentfaltung und Bereicherung durch Verschiedenartigkeit in den Mittelpunkt stellen. Und schließlich: Wer soll damit beginnen, wenn nicht wir! Jetzt mĂŒssen wir uns entscheiden, wo wir hinwollen. Dazu braucht es eine neue Beziehungskultur und ein neues Denken!»