Warum geniesst die katholische Kirche wieder mehr Vertrauen?

Laut einer österreichweiten Umfrage zum Thema Glaubwürdigkeit geniesst die katholische Kirche das Vertrauen von 46 Prozent der Bevölkerung. Das sind elf Prozent mehr als im letzten Jahr. Wie dieser Aufstieg zu erklären ist, zeigt unter anderem ein Blick auf die anderen Gewinner und Verlierer dieser Umfrage.

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Der Vatikan geniesst, zumindest in Ă–sterreich, wieder ein hohes Mass an Vertrauen. (Foto: ISABELLA PECHLIVANIS/pixelio.de)

Fast jeder zweite Mensch in Österreich schenkt der katholischen Kirche sein Vertrauen. Das zeigt eine aktuelle Umfrage, die unter anderem von dem sozialwissenschaftlichen Institut Sora durchgeführt wurde. Und auch bei den abgefragten Persönlichkeiten glänzt die Kirche: Papst Franziskus erreicht mit 82 Prozent den zweiten Platz hinter Ski-Star Marcel Hirscher, dem 83 Prozent der befragten Personen vertrauen.

Was glaubwĂĽrdig macht

Auch wenn Katholikinnen und Katholiken in Ă–sterreich noch immer in der Mehrheit sind (60 Prozent), ĂĽberrascht dieses hohe Mass an Vertrauen. Vor allem, wenn man sich ansieht, anhand welcher Eigenschaften das Vertrauen gemessen wurde:

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(Screenshot: Folie klar.SORA GlaubwĂĽrdigkeitsranking 2016)

Die stärksten statistischen Zusammenhänge mit Glaubwürdigkeit zeigen laut den Befragern folgende Beschreibungen: «ist ehrlich», «tut, was er/sie sagt» und «hält, was er/sie verspricht»; fast gleich stark wirken «ist offen und transparent» sowie «bei ihm/ihr passt alles zusammen», schreibt ORF.

Auch ohne viel Zynismus und Spott ist kaum von der Hand zu weisen, dass viele dieser Eigenschaften bei der katholischen Kirche nur wenig oder gar nicht zutreffen. Wie aber sind diese positiven Entwicklungen dann zu erklären?

«Der Franziskus-Effekt»

In den Skandaljahren 2010 bis 2013 verlor die Kirche nicht nur ihre Glaubwürdigkeit, sondern auch das Vertrauen hunderttausender Katholiken. Viele Gläubige konnten über die Pädophilie-Vorwürfe an ranghohen Bischöfen, Priestern und Pfarrern nicht hinwegsehen und wendeten der Kirche den Rücken zu. Die Beliebtheit der Kirche war auf einem neuen Tiefpunkt, die Zahl der Kirchenmitglieder sank täglich im vierstelligen Bereich.

Damals stellten sich viele Theologen und Laien nach dem RĂĽcktritt von Benedikt XVI. die Frage: Kann ein einzelner Mann das Schiff Petri wieder auf Kurs bringen? Mittlerweile hat Franziskus bewiesen: Ja, er kann. Auch wenn er im Vatikan selbst nur wenig bewegt, findet durch seine zukunftsgerichteten und liberalen Aussagen ein Umdenken in der Ă–ffentlichkeit statt. So wie vor ein paar Tagen, als er sagte, dass Homosexuelle, Frauen, Geschiedene und ausgebeutete Kinder eine Entschuldigung fĂĽr ihre Behandlung durch die Kirche verdient haben.

Seit Franziskus Papst ist, findet ein Akt der Entrümpelung altbewährter Traditionen und Ansichten statt. Denn auch ihm war klar, dass an ihm die Glaubwürdigkeit der Kirche neu bemessen werden würde. So hat der sogenannte «Franziskus-Effekt» auf jeden Fall sehr viel damit zu tun, dass die Kirche derzeit einen Frühling der Vertrauenswürdigkeit erlebt.

Schwere Zeiten

Ein nicht minder wichtiger Faktor ist die momentane gesellschaftliche und politische Unsicherheit in Europa: Viele Menschen, auch solche, die sich nicht als Christen bezeichnen, verlangen derzeit von den Kirchen klare Haltungen und Mithilfe bei aktuellen Problemen, wie beispielsweise der Flüchtlingssituation. Denn dass sich Menschen in Krisensituationen oft zum Glauben hinwenden oder sich wieder ihrer religiösen Wurzeln bewusst werden, zeigte sich in der europäischen Vergangenheit schon des Öfteren.

Auch drückt sich die momentane Unsicherheit in den anderen Ergebnissen der Glaubenswürdigkeits-Umfrage aus: Der österreichischen Regierung vertrauen nur noch 30 Prozent (-7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr), der EU-Kommission 25 Prozent, Eva Glawischnig, einer österreichischen Grünen-Politikerin, nur noch 42 Prozent (-9 Prozent) und  Angela Merkel nur noch 45 Prozent (-25 Prozent!).

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Kampf ums Kruzifix

Der EU-Parlamentspräsident Martin Schulz forderte während einer TV-Diskussion, dass religiöse Symbole im öffentlichen Raum keinen Platz haben sollen. Wenige Tage später kriecht er zu Kreuze und zieht seine Aussage zurück. Die Debatte brennt indes weiter.  

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Martin Schulz, Auslöser einer erneuten Kruzifix-Debatte. Photo: PATRICK HERTZOG/AFP

Martin Schulz ist Spitzenkandidat der sozialdemokratischen Parteien für die Europawahlen. Seit mehreren Wochen befindet sich der Präsident des EU-Parlaments deswegen auf Wahlkampftour durch ganz Europa.

Im Duell gegen seinen politischen Gegner Jean-Claude Junker gibt sich der Sozialdemokrat ungewohnt sachlich und zurückhaltend. Diese Neutralität wurde ihm in einer TV-Diskussion vor einigen Tagen zum Verhängnis: Schulz forderte, dass der öffentliche Raum neutral sein müsse und keinen Platz für religiöse Symbole bieten dürfe. Christliche Parteien und kirchliche Kreise kritisieren den Europa-Politiker scharf. Trotz sofortigem Zurückrudern wenige Tage später schaffte es Schulz nicht, den Brandherd der Debatte frühzeitig zu löschen. Der Kampf ums Kruzifix hat wieder begonnen.

„Verbannung des Kreuzes ist gegen die Europäische Verfassung“

Ludwig Schick war einer der ersten, der die Äusserungen von Schulz angefochten hat: „In der Europäischen Verfassung steht, dass die Werte, die die Europäische Union prägen, erhalten werden sollen. Dazu gehören auch Kreuze. Dieses Symbol muss in der Öffentlichkeit bleiben“, schreibt der Bamberger Erzbischof auf der Webseite seines Erzbistums. Das Kreuz symbolisiere mit seinen gekreuzten Balken die Verbundenheit der Menschen mit Gott und die Verbundenheit mit anderen Menschen durch Liebe, so Schick. „Das kann man sogar Nichtchristen erklären, sodass sie das Kreuz als Symbol wertschätzen können.“

Zustimmung findet Schick bei dem bayrischen Weihbischof Anton Losinger, der eine absolute Notwendigkeit in der öffentlichen Zurschaustellung von Kreuzen sieht: „Wir brauchen das Kreuz in den Schulen. Vor allem junge Menschen suchen heute Orientierung und Halt. Wo sie keine Antworten bekommen, entsteht geistige Not.“

Das Kruzifix ist kein Kreuz, dass die EU zu tragen hat

Die Endlosdebatte um das Kruzifix hat Martin Schulz neu angeheizt. Die BefĂĽrworter und Gegner drehen sich aber weiter im Kreis und argumentieren wie schon vor 3 Jahren – als der Europäische Gerichtshof fĂĽr Menschenrechtsfragen in letzter Instanz entschieden hat, dass in italienischen Klassenzimmern Kreuze hängen dĂĽrfen -, oder auch vor 19 Jahren, als die deutsche Rechtsordnung die Frage nach Kreuzen im öffentlichen Raum im Bundesverfassungsgericht schriftlich festgehalten hat.

Die kontroversen Aussagen von Martin Schulz waren ein misslungenes Wahlkampfmanöver. Seine Unüberlegtheit hinter den undifferenzierten Worten stellte er offen zur Schau, als er sich wenige Tage nach der Kruzifix-Äusserung im Interview mit der deutschen Tageszeitung „Die Welt“ an einem strategischen Rückzug versuchte: „Kreuze sind ein Teil unseres Erbes, über das ich mich bei jedem Spaziergang freue.“ Er wolle diese nicht im öffentlichen Raum verbannen und sei missverstanden worden.

Die defätistische Umkehr vom SPD-Politiker unterstreicht, dass er sich nicht im Vorfeld mit der Thematik befasst hat. Das meint auch Sven Speer, Vorsitzender des Forums für Offene Religionspolitik, im Interview mit Katholisch.net: „Schulz zettelt diese Debatte zu einem Unzeitpunkt an. Es gibt gar keinen Grund, das jetzt und vor allem auf EU-Ebene zu regeln. Ohnehin liegt die Zuständigkeit nicht bei der EU, sondern auf Ebene der Mitgliedsstaaten.“

Deutschland legt sich selbst aufs Kreuz

Bei dem Kruzifix-Thema geht es, insbesondere in Deutschland, nicht nur um das Stück Holz an den Wänden. Die Problematik ist viel komplexer und in den gesellschaftlichen Wertvorstellungen verwurzelt. Das Kreuz wird in erster Linie nicht mehr von allen als religiöses Symbol angenommen, sondern als ein Symbol der abendländischen Kultur. Im Gegensatz dazu werden muslimische Symbole wie Burkas und Kopftücher als politisches Symbol gewertet. Zu diesem Schluss kommt Speer und kritisiert damit zu Recht die schwammige Rechtspraxis in Deutschland.

Ein Kreuzchen fĂĽrs Kreuz

Mit seiner Äusserung schaffte sich Schulz mehr Feinde als Freunde. Sein Mitstreiter um den Top-Job in Brüssel, EVP-Politiker Jean-Claude Juncker, nutzte noch während der TV-Diskussion die Gunst der Stunde und schmeichelte den Christen des Landes: „Die EU soll sich nicht einmischen in der Frage, wie Religion vor Ort gelebt wird. Lokale und regionale Sitten und Gebräuche dürfen nicht angetastet werden, solange die Grundprinzipien und Werte der Union eingehalten werden.“

Im Endspurt des Rennens um die Europawahl wird es nochmals eng. Die geistlichen Kreise mobilisieren ihre Schäfchen mit klaren Aufforderungen, wie diese am 25. Mai zu wählen haben. So zum Beispiel auch das katholische Online-Nachrichtenmagazin kath.net, das in einem kritischen Artikel mit Martin Schulz abrechnet und um aktive Beteiligung bittet: „Wir bitten unsere Mitbürger, ihre Stimme den Kandidaten zu geben, die sich für die allgemeingültigen christlichen Werte einsetzen.“

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Diesen Artikel findet ihr auch auf tink.ch