Warum geniesst die katholische Kirche wieder mehr Vertrauen?

Laut einer österreichweiten Umfrage zum Thema GlaubwĂŒrdigkeit geniesst die katholische Kirche das Vertrauen von 46 Prozent der Bevölkerung. Das sind elf Prozent mehr als im letzten Jahr. Wie dieser Aufstieg zu erklĂ€ren ist, zeigt unter anderem ein Blick auf die anderen Gewinner und Verlierer dieser Umfrage.

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Der Vatikan geniesst, zumindest in Österreich, wieder ein hohes Mass an Vertrauen. (Foto: ISABELLA PECHLIVANIS/pixelio.de)

Fast jeder zweite Mensch in Österreich schenkt der katholischen Kirche sein Vertrauen. Das zeigt eine aktuelle Umfrage, die unter anderem von dem sozialwissenschaftlichen Institut Sora durchgefĂŒhrt wurde. Und auch bei den abgefragten Persönlichkeiten glĂ€nzt die Kirche: Papst Franziskus erreicht mit 82 Prozent den zweiten Platz hinter Ski-Star Marcel Hirscher, dem 83 Prozent der befragten Personen vertrauen.

Was glaubwĂŒrdig macht

Auch wenn Katholikinnen und Katholiken in Österreich noch immer in der Mehrheit sind (60 Prozent), ĂŒberrascht dieses hohe Mass an Vertrauen. Vor allem, wenn man sich ansieht, anhand welcher Eigenschaften das Vertrauen gemessen wurde:

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(Screenshot: Folie klar.SORA GlaubwĂŒrdigkeitsranking 2016)

Die stĂ€rksten statistischen ZusammenhĂ€nge mit GlaubwĂŒrdigkeit zeigen laut den Befragern folgende Beschreibungen: «ist ehrlich», «tut, was er/sie sagt» und «hĂ€lt, was er/sie verspricht»; fast gleich stark wirken «ist offen und transparent» sowie «bei ihm/ihr passt alles zusammen», schreibt ORF.

Auch ohne viel Zynismus und Spott ist kaum von der Hand zu weisen, dass viele dieser Eigenschaften bei der katholischen Kirche nur wenig oder gar nicht zutreffen. Wie aber sind diese positiven Entwicklungen dann zu erklÀren?

«Der Franziskus-Effekt»

In den Skandaljahren 2010 bis 2013 verlor die Kirche nicht nur ihre GlaubwĂŒrdigkeit, sondern auch das Vertrauen hunderttausender Katholiken. Viele GlĂ€ubige konnten ĂŒber die PĂ€dophilie-VorwĂŒrfe an ranghohen Bischöfen, Priestern und Pfarrern nicht hinwegsehen und wendeten der Kirche den RĂŒcken zu. Die Beliebtheit der Kirche war auf einem neuen Tiefpunkt, die Zahl der Kirchenmitglieder sank tĂ€glich im vierstelligen Bereich.

Damals stellten sich viele Theologen und Laien nach dem RĂŒcktritt von Benedikt XVI. die Frage: Kann ein einzelner Mann das Schiff Petri wieder auf Kurs bringen? Mittlerweile hat Franziskus bewiesen: Ja, er kann. Auch wenn er im Vatikan selbst nur wenig bewegt, findet durch seine zukunftsgerichteten und liberalen Aussagen ein Umdenken in der Öffentlichkeit statt. So wie vor ein paar Tagen, als er sagte, dass Homosexuelle, Frauen, Geschiedene und ausgebeutete Kinder eine Entschuldigung fĂŒr ihre Behandlung durch die Kirche verdient haben.

Seit Franziskus Papst ist, findet ein Akt der EntrĂŒmpelung altbewĂ€hrter Traditionen und Ansichten statt. Denn auch ihm war klar, dass an ihm die GlaubwĂŒrdigkeit der Kirche neu bemessen werden wĂŒrde. So hat der sogenannte «Franziskus-Effekt» auf jeden Fall sehr viel damit zu tun, dass die Kirche derzeit einen FrĂŒhling der VertrauenswĂŒrdigkeit erlebt.

Schwere Zeiten

Ein nicht minder wichtiger Faktor ist die momentane gesellschaftliche und politische Unsicherheit in Europa: Viele Menschen, auch solche, die sich nicht als Christen bezeichnen, verlangen derzeit von den Kirchen klare Haltungen und Mithilfe bei aktuellen Problemen, wie beispielsweise der FlĂŒchtlingssituation. Denn dass sich Menschen in Krisensituationen oft zum Glauben hinwenden oder sich wieder ihrer religiösen Wurzeln bewusst werden, zeigte sich in der europĂ€ischen Vergangenheit schon des Öfteren.

Auch drĂŒckt sich die momentane Unsicherheit in den anderen Ergebnissen der GlaubenswĂŒrdigkeits-Umfrage aus: Der österreichischen Regierung vertrauen nur noch 30 Prozent (-7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr), der EU-Kommission 25 Prozent, Eva Glawischnig, einer österreichischen GrĂŒnen-Politikerin, nur noch 42 Prozent (-9 Prozent) und  Angela Merkel nur noch 45 Prozent (-25 Prozent!).

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Erstmal ErnĂŒchterung

Mit einem Gottesdienst im Petersdom wurde am Sonntag die Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode eröffnet. Drei Wochen lang werden sich mehr als 300 Theologen, OrdensbrĂŒder, Bischöfe und Experten ĂŒber heikle Themen rund um Ehe und Familie beraten. Die Eröffnungspredigt von Papst Franziskus wirkte teils folgewidrig und abwegig, lĂ€sst damit aber den Kurs der Synode erahnen.

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Eine feierliche Messe im Petersdom eröffnete die Familiensynode 2015. (BILD: Screenshot, via Youtube-User vatican)

Zum Auftakt der Familiensynode hat Franziskus einmal mehr die Unauflöslichkeit und Wichtigkeit der Ehe bekrĂ€ftigt und diese in seiner Predigt in den Fokus gerĂŒckt:

«[Jesus] fĂŒhrt alles auf den Ursprung der Schöpfung zurĂŒck, um uns zu lehren, dass Gott die menschliche Liebe segnet, dass er es ist, der die Herzen zweier Personen, die einander lieben, verbindet und dass er sie in der Einheit und Unauflöslichkeit verbindet. Das bedeutet, dass das Ziel des ehelichen Lebens nicht nur darin besteht, fĂŒr immer zusammenzuleben, sondern fĂŒr immer einander zu lieben!»

Barrieren auf den BrĂŒcken

Dass Franziskus in seiner Eröffnungspredigt die GlĂ€ubigen dazu auffordert, jede Form von Individualismus und Legalismus zu ĂŒberwinden, ĂŒberrascht aus vielerlei Hinsicht. Nicht nur hat Franziskus wenige Wochen vor der vatikanischen Bischofssynode zwei Papstdokumente veröffentlicht, die die Annullierung von katholischen Ehen vereinfacht, er schliesst die Predigt auch mit Worten der Öffnung:

«[
] eine Kirche mit verschlossenen TĂŒren verrĂ€t sich selbst und ihre Sendung, und anstatt eine BrĂŒcke zu sein, wird sie eine Barriere [
]»

Um diese Aussage als paradox und zynisch zu entlarven, genĂŒgt ein Blick in die deutschsprachigen LĂ€nder Europas: In der Schweiz und in Österreich werden vierzig Prozent der Ehen geschieden, in Deutschland gar 45 Prozent.

Sturm im Wasserglas

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, wertete die damaligen Annullierungs-Dokumente als ein vernĂŒnftiges Signal des Papstes. Grundlegende Änderungen der kirchlichen Lehre seien bei der Synode trotzdem nicht zu erwarten, ergĂ€nzte Marx und schloss eine gĂŒltige zweite sakramentale Ehe aus.

Nach der Eröffnungspredigt wurde deshalb einmal mehr klar, dass die Familiensynode zwar ein Gradmesser fĂŒr Franziskus wird, dennoch wird das Abschlussdokument nach der dreiwöchigen Tagung keine Revolution einlĂ€uten. Im Vatikan sollen durch die zweite Familiensynode innerhalb eines Jahres lediglich die Weichen gestellt werden. Es wird Jahre dauern, bis sich Geschiedene und Wiederverheiratete und Homosexuelle nicht mehr an den Rand der Kirche gedrĂ€ngt fĂŒhlen mĂŒssen.

Vorstellbar sind maximal anzustrebende Vereinfachungen im Umgang mit Wiederverheirateten und Geschiedenen, die zum Abschluss der Bischofssynode aber weder klar festgelegt, noch genau definiert sein werden.

Heikle, heikle HomosexualitÀt

Die gleichgeschlechtliche Ehe wurde in der Eröffnungspredigt geschickt umschifft. Zwischen den Zeilen wurde dennoch klar, dass auch in der Causa HomosexualitÀt in den nÀchsten drei Wochen keine erwÀhnenswerte VerÀnderung stattfinden wird.

Mit Hilfe von Bibeltexten und Gleichnissen aus der heutigen Zeit wurde darauf aufmerksam gemacht, dass nur die Liebe zwischen Mann und Frau gottgewollt ist. Hoffnungsvoll stimmt hingegen, dass Franziskus in zentralen Textstellen auf den «Mann und Frau»-Begriff verzichtete und sich stattdessen neutralen Aussagen bediente:

«[Diese Worte] (Gen 2,18) zeigen [
], dass Gott den Menschen nicht zu einem Leben in Traurigkeit und Alleinsein erschaffen hat, sondern fĂŒr ein Leben im GlĂŒck, in dem er seinen Weg gemeinsam mit einer anderen Person geht, die ihn ergĂ€nzt, damit er die wunderbare Erfahrung der Liebe macht: zu lieben und geliebt zu werden [
]»

Doch sĂ€mtliche Zuversicht, dass die Kirche die Öffnung ernst meint, wurde bereits vor der Eröffnungspredigt zerstört, als sich der bedeutende, vatikanische Theologe, Krzysztof Charamsa (43), am Samstag in einem Zeitungsinterview als öffentlich homosexuell geoutet hat. Dem AssistenzsekretĂ€r der Internationalen Theologischen Kommission und Dozent an zwei pĂ€pstlichen UniversitĂ€ten wurde innert Stunden vom Vatikan die römischen Ämter entzogen.

Bigotte Barmherzigkeit

«[Die Kirche ist dazu berufen], ihre Sendung zu leben in der Liebe, die nicht mit dem Finger auf die anderen zeigt, um sie zu verurteilen, sondern [
] sich verpflichtet fĂŒhlt, die verletzten Paare zu suchen und mit dem Öl der Aufnahme und der Barmherzigkeit zu pflegen; ein „Feldlazarett“ zu sein mit offenen TĂŒren, um jeden aufzunehmen, der anklopft und um Hilfe und UnterstĂŒtzung bittet [
]» sagte Franziskus nur wenige Minuten, nachdem er die gottgewollte Liebe zwischen Mann und Frau unterstrich und die Unauflöslichkeit der Ehe festhielt.

Franziskus kann den Weg der Modernisierung nicht selbst beschreiten. Der Dialog zwischen Reformern und Konservativen wird immer schwieriger, legt Steine und HĂŒrden in den Pfad. Nicht zuletzt, da der Kreis der Franziskus-Gegner in letzter Zeit zunehmend aggressiver agiert und vermehrt das Wort «Spaltung» in den Mund genommen hat.

Doch der Wunsch nach Öffnung kommt aus der Mitte der katholischen Kirche. Papst Franziskus bedauerte schon öfters, dass wiederverheiratete und geschiedene Katholikinnen und Katholiken ihren Ausschluss von den Sakramenten als Exkommunikation, als Ausschluss aus der kirchlichen Gemeinschaft, empfinden.

Wegbleiben des Wandels

UnzĂ€hlige Synoden standen bereits unter dem Zeichen des Dialogs und des Abtastens. Was fehlt ist der Startschuss fĂŒr eine Reformbewegung, sowohl innerhalb als auch ausserhalb der katholischen Kirche. ZugestĂ€ndnisse an die Lebenswirklichkeit vieler Menschen dĂŒrfen nicht mehr als Anbiederung an einen Zeitgeist gewertet werden.

Nie zuvor wurden so viele wichtige Schritte in Richtung Gleichheit genommen wie in den vergangenen Monaten. Wenn nicht einmal diese Einfluss auf die Synode haben, wird die Kirche zunehmend zu einem Fremdkörper.

Interview: Katholische Priesterin Jacqueline Straub

Jacqueline Straub möchte die erste Priesterin der katholischen Kirche werden. Um ihre Berufung leben zu können, mĂŒsste die Theologiestudentin aus Freiburg eine globale Institution mit ĂŒber einer Milliarde Mitgliedern in ihren Grundfesten verĂ€ndern. Im Interview sprach die 24-JĂ€hrige ĂŒber ihren Kampf gegen restaurative Tendenzen und fĂŒr tiefgreifende Reformen in der Kirche.

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«FĂŒr ReaktionĂ€re in der Kirche bin ich ein öffentliches Ärgernis» (Bild: MELI STRAUB/www.meli-photodesign.de)

Du bist ĂŒberzeugt, spĂ€testens in zwanzig Jahren katholische Priesterin zu sein. Ist das realistisch?
Jacqueline Straub: Die Kirche braucht fĂŒr tiefgreifende Reformen immer eine relativ lange Zeit, und in der Frage des Frauenpriestertums hĂ€ngt ziemlich viel dran. Im Vorfeld muss erst klar gemacht werden, dass die Diskussion ĂŒberhaupt möglich ist. Denn kirchenrechtlich ist das Frauenpriestertum kein Dogma. Vor der Entscheidung durch ein Drittes Vatikanisches Konzil braucht es eine lange Vorbereitungszeit. Viele sagen deshalb, dass fĂŒnfzig oder hundert Jahre realistischer wĂ€ren. Ich rechne aber weiter mit einer Vorbereitungszeit von zwanzig Jahren, da wir mit Papst Franziskus eine dialogische Kirche geworden sind.

Hast du keine Angst, dass dein Vorhaben auch in zwanzig Jahren noch eine Kirchenspaltung verursachen könnte?
Es wird extrem konservative, also reaktionĂ€re Gruppen geben, die werden sich so oder so abspalten. FĂŒr die bin ich gerade zu ein öffentliches Ärgernis. Doch es gibt seit ĂŒber fĂŒnfzig Jahren Frauen und MĂ€nner, die auf das Frauenpriestertum hingearbeitet haben. Wenn man die nĂ€chsten zwanzig Jahre darĂŒber spricht, die Zweifel benennt und das Positive eines Frauenpriestertums hervorhebt, dann wird ein ruhiger Verlauf immer realistischer. Zuvor wird aber noch der Zölibat fallen, und Wiederverheiratete und Geschiedene werden die Kommunion empfangen.

Wie reagieren deine Kommilitoninnen auf deine PlÀne?
Ich kenne einige Mitstudentinnen, die auch berufen sind. Die sagen aber nichts, da sie fĂŒrchten, nach den sechs Jahren Theologiestudium keine kirchliche Anstellung zu erhalten. Es gab schon Priester und Bischöfe, die ihres Amtes enthoben wurden, bloss weil sie sich öffentlich fĂŒr Frauen als Priesterinnen aussprachen.

Ist diese Angst bei dir nie aufgetaucht?
Die war mal in den ersten Semestern da, als ich noch Pastoralassistentin werden wollte. Doch mit Schweigen wĂŒrde ich mich nur selbst verleugnen. Mittlerweile stehe ich dazu und nehme das Risiko auf mich, dass ich spĂ€ter nicht im kirchlichen Bereich arbeiten kann. Denn mit Schweigen Ă€ndert sich auch nichts.

Wo siehst du in der Kirche sonst noch VerÀnderungspotential?
Da gibt es viel (lacht). Unsere Kirche muss menschenfreundlicher werden und an die RĂ€nder der Welt gehen. Der Umgang mit Geschiedenen und Homosexuellen muss menschlicher werden. Wie konservative Kreise ĂŒber Homosexuelle sprechen, tut mir wirklich weh. Auch der Pflichtzölibat passt nicht mehr in unsere Zeit. Man muss die Zeichen der Zeit erkennen und danach handeln. Es kann nicht sein, dass wir die nĂ€chste Generation einfach vergessen. Wenn die Jungen heute nicht gefördert werden und keinen angemessenen Platz in der Kirche erhalten, dann habe ich wirklich Angst um die Kirche.

Der Umgang mit Homosexuellen und die Öffnung der Ehe fĂŒr alle erhitzen zurzeit die GemĂŒter. In einem frĂŒheren Interview hast du erwĂ€hnt, dass du am Ehesakrament, Mann und Frau, festhalten möchtest.
FĂŒr eine staatliche Homo-Ehe bin ich auf jeden Fall. Beim Ehesakrament gibt es aber Schwierigkeiten. Die Kirche tut sich immer noch extrem schwer mit dem Frau-Mann-Begriff und muss erstmal selbst definieren, was Ehe heute, mit all ihren Facetten eigentlich bedeutet. Wenn wir die Ehe wie bisher mit den drei Grundprinzipien Treue, Liebe und Sorge fĂŒr die Nachkommen definieren, dann wĂŒrde das auch Homosexuelle nicht ausgrenzen.

WĂŒrdest du eine Trennung zwischen Kirche und Staat also begrĂŒssen?
Auf der einen Seite könnte eine Trennung von Kirche und Staat durchaus nicht nur negative Wirkungen haben. So wĂŒrden mangels Kirchensteuer die kargen Finanzen gewisse Pfarrer und Bischöfe zu einem einfacheren und authentischeren Lebensstil zwingen. Auf der anderen Seite denke ich, dass sich durch eine Trennung eine katholische Elite-Gruppe herauskristallisieren wĂŒrde. Fortschrittlich denkende Katholiken wĂŒrden dadurch vermutlich ins Abseits geschoben werden, was eine elitĂ€re „Fraktion“ hervorbringen wĂŒrde. Solange die katholische Kirche öffentlich-rechtlich anerkannt ist, ist eine gewisse GewĂ€hr vorhanden, die das verhindert.

Die Religion verliert in der Gesellschaft zunehmend an Bedeutung, vielerorts auf der Welt sinken die Zahlen von GlÀubigen. Was löst die zunehmende Abwanderung aus der Kirche Richtung Gottlosigkeit in dir aus?
Dass es heute so viele Atheistinnen und Atheisten gibt, ist auch eine SchwĂ€che der Kirche, die durch ein falsches Auftreten verursacht ist. Wenn es die Kirche nicht schafft, den Glauben mit Herz und Verstand zu vermitteln, dann rennen die Menschen entweder in die fundamentalistische Ecke oder wenden sich dem Atheismus zu. Mir tut es weh, dass man sich in meiner Generation fĂŒr den Glauben rechtfertigen muss. Aber alle wird man nie ins Boot holen können.

Wie kann die Kirche diesem Trend entgegenwirken?
Ich erlebe zu meinem eigenen Bedauern, dass es einige Bischöfen und Priestern gibt, denen das Feuer fehlt. Heute braucht es mehr denn je Überzeugung und Auftreten. Auf Christen und Nicht-Christen wirkt es abschreckend, wenn sich gewisse Bischöfe nie in der Öffentlichkeit Ă€ussern und zeigen. Die Menschen möchten Kleriker, die eine klare Position vertreten, die nachvollziehbar ist. Das fehlt in der Kirche vielerorts.

Dein Handy ziert ein Bild von Papst Franziskus. Ist er fĂŒr dich ein HoffnungstrĂ€ger?
Franziskus interessieren westliche Kirchenthemen wie Zölibat oder das Frauenpriestertum weniger als Armut und fehlende Gerechtigkeit auf der Welt. Doch er ist ein Ă€usserst mutiger Papst, welcher der katholischen Kirche zu viel positiver Berichterstattung verholfen hat. Wenn alle Priester, Bischöfe und KardinĂ€le so entschlossen auftrĂ€ten wie er, könnten sich die Menschen viel eher mit der Kirche identifizieren. Da Franziskus angedeutet hat, wie Benedikt XVI. frĂŒhzeitig aus dem Amt zu scheiden, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass er zumindest noch darauf hinwirkt, dass in den nĂ€chsten zwei bis drei Jahren bestimmte Frauenthemen aufgenommen werden und die Diskussion darĂŒber entfacht wird. Doch das Dritte Vatikanische Konzil wird erst mit dem nĂ€chsten oder dem ĂŒbernĂ€chsten Papst kommen.

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Das Interview erschien auf hpd.de.

Papst – auf Lebenszeit?

Franziskus sagt, dass er einen RĂŒcktritt nach dem Vorbild seines VorgĂ€ngers nicht ausschliesse. Mit solchen Gedankenspielereien erwĂ€rmt der Argentinier die Debatte, die seit der Demission von Papst Benedikt XVI. sporadisch aufflammt: Ist das Pontifikat auf Lebenszeit noch zeitgemĂ€ss?

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Papst Benedikt XVI. beendete sein Pontifikat frĂŒhzeitig. Wird es ihm Franziskus gleichmachen? (Bild: katholisches.info)

«Ich glaube, Benedikt hat mit viel Mut eine TĂŒr fĂŒr emeritierte PĂ€pste geöffnet», erklĂ€rt Papst Franziskus in einem Interview mit dem mexikanischen Fernsehsender «Televisa». Weiter glaubt der Argentinier, dass sein Herr ihn lediglich fĂŒr ein Pontifikat berufen habe, das höchstens vier oder fĂŒnf Jahre andauern werde. Bereits im August des letzten Jahres Ă€usserte der 78-JĂ€hrige erste Gedanken ĂŒber seinen Tod und bliess dabei temporal in ein Ă€hnliches Horn: «Sollten meine gesundheitlichen Beschwerden ĂŒberhandnehmen, werde ich vermutlich schon in zwei bis drei Jahren zum Herren zurĂŒckkehren.»

Mit seinen AusfĂŒhrungen lĂ€sst der Jesuiten-Papst mutmassen, dass er seinen Abschied zumindest in den GrundzĂŒgen unlĂ€ngst geplant hat und die Amtsniederlegung auf der Basis seines VorgĂ€ngers als salonfĂ€hig etablieren möchte.

RĂŒcktritte nicht als Ausnahme sehen

Weiter wĂŒnschte sich Franziskus, dass RĂŒcktritte kĂŒnftig nicht mehr als Ausnahme gesehen werden. Die Formulierung zum Pontifikats-RĂŒcktritt im Codex des Kanonischen Rechtes lĂ€sst die Amtsablegung ebenso unbehelligt erscheinen. Keine Etikette, kein Ritus und kein Usus, lediglich ein eindeutiger Entscheid ist notwendig, der nicht einmal von irgendjemandem bestĂ€tigt werden muss: «Falls der Papst auf sein Amt verzichten sollte, ist zur GĂŒltigkeit verlangt, dass der Verzicht frei geschieht und hinreichend kundgemacht, nicht jedoch, dass er von irgendwem angenommen wird.» (Can. 332, §2). Dass der RĂŒcktritt aus freien Schritten erfolgen und öffentlich verkĂŒndet werden muss, wurde erst 1983 bei der Neufassung des Kirchenrechts unter Papst Johannes Paul II. in den Kanon aufgenommen.

Dessen ungeachtet muss bedacht werden, dass die Wahl eines Papstes ad vitam laut kirchlichem Recht als heiliges Gesetz gilt. In der Praxis wird gelebt, dass lediglich gravierende GrĂŒnde wie Verfolgung oder Exil fĂŒr einen RĂŒcktritt geltend sind. Die Formulierung im Codex Iuris Canonici kann demnach auch nur als HintertĂŒr betrachtet werden.

Einschneidende Änderung der Wahrnehmung

Durch die historische Konkretion des Papsttums als sozial und politisch existentes Modell der Dauerhaftigkeit hat der Stuhl Petri wie kaum ein zweites Amt auf dieser Welt Legitimation. Ein Perspektivenwechsel hinsichtlich der Amtszeit hĂ€tte weitreichende Folgen fĂŒr die zeitgeschichtliche Betrachtung der StabilitĂ€t der Institution.

Trotz einer historisch-kritischen Aufbereitung des Pontifikats bleibt die jahrtausendalte BewÀhrung eine historisch rein menschliche Leistung. Das Papsttum baut auf einem Bekenntnis auf. Es ist ein Menschenwerk, nicht die Verwirklichung eines göttlichen Auftrags oder gar Gottes wirkender Wille.

Der Papst ist kein Fels

Der Auftrag, der Jesus Christus dem Apostel Petrus erteilt hat, bildet das einzige zentrale Zeugnis, das das Pontifikat als göttlichen Auftrag ausweisen soll. Dabei gibt die Überlieferung der Verse einige Probleme auf, wird von Kirchenhistorikern wie beispielsweise dem protestantischen Theologen Adolf von Harnack als spĂ€terer Einschub gehalten. DafĂŒr spricht, dass das Wort Christi ausserhalb von MatthĂ€us in den Parallelevangelien des Johannes, Lukas und Markus keine entsprechende ErwĂ€hnung findet. Ausserhalb der Bibel findet dieser Auftrag in den ersten zwei Jahrhunderten ebenfalls keine ErwĂ€hnung. So wie die Irrtumslosigkeit des Papstes erst im Ersten Vatikanischen Konzil von 1870 verkĂŒndet wurde, ist auch das Pontifikat auf Lebenszeit nicht in einen Felsen gemeisselt.

Der Papst in der Presse

Manche Medien wenden bei komplexen Sachverhalten ein Schwarz-Weiss-Denken an, um zu versuchen, verflochtene UmstĂ€nde auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen. Dass die ObjektivitĂ€t und Relevanz unter diesen Gegebenheiten leidet, zeigt die Berichterstattung zum Bergoglio-Papst auf eindrĂŒckliche Art und Weise.

(CC BY-NC-SA 2.0)
Bild: Flickr.com/TIM RECKMANN

Die Berichterstattung ĂŒber Religion hat einen Geruch der Unfreiheit an sich. Als Franziskus vor rund zwei Jahren die Hallen des Vatikans vom neokonservativen Mief der Benedikt-Ära befreite, schien der Jesuitenpapst nebst der Ferula auch eine Carte blanche der internationalen Presse zu erhalten. Verschwiegen wurden seine heiklen Aussagen in der Vergangenheit, kein Wort ĂŒber seine konservativen Ansichten verloren. Journalistinnen und Journalisten segelten im Wind der Hoffnung, den die vielen, progressiven Katholikinnen und Katholiken sĂ€ten.

Auch der Papst nutzte die Gunst der Stunde und trieb die gesungenen, oft gehaltlosen Lobeshymnen an, indem er mit oberflĂ€chlichen VerĂ€nderungen wie der Vereinfachung seiner Kleidung und dem Verzicht auf die Papstresidenz Wasser auf die MĂŒhlen der Medien goss.

Fehlende Differenzierung

Zu Recht bezeichneten Kleriker und Laien die Wahl des Argentiniers zum Oberhaupt der katholischen Kirche als einen Schritt in eine modernere Zukunft. Die Ernennung Bergoglios war ein notwendiger Akt, der zur TeilentrĂŒmpelung obsoleter Traditionen fĂŒhrte. Dass die ObjektivitĂ€t der Berichterstattung darunter leiden wird, war abzusehen. Dass Kritik und Klagen fast in ihrer Gesamtheit ausblendet wurden, ĂŒberraschte hingegen doch.

Der Pilgerweg Franziskus‘ hĂ€tte von Anfang an differenzierter betrachtet werden mĂŒssen, als dies viele MedienhĂ€user taten. Es hĂ€tte nicht darĂŒber hinweggesehen werden dĂŒrfen, dass Jorge Maria Bergoglio zu seiner Zeit als Erzbischof und Kardinal von Buenos Aires des Öfteren mit besonders kernigen und extremen Aussagen auf sich aufmerksam machte. „Wer nicht zu Gott betet, der betet zu Satan“, meinte er einst.

Kehrseite der Medaille

Mittlerweile hat sich ein erkennbares Mittelmaß in den Medien manifestiert, was die Reportage ĂŒber den Papst betrifft. Anfang Februar dieses Jahres traf Franziskus delikate Aussagen in zu kurzen AbstĂ€nden, dass diese hĂ€tten ĂŒberspielt, abgeschwĂ€cht oder ignoriert werden können.

Als die slowakische Bewegung „Allianz fĂŒr die Familie“ (AZR) mit UnterstĂŒtzung der katholischen Kirche ĂŒber 400‘000 Stimmen fĂŒr ihr „Referendum zum Schutz der Familie“ sammelte, meinte der Papst bei der Generalaudienz am darauffolgenden Mittwoch: „Ich begrĂŒĂŸe alle Pilger aus der Slowakei und möchte der slowakischen Kirche meine Anerkennung ausdrĂŒcken. Ich fordere alle auf, ihre Anstrengungen zur Verteidigung der Familie, des KernstĂŒcks unserer Gesellschaft, fortzusetzen.“ Im Referendum geht es unter anderem darum, gleichgeschlechtlichen Paaren die Adoption und das Recht auf eine Ehe zu verwehren. Dass der Papst spĂ€ter SchlĂ€ge gegen Kinder billigte – solange dabei deren WĂŒrde geachtet werde – brachte das Fass zum Überlaufen.

Besonnene Beobachtung

Es ist nur fair, dass die Vergangenheit eines Menschen nicht unter einem Mikroskop auf jedwede Ungereimtheiten untersucht wird. Auch dass nicht jedes Wort des Argentiniers bei Amtsantritt auf die Goldwaage gelegt wurde, zeigt ein gewisses Maß an SolidaritĂ€t der englisch- und deutschsprachigen Medien mit der katholischen Kirche, die unter dem Pontifikat von Benedikt XVI. unter Dauerbeschuss stand.

Was bleibt, ist die Hoffnung, dass die nÀchsten Handlungen des Papstes ausgewogener und neutraler beobachtet und analysiert werden. So wÀre vielen Laien die Frage, woher der plötzliche Wandel des Papstes komme, erspart geblieben. Denn einen gewissen Gestank kann und wird man in den heiligen Hallen des Vatikans immer vernehmen können. Nur vermischt sich dieser nicht mehr mit dem Mief der Benediktpolitik.

RĂŒckschritt durch Fortschritt

Papst Franziskus sprach sich erstmals offen gegen die Todesstrafe aus, und liess damit nicht nur ihm gutgesinnte Personen ĂŒberrascht aufhorchen. Ein Sinnbild der abgebrannten Sittlichkeit von Katholiken und Kirche, wenn es verblĂŒfft, dass sich der Pontifex fĂŒr die Einhaltung eines der zehn Gebote stark macht.

Mit seinen brĂŒderlichen Botschaften ĂŒberrascht Franziskus auch nach eineinhalb Jahren immer noch. Aber warum? (Foto: FRANCO ORIGLIA/Getty Images)

BeflĂŒgelt vom Revolutionsgeist der Familiensynode rief Papst Franziskus am Donnerstag zur Abschaffung der Todesstrafe auf. Obwohl der Argentinier bereits zu seiner Zeit als Kardinal in Buenos Aires regelmĂ€ssig FĂŒsse von HĂ€ftlingen wusch, staunten sowohl BefĂŒrworter als auch Kritiker ĂŒber die unumwundene FĂŒrsprache von Franziskus, dass StrĂ€flinge in Zukunft humaner behandelt werden sollen. Die ausgelöste Überraschung ist ein Armutszeugnis: Schliesslich ist der Richtsatz des Nicht-Tötens bereits in den zehn biblischen Geboten – den Grundgesetzen des christlichen Lebens – verankert.

Sturm im Wasserglas

Dass der Jesuiten-Papst mit seinen Botschaften der NĂ€chstenliebe auch nach eineinhalb Jahren im Amt immer noch viele Menschen verdutzt, verdeutlicht das verkommene Vertrauen der Gesellschaft in die katholische Kirche.

Dass die Kirche in der neuzeitlichen Geschichte einen derart immensen Image-Schaden hat, ist nicht nur auf die Vertuschung von PĂ€dophilie-Skandalen und monetĂ€re Machenschaften zurĂŒckzufĂŒhren. Den immerwĂ€hrenden Schaden erzeugt die Kirche durch erzkonservative Moralvorstellungen, die nicht nur in den Grundgedanken diskriminierend, homophob und frauenfeindlich sind. FĂŒr jeden KĂŒbel Wasser, den Papst Franziskus aus dem sinkenden Kirchenschiff leert, spĂŒlt der Sturm der RĂŒckstĂ€ndigkeit Kubikmeter an neuen Wassermassen in den Kahn.

FĂŒr die brĂŒderlichen Vorhaben und Gedanken darf man dem Papst durchaus zujubeln. Allerdings sollte man sich darĂŒber im Klaren sein, dass er sich auf einem Festzug ins Nichts befindet, solange die erzkonservativen KardinĂ€le ihren fortschrittlichen und revolutionĂ€ren GefĂ€hrten im Vatikan zahlenmĂ€ssig ĂŒberlegen sind.

Verbleib oder VerwÀsserung

Es wĂ€re falsch, den Schwarzen Peter rein in die erzkonservativen Kreise des Vatikans zu schieben. Schliesslich vertreten auch sie mit genau so viel Recht christliche Ethik, die durch biblische Texte ihre theoretische Berechtigung findet. Ob diese Berechtigung noch zeitgenössisch ist, spielt dabei keine Rolle. Es muss nĂ€mlich durchaus berĂŒcksichtigt werden, dass sich viele Katholiken nicht wĂŒnschen, dass ihre Kirche gesellschaftlichen Strömungen nachgibt und sich durch freiheitliches Gedankengut berieseln lĂ€sst.

Den Weg gemeinsam gehen

Bei der dringend notwendigen Erschliessung eines Mittelweges schlĂŒpft Papst Franziskus mustergĂŒltig in die Rolle des Hirten. Seine Bereitschaft zu Kompromissen bewies er zuletzt bei der Familiensynode. Nach Angaben der Teilnehmer habe er diese aufmerksam mitverfolgt, ohne direkt einzugreifen. Damit zeigt er, dass die Zukunft der Kirche in den HĂ€nden einer brĂŒderlichen Konsensfindung liegt. Sobald diese vorliegt, und man sich wieder auf die altchristlichen Werte der NĂ€chstenliebe zurĂŒckberuft, sollte es auch niemanden mehr ĂŒberraschen, wenn Papst Franziskus an Grundwerte des Menschen erinnert.

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Der Artikel erschien zusÀtzlich auf hpd.de.

Interview: Abt Urban Federer

Vor fast einem Jahr wurde Urban Federer von 55 wahlberechtigten Mönchen zum 59. Abt des Klosters Einsiedeln gewĂ€hlt. Der erst 46-jĂ€hrige ZĂŒrcher geniesst dank seiner frischen Art und seinem jungen Alter hohes Ansehen bei den Schweizerinnen und Schweizern. Im Interview mit tink.ch verriet er, was er von Papst Franziskus hĂ€lt, und welche Rolle fĂŒr ihn die Kirche in der heutigen Gesellschaft einnimmt.

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Abt Urban Federer: «Es gibt in Europa – und das nicht nur in der Kirche – kein Bild des Aufbruchs» Foto: Abtei Einsiedeln

Tink.ch: Sie sind nun seit fast neun Monaten Abt vom Kloster Einsiedeln. Wie blicken Sie auf Ihre bisherige Amtszeit zurĂŒck?
Urban Federer: Sie ist eine Herausforderung und eine Zeit der persönlichen Bereicherung gewesen. Wie in allen meinen bisherigen TĂ€tigkeiten habe ich mich auch in dieses neue Amt schnell und voller Elan eingegeben. So merke ich gar nicht, dass das schon neun Monate her ist, seit ich zum Abt gewĂ€hlt wurde… Wie die Zeit vergeht! (lacht)

Wann haben Sie sich dazu entschieden, in den Dienst Gottes zu treten? Wollten Sie schon immer Mönch werden?
Nein, ĂŒberhaupt nicht. Als ich in der Stadt ZĂŒrich lebte, wusste ich gar nicht, was ein Kloster ist. Aber als SchĂŒler in Einsiedeln, so etwa mit 18 Jahren, merkte ich, dass mich etwas ins Kloster zieht, das ich gar nicht benennen konnte. Ich wusste einfach: Das muss ich wagen!

Wie erlebten Sie Ihren kometenhaften Aufstieg?
Ich hatte nie das GefĂŒhl, einen kometenhaften Aufstieg zu machen. Mir wurde ĂŒber die Jahre hinweg immer mehr Verantwortung ĂŒbertragen, die ich jeweils gerne annahm. Die Verantwortung hat mir aber auch Respekt eingeflösst. Ich bin weit davon entfernt, auf alle Fragen sofort Antworten zu haben. Neue Aufgaben zu erhalten, finde ich aber spannend und lehrreich.

Sie sind der Bruder der ZĂŒrcher NationalrĂ€tin Barbara Schmid-Federer. Wie sehen und erleben Sie die Beziehung zwischen Religion und Politik?
Ich hatte schon immer ein unbeschwertes VerhĂ€ltnis zur Politik. Bei uns zu Hause wurde viel diskutiert und es war selbstverstĂ€ndlich, dass wir uns einbrachten und uns an Abstimmungen und Wahlen beteiligten. So sind fĂŒr mich meine Aufgabe und jene meiner Schwester nicht unĂ€hnlich: Wir setzen uns ein und engagieren uns fĂŒr die Menschen und die Gesellschaft.

Sie sind ein sehr junger Geistlicher und geniessen mit ihrer frischen und innovativen Art grosses Ansehen bei GlĂ€ubigen und auch bei UnglĂ€ubigen. ErfĂ€hrt die katholische Kirche zurzeit eine VerjĂŒngungskur?
Das tut sie eigentlich immer irgendwo in der weltweiten katholischen Kirche, doch gibt es vor allem Europa –  und das nicht nur in der Kirche – kein Bild des Aufbruchs. Es brauchte auf unserem Kontinent einen Argentinier, damit es in der Kirche zu Bewegung und Diskussionen kommt…

Ist der Aspekt des „Jungseins“ ĂŒberhaupt so wichtig, wie Kirchenkritiker ihn immer darstellen? Schliesslich ist auch Franziskus mit 77 immer noch sehr revolutionĂ€r.
Genau: Da kommt jemand von aussen, der alles andere als jung ist, und bringt bei uns einiges ins Rollen. Papst Franziskus ist im Geist jung geblieben. Übrigens kann ich das fĂŒr meine eigene Gemeinschaft bezeugen: Oft sind gerade meine Ă€lteren MitbrĂŒder im Geist sehr beweglich und offen und darum nahe bei den Menschen.

Die Religion verliert zunehmend ihre Bedeutung, vielerorts auf der Welt sinken die Zahlen von GlÀubigen. Wie kann sich die katholische Kirche nach den Skandalen vergangener Jahre wieder aufrappeln?
Die Zahlen sinken weltweit nicht. Sie sinken aber in klassisch katholischen LĂ€ndern, vor allem in Europa. Hier hat die Kirche in den Jahren der Skandale viel an Vertrauen verloren. Dies geschah sogar weniger durch die eigentlichen Delikte – die meisten Menschen wissen, dass diese leider ein Problem der gesamten Gesellschaft sind – sondern durch ihre Reaktion, die Taten vertuschen zu wollen. Vertrauen gewinnen können wir in der katholischen Kirche, und das gilt wohl ĂŒberall, wo Menschen leben, nur durch ein authentisches Leben. Andere Menschen mĂŒssen spĂŒren, dass wir durch unseren Glauben an Jesus Christus zu einer Freiheit gelangen, die uns nur Gott schenken kann.

Schafft Papst Franziskus die Kehrtwende?
Der Papst alleine ist nicht die Kirche, er gibt Anstösse. Es liegt an uns, diese aufzunehmen und in unserem Leben umzusetzen. Papst Franziskus weiss das, er nimmt sich nicht so wichtig.

Durften Sie ihn mittlerweile persönlich treffen?
Ja, und ich staunte: Er wusste, dass das Benediktinerkloster Los Toldos in Argentinien eine GrĂŒndung von Einsiedeln ist.

[Anm. der Red.: Nach dem Zweiten Weltkrieg zĂ€hlte die Klostergemeinschaft von Einsiedeln den Höchstbestand von ĂŒber 200 Mönchen. Mehrere NeugrĂŒndungen wurden daher ins Auge gefasst. 1948 wurde eine Gruppe von zwölf Mönchen ausgesandt, um in Los Toldos, 500 Kilometer westlich von Buenos Aires, ein neues Kloster zu grĂŒnden.]

Halten Sie es fĂŒr möglich, dass Papst Franziskus das Dritte Vatikanische Konzil einberuft?
Papst Franziskus hat eine Synode einberufen und begeht mit dieser schon in der Vorbereitung neue Wege. Ich denke, damit ist er nun ein paar Jahre beschÀftigt. (lacht)

Papst Franziskus tritt viele Entscheide an Ortskirchen ab und fördert den Dialog. Ist die Zukunft der Kirche eine demokratische?
Wenn Sie unter Demokratie verstehen, dass alle StĂ€nde der Kirche zusammen in Wege und Prozesse eingebunden werden, um zu Antworten auf die Fragen zu kommen, wie der Glaube heute verkĂŒndigt und gelebt werden soll, dann kann ich das bejahen: Papst Franziskus hört hin, was die Kirche ihm sagt. Er weiss aber auch, dass er die Kirche aus dem grossen Schatz der Tradition heraus in die Zukunft fĂŒhren darf. Und dieser Glaubensschatz muss nicht in demokratischen Prozessen neu erfunden werden.

Sie sind wie ihr VorgÀnger fleissiger Twitterer. Mittlerweile haben auch die PÀpste den Schritt in die sozialen Netzwerke gewagt. Macht die Kirche 2.0 Zukunft? Werden Gottesdienste eventuell schon bald online abgehalten, oder braucht es die NÀhe und Begegnung vor Ort?
Es ist eines, Botschaften zu den Menschen zu bringen, und etwas anderes, Gottesdienste zu feiern. Soziale Medien haben viele Vorteile: Gedanken können schnell und einfach ausgetauscht, auf fĂŒr einem wichtige Dinge hingewiesen werden. Die AnonymitĂ€t einiger Medien erlaubt sogar eine Seelsorge, wie sie frĂŒher nur im Beichtstuhl anzutreffen war. Aber das Feiern von und mit Gott braucht das Feiern in seiner Kirche – also das konkrete Miteinander-Sein von Menschen, die an Gott glauben. Die modernen Netzwerke beeinflussen und ergĂ€nzen Gottesdienste. Aber wie Sie sagen, brauchen wir Menschen auch weiterhin NĂ€he und Begegnung vor Ort.

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Der Artikel erschien zusÀtzlich auf tink.ch.