«Mein Senf»: Religiöse Macht und Ohnmacht

Das Schweizer Radio Fernsehen verfĂŒgt als einziges Medienhaus in der Schweiz ĂŒber eine Fachredaktion, die sich ausschliesslich mit Fragen des Glaubens und der Religion beschĂ€ftigt. Das es mit diesem lobenswerten Engagement alleine in der Schweizer Medienlandschaft steht, ist bedenklich, scheint doch gerade in der heutigen Zeit eine differenzierte Auseinandersetzung mit diesen Themen so wichtig. Wie aber geht das SRF mit der Verantwortung um, die sie sich mit einem «medialen Religions-Monopol» geschaffen hat? «Mein Senf» dazu auf SRG Insider.

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«Sendungen wie das „Wort zum Sonntag“ sind in unserer pluralistischen Gesellschaft nicht mehr zeitgemĂ€ss.» Illustration: SRG INSIDER

Dass SRF mit seinem lobenswerten Engagement alleine in der Schweizer Medienlandschaft steht, ist bedenklich, scheint doch gerade in der heutigen Zeit eine differenzierte Auseinandersetzung mit diesen Themen so wichtig. Im Jahr produziert die SRF-Religionsredaktion rund 400 journalistische BeitrĂ€ge. Diese können in zwei Gruppen unterteilt werden: Sendungen ĂŒber Religion und religiöse Sendungen.

Mit Sendungen ĂŒber Religion wie den Sternstunden leistet die SRF-Religionsredaktion einen essentiellen und mehr oder weniger ausgewogenen Beitrag in der Schweizer Medienwelt. Gleichzeitig hĂ€lt sie aber an religiösen Sendungen fest, die in unserer pluralistischen Gesellschaft nicht mehr zeitgemĂ€ss sind: Im â€čWort zum Sonntagâ€ș werden Gedanken aus sogenannt christlicher Sicht vermittelt. Dabei kommen Theologinnen und Theologen der drei Landeskirchen sowie ab und an ein Vertreter der evangelisch-methodischen Kirche zu Wort.

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Adoray – Bunter Katholiken-Konservativismus

Rund 500 Interessierte haben vom 6. bis 8. November das diesjĂ€hrige «Adoray»-Festival im Schweizer Kanton Zug besucht. Die katholische Gebetsgruppe lockt mit einer jugendlichen Frische und umhĂŒllt ihre konservativ-erzkatholische Vision hinter einem Schleier der Aufgeschlossenheit.

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Nebelhafte Kernbotschaften: Zurzeit ist in gewissen Punkten unklar, in welche Richtung die «Adoray»-Bewegung geht. (Bild: SANDRO BUCHER)

Am Anfang war der Entstehungsmythos. Die GrĂŒndung von «Adoray» geht nĂ€mlich auf eine Legende zurĂŒck: Mehrere  Jahre lang haben BrĂŒder in einem Zuger Kloster dafĂŒr gebetet, dass sich eine junge und frische Gebetsgruppe bilden werde, die die katholischen Werte vertreten wĂŒrde. Bis eines Tages zwei junge MĂ€nner an die KlostertĂŒr geklopft und die BrĂŒder um UnterstĂŒtzung bei der GrĂŒndung einer ebensolchen Gebetsgruppe gebeten haben.

Das war 2004. Heute, elf Jahre spÀter, prÀsentiert sich die Adoray-Gebetsgruppe als bunt verpacktes Erzkatholiken-Geschenk, das trotz oder gerade wegen seiner Farbvielfalt kaum auffÀllt neben all den evangelikalischen Geschenken unter dem Freikirchen-Weihnachtsbaum der Schweiz.

Elegantis Feder

In den Adoray-Gebetsgruppen wird katholisches Gedankengut vermittelt und auch in dem diesjÀhrigen Festival-Flyer scheinen die Organisatoren nur knapp daran vorbeizuschrammen, von einer römischen Linie und Papsttreue zu sprechen: «Adoray wird von engagierten, vom Glauben an Jesus Christus begeisterten, katholischen, jungen Menschen organisiert. Adoray untersteht dem Jugendbischof der Schweizerischen Bischofskonferenz, der die Statuten bestÀtigt hat.»

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Auszug des diesjÀhrigen Adoray-Flyers. (Screenshot)

Auffallend ist, dass der Jugendbischof der Schweizerischen Bischofskonferenz nicht namentlich erwÀhnt wird. Nur im Programm des Flyers findet man dessen Namen beim Abschlussgottesdienst am Sonntag: Marian Eleganti. Zur Erinnerung: Marian Eleganti ist jener Bischof, der im Mai dieses Jahres dazu aufgerufen hat, den modernen Menschen zur Umkehr zu bewegen und dass sich nicht die Kirche der heutigen Zeit anpassen solle, sondern umgekehrt.

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Elegantis PlĂ€doyer fĂŒr eine rĂŒckstĂ€ndigere Gesellschaft, die sich der Kirche anpasst (Auszug «Bote der Urschweiz», Front, 11. Mai 2015)

Die Schweizer Bischofskonferenz ist dafĂŒr bekannt, dass sie in sozial-ethischen und prophetischen Fragen fĂŒr den römischen Revolutionsgeist Franziskus‘ nicht empfĂ€nglich ist. Unter dieser PrĂ€misse wird sich Adoray nur schwer als zeitgemĂ€sse Institution mit katholischem Gedankengut etablieren können.

Schönborns Rede

Was Adoray dennoch schon jetzt von der römisch-katholischen Kirche abhebt, ist, dass «fehlerhafte» Menschen ĂŒberall und immer willkommen sind. Unter Fehlerhaftigkeit versteht man beispielsweise Sex vor der Ehe oder HomosexualitĂ€t.

So haben die Veranstalter des diesjĂ€hrigen Adoray-Festivals in Christoph Schönborn den perfekten Kandidat fĂŒr die Kanzel  gefunden: der 70-jĂ€hrige Erzbischof von Wien ist ein Kardinal ganz im Sinne von Franziskus. VordergrĂŒndig fĂ€hrt er eine liberale Schiene (ja zu EmpfĂ€ngnisverhĂŒtung, offen fĂŒr Dialog mit anderen Glauben, etc.), hintergrĂŒndig wĂŒrde er jedoch auf ebendieser Schiene das Papstmobil gegen die Wand fahren (Stillschweigen zu Missbrauchsskandalen, Stillschweigen zu Vatileaks, etc.). Diese Zerrissenheit und UnschlĂŒssigkeit widerspiegelt sich, zumindest gegen aussen, auch in den derzeitigen Adoray-Wertvorstellungen.

Adorays Jugend

Die junge Adoray-Community wird sich in den nĂ€chsten Jahren bestimmt noch formen, entwickeln, spezifizieren und mit grosser Wahrscheinlichkeit auch ausdehnen. Die Frage ist, ob sie im Laufe dieses Prozesses noch offener wird oder sich unter der FĂŒhrung der Schweizer Bischofskonferenz noch strenger auf den Hauptgehalt der katholischen Kirche stĂŒtz. Und wie synchron sie den Kurs mit Rom fahren wird. Und wie gewissenhaft sich das jugendliche Publikum ĂŒberhaupt an den gepredigten GrundsĂ€tzen orientiert, oder ob es fĂŒr die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer nur eine «neo-traditionellere» Form eines Jugendtreffs ist. Die Entwicklung der ReligiositĂ€t in der Schweiz deutet darauf hin, dass es eher Letzteres ist.

Interview: FVS-VizeprĂ€sident Valentin Abgottspon

Nachdem Valentin Abgottspon vor fĂŒnf Jahren das Kruzifix aus seinem Klassenzimmer entfernte, wurde er als Lehrer fristlos entlassen. Heute kĂ€mpft der polarisierende Walliser weiter fĂŒr die strikte Trennung von Kirche und Staat. Mit ihm sprach Sandro Bucher.

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«Freidenker haben schlicht die besseren Argumente» (Bild: DOROTHEE SCHMID)

2015 jĂ€hrt sich der Tag deiner fristlosen Entlassung zum fĂŒnften Mal. Wie blickst du heute auf diese Schicksalstage zurĂŒck?
Valentin Abgottspon: GrundsĂ€tzlich blicke ich positiv auf die Zeit zurĂŒck, denn die fristlose Entlassung war der gröbste Blödsinn, den die Schulbehörde machen konnte. Die UnverhĂ€ltnismĂ€ssigkeit des Urteils schockierte Menschen in der ganzen Schweiz, die es nicht fĂŒr möglich hielten, dass solche Dinge in der heutigen Zeit noch passieren. Die Bevölkerung und Lehrerschaft wurde durch diesen Fall sensibilisiert. Das kann ich rĂŒckblickend jetzt so formulieren, da die Sache sozusagen durchgestanden ist. Es gab fĂŒr mich aber auch extrem dunkle Zeiten und eine schwere Niedergeschlagenheit. Und dass ich Zuschriften erhalten habe, in denen beispielsweise steht, dass meine Mutter Krebs habe, weil ich nicht an Gott glaube und dass sie versagt habe, weil sie mich nicht zu einem „anstĂ€ndigen Christenmenschen“ erzogen habe. Solche Dinge können schon etwas an einem nagen.

Hat sich seitens des Staates auch etwas geÀndert?
Nein. Es hat nicht dazu gefĂŒhrt, dass bei den staatlichen Behörden und Departementen im Kanton Wallis etwas gelaufen ist. Die nationalkonservative Schweizer Volkspartei (SVP) wollte gar das Kruzifix in allen Schulzimmern obligatorisch machen. Trotzdem bin ich davon ĂŒberzeugt, dass ich der Letzte war, dem so etwas passierte. So blöd wird keine Schulbehörde in der Schweiz mehr reagieren.

Was war der Auslöser dafĂŒr, dass du das Kruzifix entfernt hast?
Der konkrete Anlass war die Minarett-Initiative. Im Vorfeld der Abstimmung störte mich, dass so getan wurde, als wĂ€re die Schweiz ein christliches Land. Politik und Gesellschaft redeten plötzlich wieder von christlichen Werten und einem christlichen Staat. Da habe ich fĂŒr mich selbst entschieden, das Kruzifix abzunehmen. Ich habe es nicht aus Renitenz gemacht und keinen Streit gesucht, wie mir auch heute noch unterstellt wird.

Hast du mit deinen SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern nicht darĂŒber gesprochen?
Nein, das habe ich selbst entschieden und nie thematisiert, da es meinen Unterricht nicht tangierte. Auch im Nachhinein blieb die Diskussion aus, da es sowieso nicht in allen Schulzimmern Kruzifixe hatte. Erst im Vorfeld der GrĂŒndung der Freidenker-Sektion Wallis bekam ich erste Leserbriefe, SchmĂ€hbriefe und Hassbotschaften. Dann haben es auch die SchĂŒler bemerkt.

Deine Entlassung sorgte auch international fĂŒr Schlagzeilen. Ist die Schweiz in Sachen Religion vergleichsweise konservativ?
Die Gesellschaft ist schon viel weiter als Behörden, Politik und Medien, die noch nicht dort angekommen sind, wo Diskurs und Lebenswirklichkeit sich befinden. FĂŒr ganz viele Personen ist Religion schlicht irrelevant. Dennoch legen sich viele Politiker vor dem Wahlkampf den Mantel des Glaubens um. Nur hat das nicht mehr wirklich viel mit SpiritualitĂ€t zu tun. Wenn man ĂŒber die Burka oder Minarette diskutiert, diskutiert man auch ĂŒber die Unzufriedenheit mit GrenzgĂ€ngern und AuslĂ€ndern. Bei der Minarett-Initiative beispielsweise ging es nicht nur um Religion, sondern auch um Xenophobie und Rassismus.

Wie wĂŒrdest du dein VerhĂ€ltnis zur Kirche beschreiben?
Ich wĂŒrde mich durchaus als Aktivisten bezeichnen, der mittlerweile viele Aspekte bewusster erlebt, mehr Details kennt und sich ĂŒber die vielen Instransparenzen im Klaren ist. Inzwischen blicke ich wieder positiver in die Zukunft: Die junge Generation ist sĂ€kularer und auch Ältere distanzieren sich öfters von der Kirche. Irgendwann wird es einen Dammbruch geben und auch Politiker werden es einfacher haben, sich fĂŒr eine Trennung von Kirche und Staat auszusprechen. Freidenker und Humanisten haben schlicht die besseren Argumente auf ihrer Seite. Trotz der fehlenden Riesenbudgets fĂŒr Medienarbeit können wir uns deshalb gut positionieren und die Argumente glaubhaft rĂŒberbringen.

Freikirchen erleben jedoch einen Zuwachs, vor allem bei der jĂŒngeren Generation.
Das ist sehr bedauerlich. Es ist ja eine Art Katholizismus oder RigiditĂ€t im Denken, die Freikirchen an den Tag legen. Wir mĂŒssen in der Schule FĂ€cher erarbeiten, die kritisches Denken und RationalitĂ€t fördern. Eine Art Anleitung zum und Hilfe beim sauberen Denken. Mit dem Internet haben wir bereits ein durchdringendes Tool, das diesbezĂŒglich krĂ€ftig mithilft. Dadurch wird die Tendenz sinken, dass ein grosser Teil der Bevölkerung in einen Extremismus verfĂ€llt oder den RattenfĂ€ngern von Freikirchen und Sekten in die FĂ€nge geht. Es wird aber immer Menschen geben, die sich gefangen nehmen lassen, insbesondere wenn sie aufgrund von – eventuell vorĂŒbergehenden – Extremsituationen und SchicksalsschlĂ€gen in ihrem Leben besonders verwundbar sind.

Wie schÀtzt du die Lage in der Schweiz hinsichtlich Trennung von Kirche und Staat ein?
Im Alltagsleben der Schweizerinnen und Schweizer ist die Kirche kein bestimmender Faktor mehr. In gewissen Kantonen gibt es bei der SĂ€kularisierung nur noch wenige Baustellen. Bei allen anderen wird die Trennung Schritt fĂŒr Schritt weitergehen. In weiten Landesteilen mĂŒssen erst die Transparenz der Kirchen und religionswissenschaftliche AnsĂ€tze in den Lehrmitteln und im Unterricht der Volksschule etabliert werden. So, dass auch Atheismus und Humanismus in unserer Gesellschaft ihren angemessenen Platz finden.

Welche Rolle spielen dabei die Medien?
Besonders bei den öffentlich-rechtlichen Medien finde ich viele Dinge kritikwĂŒrdig. Das „Wort zum Sonntag“ des Schweizer Radio und Fernsehens (SRF) durften, obwohl die Sendung als christlicher Kommentar definiert wird, auch schon Hindus, Buddhisten und Muslime ergreifen, jedoch keine Freidenker. Dass dies nicht mehr zeitgemĂ€ss ist, wissen das SRF und die katholischen und reformierten Medienbeauftragten. Das sind reine Besitzstandwahrungen und das Krallen an die Moneten, beziehungsweise Privilegien. Das ist schlicht nicht in Ordnung. Das haben mir gegenĂŒber im privaten GesprĂ€ch bei einem Kaffee oder Bier sowohl SRF-Angestellte wie auch hohe kirchliche FunktionĂ€re schon zugegeben. Öffentlich wollen sie sowas aber natĂŒrlich nicht gestehen.

Die Freidenker-Vereinigung Schweiz hat eine Plakatkampagne lanciert, in der ihr, begleitet von einem offenen Brief, fragt: „Liebe Katholiken! Huonder tritt nicht aus. Wie steht’s mit euch?“


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Kampagnen-Plakat

Wir wollen die Katholikinnen und Katholiken dazu auffordern, ĂŒber einen Kirchenaustritt nachzudenken. Sehr viele von ihnen haben innerlich ihren Kirchenaustritt schon vollzogen und die menschenfeindlichen, intoleranten Äusserungen des Kirchenaustrittskatalysators und Bischof Vitus Huonder sind geeignet, sich selber den Anstoss zu geben und in diesem Verein nicht mehr mitzumachen und ihn nicht mehr mitzufinanzieren. Huonder hat zwar auch innerkirchlich etwas Gegenwind zu spĂŒren bekommen. Er sitzt aber immer noch fest auf seinem Bischofssitz. Und er gibt mit seiner Ablehnung der praktizierten HomosexualitĂ€t nur die geltende Kirchenlehre, wie sie im Katechismus steht, wieder. Es ist etwas unaufrichtig und inkonsequent, wenn Katholikinnen und Katholiken denken, dass sich katholische GrundsĂ€tze und Ehe, Toleranz und Adoptionsrecht fĂŒr alle unter einen Hut bringen liessen.

Was möchtest du neben der Aufwertung der medialen PrÀsenz noch erreichen?
Zentral ist momentan, dass wir Freidenkerinnen und Freidenker bei der Umsetzung der Grundlagen des Lehrplans 21 gut aufpassen. Es ist vorgesehen, dass der konfessionelle Religionsunterricht nicht mehr Aufgabe der Volksschule ist. Viele Kantone werden hier aber von diesem Grundsatz abweichen wollen und den Kirchen viele Privilegien zuschanzen und ihnen den Zugriff auf die Kinder weiterhin gewĂ€hren. Die Kirchensteuern fĂŒr juristische Personen gehören abgeschafft. Abseits davon sehe ich einen Teil meines Engagements auch international. Auch wenn mir schlimme Dinge widerfahren sind, sind sie kein Vergleich zu dem, was Menschen wie Raif Badawi angetan wird. Mein Einsatz hört nicht beim Laizismus auf. Ich bin und bleibe wohl mein Leben lang Aktivist.

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Das Interview erschien auf hpd.de.

Domine, quo vadis?

PĂŒnktlich zum höchsten Feiertag des Christentums veröffentlichte «Der Bund» drei Grafiken zum Zustand der Kirche in der Schweiz. So trostlos und ernĂŒchternd wie das nasskalte Osterwetter fallen auch die Resultate der Statistiken aus: Die Dienste der Kirche werden kaum noch genutzt, die Zahl der konfessionslosen Schweizer steigt rasant. Wohin geht die Kirche?

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Photo: http://barnabasbrethren.blogspot.ch

Sowohl fĂŒr Kleriker als auch fĂŒr Laien sind die Resultate wohl kaum ĂŒberraschend. Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass organisierte Religionen bei der progressiven Bevölkerung von heute kaum noch Anklang finden. Trotzdem ist die aus den Statistiken gewonnene Erkenntnis fĂŒr die Kirchen des Landes sehr bedrĂŒckend: Ihre Dienste sind obsolet und redundant. Vor allem bei Hochzeiten ist der Einbruch besonders gravierend.

Nur noch jedes 5. Paar wird kirchlich getraut
Vor zwei Jahren haben sich rund 43000 Paare in der Schweiz zivil das Jawort gegeben. Davon hielten es nur noch 9000 Paare fĂŒr notwendig, sich zusĂ€tzlich auch kirchlich trauen zu lassen. Die katholischen und evangelischen TraualtĂ€re blieben in den letzten Jahren so verwaist wie noch nie. Zum Vergleich: Vor 20 Jahren waren es 60 Prozent mehr, die vor Gott ihre Liebe schworen.

Bei Taufen ist ebenfalls ein RĂŒckschritt zu verzeichnen, auch wenn dieser weit weniger einschneidend ist als der von kirchlichen Trauungen: Von den rund 82000 geborenen Kindern in der Schweiz wurden knapp 36000 getauft – nicht einmal mehr jedes zweite.

Das Zeremoniell des Ablebens findet aber weiterhin in den BethĂ€usern statt und bleibt auch zukĂŒnftig eine der Hauptaufgaben der institutionalisierten Kirchen: Rund 64000 Menschen starben 2012 in der Schweiz, davon wurden fast 49000 kirchlich bestattet.

Konfessionslose Schweiz
Mehr als jeder fĂŒnfte Schweizer gehört heute offiziell keinem Glauben mehr an. Besonders in der Westschweiz und um Basel leben bemerkenswert viele Konfessionslose. In Waadt und Solothurn sind es jeweils 27 Prozent, in den Kantonen Genf und Neuenburg ist gar mehr als jeder Dritte konfessionslos. Spitzenwerte erreicht Basel-Landschaft: 44 Prozent aller Einwohner sind ohne Konfession.

Fernab von diesen hohen Zahlen befindet sich fast kein Kanton: Lediglich die erzkatholischen Glaubenshochburgen Uri (8%) und Appenzell-Innerrhoden (7%) weisen Werte unter 10 Prozent auf.

Ärgerlich ist, dass bei der Umfrage vom Bund bei den Konfessionslosen nicht zwischen Atheisten und Freikirchlern unterschieden wurde. Es existieren deshalb keine reprĂ€sentativen Zahlen darĂŒber, wie viele Schweizer ihr Leben ohne Gott fĂŒhren.

Herr, wohin willst du gehen?
Die stark voneinander abweichenden Resultate von Taufen und Bestattungen beweisen: Lediglich die Ă€ltere Generation der Schweiz hat noch eine wahrhaft existierende, innige Bindung zu der katholischen und evangelischen Kirche. Junge GlĂ€ubige suchen ihr Seelenheil in den Freikirchen des Landes, die mit dem frischeren Charme und dem vermittelten GemeinschaftsgefĂŒhl auch langjĂ€hrig glaubensleere Jugendliche wieder anlocken können.

Nebst dem biederen Auftreten schneiden sich die konservativen Kirchen mit dem konsequenten  Ausschluss von Atheisten aus sĂ€mtlichen sakralen Lebensabschnitten zusĂ€tzlich gleich doppelt ins eigene Fleisch. Diese verirren sich nĂ€mlich auch im Falle des wiederkehrenden Glaubens kaum noch in die verstaubten GlaubenshĂ€user zurĂŒck.

Zu verkrustet und eingefahren ist diese Trendwende. Der institutionalisierte Glaube hat ausgedient. Die vom Bund ausgewerteten Statistiken haben gezeigt, dass sich die katholischen und evangelischen Kirchen, zumindest in der Schweiz, zurzeit auf ihrem eigenen, letzten Kreuzgang befinden.

Die ausfĂŒhrlichen Statistiken und Grafiken findet ihr auf Der Bund.