Warum geniesst die katholische Kirche wieder mehr Vertrauen?

Laut einer österreichweiten Umfrage zum Thema GlaubwĂŒrdigkeit geniesst die katholische Kirche das Vertrauen von 46 Prozent der Bevölkerung. Das sind elf Prozent mehr als im letzten Jahr. Wie dieser Aufstieg zu erklĂ€ren ist, zeigt unter anderem ein Blick auf die anderen Gewinner und Verlierer dieser Umfrage.

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Der Vatikan geniesst, zumindest in Österreich, wieder ein hohes Mass an Vertrauen. (Foto: ISABELLA PECHLIVANIS/pixelio.de)

Fast jeder zweite Mensch in Österreich schenkt der katholischen Kirche sein Vertrauen. Das zeigt eine aktuelle Umfrage, die unter anderem von dem sozialwissenschaftlichen Institut Sora durchgefĂŒhrt wurde. Und auch bei den abgefragten Persönlichkeiten glĂ€nzt die Kirche: Papst Franziskus erreicht mit 82 Prozent den zweiten Platz hinter Ski-Star Marcel Hirscher, dem 83 Prozent der befragten Personen vertrauen.

Was glaubwĂŒrdig macht

Auch wenn Katholikinnen und Katholiken in Österreich noch immer in der Mehrheit sind (60 Prozent), ĂŒberrascht dieses hohe Mass an Vertrauen. Vor allem, wenn man sich ansieht, anhand welcher Eigenschaften das Vertrauen gemessen wurde:

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(Screenshot: Folie klar.SORA GlaubwĂŒrdigkeitsranking 2016)

Die stĂ€rksten statistischen ZusammenhĂ€nge mit GlaubwĂŒrdigkeit zeigen laut den Befragern folgende Beschreibungen: «ist ehrlich», «tut, was er/sie sagt» und «hĂ€lt, was er/sie verspricht»; fast gleich stark wirken «ist offen und transparent» sowie «bei ihm/ihr passt alles zusammen», schreibt ORF.

Auch ohne viel Zynismus und Spott ist kaum von der Hand zu weisen, dass viele dieser Eigenschaften bei der katholischen Kirche nur wenig oder gar nicht zutreffen. Wie aber sind diese positiven Entwicklungen dann zu erklÀren?

«Der Franziskus-Effekt»

In den Skandaljahren 2010 bis 2013 verlor die Kirche nicht nur ihre GlaubwĂŒrdigkeit, sondern auch das Vertrauen hunderttausender Katholiken. Viele GlĂ€ubige konnten ĂŒber die PĂ€dophilie-VorwĂŒrfe an ranghohen Bischöfen, Priestern und Pfarrern nicht hinwegsehen und wendeten der Kirche den RĂŒcken zu. Die Beliebtheit der Kirche war auf einem neuen Tiefpunkt, die Zahl der Kirchenmitglieder sank tĂ€glich im vierstelligen Bereich.

Damals stellten sich viele Theologen und Laien nach dem RĂŒcktritt von Benedikt XVI. die Frage: Kann ein einzelner Mann das Schiff Petri wieder auf Kurs bringen? Mittlerweile hat Franziskus bewiesen: Ja, er kann. Auch wenn er im Vatikan selbst nur wenig bewegt, findet durch seine zukunftsgerichteten und liberalen Aussagen ein Umdenken in der Öffentlichkeit statt. So wie vor ein paar Tagen, als er sagte, dass Homosexuelle, Frauen, Geschiedene und ausgebeutete Kinder eine Entschuldigung fĂŒr ihre Behandlung durch die Kirche verdient haben.

Seit Franziskus Papst ist, findet ein Akt der EntrĂŒmpelung altbewĂ€hrter Traditionen und Ansichten statt. Denn auch ihm war klar, dass an ihm die GlaubwĂŒrdigkeit der Kirche neu bemessen werden wĂŒrde. So hat der sogenannte «Franziskus-Effekt» auf jeden Fall sehr viel damit zu tun, dass die Kirche derzeit einen FrĂŒhling der VertrauenswĂŒrdigkeit erlebt.

Schwere Zeiten

Ein nicht minder wichtiger Faktor ist die momentane gesellschaftliche und politische Unsicherheit in Europa: Viele Menschen, auch solche, die sich nicht als Christen bezeichnen, verlangen derzeit von den Kirchen klare Haltungen und Mithilfe bei aktuellen Problemen, wie beispielsweise der FlĂŒchtlingssituation. Denn dass sich Menschen in Krisensituationen oft zum Glauben hinwenden oder sich wieder ihrer religiösen Wurzeln bewusst werden, zeigte sich in der europĂ€ischen Vergangenheit schon des Öfteren.

Auch drĂŒckt sich die momentane Unsicherheit in den anderen Ergebnissen der GlaubenswĂŒrdigkeits-Umfrage aus: Der österreichischen Regierung vertrauen nur noch 30 Prozent (-7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr), der EU-Kommission 25 Prozent, Eva Glawischnig, einer österreichischen GrĂŒnen-Politikerin, nur noch 42 Prozent (-9 Prozent) und  Angela Merkel nur noch 45 Prozent (-25 Prozent!).

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Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?

Da ich mich sowohl beruflich als auch privat mit Religion auseinandersetze, durfte ich jene Frage, die Gretchen dem Faust in Goethes epochalem Werk stellt, schon öfters beantworten. Nicht selten wird die Gretchenfrage dabei begleitet von dem Nachtrag: «Aber du bist doch Atheist, warum beschĂ€ftigst du dich ĂŒberhaupt mit Religion und der Kirche?»

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Faust im Studierzimmer (GemÀlde von Georg Friedrich Kersting, 1829)

Im Schweizer Sonnenkanton Tessin erschlich ich mir vor rund siebzehn Jahren meinen ersten, unlauteren Blick hinter die Kulissen der katholischen Kirche. Vor einem tiefliegenden Pfarrhausfenster bat ich meine Grossmutter, auf ihre Schultern steigen zu dĂŒrfen, um einen Blick ins Innere des Gotteshauses werfen zu können. Von meinem neuen Aussichtspunkt aus, sah ich direkt auf die Halbglatze des Pfarrers und konnte ihn beim Schreiben eines Briefes beobachten – ein Bild, das sich bis heute bei mir eingeprĂ€gt hat.

Weitere Erinnerungen an die ersten Sommerferien in der SĂŒdschweiz beinhalten diverse Kirchen-, Kloster- und Kapellenbesichtigungen sowie meine fortwĂ€hrende Fragerei von «Was bedeutet dieses Symbol?» ĂŒber «Wer ist dieser Heilige?» bis «Was ist der Unterschied zwischen katholisch und reformiert?». Fragen nach dem «Wieso, Weshalb, Warum» wĂŒrden erst spĂ€ter folgen. Wie auch Gretchen habe ich in meinen Kindesjahren die Kirche und die Religion nicht hinterfragt und hĂ€tte sie wohl dabei bekrĂ€ftigt, als sie in Goethes Faust die damalige öffentliche Meinung aussprach: «Man muss dran glauben!»

Steigende Meinungsvielfalt

Die Gretchenfrage zeigt auf, wie viel sich seit Goethes Zeiten verĂ€ndert hat. Fausts zurĂŒckhaltendes «Muss man daran glauben?» muss nicht mehr hinter vorgehaltener Hand geflĂŒstert werden. Eine Befragung des Schweizer Bundesamtes fĂŒr Statistik zeigt, dass 2016 fast jede vierte Person in der Schweiz konfessionslos ist. Gretchen wĂŒrde das gar nicht gefallen.

Doch konfessionslos heisst noch nicht religionslos, und deshalb befindet sich ein Grossteil der europĂ€ischen Bevölkerung vermutlich irgendwo zwischen Faust und Gretchen. Viele Menschen machen sich ein eigenes Bild des Göttlichen, einige setzen auf Esoterik und Astrologie, einige sagen ja zu Gott und nein zur Kirche und wiederum andere sind Religion und Kirche gegenĂŒber indifferent oder gar feindlich.

Bindung durch Distanz

Obwohl ich in der erzkatholischen Innerschweiz aufgewachsen bin und die Grundlagen und die Verfassung der Schweiz stark von sogenannten christlichen Werten geprĂ€gt sind, war eine Identifikation fĂŒr mich nach meinen Kindestagen nie mehr spĂŒrbar. Mein fragiler Draht zu Gott und meinem Glauben zerbrach bereits an der ersten, kritischen Auseinandersetzung am Ende meiner Primarschulzeit. Als Folge davon habe ich den Atheismus als fĂŒr mich richtige Auseinandersetzung mit der Religion entdeckt. Ironischerweise wurde ich durch den subjektiven Religionsunterricht in meiner Entscheidung bekrĂ€ftigt.

Mein unablĂ€ssiges Interesse an den Systemen und Menschen hinter der Religion wurde durch diese Distanzierung jedoch nur noch intensiver. Da GlĂ€ubige etwas besitzen, das mir fehlt und ich glĂŒcklicherweise dennoch nicht vermisse, bleiben die GesprĂ€che mit ihnen fĂŒr mich stets ertragreich und interessant, sofern sie grundehrlich mit ihrem Glauben umgehen und sie nicht doktrinistisch und gnadenlos festgefahren sind. Aber auch hier begegne ich einer paradoxen Bindung: Je mehr ich mich mit Religion auseinandersetze, desto abwegiger wird es fĂŒr mich, je einem Glauben anzuhĂ€ngen.

Förderung des Dialogs

BĂŒcher und Essays von Christopher Hitchens, Richard Dawkins und Sam Harris halfen mir dabei, die zeitgenössische Philosophie der AufklĂ€rung als GegenstĂŒck zur institutionalisierten Religion und blindem Glauben besser zu verstehen und bildeten einen wichtigen BrĂŒckenschlag zum Existenzialismus. Religion wurde fĂŒr mich fassbarer, verstĂ€ndlicher und logischer. Die delphischen Strukturen und Schemen wurden nach und nach aufgebrochen.

Gerade in der heutigen Zeit ist es enorm wichtig, dass man sich wieder intensiver und objektiver mit Religion und Glaube auseinandersetzt. Und dennoch ist in den (sozialen) Medien eine zunehmende VerhĂ€rtung der Fronten zu beobachten. Atheistinnen und Freidenker werden nicht ernst genommen oder schiessen polemisch gegen GlĂ€ubige, wĂ€hrend Christinnen und Christen ĂŒber Churer Bischöfe und Musliminnen und Muslime ĂŒber den Islamischen Zentralrat der Schweiz definiert werden. Diese FrontenverhĂ€rtung kann und muss durchbrochen werden, um einen differenzierten Dialog mit den Religionen zu ermöglichen. Denn unser gesellschaftliches Zusammenleben ist ohne irgendeine Form der Religion gar nicht denkbar. Sie ist ein Spiegel unserer geistigen SouverĂ€nitĂ€t oder eben AbhĂ€ngigkeit.

Adoray – Bunter Katholiken-Konservativismus

Rund 500 Interessierte haben vom 6. bis 8. November das diesjĂ€hrige «Adoray»-Festival im Schweizer Kanton Zug besucht. Die katholische Gebetsgruppe lockt mit einer jugendlichen Frische und umhĂŒllt ihre konservativ-erzkatholische Vision hinter einem Schleier der Aufgeschlossenheit.

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Nebelhafte Kernbotschaften: Zurzeit ist in gewissen Punkten unklar, in welche Richtung die «Adoray»-Bewegung geht. (Bild: SANDRO BUCHER)

Am Anfang war der Entstehungsmythos. Die GrĂŒndung von «Adoray» geht nĂ€mlich auf eine Legende zurĂŒck: Mehrere  Jahre lang haben BrĂŒder in einem Zuger Kloster dafĂŒr gebetet, dass sich eine junge und frische Gebetsgruppe bilden werde, die die katholischen Werte vertreten wĂŒrde. Bis eines Tages zwei junge MĂ€nner an die KlostertĂŒr geklopft und die BrĂŒder um UnterstĂŒtzung bei der GrĂŒndung einer ebensolchen Gebetsgruppe gebeten haben.

Das war 2004. Heute, elf Jahre spÀter, prÀsentiert sich die Adoray-Gebetsgruppe als bunt verpacktes Erzkatholiken-Geschenk, das trotz oder gerade wegen seiner Farbvielfalt kaum auffÀllt neben all den evangelikalischen Geschenken unter dem Freikirchen-Weihnachtsbaum der Schweiz.

Elegantis Feder

In den Adoray-Gebetsgruppen wird katholisches Gedankengut vermittelt und auch in dem diesjÀhrigen Festival-Flyer scheinen die Organisatoren nur knapp daran vorbeizuschrammen, von einer römischen Linie und Papsttreue zu sprechen: «Adoray wird von engagierten, vom Glauben an Jesus Christus begeisterten, katholischen, jungen Menschen organisiert. Adoray untersteht dem Jugendbischof der Schweizerischen Bischofskonferenz, der die Statuten bestÀtigt hat.»

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Auszug des diesjÀhrigen Adoray-Flyers. (Screenshot)

Auffallend ist, dass der Jugendbischof der Schweizerischen Bischofskonferenz nicht namentlich erwÀhnt wird. Nur im Programm des Flyers findet man dessen Namen beim Abschlussgottesdienst am Sonntag: Marian Eleganti. Zur Erinnerung: Marian Eleganti ist jener Bischof, der im Mai dieses Jahres dazu aufgerufen hat, den modernen Menschen zur Umkehr zu bewegen und dass sich nicht die Kirche der heutigen Zeit anpassen solle, sondern umgekehrt.

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Elegantis PlĂ€doyer fĂŒr eine rĂŒckstĂ€ndigere Gesellschaft, die sich der Kirche anpasst (Auszug «Bote der Urschweiz», Front, 11. Mai 2015)

Die Schweizer Bischofskonferenz ist dafĂŒr bekannt, dass sie in sozial-ethischen und prophetischen Fragen fĂŒr den römischen Revolutionsgeist Franziskus‘ nicht empfĂ€nglich ist. Unter dieser PrĂ€misse wird sich Adoray nur schwer als zeitgemĂ€sse Institution mit katholischem Gedankengut etablieren können.

Schönborns Rede

Was Adoray dennoch schon jetzt von der römisch-katholischen Kirche abhebt, ist, dass «fehlerhafte» Menschen ĂŒberall und immer willkommen sind. Unter Fehlerhaftigkeit versteht man beispielsweise Sex vor der Ehe oder HomosexualitĂ€t.

So haben die Veranstalter des diesjĂ€hrigen Adoray-Festivals in Christoph Schönborn den perfekten Kandidat fĂŒr die Kanzel  gefunden: der 70-jĂ€hrige Erzbischof von Wien ist ein Kardinal ganz im Sinne von Franziskus. VordergrĂŒndig fĂ€hrt er eine liberale Schiene (ja zu EmpfĂ€ngnisverhĂŒtung, offen fĂŒr Dialog mit anderen Glauben, etc.), hintergrĂŒndig wĂŒrde er jedoch auf ebendieser Schiene das Papstmobil gegen die Wand fahren (Stillschweigen zu Missbrauchsskandalen, Stillschweigen zu Vatileaks, etc.). Diese Zerrissenheit und UnschlĂŒssigkeit widerspiegelt sich, zumindest gegen aussen, auch in den derzeitigen Adoray-Wertvorstellungen.

Adorays Jugend

Die junge Adoray-Community wird sich in den nĂ€chsten Jahren bestimmt noch formen, entwickeln, spezifizieren und mit grosser Wahrscheinlichkeit auch ausdehnen. Die Frage ist, ob sie im Laufe dieses Prozesses noch offener wird oder sich unter der FĂŒhrung der Schweizer Bischofskonferenz noch strenger auf den Hauptgehalt der katholischen Kirche stĂŒtz. Und wie synchron sie den Kurs mit Rom fahren wird. Und wie gewissenhaft sich das jugendliche Publikum ĂŒberhaupt an den gepredigten GrundsĂ€tzen orientiert, oder ob es fĂŒr die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer nur eine «neo-traditionellere» Form eines Jugendtreffs ist. Die Entwicklung der ReligiositĂ€t in der Schweiz deutet darauf hin, dass es eher Letzteres ist.

Wie steht es um die ReligiositĂ€t der Schweiz?

Mit der 2014 veröffentlichten Studie „Religion und SpiritualitĂ€t in der Ich-Gesellschaft“ schliesst der Schweizer Religionssoziologe Dr. Jörg Stolz an eine Forschungsrichtung an, die vor ĂŒber zwanzig Jahren begann. Erstmals wurde auch alternative SpiritualitĂ€t und SĂ€kularitĂ€t berĂŒcksichtigt, um eine noch exaktere Vermessung der religiösen Landschaft in der Schweiz zu gewĂ€hrleisten. An einer Veranstaltung der Freidenker Vereinigung Schweiz (FVS) stellte Stolz seine Befunde vor und sprach ĂŒber die Tendenzen und den Wandel der Schweiz.

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Dr. Jörg Stolz wÀhrend seines Vortrags in Olten. (Bild: Dorothee Schmid)

ReligiositĂ€t und SpiritualitĂ€t zeigen sich in der Schweiz in vier grossen Gestalten, so der Befund von Dr. Jörg Stolz, Professor fĂŒr Religionssoziologie an der UniversitĂ€t Lausanne. Die „Institutionellen“ (17,5 Prozent) sind traditionell und freikirchlich-christlich, wĂ€hrend „Alternative“ (13,4 Prozent) auf Esoterik und Astrologie setzen. „SĂ€kulare“ (11,7 Prozent) sind oft konfessionslos und Religion gegenĂŒber indifferent oder feindlich. Der Löwenanteil der Bevölkerung gehört jedoch den „Distanzierten“ (57,4 Prozent) an. Der distanzierten Gruppe ist Religion nur in bestimmten Situationen wichtig. Ihre religiösen Überzeugungen sind hĂ€ufig diffus und werden fĂŒr die jeweiligen Lebenslagen immer wieder aufs Neue zurechtgebogen und angepasst.

Aufstieg der Konfessionslosen

Innerhalb der letzten fĂŒnfzig Jahre haben sich diese vier Milieus aufgrund von gesellschaftlicher VerĂ€nderung, sozialen Trends und Wertewandel massgeblich verĂ€ndert. Tendenziell wird die Schweiz mit jeder Generation weniger religiös. Diverse Indikatoren zeigen, dass sich die institutionelle religiöse Praxis gerade in den 1960er Jahren, wĂ€hrend des Wirtschaftsbooms, tiefgreifend verĂ€ndert hat. Zum ersten Mal treten 1960 in der nationalen VolkszĂ€hlung die Konfessionslosen auf, damals mit 0,7 Prozent noch ein vernachlĂ€ssigbares MinderheitsphĂ€nomen. Diese Minderheit ist bis im Jahr 2013 auf 21,4 Prozent rasant angestiegen und zĂ€hlt mittlerweile die grösste „Zugehörigkeit“ nach den beiden Landeskirchen.

WĂ€hrend vor einem Jahrhundert noch 58 Prozent der Schweizer der evangelisch-reformierten Kirche angehörten, sind es heute noch 26,9 Prozent. Die katholische Kirche konnte einen Absturz dieses Ausmasses durch den Zuzug von italienischen, portugiesischen und spanischen Gastarbeitern vorerst verhindern und erlebte gar eine Renaissance. Im Jahr 1900 waren die Katholiken mit 42 Prozent klar in der Minderheit, bevor sie Mitte des 20. Jahrhunderts gar an der 50-Prozent-Marke kratzten. Heute ist von diesem Aufschwung nicht mehr viel spĂŒrbar: Die Katholiken sind mit 38,2 Prozent, wie auch die Evangelisch-reformierten, an einem bisherigen Tiefstwert angelangt. Zugunsten von Personen ohne Konfession.

SÀkularitÀt durch Pluralisierung und Individualisierung

Neben ökonomischen Faktoren hat auch eine Pluralisierung des Glaubens, die aufgrund von Immigration und Globalisierung vor rund fĂŒnfzig Jahren ihren Anfang nahm, zu der starken VerĂ€nderung in der Schweiz beigetragen. Durch die Zuwanderung von Buddhisten, Hindus und Muslimen musste sich der Schweizer Staat zunehmend die Frage stellen, wie man allen GlĂ€ubigen zukĂŒnftig gerecht werden könne. Da die Regierungen der Kantone nicht alle Religionen anerkennen konnten, wurde beispielsweise der Religionsunterricht in den Schulen verstĂ€rkt neutraler gestaltet, was zu einer differenzierten Auseinandersetzung des Glaubens bei Kindern fĂŒhrte.

Parallel zur Pluralisierung entstand zusĂ€tzlich eine Individualisierung der Religion: „Die Menschen wurden immer individueller und wollten zunehmend selbst entscheiden, was ihre ganz eigenen BedĂŒrfnisse sind“, erklĂ€rt Dr. Stolz, „dadurch entsteht ein Interessenskonflikt mit der institutionellen Religion, die klare Vorgaben und Richtlinien hat.“

Kampf an den polarisierenden Fronten

„FĂŒr die Schweizer Bevölkerung ist wahrscheinlich, dass es in den nĂ€chsten Jahrzehnten zu einer neuartigen Polarisierung kommen wird“, schliesst Dr. Stolz. Konfessionslosigkeit und GottesunglĂ€ubigkeit werden im Laufe der Zeit immer weniger GemĂŒter erhitzen. Dagegen scheint sich abzuzeichnen, dass das Abschmelzen der selbstverstĂ€ndlichen und traditionell gestĂŒtzten VolksreligiositĂ€t der Landeskirchen zu einem neuen Gegenpol und einer neuen Konfliktlinie fĂŒhren wird.

Auf der einen Seite werden in der Schweiz diejenigen sein, die besonders stark und ausgeprĂ€gt ihren Glauben praktizieren werden. Unter denjenigen wird die Anzahl der Freikirchlichen, die sich aktiv gegen die sĂ€kularen Neigungen der modernen Gesellschaft stellen, steigen. Auf der anderen Seite erstarken die engagierten SĂ€kularisten, die Religion als unnötiges Nebenprodukt oder als Fehler der Evolution bekĂ€mpfen wollen. Dr. Stolz: „In jedem Fall wird es wichtig sein, auf das zu setzen, was unserer Gesellschaft seit Jahrzehnten inneren Frieden gebracht hat: die Mechanismen der demokratischen Auseinandersetzung, des Rechtstaats und der nie endenden Suche nach Integration der gesellschaftlichen GegensĂ€tze.“

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Der Artikel erschien zusÀtzlich auf hpd.de.

Gottlose GlĂ€ubige: Glaube ohne Gott

Das Gehen ohne Gott wird in evangelisch-reformierten Kreisen seit Jahrhunderten praktiziert. Schritt fĂŒr Schritt weitet sich die atheistische Anschauung der Welt auch auf andere Weltreligionen aus. Ein Schritt in die richtige Richtung oder der paradoxe Niedergang religiöser Richtlinien?

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Der offene Sternhaufen «SĂ€ulen der Schöpfung». FĂŒr viele ein Symbol des Kontrastes zwischen Religion und Wissenschaft, zwischen Glaube und Gottlosigkeit. Photo: Weltraumteleskop Hubble NASA, ESA and the Hubble Heritage Team (STScI/AURA)

Die Frage nach der Zukunft der Religionen ist so wichtig wie noch nie. Internationale Studien und Statistiken zeigen: Noch nie fiel die Zahl der GlĂ€ubigen so drastisch, noch nie stieg die Zahl der Konfessionslosen so massiv – noch nie war die Zahl der Menschen, die zwar Mitglied einer Kirche sind, aber zu institutionellen Glauben auf Distanz gegangen sind, so hoch.

„Fehlt uns Jesus?“ Diese theologische Frage stellte sich das Schweizer WochenmagazinBeobachter auf der Titelseite der Ausgabe vom 17. April. Auch das renommierte deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel stellte sich im Juni dieses Jahres die göttliche Gretchenfrage: „Ist da jemand?“

Religion als obsolete Option

Der Beobachter beantwortete die Frage nach Gott primĂ€r aus der Sicht von Schweizer Familien. Im Laufe seiner Recherche kam er dabei zu einem – fĂŒr kirchliche Kreise – ernĂŒchternden Ergebnis: Kaum ein Kind kennt noch die Bedeutung religiöser Feiertage. Statt mit Anfang und Auferstehung assoziieren sie die höchsten Feiertage des Christentums mit Schenken und Schokolade. Auch die meisten Eltern proklamieren ihre wachsende Distanz zu Gott und der Institution Kirche.

FĂŒr den Schweizer Religionssoziologen Jörg Stolz seien die Resultate keine Überraschung: „Verantwortlich fĂŒr diese Entwicklung sind die gesellschaftlichen UmbrĂŒche in den 60er-Jahren. Mit dem Übergang zur Ich-Gesellschaft wurde die Konfession, respektive die eigene ReligiositĂ€t, zur blossen Möglichkeit. Gleichzeitig gab es in dieser Zeit einen starken Wirtschaftsaufschwung. Die Möglichkeiten, die Freizeit zu gestalten, wurden zahlreicher.“

Jahwe weicht dem Wandel

Ist Gott nur noch ein altbackener Anhaltspunkt fĂŒr die Religion im 21. Jahrhundert? Fast alle gesellschaftlichen UmbrĂŒche deuten darauf hin und forcieren die Kluft zwischen Gott und Religion.

Wir sind geprĂ€gt von einer Gesellschaft, die institutionskritisch ist. Auch Parteien und Vereine verlieren zunehmends feste Mitglieder und werden starr. Menschen zelebrieren ausweitend ihre SelbststĂ€ndigkeit und IndividualitĂ€t. Ein omnipotenter Überwacher im Himmelsdach, der zu ZurĂŒckhaltung, Hilfsbereitschaft und Bescheidenheit ermahnt, stellt dabei die grösste Überwindung dar.

Der Drang der Kirche, sich selbst zu entfremden, spielt der sÀkularen Wende in der Gesellschaft zusÀtzlich in die Karten. Mit einer verstaubten Sexualpolitik und unzeitgemÀssen Moralvorstellungen schaffen es die grössten Glaubensinstitutionen der Welt regelmÀssig in die Medien. Damit prÀgen sie die öffentliche Wahrnehmung der Gesellschaft negativ, denn fern der Medien haben nur noch wenige Schweizer regen Kontakt mit der Religion. Das zeigen Umfragen des Schweizer Nationalforschungsprogramms 58, das 2012 Religionsgemeinschaften der Schweiz beforscht hat.

PlÀdoyer gegen Gott

In der evangelisch geprĂ€gten Schweiz stehen mittlerweile viele Menschen offen dazu, dass sie Religion ausschliesslich oder teilweise rein zweckmĂ€ssig leben. Die reformierten und katholischen GotteshĂ€user bleiben zwar leer, doch die Zahl der kirchlichen Taufen und Beerdigungen sinkt nur unmerklich. FĂŒr viele ist der Glaube nur noch das automatisierte Festhalten an traditionellen Ritualen. Die SpiritualitĂ€t ist im Hintergrund aber nicht mehr prĂ€sent.

Dass dies keine Blamage oder gar Blasphemie ist, zeigt die 2000-jĂ€hrige Kirchengeschichte. Alle historischen und aktuellen Glaubensinstitutionen entschieden selbst, was sie als gottgegeben nehmen, und welche Passagen der Heiligen Schriften sie bewusst ignorieren. Der Glaube ist seit jeher von GegensĂ€tzen geprĂ€gt – man gibt und man nimmt. Deshalb ist es auch nicht paradox, wenn man sich gottlos auf einer spirituellen Reise befindet.

Auch im Vatikan anerkennt man den Trend der Gottlosigkeit und lenkt ein. Im Mai 2013 insistierte Papst Franziskus, dass auch Atheisten in den Himmel kĂ€men und rehabilitierte damit christliche Atheisten und UnglĂ€ubige. Diese wurden von seinen VorgĂ€ngern noch geĂ€chtet. Das grĂŒne Licht von Gottes Vertreter zeigt, dass die Fragen nach der Zukunft der Religion schon die höchsten Instanzen erreicht haben. Eine endgĂŒltige Antwort wird aber auch nach endlosen Debatten nie gefunden werden, denn diese ist abhĂ€ngig von Wertvorstellungen und philosophischen Ansichten, die sich in stĂ€ndigem Wandel der Gesellschaft befinden. So wie auch die Frage nach der Existenz Gottes.

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Der Artikel erschien zusÀtzlich auf tink.ch.

Stimmen der Gottlosigkeit – Atheisten aus aller Welt erzĂ€hlen ihre Geschichte (Teil 2/2)

Die Zahl der Gott- und Konfessionslosen steigt jĂ€hrlich in einem noch nie dagewesenen Ausmass. Die Ausbreitung des Unglaubens betrifft vor allem die katholische Kirche – alleine das streng-katholische Irland verzeichnete in den letzten zehn Jahren einen Anstieg von 400%(!) an Atheisten auf der GrĂŒnen Insel. Doch auch alle anderen Weltreligionen verlieren ihre SchĂ€fchen. Trotzdem ist Atheismus auch im 21. Jahrhundert immer noch ein Tabuthema. In mindestens sieben LĂ€ndern droht fĂŒr GotteslĂ€sterung und -leugnung sogar immer noch die Todesstrafe. Grund genug fĂŒr das Jahr 2014 eine Lanze zu brechen und den Gottlosen der Welt Gehör zu verschaffen. 

Im zweiten Beitrag erzĂ€hlen fĂŒnf Atheisten aus den USA, Australien, Indien und Japan ihre Geschichte.

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Lexington, Virginia, USA – ehemaliger Baptist

Als der Hurrikan Sandy grosse Teile von Haiti zerstörte sagte Pat Robertson, ein evangelischer Prediger, dass dies Gottes Strafe fĂŒr die SĂŒnden der Menschen sei. Ein guter Freund von mir, der sehr christlich war, sagte mir darauf, dass Pat Robertson dies nicht wissen könne. Niemand kenne Gott, auch nicht Pat Robertson. Allerdings fĂŒhrte er aus, dass Gott in der Bibel in der Tat Naturkatastrophen benutzte um Menschen zu bestrafen. Wir seien alle SĂŒnder, und wir alle verdienen den Tod.

In diesem Moment habe ich realisiert, dass dies nicht meine Welt war. Überall wo ich hinsah sah ich Menschen, fĂŒr die ich mein Leben opfern wĂŒrde. Meine Familie, meine Freunde, aber auch Fremde auf der Strasse.

Alles um mich herum brach zusammen, ich war in meinem Glauben zutiefst erschĂŒttert. Kein Geistlicher konnte mir meine vielen Fragen zufriedenstellend beantworten. Das war der Zeitpunkt als ich mir zum ersten Mal die Frage stellte: Was ist, wenn es gar keinen Gott gibt?

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Indianapolis, Indiana, USA – ehemaliger Protestant

Ich wuchs in einer strengchristlichen Gemeinschaft auf – im Bundesstaat Indiana. Ich war ein guter Christ und mit dem Christentum im Reinen.

Vor meinem 13. Lebensjahr dachte ich nie wirklich ĂŒber Atheismus und Agnostizismus nach, doch dies alles Ă€nderte sich sehr schnell. Zwei Quellen öffneten mir die Welt der Gottlosigkeit – das Internet und mein Biologielehrer, Mr. Hamilton.

Ich begann Nachforschungen anzustellen, im Internet und in der BĂŒcherei. Die Evolutionstheorie faszinierte mich, und war schlussendlich wahrscheinlich auch der Grund, weshalb ich ein Atheist wurde. Der Kreationismus, der uns in der Schule gelehrt wurde, war wissenschaftlicher Unsinn. Es war der erste Widerspruch in der Bibel, der sich mir offenbarte. Mein Glauben war erschĂŒttert, und so begann ich die Bibel noch kritischer zu hinterfragen. Ich fand dutzende Beispiele dafĂŒr, dass die Bibel nicht Gottes Wort vermittelte, sondern lediglich die Meinungen von ranghohen Geistlichen der damaligen Zeit.

Dies fĂŒhrte mich zu der Ansicht, dass die Religion seit jeher nur ein Machtinstrument war und Gott bloss eine Erfindung.

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Sydney, New South Wales, Australien – ehemaliger Anglikaner

Meine Familie war nicht wirklich glÀubig. Der einzige Einfluss den ich hatte war eine strengglÀubige Tante. Ich habe nicht mehr viel Kontakt mit ihr, da sie der, meiner Meinung nach, schlimmsten Sorte von GlÀubigen angehört. Sie predigt von Hass und Verdammung anstatt von Liebe und Einigkeit, wie es uns Jesus in der Bibel lehrt.

Aufgrund der Bibel war ich lange Zeit Christ. Es ist ein sehr faszinierendes Buch, und trotz meines fehlenden Glaubens an Gott lese ich sie auch heute gerne noch und suche nach Antworten. Es gibt oft Tage an denen ich mir wĂŒnsche, dass ich Gott akzeptieren und in mein Herz lassen könnte, doch leider wurde mir dies durch meine Tante verdorben.

Ich möchte keiner Gemeinschaft angehören, die so viel Missgunst, Hass und Trauer verbreitet hat auf der Welt, obwohl sie genau so vielen Menschen auch Hoffnung und Halt bietet.

Hinzu kommt, dass ich mein Leben nicht nach einem einzigen Buch ausrichten möchte. Ich finde Antworten auch im Buddhismus, dem Judentum und dem Islam.

Der Apostel Thomas war eine Person die einen Beweis brauchte um seinen Glauben zu bestÀtigen; Mir geht es genau so.

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Tokio, Kanto, Japan – JĂŒdischer Atheist
Ich wuchs auf in einer konservativen, jĂŒdischen Familie, die sehr viel Wert auf die Aufrechterhaltung unserer Kultur und unserer Gemeinschaft legte.

So besuchte ich also eine jĂŒdische Schule, hatte meine Bar Mitzvah, ging durch meine Konfirmation und ging schliesslich auch nach Israel.

Ironischerweise waren es einige Rabbis in Israel, dir mich zu einem kritischeren Denken fĂŒhrten. Diese kritische Denkweise und die Offenheit gegenĂŒber anderen Religionen verhalf mir schliesslich, ein glĂŒcklicher Atheist zu werden.

Ich bezeichne mich allerdings immer noch als Jude. Mir scheint es, dass der Gottesglaube wichtig ist im Judentum, doch auch ohne Gott im Herzen ist man immer noch ein Jude. Ich finde immer noch sehr viele positive Aspekte im Judentum, doch auch genau so viele Kritikpunkte offenbaren sich mir.

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Bangalore, Karnataka, Indien – ehemaliger Moslem

Ich gab meinen Glauben aufgrund der Tatsache auf, dass Gott Menschen bestrafen soll, die nicht an ihn glauben. Ich habe nie verstanden, weshalb ihn dies kĂŒmmern sollte. Wie sollte ich, ein einfacher Mensch, einen Effekt auf ihn haben? Weder Anbetung noch Hass kann seine Kraft beeinflussen, wenn man bedenkt, dass er das Universum erschaffen habe. Warum sollte es ihn kĂŒmmern, dass ich trinke? Warum sollte es ihn kĂŒmmern, dass ich nicht tĂ€glich fĂŒnfmal zu ihm bete?

Ich verspĂŒrte nie eine Verbindung zu Allah. Und mit der Zeit fĂŒhlte ich mich immer mehr wie ein Heuchler, da ich immer noch dem Islam angehörte, obwohl ich alle Regeln brach. Ich trank ohne auch nur einen Gedanken an die SĂŒnde zu verlieren, und anstatt fĂŒnfmal am Tag betete ich vielleicht fĂŒnfmal im Jahr.  Warum sollte ich also unehrlich zu anderen und mir selbst sein?