Der Heilige Zeitgeist

Zurzeit wird in der Schweiz über die «Ehe und Adoption für alle» diskutiert. Während neben liberalen Bewegungen sogar Theologiestudentinnen und -studenten diese Forderung unterstützen,  halten sich die Landeskirchen mit ihrem Zuspruch zurück. Nicht zuletzt, weil der Appell eine theologische Grundsatzfrage tangiert: Wie weit darf sich die Kirche dem Zeitgeist anpassen?

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Wie weit darf sich die Kirche aus theologischer Sicht dem Zeitgeist anpassen? (Bild: katholisches.info)

Die Menschen der Katholiken-Hochburg Irland haben mit ihrem Ja zur Heirat für gleichgeschlechtliche Paare vor rund einem Jahr eindrücklich gezeigt, dass konservative Kirchenkreise zumindest in dieser Gesellschaftsfrage den Kontakt zur Basis komplett verloren haben. Von einem «substanziellen Riss zwischen der katholischen Kirche und der Gesellschaft» sprach der Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, und bewertete den Ausgang des Referendums im Interview mit der Internetplattform „Vatican Insider“ als «Zeichen einer Kulturrevolution».

Kampf in der Schweiz

Von diesem irischen Revolutionsgeist beflügelt, kämpfen in der Schweiz unter anderem die Grünliberale Partei und die politische Bewegung «Operation Libero» für die Gleichstellung von homosexuellen Partnerschaften und die daraus entstehende Familienformen.

Währenddessen befürchten Gegner dieser Forderung, dass durch die Ehe für alle das traditionelle Familienbild geschwächt wird: «Es ist an der Zeit, die Demontage der traditionellen Familie zu stoppen», sagt EDU-Politiker Marco Giglio, Co-Präsident eines Komitees, dass die «Homo-Ehe» verhindern will. «Die Ausdehnung der Schwulenrechte ist ein Angriff auf die Familie.»

Kirche im Dilemma

Dass in der heutigen Zeit noch immer von einer traditionellen Familie gesprochen wird, ist eine Desavouierung des Zeitgeistes. Denn Familienkonstellationen und Lebensformen, die von der Tradition abweichen, sind längst gesellschaftliche Realität. Auch in der Schweiz. Trotzdem verzichten die hiesigen Landeskirchen immer noch darauf, klar Stellung zu beziehen.

Und das, obwohl eine Anpassung des Eherechts gar kein fundamentaler Umsturz der theologischen Stossrichtung der Kirche wäre. Schliesslich stammt das gesamte Eherecht in seinen Wesenszügen erst aus dem Hochmittelalter. Das erwähnt auch der österreichische Theologe Horst Herrmann in seinem Buch «Die sieben Todsünden der Kirche» und stützt damit seine These: «Die Kirche versucht noch immer, hundertfältig vorgenommene Adaptionen an vergangene Gesellschaftsformen und Ideologien als zeitlos gültige Aussageweisen auszugeben».

Klare Stellungnahme fehlt

Der Schweizer Theologe Walter Ludin kommt zum selben Schluss: «Vor Jahrhunderten hat sich die Kirche an den damaligen Zeitgeist angepasst. Nun tut sie so, als ob sie dabei ewige Wahrheiten verkünden würde», schreibt der Kapuziner in einem aktuellen Kirchenblog. «Gleichzeitig weigert sie sich, sich an heutige kulturelle Standards anzupassen. Zum Beispiel an demokratische Strömungen. Lieber bleibt sie monarchisch und behauptet, Jesus habe es so gewollt.»

Das Eherecht ist also kein in Stein gemeisseltes Dogma. Dennoch ist die Öffnung der Ehe eine ethische und moralische Grundsatzfrage, die die Geister scheidet und bis in den Kern des christlichen Familien- und Gesellschaftsbilds bohrt. Gerade deshalb ist es für die Landeskirchen unabdinglich, sich auch bei derart heiklen Gesellschaftsfragen zu äussern; was noch keine endgültige Positionierung an einer der polarisierenden Fronten zur Folge haben muss. Im Zentrum steht, wie bei jeder Debatte, die Suche nach Integration gesellschaftlicher Gegensätze, geleitet von den Mechanismen der demokratischen Auseinandersetzung. Keiner monarchischen.

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Erstmal Ernüchterung

Mit einem Gottesdienst im Petersdom wurde am Sonntag die Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode eröffnet. Drei Wochen lang werden sich mehr als 300 Theologen, Ordensbrüder, Bischöfe und Experten über heikle Themen rund um Ehe und Familie beraten. Die Eröffnungspredigt von Papst Franziskus wirkte teils folgewidrig und abwegig, lässt damit aber den Kurs der Synode erahnen.

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Eine feierliche Messe im Petersdom eröffnete die Familiensynode 2015. (BILD: Screenshot, via Youtube-User vatican)

Zum Auftakt der Familiensynode hat Franziskus einmal mehr die Unauflöslichkeit und Wichtigkeit der Ehe bekräftigt und diese in seiner Predigt in den Fokus gerückt:

«[Jesus] führt alles auf den Ursprung der Schöpfung zurück, um uns zu lehren, dass Gott die menschliche Liebe segnet, dass er es ist, der die Herzen zweier Personen, die einander lieben, verbindet und dass er sie in der Einheit und Unauflöslichkeit verbindet. Das bedeutet, dass das Ziel des ehelichen Lebens nicht nur darin besteht, für immer zusammenzuleben, sondern für immer einander zu lieben!»

Barrieren auf den Brücken

Dass Franziskus in seiner Eröffnungspredigt die Gläubigen dazu auffordert, jede Form von Individualismus und Legalismus zu überwinden, überrascht aus vielerlei Hinsicht. Nicht nur hat Franziskus wenige Wochen vor der vatikanischen Bischofssynode zwei Papstdokumente veröffentlicht, die die Annullierung von katholischen Ehen vereinfacht, er schliesst die Predigt auch mit Worten der Öffnung:

«[…] eine Kirche mit verschlossenen Türen verrät sich selbst und ihre Sendung, und anstatt eine Brücke zu sein, wird sie eine Barriere […]»

Um diese Aussage als paradox und zynisch zu entlarven, genügt ein Blick in die deutschsprachigen Länder Europas: In der Schweiz und in Österreich werden vierzig Prozent der Ehen geschieden, in Deutschland gar 45 Prozent.

Sturm im Wasserglas

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, wertete die damaligen Annullierungs-Dokumente als ein vernünftiges Signal des Papstes. Grundlegende Änderungen der kirchlichen Lehre seien bei der Synode trotzdem nicht zu erwarten, ergänzte Marx und schloss eine gültige zweite sakramentale Ehe aus.

Nach der Eröffnungspredigt wurde deshalb einmal mehr klar, dass die Familiensynode zwar ein Gradmesser für Franziskus wird, dennoch wird das Abschlussdokument nach der dreiwöchigen Tagung keine Revolution einläuten. Im Vatikan sollen durch die zweite Familiensynode innerhalb eines Jahres lediglich die Weichen gestellt werden. Es wird Jahre dauern, bis sich Geschiedene und Wiederverheiratete und Homosexuelle nicht mehr an den Rand der Kirche gedrängt fühlen müssen.

Vorstellbar sind maximal anzustrebende Vereinfachungen im Umgang mit Wiederverheirateten und Geschiedenen, die zum Abschluss der Bischofssynode aber weder klar festgelegt, noch genau definiert sein werden.

Heikle, heikle Homosexualität

Die gleichgeschlechtliche Ehe wurde in der Eröffnungspredigt geschickt umschifft. Zwischen den Zeilen wurde dennoch klar, dass auch in der Causa Homosexualität in den nächsten drei Wochen keine erwähnenswerte Veränderung stattfinden wird.

Mit Hilfe von Bibeltexten und Gleichnissen aus der heutigen Zeit wurde darauf aufmerksam gemacht, dass nur die Liebe zwischen Mann und Frau gottgewollt ist. Hoffnungsvoll stimmt hingegen, dass Franziskus in zentralen Textstellen auf den «Mann und Frau»-Begriff verzichtete und sich stattdessen neutralen Aussagen bediente:

«[Diese Worte] (Gen 2,18) zeigen […], dass Gott den Menschen nicht zu einem Leben in Traurigkeit und Alleinsein erschaffen hat, sondern für ein Leben im Glück, in dem er seinen Weg gemeinsam mit einer anderen Person geht, die ihn ergänzt, damit er die wunderbare Erfahrung der Liebe macht: zu lieben und geliebt zu werden […]»

Doch sämtliche Zuversicht, dass die Kirche die Öffnung ernst meint, wurde bereits vor der Eröffnungspredigt zerstört, als sich der bedeutende, vatikanische Theologe, Krzysztof Charamsa (43), am Samstag in einem Zeitungsinterview als öffentlich homosexuell geoutet hat. Dem Assistenzsekretär der Internationalen Theologischen Kommission und Dozent an zwei päpstlichen Universitäten wurde innert Stunden vom Vatikan die römischen Ämter entzogen.

Bigotte Barmherzigkeit

«[Die Kirche ist dazu berufen], ihre Sendung zu leben in der Liebe, die nicht mit dem Finger auf die anderen zeigt, um sie zu verurteilen, sondern […] sich verpflichtet fühlt, die verletzten Paare zu suchen und mit dem Öl der Aufnahme und der Barmherzigkeit zu pflegen; ein „Feldlazarett“ zu sein mit offenen Türen, um jeden aufzunehmen, der anklopft und um Hilfe und Unterstützung bittet […]» sagte Franziskus nur wenige Minuten, nachdem er die gottgewollte Liebe zwischen Mann und Frau unterstrich und die Unauflöslichkeit der Ehe festhielt.

Franziskus kann den Weg der Modernisierung nicht selbst beschreiten. Der Dialog zwischen Reformern und Konservativen wird immer schwieriger, legt Steine und Hürden in den Pfad. Nicht zuletzt, da der Kreis der Franziskus-Gegner in letzter Zeit zunehmend aggressiver agiert und vermehrt das Wort «Spaltung» in den Mund genommen hat.

Doch der Wunsch nach Öffnung kommt aus der Mitte der katholischen Kirche. Papst Franziskus bedauerte schon öfters, dass wiederverheiratete und geschiedene Katholikinnen und Katholiken ihren Ausschluss von den Sakramenten als Exkommunikation, als Ausschluss aus der kirchlichen Gemeinschaft, empfinden.

Wegbleiben des Wandels

Unzählige Synoden standen bereits unter dem Zeichen des Dialogs und des Abtastens. Was fehlt ist der Startschuss für eine Reformbewegung, sowohl innerhalb als auch ausserhalb der katholischen Kirche. Zugeständnisse an die Lebenswirklichkeit vieler Menschen dürfen nicht mehr als Anbiederung an einen Zeitgeist gewertet werden.

Nie zuvor wurden so viele wichtige Schritte in Richtung Gleichheit genommen wie in den vergangenen Monaten. Wenn nicht einmal diese Einfluss auf die Synode haben, wird die Kirche zunehmend zu einem Fremdkörper.

Das Ergrauen des Regenbogens

Vor 22 Jahren machten sich Homosexuelle im katholischen Irland noch strafbar, heute leuchtet die grüne Insel bunt: 62,1 Prozent aller Wähler votierten Ende Mai für eine Verfassungsänderung, die gleichgeschlechtliche Ehen ermöglicht. Trotz dieses richtungsweisenden Resultats zeigen sich die Befürworter der Homo-Ehe in Mitteleuropa zögerlich und lassen der Gegenpartei freie Hand bei der Meinungsbildung.

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Foto: FRANK NICOLAI/hpd.de

Dass die Katholiken-Hochburg Irland die Homo-Ehe erlaubt, ist die bisher greifbarste Versinnbildlichung davon, dass katholische Kleriker und konservative Kreise bei der Homo-Ehen-Frage den Kontakt zur Basis verloren haben. Von einem «substanziellen Riss zwischen der katholischen Kirche und der Gesellschaft» sprach der Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, und bewertete den Ausgang des Referendums im Interview mit der Internetplattform „Vatican Insider“ als «Zeichen einer Kulturrevolution».

«Schwulenrechte greifen Familien an»

Ein Grossteil der Schweizerinnen und Schweizer zeigt sich bisher noch nicht beflügelt vom irischen Revolutionsgeist. Am 10. Juni wurde ein neues Komitee gegründet, das die Homo-Ehe in der Schweiz verhindern und das traditionelle Familienbild stärken will. «Es ist an der Zeit, die Demontage der traditionellen Familie zu stoppen», sagt Co-Präsident und EDU-Politiker Marco Giglio, «die Ausdehnung der Schwulenrechte ist ein Angriff auf die Familie.» Geplant ist bereits ein Referendum gegen die Pläne des Bundesrats, homosexuellen Paaren die Adoption zu erlauben. Der bisher einzige, verhaltene Kommentar zur Gründung des Komitees kommt vom Schwulen-Verband «Pink Cross»: Geschäftsleiter Bastian Baumann bezeichnet den Verein im Interview mit der Schweizer Tageszeitung «20 Minuten» als «verschlossene Gruppe, die die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat.»

Unbiegsame Befangenheit

Trotz oder gerade wegen den steilen Behauptungen des EDU-Politikers Marco Giglio neigen Befürworter der gleichgeschlechtlichen Ehe und des Adoptionsrechts für homosexuelle Paare dazu, sämtliche Gegenparteien als eine Desavouierung des Zeitgeistes abzuwinken, und verhindern damit wichtige Diskussionen, die zu einer Einlenkung und Annäherung führen könnten. Zwar sind in der Schweiz ähnliche Forderungen wie in Irland pendent – die Grünliberalen fordern eine parlamentarische Initiative, die die Ehe und die eingetragene Partnerschaft für alle öffnet – doch die Meinungen beider Lager sind derart festgefahren, dass auch die Strahlkraft des irischen Votums niemanden zu erweichen scheint.

Politische Zerrissenheit

Die Öffnung der Homo-Ehe ist eine ethische und moralische Grundsatzfrage, die die Geister scheidet und bis in den Kern des traditionellen, christlichen Familien- und Gesellschaftsbilds bohrt. Gerade deswegen stehen vor allem Politiker im Zwiespalt. So auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, die als CDU-Politikerin um die Haltung des traditionellen Teils ihrer Partei weiss, aber auch die gesellschaftliche Stimmung in Deutschland kennt. Nicht nur sie wird deshalb vor die Frage gestellt, ob sie bei der Ehe-Frage gegen die Mehrheit des Bundestags, des Bundesrats und der Bevölkerung regieren möchte: Laut einer aktuellen Umfrage des deutschen Wochenmagazins «Stern» sind 74 Prozent dafür, dass Lebensgemeinschaften von gleichgeschlechtlichen Partnern vollkommen der traditionellen Ehe gleichgestellt werden.

Mehr Mut zur Meinung

Unabhängig der Denkweise ist es für Volksvertreter unabdinglich, sich auch bei derart heiklen Gesellschaftsfragen zu äussern; was noch keine klare Positionierung an einer der polarisierenden Fronten zur Folge haben muss. Im Zentrum steht, wie bei jeder Debatte, die Suche nach Integration gesellschaftlicher Gegensätze, geleitet von den Mechanismen der demokratischen Auseinandersetzung.

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Der Artikel erschien zusätzlich auf tink.ch und hpd.de.

Die Vereinten Nationen gegen den Heiligen Vater

Sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche ist seit vielen Jahren ein trauriges Dauerthema in den Medien. Regelmässig muss der Heilige Stuhl öffentlich zu den Vorwürfen gegen ihre Ordensleute Stellung nehmen. Vielen Priestern wurde seither der Prozess gemacht, doch die Dunkelziffer von noch nicht aufgedeckten Missbrauchsfällen ist sehr hoch. Die UNO sieht es als eine Notwendigkeit, diesem Treiben endgültig ein Ende zu setzen. Doch hat die UNO überhaupt ein Recht, in ihrem Glashaus mit Steinen zu werfen?

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Vatikans UN-Botschafter Silvano Tomasi (l.) im Gespräch mit Charles Scicluna, dem ehemaligen Hauptbeauftragten zur Untersuchung von sexuellen Missbrauch gegen Kinder in der Kirche.
Photo: AFP/Getty Images

Der globale Aufschrei war enorm, als der Erzbischof von Boston im April 2002 aufgrund von Missbrauchsvorwürfen gegen diverse Mitglieder seines Bistums zurücktreten musste. Der „Bostoner Skandal“ war für viele Missbrauchsopfer ein Anstoss, sich öffentlich zu dem Leiden zu bekennen, das ihnen von Pfarrern und Priestern zugefügt wurde. Innerhalb weniger Wochen kamen weltweit über 10000 neue Missbrauchsfälle ans Licht. Durch geschickte Kommunikation schaffte es die katholische Kirche viele der Vorwürfe schnell wieder unter den Teppich zu kehren. Nun verlangt ein UNO-Komitee die volle Unterstützung mit der Justiz und ein Ende der Vertuschungsversuche.

Forderung nach kompletter Transparenz
In ihrem Bericht fordert die UNO die Kirche auf, endlich reinen Tisch zu machen und ihr Verhalten grundlegend zu verändern. Es dürfe nicht passieren, dass unmissverständliche Übergriffe unkommentiert bleiben oder bewusst vertuscht werden. Betroffene Ordensbrüder müssen als Straftäter angeklagt werden und den zuständigen Justizbehörden ausgeliefert werden, statt diese hinter den einigen Mauern zu schützen. Auch vergangene Taten will die UNO nicht unbestraft lassen. Sie fordern einen uneingeschränkten Einblick in die Akten sämtlicher Angestellten der Weltkirche.

Die UNO spricht im Rahmen der Missbrauchsvorwürfe von einem Stillhaltekodex, den der Vatikan Mitte der Neunzigerjahre etabliert haben soll. Zentrale Idee des Stillhaltekodex sei es, das zu den Missbrauchsvorwürfen geschwiegen und den angeklagten Ordensbrüdern die vollste Unterstützung der Kirche geboten werden soll. Statt einem Ausschluss aus der Kirche drohe den pädophilen Priestern dadurch lediglich der Umzug in ein neues Bistum ohne weitere Konsequenzen.

„Schande der Kirche“
Schon in den frühen Stunden seines Pontifikats äusserte sich Papst Franziskus I. zu den Missbrauchsvorwürfen gegen seine Untergebenen. Im Radio Vatikan bezeichnete er die Taten von pädophilen Priestern als eine Schande für die Kirche. „Zu diesen Vorfällen kommt es, wenn die Menschen ihre Beziehung zu Gott nicht mehr pflegen“, so der Papst. Weiter meinte Franziskus, dass ihm bewusst sei, dass die Kirche in grossen Teilen der Welt zum Gespött der Menschen geworden sei. Dies sei auch gut so, denn es helfe der Kirche sich an diesen traurigen Ereignissen weiterzuentwickeln.

Weitere Kritik
Auch nebst den Vorwürfen des Kindesmissbrauchs kritisiert die UNO den Vatikan scharf. Sie verurteilen die konservative Einstellung der Kirche zu Themen wie der Homosexualität oder der Empfängnisverhütung. Auch wenn diese Anschuldigungspunkte nur eine Randnotiz in dem UNO-Bericht waren, verlangen Menschenrechtsexperten auch zu diesen Themen eine klare Stellungnahme des Heiligen Stuhls.

Überraschenderweise reagierte der Papst sehr schnell auf die Aussagen der UNO und versicherte ihnen seine vollste Kooperation und Unterstützung. Auch der Erzbischof Silvano Tomasi, der diplomatische Vertreter des Heiligen Stuhls bei der UN-Einrichtung in Genf, hat die Kritik der Vereinten Nationen akzeptiert und gab sein Einverständnis. „Die Kirche soll ein Vorbild werden“, so Tomasi.

Die Zukunft wird zeigen, ob es tatsächlich zu einer Zusammenarbeit der Vereinten Nationen mit dem Heiligen Vater kommen wird. Die Beziehung der UNO mit Papst Benedikt XVI. war mehr als frostig, doch seit Papst Franziskus I. sein Amt übernahm haben nebst den Millionen Katholiken auch die UNO-Menschenrechtsexperten erleichtert aufgeatmet. Sie setzen ihr vollstes Vertrauen in den Jesuiten aus Argentinien.

Heuchlerei auf hohem Niveau
Während die längst überfälligen Anschuldigen gegen den Vatikan zu begrüssen sind, ist es zu einem gewissen Grad auch bedenkenswert, von wem die Kritik ausgeübt wird. Zu den Mitgliedern der Vereinten Nationen gehören Länder wie Bhutan, Ägypten, Somalia, Mosambik und dutzende weitere Nationen mit (Militär)Diktaturen, die zivil- und menschenrechtlich die schlimmsten anzunehmenden Zustände aufweisen. Auch hat die UNO ihre ganz eigene Historie von Vergewaltigungen und anderen Missbrauchsverbrechen in den Kriegszonen Afrikas.

Es werden Erinnerungen wach an das Jahr 2010, als das gesamte 700 Mann starke Kontingent der UN an der Elfenbeinküste aufgrund von schwerwiegenden Vergewaltigungsvorwürfen vom Dienst suspendiert werden musste. Weitere belegte Fälle betrafen Bosnien, Westafrika, Kambodscha und jüngst auch den Kongo. Diese Beschuldigungen haben sich desaströs auf das bis zu diesem Zeitpunkt stabile Ansehen der UN ausgewirkt.

Aufgrund dieser Vorfälle spricht die UNO inzwischen von einer Null-Toleranz-Politik und zieht in der Regel jeden Blauhelmsoldaten aus seinem Einsatzgebiet ab, sobald Anschuldigungen jeglichen Fehlverhaltens gegen seine Person aufkommen. Die Untersuchung gegen verdächtigte Blauhelme endet allerdings nicht mit dessen Suspendierung: Sollten sich die Vorwürfe während seinem Abzug bestätigen lassen, wird der Betroffene künftig von allen Einsätzen in Missionen der UN ausgeschlossen. Zumindest in dieser Beziehung verhalten sich die Vereinten Nationen vorbildlicher als der Vatikan.

Wer ohne Sünde ist
Böse Zungen könnten behaupten, dass die Kritik am Vatikan ein verzweifelter Versuch der UN ist, sich volksnah zu zeigen und die Blicke der Bevölkerung auf eine andere Weltorganisation zu richten. Schliesslich kommt die Kritik am Vatikan nur wenige Tage, nachdem der Papst öffentlich den Kapitalismus von weltlichen Grossmächten verurteilt hat. Doch vielleicht handelt es sich schlichtweg um eine aufrichtige Geste der UNO. Wie auch aus der Kirche konnten schon Millionen Menschen von der Kraft der Vereinten Nationen schöpfen: So entschärfte die Organisation zahlreiche Krisen in Zypern, Kuba und im Nahen Osten. 1988 beendete sie den Ersten Golfkrieg; 1993 sicherte sie den Frieden in Kambodscha, 1995 in Angola oder auch 1996 in Guatemala.

Beide Organisationen haben hunderte von Leichen im Keller. Die begangenen Taten könnten nicht wiedergutgemacht werden. Doch vielleicht schaffen es die Vereinten Nationen und der Vatikan gemeinsam, mit vereinten Kräften, ihre Dreckwäsche zu waschen und in der Zukunft eine weisse Weste zu wahren.

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Diesen Artikel findet ihr auch auf tink.ch