Interviews mit zwei atheistischen FlĂŒchtlingen

Wie viele FlĂŒchtlinge aus muslimischen LĂ€ndern Atheisten sind, wisse niemand. Manchmal werde ihnen nicht geglaubt. Und oft wĂŒrden sie sich vor Mobbing oder Gewalt fĂŒrchten, schreibt Die Zeit. Auf diesem Blog habe ich bereits zwei FlĂŒchtlinge aus Nationen mit der Staatsreligion Islam vorgestellt.

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Bild: SANDRO BUCHER

«Ich habe immer noch Hoffnung» – Interview mit Kacem El Ghazzali, Marokko

Weil er nicht an Gott glaubt, wurde Kacem El Ghazzali in seiner Heimat Marokko mehrfach attackiert und mit dem Tod bedroht. Vor vier Jahren ist der 24-JĂ€hrige in die Schweiz geflĂŒchtet und hat sein altes Leben hinter sich gelassen. Seine Überzeugung bleibt ungebrochen, auch wenn er damit weiterhin sein Leben riskiert. Link zum Interview.

«Es besteht die Gefahr eines BĂŒrgerkriegs» – Azam Khan, Bangladesch

Anfang April wurde der sÀkulare Blogger Nazimuddin Samad in Bangladesch auf offener Strasse ermordet. Wie bereits sechs Kritiker des radikalen Islamismus vor ihm. Einer von Nazimuddins Freunden, Azam Khan, lebt heute in der Schweiz. Auch er steht auf einer von islamistischen Gruppen zusammengestellten Todesliste von Atheisten. Link zum Interview.

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Interview: Katholische Priesterin Jacqueline Straub

Jacqueline Straub möchte die erste Priesterin der katholischen Kirche werden. Um ihre Berufung leben zu können, mĂŒsste die Theologiestudentin aus Freiburg eine globale Institution mit ĂŒber einer Milliarde Mitgliedern in ihren Grundfesten verĂ€ndern. Im Interview sprach die 24-JĂ€hrige ĂŒber ihren Kampf gegen restaurative Tendenzen und fĂŒr tiefgreifende Reformen in der Kirche.

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«FĂŒr ReaktionĂ€re in der Kirche bin ich ein öffentliches Ärgernis» (Bild: MELI STRAUB/www.meli-photodesign.de)

Du bist ĂŒberzeugt, spĂ€testens in zwanzig Jahren katholische Priesterin zu sein. Ist das realistisch?
Jacqueline Straub: Die Kirche braucht fĂŒr tiefgreifende Reformen immer eine relativ lange Zeit, und in der Frage des Frauenpriestertums hĂ€ngt ziemlich viel dran. Im Vorfeld muss erst klar gemacht werden, dass die Diskussion ĂŒberhaupt möglich ist. Denn kirchenrechtlich ist das Frauenpriestertum kein Dogma. Vor der Entscheidung durch ein Drittes Vatikanisches Konzil braucht es eine lange Vorbereitungszeit. Viele sagen deshalb, dass fĂŒnfzig oder hundert Jahre realistischer wĂ€ren. Ich rechne aber weiter mit einer Vorbereitungszeit von zwanzig Jahren, da wir mit Papst Franziskus eine dialogische Kirche geworden sind.

Hast du keine Angst, dass dein Vorhaben auch in zwanzig Jahren noch eine Kirchenspaltung verursachen könnte?
Es wird extrem konservative, also reaktionĂ€re Gruppen geben, die werden sich so oder so abspalten. FĂŒr die bin ich gerade zu ein öffentliches Ärgernis. Doch es gibt seit ĂŒber fĂŒnfzig Jahren Frauen und MĂ€nner, die auf das Frauenpriestertum hingearbeitet haben. Wenn man die nĂ€chsten zwanzig Jahre darĂŒber spricht, die Zweifel benennt und das Positive eines Frauenpriestertums hervorhebt, dann wird ein ruhiger Verlauf immer realistischer. Zuvor wird aber noch der Zölibat fallen, und Wiederverheiratete und Geschiedene werden die Kommunion empfangen.

Wie reagieren deine Kommilitoninnen auf deine PlÀne?
Ich kenne einige Mitstudentinnen, die auch berufen sind. Die sagen aber nichts, da sie fĂŒrchten, nach den sechs Jahren Theologiestudium keine kirchliche Anstellung zu erhalten. Es gab schon Priester und Bischöfe, die ihres Amtes enthoben wurden, bloss weil sie sich öffentlich fĂŒr Frauen als Priesterinnen aussprachen.

Ist diese Angst bei dir nie aufgetaucht?
Die war mal in den ersten Semestern da, als ich noch Pastoralassistentin werden wollte. Doch mit Schweigen wĂŒrde ich mich nur selbst verleugnen. Mittlerweile stehe ich dazu und nehme das Risiko auf mich, dass ich spĂ€ter nicht im kirchlichen Bereich arbeiten kann. Denn mit Schweigen Ă€ndert sich auch nichts.

Wo siehst du in der Kirche sonst noch VerÀnderungspotential?
Da gibt es viel (lacht). Unsere Kirche muss menschenfreundlicher werden und an die RĂ€nder der Welt gehen. Der Umgang mit Geschiedenen und Homosexuellen muss menschlicher werden. Wie konservative Kreise ĂŒber Homosexuelle sprechen, tut mir wirklich weh. Auch der Pflichtzölibat passt nicht mehr in unsere Zeit. Man muss die Zeichen der Zeit erkennen und danach handeln. Es kann nicht sein, dass wir die nĂ€chste Generation einfach vergessen. Wenn die Jungen heute nicht gefördert werden und keinen angemessenen Platz in der Kirche erhalten, dann habe ich wirklich Angst um die Kirche.

Der Umgang mit Homosexuellen und die Öffnung der Ehe fĂŒr alle erhitzen zurzeit die GemĂŒter. In einem frĂŒheren Interview hast du erwĂ€hnt, dass du am Ehesakrament, Mann und Frau, festhalten möchtest.
FĂŒr eine staatliche Homo-Ehe bin ich auf jeden Fall. Beim Ehesakrament gibt es aber Schwierigkeiten. Die Kirche tut sich immer noch extrem schwer mit dem Frau-Mann-Begriff und muss erstmal selbst definieren, was Ehe heute, mit all ihren Facetten eigentlich bedeutet. Wenn wir die Ehe wie bisher mit den drei Grundprinzipien Treue, Liebe und Sorge fĂŒr die Nachkommen definieren, dann wĂŒrde das auch Homosexuelle nicht ausgrenzen.

WĂŒrdest du eine Trennung zwischen Kirche und Staat also begrĂŒssen?
Auf der einen Seite könnte eine Trennung von Kirche und Staat durchaus nicht nur negative Wirkungen haben. So wĂŒrden mangels Kirchensteuer die kargen Finanzen gewisse Pfarrer und Bischöfe zu einem einfacheren und authentischeren Lebensstil zwingen. Auf der anderen Seite denke ich, dass sich durch eine Trennung eine katholische Elite-Gruppe herauskristallisieren wĂŒrde. Fortschrittlich denkende Katholiken wĂŒrden dadurch vermutlich ins Abseits geschoben werden, was eine elitĂ€re „Fraktion“ hervorbringen wĂŒrde. Solange die katholische Kirche öffentlich-rechtlich anerkannt ist, ist eine gewisse GewĂ€hr vorhanden, die das verhindert.

Die Religion verliert in der Gesellschaft zunehmend an Bedeutung, vielerorts auf der Welt sinken die Zahlen von GlÀubigen. Was löst die zunehmende Abwanderung aus der Kirche Richtung Gottlosigkeit in dir aus?
Dass es heute so viele Atheistinnen und Atheisten gibt, ist auch eine SchwĂ€che der Kirche, die durch ein falsches Auftreten verursacht ist. Wenn es die Kirche nicht schafft, den Glauben mit Herz und Verstand zu vermitteln, dann rennen die Menschen entweder in die fundamentalistische Ecke oder wenden sich dem Atheismus zu. Mir tut es weh, dass man sich in meiner Generation fĂŒr den Glauben rechtfertigen muss. Aber alle wird man nie ins Boot holen können.

Wie kann die Kirche diesem Trend entgegenwirken?
Ich erlebe zu meinem eigenen Bedauern, dass es einige Bischöfen und Priestern gibt, denen das Feuer fehlt. Heute braucht es mehr denn je Überzeugung und Auftreten. Auf Christen und Nicht-Christen wirkt es abschreckend, wenn sich gewisse Bischöfe nie in der Öffentlichkeit Ă€ussern und zeigen. Die Menschen möchten Kleriker, die eine klare Position vertreten, die nachvollziehbar ist. Das fehlt in der Kirche vielerorts.

Dein Handy ziert ein Bild von Papst Franziskus. Ist er fĂŒr dich ein HoffnungstrĂ€ger?
Franziskus interessieren westliche Kirchenthemen wie Zölibat oder das Frauenpriestertum weniger als Armut und fehlende Gerechtigkeit auf der Welt. Doch er ist ein Ă€usserst mutiger Papst, welcher der katholischen Kirche zu viel positiver Berichterstattung verholfen hat. Wenn alle Priester, Bischöfe und KardinĂ€le so entschlossen auftrĂ€ten wie er, könnten sich die Menschen viel eher mit der Kirche identifizieren. Da Franziskus angedeutet hat, wie Benedikt XVI. frĂŒhzeitig aus dem Amt zu scheiden, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass er zumindest noch darauf hinwirkt, dass in den nĂ€chsten zwei bis drei Jahren bestimmte Frauenthemen aufgenommen werden und die Diskussion darĂŒber entfacht wird. Doch das Dritte Vatikanische Konzil wird erst mit dem nĂ€chsten oder dem ĂŒbernĂ€chsten Papst kommen.

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Das Interview erschien auf hpd.de.

Interview: Secular activist & writer Kacem El Ghazzali

Deutsche Version

Because he doesn’t believe in God, Kacem El Ghazzali from Morocco has been attacked and threatened with death. Four years ago, the 24-year-old blogger fled to Switzerland and left his old life behind him. His conviction is unbroken, and thus, he still risks his life to this day.

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„I don‘t think that I will stop my work because of the death threats, this was clear for me since I was in Morocco.“ – Kacem El Ghazzali

HPD.de: In devout countries such as Morocco, many people don’t even question their belief. What lead you to challenge your religion?Kacem El Ghazzali: People in general seem to walk the easy roads and take the easy options, that’s why they prefer to live as simple as possible and avoid all those phrases which end with big question marks.  To question something means that you are going on an endless road of searching, seeking, destroying and rebuilding. It‘s like opening fire on yourself, your past, your truths, and all those who used to live in it. Especially if the things you are putting into question are considered to be holy, forbidden or protected by political and religious authorities as it is the case for Islam in the Islamic world. In my case, I did not choose to be an Atheist, it was actually forced on me by the power of question and logic.  Why did I choose to challenge (my) religion? I found it illogical. And it causes more harm than good.

Did you ever regret being forced to become an Atheist?
Honestly, I tried hard to be a believer because it‘s easier. But at the end of the day, I was always full of critical questions. There are many others in the Islamic world who are like me, this taboo of silence is chattering  down, however, the situation is still difficult and dangerous for all of those who decided to be Atheists in Islamic countries to show up and talk about it.

Why do so many people blindly accept the faith in countries like Morocco?
Because they are believers. The difference is that those of the Christian belief already went through a process of enlightenment and reformation. And even nowadays, if some Christian fundamentalists in Switzerland refuse to recognize the right of others to be Atheists, they won‘t be able to do anything against it. This is because of the enlightenment age in the western countries. On the other side we have Islam and it‘s laws, which have not witnessed any form of reformation. The fact that makes political Islam get credibility and support is because people think it‘s against God’s laws.  It‘s not only a problem of faith, rather than  if the faith is kept as a personal matter or being used to justify it‘s political order. I have no problem if someone decides to accept his faith blindly as long as he keeps it away from the public sphere.  And do not try to force it on others, including family members.

How did your friends and family react when you told them that you’re an Atheist?
It was a shock for all of them. Most of them  did not hear it from me personally; they got to know the news from the media and the hate campaigns against me on Social Media networks. All my friends except two close friends, one of them being a Muslim, cancelled all contact with me and started to look at me as if I am an outsider and do not belong to them anymore.

How did you deal with the dozens of death threats you received for your Bahmut blog?
I have been recieving death threats for a quite long time now, and I am not surprised. It just shows that we still have a long way to go in order to establish a society of plurality and acceptance of the other. I just ignore all those death threats and hate e-mails. At the same time, I recieve lots of thank you cards and e-mails, not only from young people but also some eldery followers who thank me for saying what they could not express once. Those who are threatening me just prove how my argument is right. They say Islam is a religion of peace, and I say „no, it‘s not.“ Than they say: „No, say it‘s a religion of peace, accept it or we will kill you!“

Did you ever think about quitting your „fight“ against the Islam because of things like that?
It‘s important to make clear that I am not fighting Islam per se, there are lots of peaceful Muslims, and I defend their religious freedom. My critical words are for those who follow Islam blindly, letting no room for discussion or modern interpretation to the religion itself. They work hard to silence any attempt to live together and do not recognize the rights of others, especially apostates of Islam. They try to devide society into good and evil, infidels and believers . I don‘t think that I will stop my work because of the death threats, this was clear for me since I was  in Morocco.

You lived in Switzerland for almost four years now. How do you witness our country?
Switzerland is a unique country due to it‘s political system and stable economy. It‘s also a very attractive country for many to live in. That’s why there is always  ongoing debates about immigration here. Switzerland is known for it‘s neutrality, which earns it a big admiration and at the same time huge and massive criticism.  Living in Switzerland has been an interesting task for me, not only on a personal level, but also in my tries to understand and learn from the Swiss experience.

What about religion in Switzerland?
I have not met that many religious people here or attended any religious events. From what I‘ve read in the news and on Social Media, it‘s hard to talk about Switzerland without understanding ist federal system.  There are cantons which are very conservative, like Wallis and Schwyz. In Wallis, for example, a teacher called Valentin Abgottspon got fired from school for removing a christian cross from his classroom. These things wouldn‘t happen in cantons like Zurich or Geneva. The results of public political initiatives prove this.

What can we, the western world, do, to make things better?
The West needs to think of it‘s own current situation first. The West once seemed to go the right way to enlightenment and freedom . But nowadays, it seems that it‘s going backwards again.  The western governments ally with islamic and theocratic states  because of their oil and because of economical benefits… These are some of the things that the West needs to find answers for.

Comparing Morocco and Switzerland: Do you feel like the world is evolving in the right direction? Or is it just getting worse?
The world has been like this all the time. Wars and human catastrophes are part of us and our existence. We humans have done more damage than good, not only to ourselves but also to our beautiful earth. I still somehow try to have a hope on a better future, but I can not see it there soon.  That’s why I believe that we are in need of humanism values, we need to stop for a while and think about the future. Not the future which we gonna live. but the future of the coming generations.

Interview: Kranzschwinger Christian Stucki

Obwohl der Sieg beim Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest bisher ausblieb, gilt der Kranz-Schwinger Christian Stucki bei vielen Fans als das AushĂ€ngeschild des Schweizer Traditionssports. Beim Mittagessen in der Berner Altstadt sprach „Chrigu“ ĂŒber seine neue Rolle als Vater, den frischen Hype ums Schwingen und seine ungewissen ZukunftsplĂ€ne.

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Christian Stucki: «Der Sieg beim Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest wĂ€re langsam ĂŒberfĂ€llig.» Foto: zVg

Tink.ch: Steht man als Schwinger gerne in der Öffentlichkeit oder ist das ein nervendes Nebenprodukt?
Christian Stucki: Es kommt ein wenig auf die Tagesform an. Interviews sind natĂŒrlich immer ein Geben und ein Nehmen. WĂ€hrend den Vorbereitungen macht man das eher weniger gerne, aber jetzt in der Pausenphase ist das kein Problem.

Das Schwingen feiert zurzeit eine Art Renaissance. Wie erlebst du den FrĂŒhling des Schweizer Traditionssports?
Der Hype ums Schwingen ist zurzeit gross, vor allem seit dem letzten Eidgenössischen Schwingfest. Auch hat sich die ganze Publikumsdemographie geĂ€ndert: Es sind nicht mehr nur die 65-jĂ€hrigen PensionĂ€re mit dem „TschĂ€ppu ufem Gring“ und einem „Brummer i de Schnurre“. Mittlerweile gibt es auch sehr viele Teenager. Ebenso hat der Anteil weiblicher Fans zugenommen, weil es neu zwei, drei Schwinger gibt, die nicht so schlecht aussehen. (lacht)

Hat dieser jugendliche Wandel auch Auswirkungen auf den Sport?
Es ist im Grossen und Ganzen sicher gut fĂŒr den Sport. Das Problem ist vielleicht, dass vor allem bei GrossanlĂ€ssen viele auch nur wegen dem Fest kommen, nicht wegen dem Schwingen. Aber das ist natĂŒrlich zwangslĂ€ufig eine Begleiterscheinung, die jeder Sport hat. Generell ist es sicher nicht schlecht, dass der Sport auch an die Jungen weitergetragen wird

Apropos Junge: Du bist seit gut eineinhalb Jahren Vater. Hat die Geburt von Xavier fĂŒr dich viel umgestellt?
Am Anfang war es schon eine grosse Umstellung, aber je Àlter Kinder werden, desto angenehmer werden sie. (lacht) Mittlerweile schlÀft er die Nacht einwandfrei durch. Durch seine Geburt und meine damalige Vorbereitung auf das Eidgenössische 2013 habe ich mein Arbeitspensum eingeschrÀnkt, und dies mittlerweile auch beibehalten, um mehr trainieren zu können.

Mittlerweile hast du schon 95 KrÀnze erschwungen. Wie weit planst du deine weitere Karriere noch?
Mit meinen bald 30 Jahren gehöre ich natĂŒrlich schon fast zu den Ă€lteren Eisen im Schwingsport. Bis zur Unspunnen-Schwinget 2017 möchte ich sicher noch dabei sein. Aber wenn es mir gut geht, werde ich sicher noch lĂ€nger schwingen. Wenn ich keine Beschwerden oder schwerwiegende Verletzungen erleide, werde ich vielleicht am Eidgenössischen 2019 auch noch am Start sein, eventuell sogar auch noch 2022.

2007 wurdest du beim Eidgenössischen Vierter, 2010 Dritter und im letzten Jahr Zweiter. Eigentlich weisst du ja bereits, was dich 2016 erwartet

Ja. (lacht) Das wĂ€re langsam ĂŒberfĂ€llig. Beim Eidgenössischen ist es immer etwas anderes, als bei anderen Schwingfesten. Es muss alles zusammenspielen. Manchmal bist du auf einen glĂŒcklichen Entscheid zu deinen Gunsten angewiesen. Auch von der Tagesform ist es sehr abhĂ€ngig – der erste Tag kann super laufen, und am zweiten kann alles wieder in die Hose gehen.

Mit deinen 140 Kilo und den fast zwei Metern Grösse stichst du sogar aus den Schwingern heraus. Merkst du, dass deine Gegner gegen dich dadurch eher defensiv schwingen?
Ja, das merke ich sehr gut. (lacht) Das ist natĂŒrlich ein Ärgernis, aber Ă€ndern kann man daran nichts. Es wird sich nie Ă€ndern, dass kleine Gegner immer nur defensiv gegen mich schwingen. Aber es sind ja nicht nur die Kleinen, sondern auch die Grösseren, die oft nicht aktiv gegen mich schwingen. Aber wenn ich in der gleichen Situation wĂ€re, wĂŒrde ich vermutlich dasselbe machen. Werner Jakob, der technische Leiter des Eidgenössischen Schwingerverbands, hat es letztes Jahr treffend ausgedrĂŒckt: «278 Schwinger sind zum Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest angetreten, und davon wollen 277 nicht gegen Stucki Chrigu antreten.»

Wie bereitest du dich auf ein Schwingfest vor?
Man setzt in den Trainings immer andere Schwerpunkte. Beispielsweise habe ich fĂŒr das letzte Eidgenössische die Schnellkraft umgestellt, um dem defensiven Verhalten der Gegner entgegenzuwirken. Dann haben wir auch im mentalen Bereich anders gearbeitet. Eigentlich ist die Vorbereitung immer wie ein Puzzlespiel, das man jedes Mal wieder neu zusammensetzen muss.

Der mentale Aspekt spielt also eine grosse Rolle?
Ich glaube schon. Der Druck von aussen wĂ€chst, aber das ist ĂŒberall gleich. Die Zuschauer erwarten etwas von dir, und auch du hast eine gewisse Erwartungshaltung an dich selbst. Diesen Erwartungsdruck hast du immer.

Kannst du dir nach deiner aktiven Karriere vorstellen, wie König Jörg Abderhalden beim SRF Schwingkommentator zu werden?
Auf jeden Fall. Es ist natĂŒrlich schwierig, an so einen Posten zu kommen. Aber wenn man mir die Möglichkeit bietet, wĂŒrde ich das sehr gerne machen. Bisher war ich natĂŒrlich ein gerngesehener Gast beim Schweizer Fernsehen, da ich relativ locker bin und gut mit Worten umgehen kann. Aber das wird sich dann zeigen. Nach der Karriere möchte ich dem Schwingsport auf jeden Fall etwas zurĂŒckgeben.

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Der Artikel erschien zusÀtzlich auf tink.ch.

Interview: US-Rapper George Watsky

English version

Der 28-JĂ€hrige George Watsky hat sich mit seinem YouTube-Hit «Pale Kid Raps Fast» weit ĂŒber seine Heimatstadt San Francisco hinaus einen Namen in der Hip-Hop-Szene gemacht. Im Rahmen seiner «All You Can Do»-Welttournee beehrte der Schnell-Rapper auch die Schweiz. Tink.ch traf den momentan obdachlosen Slam-Poeten im ZĂŒrcher Exil zum Interview.

Watsky: «Mein ganzer Besitz ist zurzeit in einem Lagerraum.» Foto: TATJANA PÜRRO/Tink.ch

Tink.ch: Du warst bereits vor einem Jahr zum ersten Mal in der Schweiz, um das VorgĂ€ngeralbum «Cardboard Castles» zu prĂ€sentieren. Was hat sich seither fĂŒr dich geĂ€ndert?
Watsky: Die diesjĂ€hrige Tour ist durch die gesamte Logistik und das Reisen um den ganzen Globus um einiges komplexer geworden. Doch inzwischen sind wir ein eingespieltes Team, weshalb sich die Auftritte mittlerweile mehr wie Arbeit anfĂŒhlen als bei der ersten Tour. Wenn man etwas zum ersten Mal macht hat es immer einen gewissen Reiz, der zwar immer noch vorhanden ist, aber inzwischen sind wir viel gelassener und weniger nervös. Doch das GefĂŒhl, etwas zum ersten Mal zu tun, nimmt definitiv bereits ab.

Der gemeinsame Nenner deiner frĂŒheren Alben und deinem aktuellen Werk «All You Can Do» ist die Gesellschaftskritik, die du in deinen Texten ausĂŒbst. Allerdings tust du das nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern beziehst dich selbst in deine Kritik ein. Entstehen die meisten deiner kritischen Texte durch Selbstreflexion?
Ich versuche es. Ich denke, man kann sich nicht selbst von sozialen Problemen ausklammern, denn die Hauptperspektive, die ich habe, ist die Linse, durch die ich die Welt sehe. Zum Beispiel schrieb ich viele Gedichte ĂŒber die KlimaerwĂ€rmung und den Umweltschutz, bin gleichzeitig aber viel mit meinem Auto und in Flugzeugen unterwegs. Ich war also genau so ein Tropfen im Ozean wie alle anderen. Man sollte ĂŒber diese Themen definitiv nachdenken, aber dafĂŒr muss man erst einsehen, dass man selbst auch eine beitragende Kraft zu den meisten, globalen Problemen ist. Wenn man ĂŒber soziale Probleme schreibt und selbst keine Verantwortung ĂŒbernimmt, klingt man sehr predigend. Das möchte ich verhindern.

Nebst der Gesellschaftskritik rĂ€umst du auch viel Platz fĂŒr Comedy-Nebenprojekte ein. Unter anderem warst du schon zweimal ein Teil der YouTube-Erfolgsserie «Epic Rap Battles of History». Wie war die Arbeit mit NicePeter und EpicLloyd?
Es war fantastisch. Sie gaben mir viel Freiheit im kreativen Schaffen. Ich weiss nicht, ob sie diese Freiheit all ihren GĂ€sten gewĂ€hren, aber ich habe gehört, dass sie die Texte fĂŒr die meisten schreiben. Dass ich meine Texte selbst verfassen durfte war mir aber sehr wichtig, denn ich bin sehr stolz auf die Sachen, die ich schreibe. Dass ich Edgar Allan Poe und William Shakespeare spielen durfte, war fĂŒr mich natĂŒrlich besonders spannend.

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«Wenn man ĂŒber soziale Probleme schreibt und selbst keine Verantwortung ĂŒbernimmt, klingt man sehr predigend. Das möchte ich verhindern.» Foto: TATJANA PÜRRO/Tink.ch

In den Epic Rap Battles of History hast du im selben Stil gerappt, wie Poe und Shakespeare ihre Texte geschrieben haben. Sogar die Reihenfolge von betonten und unbetonten Silben hast du berĂŒcksichtigt. War das einfach oder eher hinderlich?
Es war nicht besonders schwierig, ehrlich gesagt. Klar ist es eine BeschrĂ€nkung, aber eine positive, die dir einen Rahmen bietet. Edgar Allan Poe hat sehr spezifische und bekannte Muster in «Der Rabe», die sich fĂŒr Rap-Musik gut anbieten. Es war also wirklich keine allzu grosse Herausforderung fĂŒr mich.

Hast du mit diesen EinschrÀnkungen auch deine ersten Slam-Gedichte geschrieben?
Es ist anders. Gesprochene Poesie zu schreiben geht bei mir ĂŒblicherweise um einiges lĂ€nger. Deshalb schreibe ich auch nicht mehr so viel Gedichte, denn sie sind sehr aufwĂ€ndig. Normalerweise fange ich bei ihnen mit einem groben Entwurf an, in dem ich Ideen zu dem Thema sammle, das ich ansprechen möchte. Dann dauert es einige Zeit, den Rohtext auszuarbeiten und zu perfektionieren. Bei Raps und Nebenprojekten wie Epic Rap Battles of History sind die Proben meist langwieriger als der eigentliche Schreibprozess. Bei gesprochener Poesie ist das genau umgekehrt.

Also hast du eine andere Strategie wenn es darum geht, einen Rap-Text zu schreiben?
Ja, die Strategien sind verschieden. Ich rappe in einer eher linearen Art, von oben nach unten, denn ich muss klarstellen, dass der Flow passt. Mit gesprochener Poesie ist das eher konzeptbasiert. Ich kann Ideen nehmen und diese beliebig im Text herumschieben. Es ist fast so, als wĂŒrde man in der Schule einen Aufsatz schreiben. Und wenn ich kurz vor dem Ende noch eine weitere Idee habe, die sich gut als Einstieg eignen wĂŒrde, kann ich den ganzen Text nochmals umkrempeln. Bei Rap ist es eher ein Springen von Punkt A zu Punkt B zu Punkt C, sonst verliert man den Rhythmus.

Auf deiner Facebook-Seite hast du vor der Tour verkĂŒndet, dass du aus deinem Haus in Los Angeles ausgezogen bist und noch nicht weisst, wo du nach Tourende sein wirst. Wie empfindest du diese Ungewissheit?
Sie ist sehr aufregend. Ich bin momentan auf Tour und ich habe keinen festen Wohnsitz, zu dem ich zurĂŒckkehren könnte. Alles was ich besitze ist zurzeit in einem Lagerraum. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich wirklich keine PlĂ€ne, was ich in ein paar Monaten machen werde, was wirklich aufregend ist. Ich könnte 2015 auch in einem komplett anderen Land leben.

Ungewisse Dinge scheinst du zu schÀtzen. Bevor dein neues Album auf iTunes veröffentlicht wurde hast du es gratis streamen lassen. Denkst du, das ist die Zukunft? Oder wie empfindest du die aktuelle Situation in der Musikbranche?
Es ist auf jeden Fall wichtig, neue und kreative Wege zu finden, um seine Album zu veröffentlichen. Das alte Modell des Musikvertriebs ist schon lange tot, und CDs werden mit der Zeit noch obsoleter als sie jetzt schon sind. YouTube ist in dieser Beziehung auch eine grosse Sache fĂŒr mich. Die meisten meiner Musikvideos veröffentliche ich dort, denn mein YouTube-Konto ist die grösste Social-Media-Plattform, die ich habe. Ich denke, das ist eine gute Strategie fĂŒr mich, aber fĂŒr andere KĂŒnstler wird wahrscheinlich etwas anderes besser funktionieren. Aber fĂŒr mich ist klar: Die Menschen wollen immer noch fĂŒr Musik bezahlen, die sie mögen, um quasi in den KĂŒnstler zu investieren und ihn zu fördern.

Du bezeichnest dich selbst als halb-jĂŒdischer Atheist. Ist Religion fĂŒr dich ein wichtiges Thema? In deinen Texten sprichst du nur selten ĂŒber die Kirche und Religion, obwohl sie sich als Zielscheibe der Gesellschaftskritik anbieten.
Ich habe frĂŒher ein paar Mal darĂŒber geschrieben. Zum Beispiel habe ich ein altes Gedicht namens «Drunk Text-Message to God», in dem es um die eigene Sterblichkeit geht. Mir ist allerdings wichtig, in meinen Texten nicht explizit zu sagen, dass ich nicht an Gott glaube. Ich weiss ehrlich gesagt nicht einmal, ob ich mich wirklich als Atheist bezeichnen wĂŒrde. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es keinen Gott gibt, aber niemand kann das wirklich sagen. Deshalb möchte ich auch nicht die Ansichten anderer Leute in Frage stellen. Viele meiner Fans haben natĂŒrlich andere Ansichten und Wertvorstellungen als ich. Deshalb ist es fĂŒr mich oft auch ein schmaler Grat. Ich will mit meinen Texten ehrlich zu ihnen sein, gleichzeitig möchte ich aber nicht predigend oder gar aggressiv wirken.

Zum Beispiel bin ich auch Vegetarier und rede in meinen Songs oft darĂŒber. Aber obwohl Tierschutz und Vegetarismus fĂŒr mich sehr leidenschaftliche Themen sind, wĂŒrde ich niemals auf die BĂŒhne stehen und den Leuten zehn Minuten lang sagen, dass sie kein Fleisch essen sollen. Das ist nĂ€mlich nicht der beste Weg, um Menschen zu Ă€ndern. Mit einem guten Beispiel vorangehen ist besser, als den Menschen mit der eigenen Meinung auf den Kopf zu hĂ€mmern.

Interview: Abt Urban Federer

Vor fast einem Jahr wurde Urban Federer von 55 wahlberechtigten Mönchen zum 59. Abt des Klosters Einsiedeln gewĂ€hlt. Der erst 46-jĂ€hrige ZĂŒrcher geniesst dank seiner frischen Art und seinem jungen Alter hohes Ansehen bei den Schweizerinnen und Schweizern. Im Interview mit tink.ch verriet er, was er von Papst Franziskus hĂ€lt, und welche Rolle fĂŒr ihn die Kirche in der heutigen Gesellschaft einnimmt.

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Abt Urban Federer: «Es gibt in Europa – und das nicht nur in der Kirche – kein Bild des Aufbruchs» Foto: Abtei Einsiedeln

Tink.ch: Sie sind nun seit fast neun Monaten Abt vom Kloster Einsiedeln. Wie blicken Sie auf Ihre bisherige Amtszeit zurĂŒck?
Urban Federer: Sie ist eine Herausforderung und eine Zeit der persönlichen Bereicherung gewesen. Wie in allen meinen bisherigen TĂ€tigkeiten habe ich mich auch in dieses neue Amt schnell und voller Elan eingegeben. So merke ich gar nicht, dass das schon neun Monate her ist, seit ich zum Abt gewĂ€hlt wurde… Wie die Zeit vergeht! (lacht)

Wann haben Sie sich dazu entschieden, in den Dienst Gottes zu treten? Wollten Sie schon immer Mönch werden?
Nein, ĂŒberhaupt nicht. Als ich in der Stadt ZĂŒrich lebte, wusste ich gar nicht, was ein Kloster ist. Aber als SchĂŒler in Einsiedeln, so etwa mit 18 Jahren, merkte ich, dass mich etwas ins Kloster zieht, das ich gar nicht benennen konnte. Ich wusste einfach: Das muss ich wagen!

Wie erlebten Sie Ihren kometenhaften Aufstieg?
Ich hatte nie das GefĂŒhl, einen kometenhaften Aufstieg zu machen. Mir wurde ĂŒber die Jahre hinweg immer mehr Verantwortung ĂŒbertragen, die ich jeweils gerne annahm. Die Verantwortung hat mir aber auch Respekt eingeflösst. Ich bin weit davon entfernt, auf alle Fragen sofort Antworten zu haben. Neue Aufgaben zu erhalten, finde ich aber spannend und lehrreich.

Sie sind der Bruder der ZĂŒrcher NationalrĂ€tin Barbara Schmid-Federer. Wie sehen und erleben Sie die Beziehung zwischen Religion und Politik?
Ich hatte schon immer ein unbeschwertes VerhĂ€ltnis zur Politik. Bei uns zu Hause wurde viel diskutiert und es war selbstverstĂ€ndlich, dass wir uns einbrachten und uns an Abstimmungen und Wahlen beteiligten. So sind fĂŒr mich meine Aufgabe und jene meiner Schwester nicht unĂ€hnlich: Wir setzen uns ein und engagieren uns fĂŒr die Menschen und die Gesellschaft.

Sie sind ein sehr junger Geistlicher und geniessen mit ihrer frischen und innovativen Art grosses Ansehen bei GlĂ€ubigen und auch bei UnglĂ€ubigen. ErfĂ€hrt die katholische Kirche zurzeit eine VerjĂŒngungskur?
Das tut sie eigentlich immer irgendwo in der weltweiten katholischen Kirche, doch gibt es vor allem Europa –  und das nicht nur in der Kirche – kein Bild des Aufbruchs. Es brauchte auf unserem Kontinent einen Argentinier, damit es in der Kirche zu Bewegung und Diskussionen kommt…

Ist der Aspekt des „Jungseins“ ĂŒberhaupt so wichtig, wie Kirchenkritiker ihn immer darstellen? Schliesslich ist auch Franziskus mit 77 immer noch sehr revolutionĂ€r.
Genau: Da kommt jemand von aussen, der alles andere als jung ist, und bringt bei uns einiges ins Rollen. Papst Franziskus ist im Geist jung geblieben. Übrigens kann ich das fĂŒr meine eigene Gemeinschaft bezeugen: Oft sind gerade meine Ă€lteren MitbrĂŒder im Geist sehr beweglich und offen und darum nahe bei den Menschen.

Die Religion verliert zunehmend ihre Bedeutung, vielerorts auf der Welt sinken die Zahlen von GlÀubigen. Wie kann sich die katholische Kirche nach den Skandalen vergangener Jahre wieder aufrappeln?
Die Zahlen sinken weltweit nicht. Sie sinken aber in klassisch katholischen LĂ€ndern, vor allem in Europa. Hier hat die Kirche in den Jahren der Skandale viel an Vertrauen verloren. Dies geschah sogar weniger durch die eigentlichen Delikte – die meisten Menschen wissen, dass diese leider ein Problem der gesamten Gesellschaft sind – sondern durch ihre Reaktion, die Taten vertuschen zu wollen. Vertrauen gewinnen können wir in der katholischen Kirche, und das gilt wohl ĂŒberall, wo Menschen leben, nur durch ein authentisches Leben. Andere Menschen mĂŒssen spĂŒren, dass wir durch unseren Glauben an Jesus Christus zu einer Freiheit gelangen, die uns nur Gott schenken kann.

Schafft Papst Franziskus die Kehrtwende?
Der Papst alleine ist nicht die Kirche, er gibt Anstösse. Es liegt an uns, diese aufzunehmen und in unserem Leben umzusetzen. Papst Franziskus weiss das, er nimmt sich nicht so wichtig.

Durften Sie ihn mittlerweile persönlich treffen?
Ja, und ich staunte: Er wusste, dass das Benediktinerkloster Los Toldos in Argentinien eine GrĂŒndung von Einsiedeln ist.

[Anm. der Red.: Nach dem Zweiten Weltkrieg zĂ€hlte die Klostergemeinschaft von Einsiedeln den Höchstbestand von ĂŒber 200 Mönchen. Mehrere NeugrĂŒndungen wurden daher ins Auge gefasst. 1948 wurde eine Gruppe von zwölf Mönchen ausgesandt, um in Los Toldos, 500 Kilometer westlich von Buenos Aires, ein neues Kloster zu grĂŒnden.]

Halten Sie es fĂŒr möglich, dass Papst Franziskus das Dritte Vatikanische Konzil einberuft?
Papst Franziskus hat eine Synode einberufen und begeht mit dieser schon in der Vorbereitung neue Wege. Ich denke, damit ist er nun ein paar Jahre beschÀftigt. (lacht)

Papst Franziskus tritt viele Entscheide an Ortskirchen ab und fördert den Dialog. Ist die Zukunft der Kirche eine demokratische?
Wenn Sie unter Demokratie verstehen, dass alle StĂ€nde der Kirche zusammen in Wege und Prozesse eingebunden werden, um zu Antworten auf die Fragen zu kommen, wie der Glaube heute verkĂŒndigt und gelebt werden soll, dann kann ich das bejahen: Papst Franziskus hört hin, was die Kirche ihm sagt. Er weiss aber auch, dass er die Kirche aus dem grossen Schatz der Tradition heraus in die Zukunft fĂŒhren darf. Und dieser Glaubensschatz muss nicht in demokratischen Prozessen neu erfunden werden.

Sie sind wie ihr VorgÀnger fleissiger Twitterer. Mittlerweile haben auch die PÀpste den Schritt in die sozialen Netzwerke gewagt. Macht die Kirche 2.0 Zukunft? Werden Gottesdienste eventuell schon bald online abgehalten, oder braucht es die NÀhe und Begegnung vor Ort?
Es ist eines, Botschaften zu den Menschen zu bringen, und etwas anderes, Gottesdienste zu feiern. Soziale Medien haben viele Vorteile: Gedanken können schnell und einfach ausgetauscht, auf fĂŒr einem wichtige Dinge hingewiesen werden. Die AnonymitĂ€t einiger Medien erlaubt sogar eine Seelsorge, wie sie frĂŒher nur im Beichtstuhl anzutreffen war. Aber das Feiern von und mit Gott braucht das Feiern in seiner Kirche – also das konkrete Miteinander-Sein von Menschen, die an Gott glauben. Die modernen Netzwerke beeinflussen und ergĂ€nzen Gottesdienste. Aber wie Sie sagen, brauchen wir Menschen auch weiterhin NĂ€he und Begegnung vor Ort.

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Der Artikel erschien zusÀtzlich auf tink.ch.

Interview: Mundart-Rapper Melo

Am 13. Juni erscheint mit «Transfer» das erste Studio-Album des Luzerner RapkĂŒnstlers Melo. Das Album verbindet ein breites Themenspektrum mit melodiösen Refrains. Eine tiefgrĂŒndige Reise, auf der Gesellschaftskritik ebenso Platz findet wie Selbstreflexion und ironische Passagen. 

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Der Luzerner Mundart-Rapper Maurus „Melo“ UnternĂ€hrer. Pressebild

Sandro Bucher: Melo, Du rappst bereits seit ĂŒber 10 Jahren. Welche wichtigen Erfahrungen konntest du in dieser Zeit machen?

Melo: In den letzten Jahren habe ich durch die Musik viele Leute kennengelernt. Nebst den Erfahrungen mit Auftritten und allem, was dazugehört, habe ich vor allem durch das aktuelle Album gelernt, ein Projekt selber zu managen und mich zeitlich zu organisieren.

SB: Wie hat sich dein Stil in diesen Jahren verÀndert?

Melo: Ich denke, dass das aktuelle Album im Vergleich zu frĂŒher viel melodiöser daherkommt. Man entwickelt sich automatisch weiter mit jedem neuen Song, den man schreibt. Ebenfalls verĂ€ndern sich mit den Jahren auch die persönlichen Ansichten, die sich dann thematisch in den Texten widerspiegeln.

SB: Was fasziniert dich am meisten an der Hip-Hop-Szene?

Melo: Mich fasziniert, dass so viele Leute produktiv sind und ihre Energie in etwas investieren, was ihnen in erster Linie Spass macht. Eine grosse Karriere mit dieser Musik ist hierzulande nicht sehr realistisch. Dass so viele Leute sich trotzdem seit Jahren dieser Musik widmen, beweist, dass sie mit Herzblut bei der Sache sind.

SB: Dein Album heisst «Transfer». Was hat es mit diesem Namen auf sich?

Melo: Transfer steht in erster Linie fĂŒr den Wandlungsprozess, den ich in den letzten Jahren durchlaufen habe. Wie bereits erwĂ€hnt, sind meine Ansichten nicht mehr die gleichen wie vor zehn Jahren. Der Wandlungsprozess ist jedoch stetig. Dieses Album ist sozusagen ein Standbild, eine Momentaufnahme. Wahrscheinlich werde ich in ein paar Jahren wieder mit einem Lachen auf das aktuelle Album zurĂŒckblicken können. *lacht*

SB: Was ist das zentrale Thema deines Albums?

Melo: Das Themen-Spektrum der einzelnen Songs ist meines Erachtens sehr breit. Es reicht von Gesellschaftskritik ĂŒber Storytelling bis hin zu selbstironischen Songs. Über das ganze Album gesehen, denke ich, passt es als Gesamtpaket zum Albumtitel.

SB: FĂŒr jemand, der noch nie von Melo gehört hat: Was kann man von dir und deiner Musik erwarten?

Melo: Man kann ehrliche Songs erwarten. Themen, die in irgendeiner Art und Weise jeden beschĂ€ftigen. Bei der Wahl der Instrumentals habe ich aber darauf geachtet, dass es abwechslungsreich ist. Ich wollte kein Album machen, auf dem jeder Song gleich klingt. Es hat also fĂŒr jeden Geschmack etwas dabei.

SB: Vor einem Monat erklomm der Luzerner Rapper Mimiks die Charts. Viele Szenekenner sprachen dabei von einem «FrĂŒhling des Schweizer Hip-Hops». Warum befindet sich die Rap-Szene in der Schweiz wieder im Aufwind?

Melo: Das ist schwer zu sagen, es kann viele GrĂŒnde haben. Einerseits denke ich, ist es eine Art Modeerscheinung. Vor zehn bis 15 Jahren war Schweizer Rap beispielsweise sehr gross. Danach flachte es ein wenig ab. In den letzten Jahren scheint Schweizer Rap die Leute wohl wieder zu erreichen. Andererseits sind es vielleicht auch die Möglichkeiten der Technik. Heute hat eigentlich jeder die Möglichkeit, etwas aufzunehmen und es ins Internet zu stellen. Man braucht auch nicht mehr ein Major-Label, um erfolgreich und professionell zu sein, wie z. B. Cro in Deutschland.

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Link zum Musikvideo ‚Land in Sicht‘ auf YouTube

Dieses Interview findet ihr auch auf rontaler.ch