Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?

Da ich mich sowohl beruflich als auch privat mit Religion auseinandersetze, durfte ich jene Frage, die Gretchen dem Faust in Goethes epochalem Werk stellt, schon öfters beantworten. Nicht selten wird die Gretchenfrage dabei begleitet von dem Nachtrag: «Aber du bist doch Atheist, warum beschĂ€ftigst du dich ĂŒberhaupt mit Religion und der Kirche?»

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Faust im Studierzimmer (GemÀlde von Georg Friedrich Kersting, 1829)

Im Schweizer Sonnenkanton Tessin erschlich ich mir vor rund siebzehn Jahren meinen ersten, unlauteren Blick hinter die Kulissen der katholischen Kirche. Vor einem tiefliegenden Pfarrhausfenster bat ich meine Grossmutter, auf ihre Schultern steigen zu dĂŒrfen, um einen Blick ins Innere des Gotteshauses werfen zu können. Von meinem neuen Aussichtspunkt aus, sah ich direkt auf die Halbglatze des Pfarrers und konnte ihn beim Schreiben eines Briefes beobachten – ein Bild, das sich bis heute bei mir eingeprĂ€gt hat.

Weitere Erinnerungen an die ersten Sommerferien in der SĂŒdschweiz beinhalten diverse Kirchen-, Kloster- und Kapellenbesichtigungen sowie meine fortwĂ€hrende Fragerei von «Was bedeutet dieses Symbol?» ĂŒber «Wer ist dieser Heilige?» bis «Was ist der Unterschied zwischen katholisch und reformiert?». Fragen nach dem «Wieso, Weshalb, Warum» wĂŒrden erst spĂ€ter folgen. Wie auch Gretchen habe ich in meinen Kindesjahren die Kirche und die Religion nicht hinterfragt und hĂ€tte sie wohl dabei bekrĂ€ftigt, als sie in Goethes Faust die damalige öffentliche Meinung aussprach: «Man muss dran glauben!»

Steigende Meinungsvielfalt

Die Gretchenfrage zeigt auf, wie viel sich seit Goethes Zeiten verĂ€ndert hat. Fausts zurĂŒckhaltendes «Muss man daran glauben?» muss nicht mehr hinter vorgehaltener Hand geflĂŒstert werden. Eine Befragung des Schweizer Bundesamtes fĂŒr Statistik zeigt, dass 2016 fast jede vierte Person in der Schweiz konfessionslos ist. Gretchen wĂŒrde das gar nicht gefallen.

Doch konfessionslos heisst noch nicht religionslos, und deshalb befindet sich ein Grossteil der europĂ€ischen Bevölkerung vermutlich irgendwo zwischen Faust und Gretchen. Viele Menschen machen sich ein eigenes Bild des Göttlichen, einige setzen auf Esoterik und Astrologie, einige sagen ja zu Gott und nein zur Kirche und wiederum andere sind Religion und Kirche gegenĂŒber indifferent oder gar feindlich.

Bindung durch Distanz

Obwohl ich in der erzkatholischen Innerschweiz aufgewachsen bin und die Grundlagen und die Verfassung der Schweiz stark von sogenannten christlichen Werten geprĂ€gt sind, war eine Identifikation fĂŒr mich nach meinen Kindestagen nie mehr spĂŒrbar. Mein fragiler Draht zu Gott und meinem Glauben zerbrach bereits an der ersten, kritischen Auseinandersetzung am Ende meiner Primarschulzeit. Als Folge davon habe ich den Atheismus als fĂŒr mich richtige Auseinandersetzung mit der Religion entdeckt. Ironischerweise wurde ich durch den subjektiven Religionsunterricht in meiner Entscheidung bekrĂ€ftigt.

Mein unablĂ€ssiges Interesse an den Systemen und Menschen hinter der Religion wurde durch diese Distanzierung jedoch nur noch intensiver. Da GlĂ€ubige etwas besitzen, das mir fehlt und ich glĂŒcklicherweise dennoch nicht vermisse, bleiben die GesprĂ€che mit ihnen fĂŒr mich stets ertragreich und interessant, sofern sie grundehrlich mit ihrem Glauben umgehen und sie nicht doktrinistisch und gnadenlos festgefahren sind. Aber auch hier begegne ich einer paradoxen Bindung: Je mehr ich mich mit Religion auseinandersetze, desto abwegiger wird es fĂŒr mich, je einem Glauben anzuhĂ€ngen.

Förderung des Dialogs

BĂŒcher und Essays von Christopher Hitchens, Richard Dawkins und Sam Harris halfen mir dabei, die zeitgenössische Philosophie der AufklĂ€rung als GegenstĂŒck zur institutionalisierten Religion und blindem Glauben besser zu verstehen und bildeten einen wichtigen BrĂŒckenschlag zum Existenzialismus. Religion wurde fĂŒr mich fassbarer, verstĂ€ndlicher und logischer. Die delphischen Strukturen und Schemen wurden nach und nach aufgebrochen.

Gerade in der heutigen Zeit ist es enorm wichtig, dass man sich wieder intensiver und objektiver mit Religion und Glaube auseinandersetzt. Und dennoch ist in den (sozialen) Medien eine zunehmende VerhĂ€rtung der Fronten zu beobachten. Atheistinnen und Freidenker werden nicht ernst genommen oder schiessen polemisch gegen GlĂ€ubige, wĂ€hrend Christinnen und Christen ĂŒber Churer Bischöfe und Musliminnen und Muslime ĂŒber den Islamischen Zentralrat der Schweiz definiert werden. Diese FrontenverhĂ€rtung kann und muss durchbrochen werden, um einen differenzierten Dialog mit den Religionen zu ermöglichen. Denn unser gesellschaftliches Zusammenleben ist ohne irgendeine Form der Religion gar nicht denkbar. Sie ist ein Spiegel unserer geistigen SouverĂ€nitĂ€t oder eben AbhĂ€ngigkeit.

Religion in den Medien

Journalisten erzeugen Bilder von Religion, die einen Einfluss auf die Wahrnehmung der Bevölkerung ausĂŒben. Dies beweist eine Studie des Nationalen Forschungsprogramm 58. Doch mit welchen Mitteln werden die grossen Weltreligionen stereotypisiert und in ein Schema gezwĂ€ngt? Und wie stark ist die Wirkung der Medien tatsĂ€chlich?

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Religionsjournalimus (Symbolbild)
Photo: SANDRO BUCHER

In der Schweiz herrscht wie auch in anderen westeuropĂ€ischen LĂ€ndern der Trend, dass die Zahl der GlĂ€ubigen jĂ€hrlich zurĂŒckgeht. Viele finden in ihrem Alltag keine Bedeutung mehr fĂŒr die Religion. Dennoch nimmt die PrĂ€senz der Religionsthematik in den Medien zu.  Zu diesem Resultat kamen mehrere Studien des Nationalen Forschungsprogramms (NFP). Wie erklĂ€rt man sich bei den Journalisten diese Diskrepanz?

Muslime als Auslöser von negativem Religionsjournalismus
Eine starke VerĂ€nderung der religiösen Berichterstattung in der Schweiz findet man in den Monaten nach dem 11. September 2001. Bereits vorher deutete sich jedoch schon ein Umschwung an, der mit der steigenden Anzahl von Muslimen in der Schweiz zu begrĂŒnden ist. Laut einer VolkszĂ€hlung aus dem Jahr 2007 leben rund 440‘000 Menschen, die sich zum Islam bekennen, in der Schweiz. Dies entspricht 5,8% der gesamten Bevölkerung.

Die grosse Mehrheit der muslimischen Migranten lebt ihre Religion stĂ€rker aus als die christlichen Schweizer. FĂŒr viele Schweizer wurde es im Laufe der Jahre unverstĂ€ndlich, dass die Religion fĂŒr einige Menschen etwas zentral Bestimmendes ist in ihrem Leben.  Deshalb wirkt der Islam fĂŒr sie befremdlich und beĂ€ngstigend, nicht zuletzt auch deshalb, weil die Muslime ihre Religion durch Ă€usserliche Merkmale zu erkennen geben. Diese Angst vor dem Unbekannten wurde geprĂ€gt und weiter verstĂ€rkt durch die negative Konnotation des Islams in den Schweizer Medien.  «Islamismus» nennt sich dieses Konzept, dass seit den 90er-Jahren stellvertretend fĂŒr den islamische Fundamentalismus steht. Islamismus gilt fĂŒr viele Menschen seit den TerroranschlĂ€gen vom 11. September als die grösste Ursache fĂŒr Krieg und Menschenrechtsverletzung auf der Welt.

«Religion ohne Sex und Gewalt ist uninteressant»
Es stellt sich die Frage, ob die Medien und der Islamische Zentralrat Schweiz (IZRS) dieser Negativspirale ĂŒberhaupt entkommen oder gar etwas dagegen tun können.

Der Religionsjournalismusexperte Vinzenz Wyss Ă€usserte sich im Rahmen eines Forschungsprojekts dazu und meinte, dass das Thema Religion besonders in den Printmedien trotz seiner allgemeinen PrĂ€senz kaum «an sich» behandelt werde, sondern fast immer nur im Kontext anderer Themen. Man spreche hierbei von einer Mehrsystemrelevanz. Ein anderer vom Forscherteam interviewter Redakteur ergĂ€nzt: „Am besten ist Religion gekoppelt mit Sex, Gewalt, Erziehung, Schule oder Staat. Rein religiöse Fragen sind weniger interessant.“

Weiter meldeten sich im Abschlussbericht des Forschungsprojekts zahlreiche andere Journalisten zu Wort. Sie fassen zusammen, dass die Religion in den Redaktionen generell als ein sehr schwieriges Thema angesehen werde, bei dem man sich leicht die Finger verbrennen könne. Dies erschwere die Recherche, denn vielen kleinen Religionsgemeinschaften fehle auch die professionelle Presseabteilung wie in den grossen Kirchen. Auch gĂ€be es in der Schweiz kaum Experten fĂŒr Religionsjournalismus.

Bisher sind die Journalisten und Redaktionen mit diesem Kurs jedoch gut gefahren. Sie geben der Bevölkerung das, was sie sich von Religionsjournalismus erhofft. Die Schweizer zeigen an der Religion an sich kein grosses Interesse mehr, sind aber interessiert daran, wenn diese fĂŒr Konflikte und Probleme verantwortlich gemacht wird.  Durch diese oft einseitig vermittelte Sichtweise prĂ€gte sich auch das Bild der Religion in den letzten 15 Jahren.

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Religionen und ihre Rollenbilder
Dass nicht sÀmtliche Religionen einen negativen Ruf haben zeigt exemplarisch der Buddhismus. Obwohl es sich auch bei dem Buddhismus um eine fremde Religion handelt wird dieser laut Studien als eine friedlich-gewaltfreie und sozial engagierte Religion fern von dogmatischen Lehren gesehen.

Ausgelöst wird dieses positive Bild des Buddhismus hauptsĂ€chlich durch den Dalai Lama. Gefördert wird es dadurch, das dieser alle paar Jahre die Schweiz besucht und einen offenen Dialog mit jungen Schweizerinnen und Schweizern fĂŒhrt. Das Oberhaupt des Buddhismus gibt sich dadurch noch volksnaher als der römisch-katholische Papst und zeigt sich in seinen öffentlichen Reden zusĂ€tzlich als nicht-missionierend. Durch den neuen Papst Franziskus wird aber auch das Christentum wieder vermehrt in der Rolle der „Guten Mutter“ gezeigt, wie es die Medienwissenschaftlerin Carmen Koch ausdrĂŒckt.
Das Judentum hingegen werde durch den Holocaust und den andauernden Nahostkonflikt vor allem in der Rolle des Opfers prĂ€sentiert. Dem gegenĂŒber stehen die Muslime, die fast ausschliesslich in der Rolle des Schuldigen zu sehen seien.

Die Rolle des Dauerschuldigen konnte das Christentum zu grossen StĂŒcken wieder ablegen, seit Benedikt XVI. seinen RĂŒcktritt bekanntgab und die KindesmissbrauchsfĂ€lle in der Kirche von seinem Nachfolger stĂ€rker verfolgt werden.

«Auf den einfachsten Nenner gebracht wird das Christentum als die eigene Religion angesehen, zu der man trotz aller Kirchenkritik ein relativ positives VerhĂ€ltnis hat. Alle anderen Religionen sind „fremd“. Hierbei wird der Buddhismus stereotyp als eine positive Religion, als gewaltfrei, friedlich, einladend und undogmatisch dargestellt. Der Islam wird ebenso stereotyp zum Inbegriff einer negativen Religion erklĂ€rt und als gewalttĂ€tig, Konflikte produzierend, unterdrĂŒckerisch und intolerant empfunden.» (Stolz et al. /MOSAiCH, Schlussbericht: 29)