Das Doppelleben von Johannes Paul II

Der verstorbene Papst Johannes Paul II. war für viele moderne Christen ein Vorbild. «Santo Subito» schrien Hunderttausende Gläubige bei seiner Beisetzung im April 2005. Morgen erhält Johannes Paul II. schliesslich die vom Volk geforderte, schnelle Heiligsprechung: Zusammen mit Johannes XXIII. wird dem gebürtigen Polen von Papst Franziskus die grösste Ehre der römisch-katholischen Kirche erteilt. Verschwiegen werden während den Feierlichkeiten seine ultrakonservative Grundhaltung und seine mafiösen Beziehungen zu polnischen Gewerkschaften.

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Johannes Paul II. Photo: CENTRAL PRESS/Getty Images

Die Lobhuldigungen an Johannes Paul II. nahmen seit seinem Tod nicht mehr ab, Altkanzler Helmut Kohl bezeichnete ihn gar als grössten Papst seit langer Zeit. Für seine Heiligsprechung, die morgen im Vatikan stattfinden wird, erwartet Rom rund 5 Millionen Gläubige aus aller Welt. Der Bürgermeister der Ewigen Stadt, Ignazio Marino, teilte mit, dass die Stadtverwaltung an einer besseren Anbindung des römischen Flughafens an die Innenstadt arbeite. Dies betreffe auch die italienischen Eisenbahnen, die mit Hochgeschwindigkeitszügen die Pilger schnellstmöglich an ihren Bestimmungsort führen sollen.

Ein derartiges Fest um eine Heiligsprechung gab es bisher noch nie. Doch war der konservative Modernisierer aus Polen tatsächlich ein fortschrittlicher Papst? Oder schaffte es der Charismatiker mit seinem Charme alle Laien um seinen Finger zu wickeln? Ein Blick auf seinen Werdegang offenbart viel Verborgenes.

Der Anti-Kommunist

Bereits zu seiner Zeit als Erzbischof von Krakau führte Karol Wojtyla einen eifrigen Kampf gegen das kommunistische Imperium, das in seinem Land herrschte. Er plädierte von frühauf für absolute Religionsfreiheit in Polen, liess Gotteshäuser ohne staatliche Genehmigung bauen und versteckte viele Regierungsgegner und Oppositionsführer in den heiligen Hallen seiner widerrechtlichen Kirchen. Es ist deshalb verständlich, dass es der Kommunistenpartei Polens mehr als sauer aufstiess, als das schwarze Schaf Wojtyla 1978 zum Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche gewählt wurde.

Nur wenige Monate später trat Karol Wojtyla, der der Welt nun als Johannes Paul II. bekannt war, seine erste Reise in sein Heimatland an.  Millionen katholische Polen empfingen ihr neues Oberhaupt. Für viele Historiker war diese Reise der Anfang vom Ende des Ostblocks. Mit seinem Willen und seinem Glauben brachte Johannes Paul II. das kommunistische Imperium zum Untergang.

«Wenn ich in Prozentzahlen ausdrĂĽcken sollte, wer wie viel zum Zusammenbruch des kommunistischen Systems beigetragen hat, wĂĽrde ich sagen: 50 Prozent der Papst, 30 Prozent Lech Walesa (Vorsitzender der Oppositions-Gewerkschaft). Den Rest besorgten Helmut Kohl, Ronald Reagan und Michail Gorbatschow.» – Lech Walesa in einem Interview mit SPIEGEL (2004).

Der konservative Progressive

Karol Wojtyla war der erste nichtitalienische Papst seit 455 Jahren und der erste Slawe, der Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche wurde. Für viele Laien war er der neue Hoffnungsträger, der die verstaubte Kurie in eine neue Zeit führen würde. Nach dem schnellen Ableben seines Vorgängers, Papst Johannes Paul I, hatte die Kirche diesen Wandel auch dringend nötig.

Während seinem Pontifikat zeigte sich Johannes Paul II. auch fernab vom Vatikan in seiner offensten und medienwirksamsten Rolle: Als weltoffener, älterer Herr, der weder dem höfischen Zeremoniell noch dem Reichtum der Kirche frönte: Die Bilder von seinen Ausflügen an Swimmingpools und seinen Skifahrten und Bergwanderungen in den Dolomiten sind legendär.

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Papst Johannes Paul II. beim Skifahren. Photo: AFP

Doch in seinem Amt selbst war er sehr konservativ. Seine osteuropäische Frömmigkeit hat ihn in seinem Pontifikat augenscheinlich fehlgeleitet. Er war es, der dem Schweizer Theologen Hans Küng 1980 die Lehrerlaubnis erzog. Weitere Lehrverbote sollten folgen. Johannes Paul II. liess keine Fremdmeinungen zu, die denen des Vatikans nicht entsprachen. Es überrascht deshalb auch nicht, dass er 2002 den Gründer des ultrakonservativen Geheimbundes Opus Die heiligsprach.

Seine gepredigten Ansichten lesen sich wie ein Pamphlet aus dem Mittelalter: Wiederverheiratete Christen dürfen nicht zur Eucharistie und zum gemeinsamen Abendmahl mit anderen Christen zugelassen werden. Geburtenkontrolle, Frauen in Führungspositionen, Abtreibungen, Schwangerenberatungen, der Gebrauch von Kondomen: Für Johannes Paul II. alles Tabu. Bei der Homosexualität ging er sogar so weit und bezeichnete sie als Todsünde.

Der nimmersatte Hobby-Banker

Das Istituto per le Opere di Religione, kurz IOR, ist die vatikanische Privatbank, die 1942 gegründet wurde und bereits früh mit offensichtlichen mafiösen Verbindungen ein Dorn im Auge der italienischen Regierung wurde. Nach seiner Wahl zum Papst versicherte Johannes Paul II. dem oberen Bankenrat, dass er an der Kontinuität der kriminellen Finanzstrategie nicht rütteln werde.

In dem Buch «Vaticano S.p.A.» deckte der italienische Investigativ-Journalist Gianluigi Nuzzi auf, dass Johannes Paul II. den Vorsitzenden seiner Bank mehrere Vollmachten erteilte. Dies tat er allerdings nicht aus Freundschaft oder Vertrauen: In den Bankbelegen dieser Zeit findet man mehrere Geldüberweisungen an polnische Gewerkschaften. Insgesamt über 100 Millionen Dollar wurden auf teilweise illegalen Wegen in das Heimatland von Johannes Paul II. geschickt, um die antikommunistischen Gewerkschaften zu unterstützen, die wiederum dem Papst den Rücken stärkten.

Der Revoluzzer, der die Welt veränderte

Papst Johannes Paul II. war eine schillernde Figur. Mehr als 26 Jahre lang war er das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Ein längeres Pontifikat konnte nur Pius IX. aufweisen. Seine Amtszeit war geprägt von geopolitischen und wirtschaftlichen Weltproblemen, die ihm bei seinem Amtsantritt als relativ junger Papst alle aufgehalst wurden. Es überrascht nicht, dass Johannes Paul II. mit dieser Situation anfangs überfordert wurde. Sein Land lag nach dem Zweiten Weltkrieg immer noch in Trümmern und erholte sich bis heute nie von dieser Zerrüttung. Seine illegale Unterstützung von polnischen Gewerkschaften mit gewaschenem Mafiageld darf ihm nicht als böswillige Missetat angerechnet werden. Viel eher wollte er den Reichtum der Kirche nutzen um seinen leidenden Volksleuten zu helfen.

Doch nicht nur Polen verhalf er während seiner Amtszeit zu einem neuen Aufschwung. Karol Wojtyla veränderte die Welt in vieler Hinsicht auf positive Weise. 1986 lud er Vertreter aller Weltreligionen nach Assisi ein, um gemeinsam für den Weltfrieden zu beten. Alle folgten ihm aufs Wort: Ob japanische Shinto-Priester, protestantische Pastoren, orthodoxe Bischöfe, jüdische Rabbiner oder sogar der Dalai Lama: Sie beteten mit ihm. Er hatte wesentlichen Anteil daran, dass der Kommunismus überwunden wurde. Auch zum Fall der Berliner Mauer steuerte er sehr viel bei. 1992 rehabilitierte Johannes Paul II. Galileo Galilei, ein Jahr später Nikolaus Kopernikus. 1996 machte er Frieden mit der Evolutionslehre von Charles Darwin. 2001 war er der erste Papst, der in einer muslimischen Moschee betete.

Der Papst konzentrierte sich auf das grosse Bild. Er war weniger an der inneren Formung, sondern nur an der äusseren Wirkung der katholischen Kirche interessiert. Kein Kleriker hat eine Heiligsprechung mehr verdient als er.

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Wer glaubt was? Christliche Glaubensrichtungen im Ăśberblick (2/3)

Vor rund 2000 Jahren predigte ein junger Mann namens Jesus seine Botschaft der Liebe. Gepeinigt von barbarischen Königen und ungerechten Herrschern entdecken die Menschen nach und nach einen neuen Glauben, folgen seiner Lehre und bekennen sich zu Christus. Fast ein Drittel aller Menschen auf der Welt nennt sich heute Christen. Doch wie wird das Christentum heute praktiziert?

Evangeliken – Die christlichen Protestanten

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Martin Luther, Philipp Melanchthon, Johannes Calvin, Martin Bucer und Ulrich Zwingli (v.l.n.r)

«Ein Christ sein heisst nicht von Christus schwätzen, sondern wandeln wie Christus gewandelt ist.» – Ulrich Zwingli

Die Unterschiede zwischen der Evangelisch-Reformierten Kirche und der Katholischen Kirche sind klein aber zahlreich. Diese findet man weniger in den theologischen Glaubensinhalten, sondern vor allem in der Praktizierung des Glaubens.

Um diese Unterschiede zu verstehen muss man die Entstehungsgeschichte der Reformationsbewegung kennen: Vor genau 500 Jahren waren noch alle Christen faktisch betrachtet Katholiken. So auch der Mönch Martin Luther, der 1483 in Deutschland geboren wurde und heute als Urheber der Reformation gilt. Luther missfiel, was seine Kirche predigte. So fand er es beispielsweise verwerflich, dass reiche Menschen in der katholischen Kirche bevorzugt wurden. Dies äusserte sich unter anderem darin, dass es die Bibel nur auf Latein gab. Viele einfache Leute verstanden diese „Sprache der Gelehrten“ nicht, und so blieb ihnen der direkte Kontakt mit Gottes Wort verwehrt. Als die Kirche anfing Ablassbriefe zu verkaufen, die einen vor dem Fegefeuer schützen sollen, sah Luther dringenden Handlungsbedarf und veröffentlichte im Jahre 1517 seine 95 Thesen, die diese Ablasspraxis scharf kritisierten.

Durch die Thesen Luthers kam es zu Protesten und innerkirchlichen Streitigkeiten, die, entgegen Luthers Absicht, zu einer Spaltung der Kirche fĂĽhrten. Es entstand die evangelisch-lutherische Kirche, aus der sich wiederum zahlreiche andere Konfessionen des Protestantismus entwickelten. Der damals weit bekannte Theologe Philipp Melanchthon war begeistert von Martin Luthers Thesen und gilt heute als eines der ersten Mitglieder der neuen Reformation und als treibende Kraft neben Martin Luther.

Das Brechen von katholischen Traditionen hat sich seither fest in der Konfession von evangelisch-reformierten verankert: Sie lehnen den Papst und das Anbeten Heiliger ab, denn nur Christus alleine sei heilsvermittelnd. Als Pfarrer in einer evangelischen Kirche darf man auch verheiratet oder sogar weiblich sein.

Nebst der Spaltung vom Katholizismus unterscheidet man auch bei den Evangeliken zwischen drei Richtungen: Evangelisch-Reformiert, Evangelisch-Lutherisch und Evangelisch-Uniert.

Die spitzfindigen Unterschiede findet man vor allem auf geographischer Ebene in den Landeskirchen. Die Evangelisch-Lutherischen Christen leben, wie der Name schon sagt, viel genauer nach den Lehren von Martin Luther, während die Evangelisch-Reformierte Kirche in der Schweiz von Ulrich Zwingli im deutschsprachigen und später von Johannes Calvin im französischsprachigen Raum  geprägt wurde. Calvin war ein Reformator zweiter Generation und wurde in seiner Theologie von den Pionieren des Protestantismus beeinflusst. Nebst Melanchthon, Luther und Zwingli war das auch Martin Bucer, der von Strassburg aus die Reformation in Frankreich verbreiten liess.
Durch seine tiefreligiös Art entwickelte Calvin aber auch seine eigenen Ansätze. Er sah es als seine Aufgabe, die Lehren auch ausserhalb der Schweiz und Deutschland in ganz Europa zu verkünden.

Lutherismus und Calvinismus im kurzen Vergleich
Nach Martin Luther sind der Wein und das Brot bei der Abendmahlsfeier der Leib und das Blut Christi. Calvin jedoch sieht das als eine Diffamierung des Herren, die die „himmlische Majestät Gottes“ in Frage stellt. Deshalb seien Brot und Wein lediglich metaphorische Zeichen für das letzte Abendmahl.

Weiter lehrte Luther, dass es davon abhängt, ob der Mensch gläubig ist und das Geschenk der göttlichen Gnade  annimmt um erlöst zu werden. Calvin jedoch war der Überzeugung, dass der Mensch keinen Einfluss darauf habe erlöst zu werden. Jeder Mensch – auch im Falle von Ungläubigkeit – werde Gottes Liebe spüren und erlöst werden, wenn seine Zeit gekommen sei.

Die dritte Konfession im Bunde, Evangelisch-Uniert, verbindet die beiden reformierten Traditionen. Durch diese Union enstanden Hybridformen in der Theologie so wie auch bei den Gottesdiensten – demnach sind evangelisch-unierte Menschen auch weniger streng in der Auslebung ihres Glaubens und haben mehr Spielraum.

Zeugen Jehovas – Von Haus zu Haus

Rechtsstreit um Zeugen Jehovas
Der Wachtturm: die Streitschrift der Zeugen Jehovas.

Die Zeugen Jehovas sind eine Sekte, die hauptsächlich von dem  amerikanischen Theologen Charles Taze Russel geprägt wurde. Dieser schrieb vor seinem Tod 1916 sechs Bände mit seinen eigenen Interpretationen der Bibel. Sein guter Freund,  der Richter Joseph Franklin Rutherford, beendete das Werk Russels und schrieb einen siebten Band. Diese Serie wurde bekannt als „Millennium Tagesanbruch Reihe“ und wird heute durch den „Wachtturm“ verbreitet.

Zentrale Glaubensinhalte der Zeugen Jehovas sprechen davon, dass Jesus gleichzeitig auch Erzengel Michael ist, das höchste Engelswesen des Himmels. Die Erlösung der Menschen durch ebendiesen Engel erfolgt durch Glauben, Gehorsam und gute Taten.

Dadurch, dass Jesus eine Doppelrolle einnimmt, gibt es auch dass Konzept der Heiligen Dreifaltigkeit in einer anderen Form:  Jesus ist trotz seiner Engelsfunktion ein „normales“ Lebewesen, und der Heilige Geist ist Gottes leblose Kraft. Sie glauben an den allmächtigen Gott namens Jehova, der Schöpfer des Himmels und der Erde.

Sie erstreben eine Theokratie – einen Staat unter der Herrschaft von Gott.

Ihre komplette Umstellung von Zentralinhalten der Bibel begründen die Zeugen Jehovas damit, dass die Bibel, wie wir sie heute kennen, von korrupten Kirchen verändert wurde. Deshalb beanspruchen die Zeugen Jehovas die alleinige Autorität, die Heilige Schrift so auszulegen, wie sie es für richtig halten.

Russisch-Orthodox – Zwischen Dialog und Ökumene

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Das Russisch-Orthodoxe Kreuz: Der untere, schräge Querbalken symbolisiert den Übergang von der Hölle zum Himmel.

Die Abspaltung der Russisch-Orthodoxen Kirche von der Katholischen geschah in erster Linie aus politischen Gründen, weshalb es bei näherer Betrachtung  zu erstaunlich vielen Unterschieden kommt. Diese sind nicht nur klein sondern oft essentiell.

Orthodoxe Gläubige bezeichnen ihre Glaubensstätte als die „geistliche Heimat aller Christen“. Durch diese radikale Denkweise stehen Orthodoxe auch im Weg einer Ă–kumene – einer Vereinigung aller christlichen Konfessionen.

Ein weiterer markanter Unterschied zwischen der orthodoxen Kirchen und anderen christlichen Kirchen ist das julianische Kirchenjahr.  Orthodoxe feiern Neujahr nämlich erst am 13. Januar, weshalb sich auch sämtliche anderen, christlichen Feiertage um einige Tage verschieben. Weihnachten ist folglich Anfang Januar und Ostern findet immer zwei Wochen nach dem katholischen Fest der Auferstehung statt.

Selbstredend lehnt die russisch-orthodoxe auch den Papst als Oberhaupt einer Kirche ab, denn sie haben ihren eigenen „Papst“ – einen Patriarchen. Zurzeit ist dies Kyrill, der mit bürgerlichem Namen Vladimir Gundjajew heisst. Kyrill bezeichnet sich selbst als gemässigt konservativ und fördert den Dialog mit anderen Kirchen – besonders mit der Römisch-Katholischen. Er und Papst Benedikt XVI waren gute Freunde, weshalb ihm Ökumenengegner innerhalb der russisch-orthodoxen Kirche eine zu grosse Nähe und Offenheit gegenüber anderer Religionen vorwerfen.

Nebst der Tatsache, dass die offizielle Liturgie der russisch-orthodoxen Kirche nicht lateinisch sondern altslawisch ist, haben sie auch einigen Bibeltexten mehr Priorität zugeschrieben als anderen. Dies geschieht vor allem deshalb, weil sich die russisch-orthodoxe eher auf ihre jüdischen Grundsätze bezieht als auf westliche katholische. Dadurch gewinnen die Bücher Esras und die Texte der Makkabäer an mehr Priorität für sie.

Zwischen den oft erwähnten russisch-orthodoxen und griechisch-orthodoxen Kirchen gibt es keine Unterschiede. Lediglich in Sprache und Liturgie findet man kleine Gegensätze, diese sind aber mehr von geographischer als von theologischer Natur. Wie bei den meisten Kirchen ist es typisch, dass die Majorität der politisch-geokulturellen Orientierung dadurch wiedergespiegelt wird,  wie sie durch ihren geographischen Standpunkt assimiliert wurden.