Wie steht es um die Religiosität der Schweiz?

Mit der 2014 veröffentlichten Studie „Religion und Spiritualität in der Ich-Gesellschaft“ schliesst der Schweizer Religionssoziologe Dr. Jörg Stolz an eine Forschungsrichtung an, die vor über zwanzig Jahren begann. Erstmals wurde auch alternative Spiritualität und Säkularität berücksichtigt, um eine noch exaktere Vermessung der religiösen Landschaft in der Schweiz zu gewährleisten. An einer Veranstaltung der Freidenker Vereinigung Schweiz (FVS) stellte Stolz seine Befunde vor und sprach über die Tendenzen und den Wandel der Schweiz.

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Dr. Jörg Stolz während seines Vortrags in Olten. (Bild: Dorothee Schmid)

Religiosität und Spiritualität zeigen sich in der Schweiz in vier grossen Gestalten, so der Befund von Dr. Jörg Stolz, Professor für Religionssoziologie an der Universität Lausanne. Die „Institutionellen“ (17,5 Prozent) sind traditionell und freikirchlich-christlich, während „Alternative“ (13,4 Prozent) auf Esoterik und Astrologie setzen. „Säkulare“ (11,7 Prozent) sind oft konfessionslos und Religion gegenüber indifferent oder feindlich. Der Löwenanteil der Bevölkerung gehört jedoch den „Distanzierten“ (57,4 Prozent) an. Der distanzierten Gruppe ist Religion nur in bestimmten Situationen wichtig. Ihre religiösen Überzeugungen sind häufig diffus und werden für die jeweiligen Lebenslagen immer wieder aufs Neue zurechtgebogen und angepasst.

Aufstieg der Konfessionslosen

Innerhalb der letzten fünfzig Jahre haben sich diese vier Milieus aufgrund von gesellschaftlicher Veränderung, sozialen Trends und Wertewandel massgeblich verändert. Tendenziell wird die Schweiz mit jeder Generation weniger religiös. Diverse Indikatoren zeigen, dass sich die institutionelle religiöse Praxis gerade in den 1960er Jahren, während des Wirtschaftsbooms, tiefgreifend verändert hat. Zum ersten Mal treten 1960 in der nationalen Volkszählung die Konfessionslosen auf, damals mit 0,7 Prozent noch ein vernachlässigbares Minderheitsphänomen. Diese Minderheit ist bis im Jahr 2013 auf 21,4 Prozent rasant angestiegen und zählt mittlerweile die grösste „Zugehörigkeit“ nach den beiden Landeskirchen.

Während vor einem Jahrhundert noch 58 Prozent der Schweizer der evangelisch-reformierten Kirche angehörten, sind es heute noch 26,9 Prozent. Die katholische Kirche konnte einen Absturz dieses Ausmasses durch den Zuzug von italienischen, portugiesischen und spanischen Gastarbeitern vorerst verhindern und erlebte gar eine Renaissance. Im Jahr 1900 waren die Katholiken mit 42 Prozent klar in der Minderheit, bevor sie Mitte des 20. Jahrhunderts gar an der 50-Prozent-Marke kratzten. Heute ist von diesem Aufschwung nicht mehr viel spürbar: Die Katholiken sind mit 38,2 Prozent, wie auch die Evangelisch-reformierten, an einem bisherigen Tiefstwert angelangt. Zugunsten von Personen ohne Konfession.

Säkularität durch Pluralisierung und Individualisierung

Neben ökonomischen Faktoren hat auch eine Pluralisierung des Glaubens, die aufgrund von Immigration und Globalisierung vor rund fünfzig Jahren ihren Anfang nahm, zu der starken Veränderung in der Schweiz beigetragen. Durch die Zuwanderung von Buddhisten, Hindus und Muslimen musste sich der Schweizer Staat zunehmend die Frage stellen, wie man allen Gläubigen zukünftig gerecht werden könne. Da die Regierungen der Kantone nicht alle Religionen anerkennen konnten, wurde beispielsweise der Religionsunterricht in den Schulen verstärkt neutraler gestaltet, was zu einer differenzierten Auseinandersetzung des Glaubens bei Kindern führte.

Parallel zur Pluralisierung entstand zusätzlich eine Individualisierung der Religion: „Die Menschen wurden immer individueller und wollten zunehmend selbst entscheiden, was ihre ganz eigenen Bedürfnisse sind“, erklärt Dr. Stolz, „dadurch entsteht ein Interessenskonflikt mit der institutionellen Religion, die klare Vorgaben und Richtlinien hat.“

Kampf an den polarisierenden Fronten

„Für die Schweizer Bevölkerung ist wahrscheinlich, dass es in den nächsten Jahrzehnten zu einer neuartigen Polarisierung kommen wird“, schliesst Dr. Stolz. Konfessionslosigkeit und Gottesungläubigkeit werden im Laufe der Zeit immer weniger Gemüter erhitzen. Dagegen scheint sich abzuzeichnen, dass das Abschmelzen der selbstverständlichen und traditionell gestützten Volksreligiosität der Landeskirchen zu einem neuen Gegenpol und einer neuen Konfliktlinie führen wird.

Auf der einen Seite werden in der Schweiz diejenigen sein, die besonders stark und ausgeprägt ihren Glauben praktizieren werden. Unter denjenigen wird die Anzahl der Freikirchlichen, die sich aktiv gegen die säkularen Neigungen der modernen Gesellschaft stellen, steigen. Auf der anderen Seite erstarken die engagierten Säkularisten, die Religion als unnötiges Nebenprodukt oder als Fehler der Evolution bekämpfen wollen. Dr. Stolz: „In jedem Fall wird es wichtig sein, auf das zu setzen, was unserer Gesellschaft seit Jahrzehnten inneren Frieden gebracht hat: die Mechanismen der demokratischen Auseinandersetzung, des Rechtstaats und der nie endenden Suche nach Integration der gesellschaftlichen Gegensätze.“

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Der Artikel erschien zusätzlich auf hpd.de.

Gottlose Gläubige: Glaube ohne Gott

Das Gehen ohne Gott wird in evangelisch-reformierten Kreisen seit Jahrhunderten praktiziert. Schritt für Schritt weitet sich die atheistische Anschauung der Welt auch auf andere Weltreligionen aus. Ein Schritt in die richtige Richtung oder der paradoxe Niedergang religiöser Richtlinien?

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Der offene Sternhaufen «Säulen der Schöpfung». Für viele ein Symbol des Kontrastes zwischen Religion und Wissenschaft, zwischen Glaube und Gottlosigkeit. Photo: Weltraumteleskop Hubble NASA, ESA and the Hubble Heritage Team (STScI/AURA)

Die Frage nach der Zukunft der Religionen ist so wichtig wie noch nie. Internationale Studien und Statistiken zeigen: Noch nie fiel die Zahl der Gläubigen so drastisch, noch nie stieg die Zahl der Konfessionslosen so massiv – noch nie war die Zahl der Menschen, die zwar Mitglied einer Kirche sind, aber zu institutionellen Glauben auf Distanz gegangen sind, so hoch.

„Fehlt uns Jesus?“ Diese theologische Frage stellte sich das Schweizer WochenmagazinBeobachter auf der Titelseite der Ausgabe vom 17. April. Auch das renommierte deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel stellte sich im Juni dieses Jahres die göttliche Gretchenfrage: „Ist da jemand?“

Religion als obsolete Option

Der Beobachter beantwortete die Frage nach Gott primär aus der Sicht von Schweizer Familien. Im Laufe seiner Recherche kam er dabei zu einem – für kirchliche Kreise – ernüchternden Ergebnis: Kaum ein Kind kennt noch die Bedeutung religiöser Feiertage. Statt mit Anfang und Auferstehung assoziieren sie die höchsten Feiertage des Christentums mit Schenken und Schokolade. Auch die meisten Eltern proklamieren ihre wachsende Distanz zu Gott und der Institution Kirche.

Für den Schweizer Religionssoziologen Jörg Stolz seien die Resultate keine Überraschung: „Verantwortlich für diese Entwicklung sind die gesellschaftlichen Umbrüche in den 60er-Jahren. Mit dem Übergang zur Ich-Gesellschaft wurde die Konfession, respektive die eigene Religiosität, zur blossen Möglichkeit. Gleichzeitig gab es in dieser Zeit einen starken Wirtschaftsaufschwung. Die Möglichkeiten, die Freizeit zu gestalten, wurden zahlreicher.“

Jahwe weicht dem Wandel

Ist Gott nur noch ein altbackener Anhaltspunkt für die Religion im 21. Jahrhundert? Fast alle gesellschaftlichen Umbrüche deuten darauf hin und forcieren die Kluft zwischen Gott und Religion.

Wir sind geprägt von einer Gesellschaft, die institutionskritisch ist. Auch Parteien und Vereine verlieren zunehmends feste Mitglieder und werden starr. Menschen zelebrieren ausweitend ihre Selbstständigkeit und Individualität. Ein omnipotenter Überwacher im Himmelsdach, der zu Zurückhaltung, Hilfsbereitschaft und Bescheidenheit ermahnt, stellt dabei die grösste Überwindung dar.

Der Drang der Kirche, sich selbst zu entfremden, spielt der säkularen Wende in der Gesellschaft zusätzlich in die Karten. Mit einer verstaubten Sexualpolitik und unzeitgemässen Moralvorstellungen schaffen es die grössten Glaubensinstitutionen der Welt regelmässig in die Medien. Damit prägen sie die öffentliche Wahrnehmung der Gesellschaft negativ, denn fern der Medien haben nur noch wenige Schweizer regen Kontakt mit der Religion. Das zeigen Umfragen des Schweizer Nationalforschungsprogramms 58, das 2012 Religionsgemeinschaften der Schweiz beforscht hat.

Plädoyer gegen Gott

In der evangelisch geprägten Schweiz stehen mittlerweile viele Menschen offen dazu, dass sie Religion ausschliesslich oder teilweise rein zweckmässig leben. Die reformierten und katholischen Gotteshäuser bleiben zwar leer, doch die Zahl der kirchlichen Taufen und Beerdigungen sinkt nur unmerklich. Für viele ist der Glaube nur noch das automatisierte Festhalten an traditionellen Ritualen. Die Spiritualität ist im Hintergrund aber nicht mehr präsent.

Dass dies keine Blamage oder gar Blasphemie ist, zeigt die 2000-jährige Kirchengeschichte. Alle historischen und aktuellen Glaubensinstitutionen entschieden selbst, was sie als gottgegeben nehmen, und welche Passagen der Heiligen Schriften sie bewusst ignorieren. Der Glaube ist seit jeher von Gegensätzen geprägt – man gibt und man nimmt. Deshalb ist es auch nicht paradox, wenn man sich gottlos auf einer spirituellen Reise befindet.

Auch im Vatikan anerkennt man den Trend der Gottlosigkeit und lenkt ein. Im Mai 2013 insistierte Papst Franziskus, dass auch Atheisten in den Himmel kämen und rehabilitierte damit christliche Atheisten und Ungläubige. Diese wurden von seinen Vorgängern noch geächtet. Das grüne Licht von Gottes Vertreter zeigt, dass die Fragen nach der Zukunft der Religion schon die höchsten Instanzen erreicht haben. Eine endgültige Antwort wird aber auch nach endlosen Debatten nie gefunden werden, denn diese ist abhängig von Wertvorstellungen und philosophischen Ansichten, die sich in ständigem Wandel der Gesellschaft befinden. So wie auch die Frage nach der Existenz Gottes.

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Der Artikel erschien zusätzlich auf tink.ch.