Warum geniesst die katholische Kirche wieder mehr Vertrauen?

Laut einer österreichweiten Umfrage zum Thema GlaubwĂŒrdigkeit geniesst die katholische Kirche das Vertrauen von 46 Prozent der Bevölkerung. Das sind elf Prozent mehr als im letzten Jahr. Wie dieser Aufstieg zu erklĂ€ren ist, zeigt unter anderem ein Blick auf die anderen Gewinner und Verlierer dieser Umfrage.

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Der Vatikan geniesst, zumindest in Österreich, wieder ein hohes Mass an Vertrauen. (Foto: ISABELLA PECHLIVANIS/pixelio.de)

Fast jeder zweite Mensch in Österreich schenkt der katholischen Kirche sein Vertrauen. Das zeigt eine aktuelle Umfrage, die unter anderem von dem sozialwissenschaftlichen Institut Sora durchgefĂŒhrt wurde. Und auch bei den abgefragten Persönlichkeiten glĂ€nzt die Kirche: Papst Franziskus erreicht mit 82 Prozent den zweiten Platz hinter Ski-Star Marcel Hirscher, dem 83 Prozent der befragten Personen vertrauen.

Was glaubwĂŒrdig macht

Auch wenn Katholikinnen und Katholiken in Österreich noch immer in der Mehrheit sind (60 Prozent), ĂŒberrascht dieses hohe Mass an Vertrauen. Vor allem, wenn man sich ansieht, anhand welcher Eigenschaften das Vertrauen gemessen wurde:

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(Screenshot: Folie klar.SORA GlaubwĂŒrdigkeitsranking 2016)

Die stĂ€rksten statistischen ZusammenhĂ€nge mit GlaubwĂŒrdigkeit zeigen laut den Befragern folgende Beschreibungen: «ist ehrlich», «tut, was er/sie sagt» und «hĂ€lt, was er/sie verspricht»; fast gleich stark wirken «ist offen und transparent» sowie «bei ihm/ihr passt alles zusammen», schreibt ORF.

Auch ohne viel Zynismus und Spott ist kaum von der Hand zu weisen, dass viele dieser Eigenschaften bei der katholischen Kirche nur wenig oder gar nicht zutreffen. Wie aber sind diese positiven Entwicklungen dann zu erklÀren?

«Der Franziskus-Effekt»

In den Skandaljahren 2010 bis 2013 verlor die Kirche nicht nur ihre GlaubwĂŒrdigkeit, sondern auch das Vertrauen hunderttausender Katholiken. Viele GlĂ€ubige konnten ĂŒber die PĂ€dophilie-VorwĂŒrfe an ranghohen Bischöfen, Priestern und Pfarrern nicht hinwegsehen und wendeten der Kirche den RĂŒcken zu. Die Beliebtheit der Kirche war auf einem neuen Tiefpunkt, die Zahl der Kirchenmitglieder sank tĂ€glich im vierstelligen Bereich.

Damals stellten sich viele Theologen und Laien nach dem RĂŒcktritt von Benedikt XVI. die Frage: Kann ein einzelner Mann das Schiff Petri wieder auf Kurs bringen? Mittlerweile hat Franziskus bewiesen: Ja, er kann. Auch wenn er im Vatikan selbst nur wenig bewegt, findet durch seine zukunftsgerichteten und liberalen Aussagen ein Umdenken in der Öffentlichkeit statt. So wie vor ein paar Tagen, als er sagte, dass Homosexuelle, Frauen, Geschiedene und ausgebeutete Kinder eine Entschuldigung fĂŒr ihre Behandlung durch die Kirche verdient haben.

Seit Franziskus Papst ist, findet ein Akt der EntrĂŒmpelung altbewĂ€hrter Traditionen und Ansichten statt. Denn auch ihm war klar, dass an ihm die GlaubwĂŒrdigkeit der Kirche neu bemessen werden wĂŒrde. So hat der sogenannte «Franziskus-Effekt» auf jeden Fall sehr viel damit zu tun, dass die Kirche derzeit einen FrĂŒhling der VertrauenswĂŒrdigkeit erlebt.

Schwere Zeiten

Ein nicht minder wichtiger Faktor ist die momentane gesellschaftliche und politische Unsicherheit in Europa: Viele Menschen, auch solche, die sich nicht als Christen bezeichnen, verlangen derzeit von den Kirchen klare Haltungen und Mithilfe bei aktuellen Problemen, wie beispielsweise der FlĂŒchtlingssituation. Denn dass sich Menschen in Krisensituationen oft zum Glauben hinwenden oder sich wieder ihrer religiösen Wurzeln bewusst werden, zeigte sich in der europĂ€ischen Vergangenheit schon des Öfteren.

Auch drĂŒckt sich die momentane Unsicherheit in den anderen Ergebnissen der GlaubenswĂŒrdigkeits-Umfrage aus: Der österreichischen Regierung vertrauen nur noch 30 Prozent (-7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr), der EU-Kommission 25 Prozent, Eva Glawischnig, einer österreichischen GrĂŒnen-Politikerin, nur noch 42 Prozent (-9 Prozent) und  Angela Merkel nur noch 45 Prozent (-25 Prozent!).

David gegen Gott

Amerikas «Chefatheist» David Silverman geht mit Religionen und deren Vertretenden gnadenlos ins Gericht. Auf seiner Europa-Tour kam der «American Atheists»-PrĂ€sident nach Basel und ZĂŒrich, um sein neues Buch «Fighting God» und den sogenannten «Firebrand Atheism»vorzustellen: die Universalwaffe gegen die «grösste LĂŒge der Menschheitsgeschichte».

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«Hört auf, euch Freidenker zu nennen» – David Silverman bei seinem Vortrag im Karl der Grosse ZĂŒrich. (Bild: SANDRO BUCHER)

 «Sagt, dass ihr Atheisten seid, und hört mit diesem Freidenker-Bullshit auf», proklamiert Amerikas Chefatheist David Silverman bei der Mikrofonprobe im ZĂŒrcher Zentrum «Karl der Grosse» und legt damit vorzeitig den Grundstein fĂŒr ein radikales Referat voller Überzeugung, Tatendrang und Strebsamkeit.

Schonungslose AufklÀrung

Zu Beginn seines Vortrags hebt der PrĂ€sident der amerikanischen Atheisten hervor, dass Hardline-Atheismus sowohl auf persönlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene die effektivste Waffe gegen Religion sei: «Wenn ihr Religionen respektiert, so handelt ihr egoistisch und eigennĂŒtzig.» Ein vorsichtiges Vorgehen im Kampf gegen die Religion sei der falsche Ansatz, wenn man etwas verĂ€ndern möchte: «Religion ist ein Gift, dass aus den Wunden der Befallenen ausgesogen werden muss. Es liegt an uns, ihnen dabei zu helfen.»

Bei dieser Hilfestellung gehe es in erster Linie jedoch nicht darum, religiöse Menschen zum Atheismus zu bewegen: «Unser Ziel ist die Hoffnung der AufklĂ€rung. Religiöse Menschen sind indoktrinierte Opfer ihrer sozialen Umgebung. Wir mĂŒssen die Ideologie angreifen, nicht den Menschen, und uns dabei jeglicher Dogmen enthalten.»

Fakten, keine Beleidigungen

Respektlosigkeit gegenĂŒber jeder Religion: Das ist die unerschrockene «Firebrand Atheism»-Strategie, fĂŒr die der Name David Silverman steht. Unter seiner FĂŒhrung fanden in den USA PR-trĂ€chtige Werbeaktionen und Megaveranstaltungen wie die «Reason Rally 2012» statt, die als grösste atheistische Veranstaltung in die Weltgeschichte eingegangen ist.

Die wichtigste Regel beim «Firebrand Atheism» ist, dass Atheisten die GlĂ€ubigen nicht beleidigen: «Beschimpfungen sind Zeichen schwacher Argumente. Wir haben die stĂ€rksten Argumente auf unserer Seite, nĂ€mlich Fakten und Daten», sagt Silverman, «deshalb sind wir in der Pflicht, das Kind beim Namen zu nennen: Religion ist eine LĂŒge und alle Götter sind falsch.»

Silverman bekrĂ€ftigt, dass er fĂŒr glĂ€ubige Menschen MitgefĂŒhl habe und sie genau deshalb nicht vor der brutalen Wahrheit schone. «Ich respektiere alle Menschen als Person, doch den Glauben respektiere ich nicht. Wer an Gott glaubt, ist nicht dumm, sondern Opfer der grössten LĂŒge in der Geschichte der Menschheit.»

«Hört auf, euch Freidenker zu nennen»

Nicht nur in Amerika, sondern ĂŒberall auf der Welt sei es wichtig, keine Angst davor zu haben, sich als Atheist zu positionieren: «Relativierende Euphemismen wie Skeptiker, Humanisten, SĂ€kulare, Agnostiker und Freidenker schaden unserer Sache», sagt Silverman, «in der Regel werden diese Begriffe von verkappten Atheisten verwendet, um nicht anzuecken.» Nur Atheismus sei der korrekte Terminus, bei dem alle verstĂŒnden, was gemeint sei.

Durch die sprachliche VerwÀsserung entstehe ein falsches Bild von Gottlosen, besonders in Amerika: «Viele denken, es gebe in den USA nur etwa drei Prozent Atheisten. Dabei kommt man durch das ZusammenzÀhlen aller Atheisten, die sich hinter einem Euphemismus verstecken, locker auf rund dreissig Prozent. Dass wir uns nicht klar positionieren, schadet unserer Sache enorm.»

«Ein atheistischer US-PrÀsident wird kommen»

Seine fundamentale Haltung begrĂŒndet der 49-jĂ€hrige Amerikaner unter anderem durch die durchdringenden MissstĂ€nde in seinem Land: «Stets betonen wir die Gleichheit unserer BĂŒrger, doch wer nicht an Gott glaubt, kann beispielsweise eine Karriere in der Politik gleich wieder vergessen.»

Silverman sagt, er wisse aus persönlicher Erfahrung, dass sich im US-Senat Dutzende Atheisten verstecken, die nicht offen zu ihrem Unglauben stehen können. «Bis wir einen offen atheistischen US-PrÀsidenten haben, geht es bestimmt noch einige Jahrzehnte. Aber er oder sie wird kommen. Die religiöse Landschaft in den Vereinigten Staaten entwickelt sich im Eiltempo zu unseren Gunsten.»

Korrektes Kritisieren

MĂ€ngel und UnrechtmĂ€ssigkeiten gegenĂŒber Atheisten beobachtet Silverman nicht nur in der Politik, sondern in fast allen gesellschaftlichen Bereichen: «Als GlĂ€ubiger geniesst man ĂŒberall Privilegien. Viele fĂŒhlen sich nur deshalb beleidigt, wenn man ihren Glauben kritisiert, weil sie Angst davor haben, ihre Sonderstellung zu verlieren.»

In diesen FĂ€llen ist es wichtig, den GlĂ€ubigen klarzumachen, dass sich die Kritik nicht auf die Person, sondern auf die Religion bezieht: «Atheisten mĂŒssen sich bei Religionskritik den Nuancen religiöser Komponenten bewusst sein: Gott, Geister, Wunder und Offenbarungen basieren auf einer LĂŒge. Die karitative Arbeit der Kirche hat damit nichts zu tun und existiert nur, weil helfende Menschen empathisch sind. Das sind soziale Werte ohne religiösen Ursprung, die Respekt verdient haben.»

Fighting God

Silverman schliesst sein Referat mit der Aufforderung, sein atheistisches Manifest fĂŒr eine religiöse Welt, «Fighting God», so schnell wie möglich vorzubestellen: «Durch gute Vorverkaufszahlen sind grosse Zeitungen und religiöse Magazine dazu gezwungen, ĂŒber das atheistische Manifest zu berichten. Dadurch erreicht unsere Botschaft höhere Resonanz.» Das Buch zeige die Wahrheit ĂŒber Religion und deren negative Effekte auf die heutige Gesellschaft sowie die wesentlichen Beweise dafĂŒr auf, wie die Inexistenz Gottes erfolgreich nachgewiesen werden kann. Eine deutsche Fassung ist noch nicht angekĂŒndigt.

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Das Interview erschien auf hpd.de.

Erstmal ErnĂŒchterung

Mit einem Gottesdienst im Petersdom wurde am Sonntag die Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode eröffnet. Drei Wochen lang werden sich mehr als 300 Theologen, OrdensbrĂŒder, Bischöfe und Experten ĂŒber heikle Themen rund um Ehe und Familie beraten. Die Eröffnungspredigt von Papst Franziskus wirkte teils folgewidrig und abwegig, lĂ€sst damit aber den Kurs der Synode erahnen.

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Eine feierliche Messe im Petersdom eröffnete die Familiensynode 2015. (BILD: Screenshot, via Youtube-User vatican)

Zum Auftakt der Familiensynode hat Franziskus einmal mehr die Unauflöslichkeit und Wichtigkeit der Ehe bekrĂ€ftigt und diese in seiner Predigt in den Fokus gerĂŒckt:

«[Jesus] fĂŒhrt alles auf den Ursprung der Schöpfung zurĂŒck, um uns zu lehren, dass Gott die menschliche Liebe segnet, dass er es ist, der die Herzen zweier Personen, die einander lieben, verbindet und dass er sie in der Einheit und Unauflöslichkeit verbindet. Das bedeutet, dass das Ziel des ehelichen Lebens nicht nur darin besteht, fĂŒr immer zusammenzuleben, sondern fĂŒr immer einander zu lieben!»

Barrieren auf den BrĂŒcken

Dass Franziskus in seiner Eröffnungspredigt die GlĂ€ubigen dazu auffordert, jede Form von Individualismus und Legalismus zu ĂŒberwinden, ĂŒberrascht aus vielerlei Hinsicht. Nicht nur hat Franziskus wenige Wochen vor der vatikanischen Bischofssynode zwei Papstdokumente veröffentlicht, die die Annullierung von katholischen Ehen vereinfacht, er schliesst die Predigt auch mit Worten der Öffnung:

«[
] eine Kirche mit verschlossenen TĂŒren verrĂ€t sich selbst und ihre Sendung, und anstatt eine BrĂŒcke zu sein, wird sie eine Barriere [
]»

Um diese Aussage als paradox und zynisch zu entlarven, genĂŒgt ein Blick in die deutschsprachigen LĂ€nder Europas: In der Schweiz und in Österreich werden vierzig Prozent der Ehen geschieden, in Deutschland gar 45 Prozent.

Sturm im Wasserglas

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, wertete die damaligen Annullierungs-Dokumente als ein vernĂŒnftiges Signal des Papstes. Grundlegende Änderungen der kirchlichen Lehre seien bei der Synode trotzdem nicht zu erwarten, ergĂ€nzte Marx und schloss eine gĂŒltige zweite sakramentale Ehe aus.

Nach der Eröffnungspredigt wurde deshalb einmal mehr klar, dass die Familiensynode zwar ein Gradmesser fĂŒr Franziskus wird, dennoch wird das Abschlussdokument nach der dreiwöchigen Tagung keine Revolution einlĂ€uten. Im Vatikan sollen durch die zweite Familiensynode innerhalb eines Jahres lediglich die Weichen gestellt werden. Es wird Jahre dauern, bis sich Geschiedene und Wiederverheiratete und Homosexuelle nicht mehr an den Rand der Kirche gedrĂ€ngt fĂŒhlen mĂŒssen.

Vorstellbar sind maximal anzustrebende Vereinfachungen im Umgang mit Wiederverheirateten und Geschiedenen, die zum Abschluss der Bischofssynode aber weder klar festgelegt, noch genau definiert sein werden.

Heikle, heikle HomosexualitÀt

Die gleichgeschlechtliche Ehe wurde in der Eröffnungspredigt geschickt umschifft. Zwischen den Zeilen wurde dennoch klar, dass auch in der Causa HomosexualitÀt in den nÀchsten drei Wochen keine erwÀhnenswerte VerÀnderung stattfinden wird.

Mit Hilfe von Bibeltexten und Gleichnissen aus der heutigen Zeit wurde darauf aufmerksam gemacht, dass nur die Liebe zwischen Mann und Frau gottgewollt ist. Hoffnungsvoll stimmt hingegen, dass Franziskus in zentralen Textstellen auf den «Mann und Frau»-Begriff verzichtete und sich stattdessen neutralen Aussagen bediente:

«[Diese Worte] (Gen 2,18) zeigen [
], dass Gott den Menschen nicht zu einem Leben in Traurigkeit und Alleinsein erschaffen hat, sondern fĂŒr ein Leben im GlĂŒck, in dem er seinen Weg gemeinsam mit einer anderen Person geht, die ihn ergĂ€nzt, damit er die wunderbare Erfahrung der Liebe macht: zu lieben und geliebt zu werden [
]»

Doch sĂ€mtliche Zuversicht, dass die Kirche die Öffnung ernst meint, wurde bereits vor der Eröffnungspredigt zerstört, als sich der bedeutende, vatikanische Theologe, Krzysztof Charamsa (43), am Samstag in einem Zeitungsinterview als öffentlich homosexuell geoutet hat. Dem AssistenzsekretĂ€r der Internationalen Theologischen Kommission und Dozent an zwei pĂ€pstlichen UniversitĂ€ten wurde innert Stunden vom Vatikan die römischen Ämter entzogen.

Bigotte Barmherzigkeit

«[Die Kirche ist dazu berufen], ihre Sendung zu leben in der Liebe, die nicht mit dem Finger auf die anderen zeigt, um sie zu verurteilen, sondern [
] sich verpflichtet fĂŒhlt, die verletzten Paare zu suchen und mit dem Öl der Aufnahme und der Barmherzigkeit zu pflegen; ein „Feldlazarett“ zu sein mit offenen TĂŒren, um jeden aufzunehmen, der anklopft und um Hilfe und UnterstĂŒtzung bittet [
]» sagte Franziskus nur wenige Minuten, nachdem er die gottgewollte Liebe zwischen Mann und Frau unterstrich und die Unauflöslichkeit der Ehe festhielt.

Franziskus kann den Weg der Modernisierung nicht selbst beschreiten. Der Dialog zwischen Reformern und Konservativen wird immer schwieriger, legt Steine und HĂŒrden in den Pfad. Nicht zuletzt, da der Kreis der Franziskus-Gegner in letzter Zeit zunehmend aggressiver agiert und vermehrt das Wort «Spaltung» in den Mund genommen hat.

Doch der Wunsch nach Öffnung kommt aus der Mitte der katholischen Kirche. Papst Franziskus bedauerte schon öfters, dass wiederverheiratete und geschiedene Katholikinnen und Katholiken ihren Ausschluss von den Sakramenten als Exkommunikation, als Ausschluss aus der kirchlichen Gemeinschaft, empfinden.

Wegbleiben des Wandels

UnzĂ€hlige Synoden standen bereits unter dem Zeichen des Dialogs und des Abtastens. Was fehlt ist der Startschuss fĂŒr eine Reformbewegung, sowohl innerhalb als auch ausserhalb der katholischen Kirche. ZugestĂ€ndnisse an die Lebenswirklichkeit vieler Menschen dĂŒrfen nicht mehr als Anbiederung an einen Zeitgeist gewertet werden.

Nie zuvor wurden so viele wichtige Schritte in Richtung Gleichheit genommen wie in den vergangenen Monaten. Wenn nicht einmal diese Einfluss auf die Synode haben, wird die Kirche zunehmend zu einem Fremdkörper.

Interview: FVS-VizeprĂ€sident Valentin Abgottspon

Nachdem Valentin Abgottspon vor fĂŒnf Jahren das Kruzifix aus seinem Klassenzimmer entfernte, wurde er als Lehrer fristlos entlassen. Heute kĂ€mpft der polarisierende Walliser weiter fĂŒr die strikte Trennung von Kirche und Staat. Mit ihm sprach Sandro Bucher.

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«Freidenker haben schlicht die besseren Argumente» (Bild: DOROTHEE SCHMID)

2015 jĂ€hrt sich der Tag deiner fristlosen Entlassung zum fĂŒnften Mal. Wie blickst du heute auf diese Schicksalstage zurĂŒck?
Valentin Abgottspon: GrundsĂ€tzlich blicke ich positiv auf die Zeit zurĂŒck, denn die fristlose Entlassung war der gröbste Blödsinn, den die Schulbehörde machen konnte. Die UnverhĂ€ltnismĂ€ssigkeit des Urteils schockierte Menschen in der ganzen Schweiz, die es nicht fĂŒr möglich hielten, dass solche Dinge in der heutigen Zeit noch passieren. Die Bevölkerung und Lehrerschaft wurde durch diesen Fall sensibilisiert. Das kann ich rĂŒckblickend jetzt so formulieren, da die Sache sozusagen durchgestanden ist. Es gab fĂŒr mich aber auch extrem dunkle Zeiten und eine schwere Niedergeschlagenheit. Und dass ich Zuschriften erhalten habe, in denen beispielsweise steht, dass meine Mutter Krebs habe, weil ich nicht an Gott glaube und dass sie versagt habe, weil sie mich nicht zu einem „anstĂ€ndigen Christenmenschen“ erzogen habe. Solche Dinge können schon etwas an einem nagen.

Hat sich seitens des Staates auch etwas geÀndert?
Nein. Es hat nicht dazu gefĂŒhrt, dass bei den staatlichen Behörden und Departementen im Kanton Wallis etwas gelaufen ist. Die nationalkonservative Schweizer Volkspartei (SVP) wollte gar das Kruzifix in allen Schulzimmern obligatorisch machen. Trotzdem bin ich davon ĂŒberzeugt, dass ich der Letzte war, dem so etwas passierte. So blöd wird keine Schulbehörde in der Schweiz mehr reagieren.

Was war der Auslöser dafĂŒr, dass du das Kruzifix entfernt hast?
Der konkrete Anlass war die Minarett-Initiative. Im Vorfeld der Abstimmung störte mich, dass so getan wurde, als wĂ€re die Schweiz ein christliches Land. Politik und Gesellschaft redeten plötzlich wieder von christlichen Werten und einem christlichen Staat. Da habe ich fĂŒr mich selbst entschieden, das Kruzifix abzunehmen. Ich habe es nicht aus Renitenz gemacht und keinen Streit gesucht, wie mir auch heute noch unterstellt wird.

Hast du mit deinen SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern nicht darĂŒber gesprochen?
Nein, das habe ich selbst entschieden und nie thematisiert, da es meinen Unterricht nicht tangierte. Auch im Nachhinein blieb die Diskussion aus, da es sowieso nicht in allen Schulzimmern Kruzifixe hatte. Erst im Vorfeld der GrĂŒndung der Freidenker-Sektion Wallis bekam ich erste Leserbriefe, SchmĂ€hbriefe und Hassbotschaften. Dann haben es auch die SchĂŒler bemerkt.

Deine Entlassung sorgte auch international fĂŒr Schlagzeilen. Ist die Schweiz in Sachen Religion vergleichsweise konservativ?
Die Gesellschaft ist schon viel weiter als Behörden, Politik und Medien, die noch nicht dort angekommen sind, wo Diskurs und Lebenswirklichkeit sich befinden. FĂŒr ganz viele Personen ist Religion schlicht irrelevant. Dennoch legen sich viele Politiker vor dem Wahlkampf den Mantel des Glaubens um. Nur hat das nicht mehr wirklich viel mit SpiritualitĂ€t zu tun. Wenn man ĂŒber die Burka oder Minarette diskutiert, diskutiert man auch ĂŒber die Unzufriedenheit mit GrenzgĂ€ngern und AuslĂ€ndern. Bei der Minarett-Initiative beispielsweise ging es nicht nur um Religion, sondern auch um Xenophobie und Rassismus.

Wie wĂŒrdest du dein VerhĂ€ltnis zur Kirche beschreiben?
Ich wĂŒrde mich durchaus als Aktivisten bezeichnen, der mittlerweile viele Aspekte bewusster erlebt, mehr Details kennt und sich ĂŒber die vielen Instransparenzen im Klaren ist. Inzwischen blicke ich wieder positiver in die Zukunft: Die junge Generation ist sĂ€kularer und auch Ältere distanzieren sich öfters von der Kirche. Irgendwann wird es einen Dammbruch geben und auch Politiker werden es einfacher haben, sich fĂŒr eine Trennung von Kirche und Staat auszusprechen. Freidenker und Humanisten haben schlicht die besseren Argumente auf ihrer Seite. Trotz der fehlenden Riesenbudgets fĂŒr Medienarbeit können wir uns deshalb gut positionieren und die Argumente glaubhaft rĂŒberbringen.

Freikirchen erleben jedoch einen Zuwachs, vor allem bei der jĂŒngeren Generation.
Das ist sehr bedauerlich. Es ist ja eine Art Katholizismus oder RigiditĂ€t im Denken, die Freikirchen an den Tag legen. Wir mĂŒssen in der Schule FĂ€cher erarbeiten, die kritisches Denken und RationalitĂ€t fördern. Eine Art Anleitung zum und Hilfe beim sauberen Denken. Mit dem Internet haben wir bereits ein durchdringendes Tool, das diesbezĂŒglich krĂ€ftig mithilft. Dadurch wird die Tendenz sinken, dass ein grosser Teil der Bevölkerung in einen Extremismus verfĂ€llt oder den RattenfĂ€ngern von Freikirchen und Sekten in die FĂ€nge geht. Es wird aber immer Menschen geben, die sich gefangen nehmen lassen, insbesondere wenn sie aufgrund von – eventuell vorĂŒbergehenden – Extremsituationen und SchicksalsschlĂ€gen in ihrem Leben besonders verwundbar sind.

Wie schÀtzt du die Lage in der Schweiz hinsichtlich Trennung von Kirche und Staat ein?
Im Alltagsleben der Schweizerinnen und Schweizer ist die Kirche kein bestimmender Faktor mehr. In gewissen Kantonen gibt es bei der SĂ€kularisierung nur noch wenige Baustellen. Bei allen anderen wird die Trennung Schritt fĂŒr Schritt weitergehen. In weiten Landesteilen mĂŒssen erst die Transparenz der Kirchen und religionswissenschaftliche AnsĂ€tze in den Lehrmitteln und im Unterricht der Volksschule etabliert werden. So, dass auch Atheismus und Humanismus in unserer Gesellschaft ihren angemessenen Platz finden.

Welche Rolle spielen dabei die Medien?
Besonders bei den öffentlich-rechtlichen Medien finde ich viele Dinge kritikwĂŒrdig. Das „Wort zum Sonntag“ des Schweizer Radio und Fernsehens (SRF) durften, obwohl die Sendung als christlicher Kommentar definiert wird, auch schon Hindus, Buddhisten und Muslime ergreifen, jedoch keine Freidenker. Dass dies nicht mehr zeitgemĂ€ss ist, wissen das SRF und die katholischen und reformierten Medienbeauftragten. Das sind reine Besitzstandwahrungen und das Krallen an die Moneten, beziehungsweise Privilegien. Das ist schlicht nicht in Ordnung. Das haben mir gegenĂŒber im privaten GesprĂ€ch bei einem Kaffee oder Bier sowohl SRF-Angestellte wie auch hohe kirchliche FunktionĂ€re schon zugegeben. Öffentlich wollen sie sowas aber natĂŒrlich nicht gestehen.

Die Freidenker-Vereinigung Schweiz hat eine Plakatkampagne lanciert, in der ihr, begleitet von einem offenen Brief, fragt: „Liebe Katholiken! Huonder tritt nicht aus. Wie steht’s mit euch?“


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Kampagnen-Plakat

Wir wollen die Katholikinnen und Katholiken dazu auffordern, ĂŒber einen Kirchenaustritt nachzudenken. Sehr viele von ihnen haben innerlich ihren Kirchenaustritt schon vollzogen und die menschenfeindlichen, intoleranten Äusserungen des Kirchenaustrittskatalysators und Bischof Vitus Huonder sind geeignet, sich selber den Anstoss zu geben und in diesem Verein nicht mehr mitzumachen und ihn nicht mehr mitzufinanzieren. Huonder hat zwar auch innerkirchlich etwas Gegenwind zu spĂŒren bekommen. Er sitzt aber immer noch fest auf seinem Bischofssitz. Und er gibt mit seiner Ablehnung der praktizierten HomosexualitĂ€t nur die geltende Kirchenlehre, wie sie im Katechismus steht, wieder. Es ist etwas unaufrichtig und inkonsequent, wenn Katholikinnen und Katholiken denken, dass sich katholische GrundsĂ€tze und Ehe, Toleranz und Adoptionsrecht fĂŒr alle unter einen Hut bringen liessen.

Was möchtest du neben der Aufwertung der medialen PrÀsenz noch erreichen?
Zentral ist momentan, dass wir Freidenkerinnen und Freidenker bei der Umsetzung der Grundlagen des Lehrplans 21 gut aufpassen. Es ist vorgesehen, dass der konfessionelle Religionsunterricht nicht mehr Aufgabe der Volksschule ist. Viele Kantone werden hier aber von diesem Grundsatz abweichen wollen und den Kirchen viele Privilegien zuschanzen und ihnen den Zugriff auf die Kinder weiterhin gewĂ€hren. Die Kirchensteuern fĂŒr juristische Personen gehören abgeschafft. Abseits davon sehe ich einen Teil meines Engagements auch international. Auch wenn mir schlimme Dinge widerfahren sind, sind sie kein Vergleich zu dem, was Menschen wie Raif Badawi angetan wird. Mein Einsatz hört nicht beim Laizismus auf. Ich bin und bleibe wohl mein Leben lang Aktivist.

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Das Interview erschien auf hpd.de.

Interview: Katholische Priesterin Jacqueline Straub

Jacqueline Straub möchte die erste Priesterin der katholischen Kirche werden. Um ihre Berufung leben zu können, mĂŒsste die Theologiestudentin aus Freiburg eine globale Institution mit ĂŒber einer Milliarde Mitgliedern in ihren Grundfesten verĂ€ndern. Im Interview sprach die 24-JĂ€hrige ĂŒber ihren Kampf gegen restaurative Tendenzen und fĂŒr tiefgreifende Reformen in der Kirche.

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«FĂŒr ReaktionĂ€re in der Kirche bin ich ein öffentliches Ärgernis» (Bild: MELI STRAUB/www.meli-photodesign.de)

Du bist ĂŒberzeugt, spĂ€testens in zwanzig Jahren katholische Priesterin zu sein. Ist das realistisch?
Jacqueline Straub: Die Kirche braucht fĂŒr tiefgreifende Reformen immer eine relativ lange Zeit, und in der Frage des Frauenpriestertums hĂ€ngt ziemlich viel dran. Im Vorfeld muss erst klar gemacht werden, dass die Diskussion ĂŒberhaupt möglich ist. Denn kirchenrechtlich ist das Frauenpriestertum kein Dogma. Vor der Entscheidung durch ein Drittes Vatikanisches Konzil braucht es eine lange Vorbereitungszeit. Viele sagen deshalb, dass fĂŒnfzig oder hundert Jahre realistischer wĂ€ren. Ich rechne aber weiter mit einer Vorbereitungszeit von zwanzig Jahren, da wir mit Papst Franziskus eine dialogische Kirche geworden sind.

Hast du keine Angst, dass dein Vorhaben auch in zwanzig Jahren noch eine Kirchenspaltung verursachen könnte?
Es wird extrem konservative, also reaktionĂ€re Gruppen geben, die werden sich so oder so abspalten. FĂŒr die bin ich gerade zu ein öffentliches Ärgernis. Doch es gibt seit ĂŒber fĂŒnfzig Jahren Frauen und MĂ€nner, die auf das Frauenpriestertum hingearbeitet haben. Wenn man die nĂ€chsten zwanzig Jahre darĂŒber spricht, die Zweifel benennt und das Positive eines Frauenpriestertums hervorhebt, dann wird ein ruhiger Verlauf immer realistischer. Zuvor wird aber noch der Zölibat fallen, und Wiederverheiratete und Geschiedene werden die Kommunion empfangen.

Wie reagieren deine Kommilitoninnen auf deine PlÀne?
Ich kenne einige Mitstudentinnen, die auch berufen sind. Die sagen aber nichts, da sie fĂŒrchten, nach den sechs Jahren Theologiestudium keine kirchliche Anstellung zu erhalten. Es gab schon Priester und Bischöfe, die ihres Amtes enthoben wurden, bloss weil sie sich öffentlich fĂŒr Frauen als Priesterinnen aussprachen.

Ist diese Angst bei dir nie aufgetaucht?
Die war mal in den ersten Semestern da, als ich noch Pastoralassistentin werden wollte. Doch mit Schweigen wĂŒrde ich mich nur selbst verleugnen. Mittlerweile stehe ich dazu und nehme das Risiko auf mich, dass ich spĂ€ter nicht im kirchlichen Bereich arbeiten kann. Denn mit Schweigen Ă€ndert sich auch nichts.

Wo siehst du in der Kirche sonst noch VerÀnderungspotential?
Da gibt es viel (lacht). Unsere Kirche muss menschenfreundlicher werden und an die RĂ€nder der Welt gehen. Der Umgang mit Geschiedenen und Homosexuellen muss menschlicher werden. Wie konservative Kreise ĂŒber Homosexuelle sprechen, tut mir wirklich weh. Auch der Pflichtzölibat passt nicht mehr in unsere Zeit. Man muss die Zeichen der Zeit erkennen und danach handeln. Es kann nicht sein, dass wir die nĂ€chste Generation einfach vergessen. Wenn die Jungen heute nicht gefördert werden und keinen angemessenen Platz in der Kirche erhalten, dann habe ich wirklich Angst um die Kirche.

Der Umgang mit Homosexuellen und die Öffnung der Ehe fĂŒr alle erhitzen zurzeit die GemĂŒter. In einem frĂŒheren Interview hast du erwĂ€hnt, dass du am Ehesakrament, Mann und Frau, festhalten möchtest.
FĂŒr eine staatliche Homo-Ehe bin ich auf jeden Fall. Beim Ehesakrament gibt es aber Schwierigkeiten. Die Kirche tut sich immer noch extrem schwer mit dem Frau-Mann-Begriff und muss erstmal selbst definieren, was Ehe heute, mit all ihren Facetten eigentlich bedeutet. Wenn wir die Ehe wie bisher mit den drei Grundprinzipien Treue, Liebe und Sorge fĂŒr die Nachkommen definieren, dann wĂŒrde das auch Homosexuelle nicht ausgrenzen.

WĂŒrdest du eine Trennung zwischen Kirche und Staat also begrĂŒssen?
Auf der einen Seite könnte eine Trennung von Kirche und Staat durchaus nicht nur negative Wirkungen haben. So wĂŒrden mangels Kirchensteuer die kargen Finanzen gewisse Pfarrer und Bischöfe zu einem einfacheren und authentischeren Lebensstil zwingen. Auf der anderen Seite denke ich, dass sich durch eine Trennung eine katholische Elite-Gruppe herauskristallisieren wĂŒrde. Fortschrittlich denkende Katholiken wĂŒrden dadurch vermutlich ins Abseits geschoben werden, was eine elitĂ€re „Fraktion“ hervorbringen wĂŒrde. Solange die katholische Kirche öffentlich-rechtlich anerkannt ist, ist eine gewisse GewĂ€hr vorhanden, die das verhindert.

Die Religion verliert in der Gesellschaft zunehmend an Bedeutung, vielerorts auf der Welt sinken die Zahlen von GlÀubigen. Was löst die zunehmende Abwanderung aus der Kirche Richtung Gottlosigkeit in dir aus?
Dass es heute so viele Atheistinnen und Atheisten gibt, ist auch eine SchwĂ€che der Kirche, die durch ein falsches Auftreten verursacht ist. Wenn es die Kirche nicht schafft, den Glauben mit Herz und Verstand zu vermitteln, dann rennen die Menschen entweder in die fundamentalistische Ecke oder wenden sich dem Atheismus zu. Mir tut es weh, dass man sich in meiner Generation fĂŒr den Glauben rechtfertigen muss. Aber alle wird man nie ins Boot holen können.

Wie kann die Kirche diesem Trend entgegenwirken?
Ich erlebe zu meinem eigenen Bedauern, dass es einige Bischöfen und Priestern gibt, denen das Feuer fehlt. Heute braucht es mehr denn je Überzeugung und Auftreten. Auf Christen und Nicht-Christen wirkt es abschreckend, wenn sich gewisse Bischöfe nie in der Öffentlichkeit Ă€ussern und zeigen. Die Menschen möchten Kleriker, die eine klare Position vertreten, die nachvollziehbar ist. Das fehlt in der Kirche vielerorts.

Dein Handy ziert ein Bild von Papst Franziskus. Ist er fĂŒr dich ein HoffnungstrĂ€ger?
Franziskus interessieren westliche Kirchenthemen wie Zölibat oder das Frauenpriestertum weniger als Armut und fehlende Gerechtigkeit auf der Welt. Doch er ist ein Ă€usserst mutiger Papst, welcher der katholischen Kirche zu viel positiver Berichterstattung verholfen hat. Wenn alle Priester, Bischöfe und KardinĂ€le so entschlossen auftrĂ€ten wie er, könnten sich die Menschen viel eher mit der Kirche identifizieren. Da Franziskus angedeutet hat, wie Benedikt XVI. frĂŒhzeitig aus dem Amt zu scheiden, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass er zumindest noch darauf hinwirkt, dass in den nĂ€chsten zwei bis drei Jahren bestimmte Frauenthemen aufgenommen werden und die Diskussion darĂŒber entfacht wird. Doch das Dritte Vatikanische Konzil wird erst mit dem nĂ€chsten oder dem ĂŒbernĂ€chsten Papst kommen.

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Das Interview erschien auf hpd.de.

Das Ergrauen des Regenbogens

Vor 22 Jahren machten sich Homosexuelle im katholischen Irland noch strafbar, heute leuchtet die grĂŒne Insel bunt: 62,1 Prozent aller WĂ€hler votierten Ende Mai fĂŒr eine VerfassungsĂ€nderung, die gleichgeschlechtliche Ehen ermöglicht. Trotz dieses richtungsweisenden Resultats zeigen sich die BefĂŒrworter der Homo-Ehe in Mitteleuropa zögerlich und lassen der Gegenpartei freie Hand bei der Meinungsbildung.

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Foto: FRANK NICOLAI/hpd.de

Dass die Katholiken-Hochburg Irland die Homo-Ehe erlaubt, ist die bisher greifbarste Versinnbildlichung davon, dass katholische Kleriker und konservative Kreise bei der Homo-Ehen-Frage den Kontakt zur Basis verloren haben. Von einem «substanziellen Riss zwischen der katholischen Kirche und der Gesellschaft» sprach der Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, und bewertete den Ausgang des Referendums im Interview mit der Internetplattform „Vatican Insider“ als «Zeichen einer Kulturrevolution».

«Schwulenrechte greifen Familien an»

Ein Grossteil der Schweizerinnen und Schweizer zeigt sich bisher noch nicht beflĂŒgelt vom irischen Revolutionsgeist. Am 10. Juni wurde ein neues Komitee gegrĂŒndet, das die Homo-Ehe in der Schweiz verhindern und das traditionelle Familienbild stĂ€rken will. «Es ist an der Zeit, die Demontage der traditionellen Familie zu stoppen», sagt Co-PrĂ€sident und EDU-Politiker Marco Giglio, «die Ausdehnung der Schwulenrechte ist ein Angriff auf die Familie.» Geplant ist bereits ein Referendum gegen die PlĂ€ne des Bundesrats, homosexuellen Paaren die Adoption zu erlauben. Der bisher einzige, verhaltene Kommentar zur GrĂŒndung des Komitees kommt vom Schwulen-Verband «Pink Cross»: GeschĂ€ftsleiter Bastian Baumann bezeichnet den Verein im Interview mit der Schweizer Tageszeitung «20 Minuten» als «verschlossene Gruppe, die die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat.»

Unbiegsame Befangenheit

Trotz oder gerade wegen den steilen Behauptungen des EDU-Politikers Marco Giglio neigen BefĂŒrworter der gleichgeschlechtlichen Ehe und des Adoptionsrechts fĂŒr homosexuelle Paare dazu, sĂ€mtliche Gegenparteien als eine Desavouierung des Zeitgeistes abzuwinken, und verhindern damit wichtige Diskussionen, die zu einer Einlenkung und AnnĂ€herung fĂŒhren könnten. Zwar sind in der Schweiz Ă€hnliche Forderungen wie in Irland pendent – die GrĂŒnliberalen fordern eine parlamentarische Initiative, die die Ehe und die eingetragene Partnerschaft fĂŒr alle öffnet – doch die Meinungen beider Lager sind derart festgefahren, dass auch die Strahlkraft des irischen Votums niemanden zu erweichen scheint.

Politische Zerrissenheit

Die Öffnung der Homo-Ehe ist eine ethische und moralische Grundsatzfrage, die die Geister scheidet und bis in den Kern des traditionellen, christlichen Familien- und Gesellschaftsbilds bohrt. Gerade deswegen stehen vor allem Politiker im Zwiespalt. So auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, die als CDU-Politikerin um die Haltung des traditionellen Teils ihrer Partei weiss, aber auch die gesellschaftliche Stimmung in Deutschland kennt. Nicht nur sie wird deshalb vor die Frage gestellt, ob sie bei der Ehe-Frage gegen die Mehrheit des Bundestags, des Bundesrats und der Bevölkerung regieren möchte: Laut einer aktuellen Umfrage des deutschen Wochenmagazins «Stern» sind 74 Prozent dafĂŒr, dass Lebensgemeinschaften von gleichgeschlechtlichen Partnern vollkommen der traditionellen Ehe gleichgestellt werden.

Mehr Mut zur Meinung

UnabhĂ€ngig der Denkweise ist es fĂŒr Volksvertreter unabdinglich, sich auch bei derart heiklen Gesellschaftsfragen zu Ă€ussern; was noch keine klare Positionierung an einer der polarisierenden Fronten zur Folge haben muss. Im Zentrum steht, wie bei jeder Debatte, die Suche nach Integration gesellschaftlicher GegensĂ€tze, geleitet von den Mechanismen der demokratischen Auseinandersetzung.

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Der Artikel erschien zusÀtzlich auf tink.ch und hpd.de.

Warum gibt es keine Kirchenrebellen mehr?

Gegen den Willen seines Bistums hat ein Schweizer Pfarrer ein  gleichgeschlechtliches Paar gesegnet. Statt sich weiter fĂŒr seine Überzeugung einzusetzen und damit eine Versetzung zu riskieren, missachtet er die SolidaritĂ€t von fast 44 000 Schweizerinnen und Schweizern, lenkt ein und waltet seines Amtes kĂŒnftig mit einem Maulkorb. Kein Einzelfall: Die Gattung «Kirchenrebell» ist schon seit der Reformation in Europa vom Aussterben bedroht.

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Martin Luther (1483 – 1546), Archetyp des modernen Kirchenrebellen. (Bild: Gabi Schoenemann/pixelio.de)

Keine andere Institution auf der Welt wird so oft, so scharf und so leidenschaftlich kritisiert wie die katholische Kirche. Forderungen nach Reformen und WĂŒnsche nach einer liberaleren Kirche erreichen den Vatikan und die Aussenstellen des Heiligen Stuhls im Stundentakt. Angebracht werden die Beanstandungen dieser Tage primĂ€r von Konfessionslosen und Laien. Kircheninterne Kritik wird kaum noch wahrgenommen oder prallt spĂ€testens an der theologisch geleiteten Erinnerung im Dienste des religiösen GedĂ€chtnisses ab.

Fehlendes VerantwortungsgefĂŒhl

Aufgeschlossener Aktionismus ist dem starrem Folgen von angeblich zementierten Lehren des Patriarchats gewichen. Nicht nur bei Kardinal Gerhard Ludwig MĂŒller, der Anfang Mai als PrĂ€fekt der Glaubenskongregation vor einer Anpassung der katholischen Lehre zur Ehe an den Zeitgeist in Europa gewarnt hat: «Die Kirche kann ihre Lehre ĂŒber die SakramentalitĂ€t der Ehe nicht Ă€ndern.» Sollte das effektiv die MentalitĂ€t der katholischen Obrigkeit widerspiegeln, stellt sich die Frage: Wer sonst, wenn nicht sie? Die Kirche wird seit jeher von Menschen gefestigt, geformt, verĂ€ndert und weiterentwickelt.

Kuschende Kleriker

Ein Auswuchs dieser starren Lethargie zeigte sich jĂŒngst in der Gemeinde BĂŒrglen im Schweizer Kanton Uri. Der langjĂ€hrige Pfarrer des 4000-Seelen-Dorfes, Wendelin Bucheli, erteilte im Oktober 2014 einem homosexuellen Paar den Segen. Als das zustĂ€ndige Bistum Chur Wind davon bekam, legten sie dem Pfarrer einen RĂŒcktritt nahe und drohten ihm gar mit einer Zwangsversetzung. Die Schweizer Bischofskonferenz bekrĂ€ftigte im MĂ€rz dieses Jahres, dass die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare abzulehnen sei. Die Segnung widerspreche der Lehre, und die Bischöfe könnten diese nicht Ă€ndern.

Aufgrund des immer frostiger werdenden, dogmatischen Winds aus dem Bistum Chur gab der Pfarrer klein bei und schoss die SolidaritĂ€tsbekundungen von fast 44 000 Laien, Konfessionslosen sowie einigen Kolleginnen und Kollegen, die fĂŒr ihn in einer Onlinepetition Position bezogen haben, in ebendiesen Wind.  Wendelin Bucheli entschied sich im Angesicht einer drohenden Versetzung fĂŒr den Weg des geringsten Widerstands: die aufgezwungene kuriale Politik der ruhigen Hand anzunehmen. Maulkorb inklusive.

Beginn bei der Menschlichkeit

Der Aktionsradius der kirchlichen Spitze hĂ€ngt stets von der Kooperationsbereitschaft der Ortskirchen ab. Trotzdem ist die gescheiterte Revolution nicht auf das schuldhafte Versagen eines Einzelnen zurĂŒckzufĂŒhren, der das Nagen an den Pfeilern noch vor der ersten ErschĂŒtterung einstellte. Es scheint sich eine immer offenkundigere und dramatischere Auslegungsverschiedenheit zwischen den ĂŒberlieferten religiösen Deutungen und den Wahrnehmungen und BedĂŒrfnissen der Öffentlichkeit und den unmittelbar Betroffenen eingestellt zu haben.

Solange sich Kleriker bei der angemessenen Entfaltung von der kirchlichen Hierarchie einschrĂ€nken lassen, klemmen sie ihren menschlichen Eigeneinsatz fĂŒr Versöhnung, Gemeinschaft und Frieden ab. Die zögernde Haltung wird zum Grunddilemma, das den aufgenommenen Kompromisscharakter des Zweiten Vatikanischen Konzils im Keim erstickt. Dadurch erleuchtet am Horizont nicht der dringend notwendige Paradigmenwechsel, sondern erlischt das Erinnerungsbild an eine obsolete Denktradition.

Guerre de GerDiA

Die Kampagne gegen religiöse Diskriminierung am Arbeitsplatz (GerDiA) setzt sich fĂŒr Weltanschauungsfreiheit in der deutschen Arbeitswelt ein. Sie fordert, das Betriebsverfassungsgesetz auf kirchliche Sozialeinrichtungen auszuweiten, damit die Arbeitnehmer ihre private LebensfĂŒhrung nicht mehr nach kirchlichen Vorgaben ausrichten mĂŒssen. In weiten Teilen des Landes werden die religiös begrĂŒndeten Sonderrechte seither kritischer hinterfragt.

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Gesetze ohne festes Fundament: Das kirchliche Arbeitsrecht steht mit einigen Grundrechten der EU im Konflikt. Foto: SANDRO BUCHER

Ein konfessionsloser Arzt, der sich im vergangenen Herbst bei einem Krankenhaus unter evangelischer TrĂ€gerschaft beworben hatte, bekam schon wenige Tage nach seiner Anfrage eine Absage. Wegen seines Kirchenaustritts sei er fĂŒr die Stelle nicht infrage gekommen. Das berichtet der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) in seinem Sommer-Rundbrief 2014. Der Arzt sah sich durch diese Absage aufgrund seiner Weltanschauung diskriminiert und zog vor Gericht.

Ähnliche PrĂ€zedenzfĂ€lle gab es bereits in Aachen und Berlin. In beiden FĂ€llen wurden den betroffenen Personen Recht gegeben und eine EntschĂ€digung zugesprochen. Aufgrund dieser Erfolgsquote kann die GerDiA wahrscheinlich schon bald wieder von einem positiven Ergebnis in der unteren Instanz reden, wenn auch dieses nicht ein Grund zum Feiern sein muss. Das langfristige Ziel ist nĂ€mlich Strassburg. Deutschland solle sein Antidiskriminierungsgesetz an die Vorgaben der EuropĂ€ischen Union anpassen und der Kirche jegliche Sonderrechte entziehen. „One Law For All“ – Ein Gesetz fĂŒr alle.

Kirchliches Arbeitsrecht im Konflikt

In Deutschlands kirchlichen Einrichtungen gilt das Betriebsverfassungsgesetz nicht. Die Kirchen verfĂŒgen ĂŒber ein selbstverfasstes Arbeitsrecht, das sich vom normalen Arbeitsrecht unterscheidet und mit einigen Grundrechten der Menschen in Konflikt steht. Davon betroffen sind ĂŒber eine Million Deutsche, die in kirchlichen oder kirchlich-gestĂŒtzten Einrichtungen arbeiten.

Die sogenannte LoyalitĂ€tspflicht sorgt fĂŒr die gesetzliche Regelung, dass Konfessionslose und Angehörige nichtchristlicher Religionsgemeinschaften gar nicht erst eine Stelle in den Einrichtungen finden können. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie im Bereich der direkten VerkĂŒndigung des Glaubens tĂ€tig sind, oder ob sie andere Berufe innerhalb der Ausrichtung ausĂŒben.

Bereits angestellte Arbeitnehmer können durch ein Vergehen gegen die LoyalitĂ€tspflicht ebenfalls fristlos entlassen werden. Zu diesen Übertretungen gehören beispielsweise der Kirchenaustritt, offen gelebte HomosexualitĂ€t oder die Wiederverheiratung nach einer Scheidung.

Der Kampf auf zwei Fronten

Im IBKA-Rundbrief schreiben Gunnar Schedel und Vera Muth von GerDiA weiter: „Besonderes Augenmerk wollen wir im Projekt auf die konservativen IslamverbĂ€nde legen, die sich derzeit anschicken, den „Privilegierungsvorsprung“ der christlichen Kirchen zu verringern und fĂŒr sich vergleichbare Sonderregelungen auszuhandeln. Vor allem, wenn irgendwo diskutiert wird, Elemente der Scharia ins Zivilrecht aufzunehmen, ist dies fĂŒr uns von grossem Interesse. Auch wenn IslamverbĂ€nde finanzielle Mittel erhalten, wĂ€hrend nichtreligiöse Vereine von Einwanderern leer ausgehen.“

Weitere Informationen zur Kampagne findet man auf der Internetseite der GerDiA.

Christliche Premieren

English version

Der geschichtliche Wahrheitsgehalt vieler biblischer Begebenheiten darf zu Recht angezweifelt werden. Durch intensive Spurensicherung in Evangelien und zeitgenössischen Inschriften vermögen Historiker trotzdem, ein authentisches Bild der Entstehungsgeschichte des Christentums zu zeichnen. Wie hiess der erste Christ in Europa? Wann wurde das Kruzifix zum ersten Mal als Glaubenssymbol verwendet? Wie viel wissen wir ĂŒber den Beginn des Glaubens?

Das erste Kreuz

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Im Obergeschoss eines Hauses in Herculaneum fand man den Abdruck eines Kreuzes in der Wand. Foto: Bruder-Dienst

Das traurige Schicksal der italienischen Landstadt Pompeji ist auch heute vielen Menschen noch prÀsent. Im Jahr 79 wurde die Stadt am Golf von Neapel von einer Vulkankatastrophe heimgesucht und durch die Folgen des Ausbruchs komplett unter einer zwölf Meter dicken Schicht aus Asche und Bims bedeckt.

Das Leben einer Kleinstadt wurde vollstĂ€ndig konserviert. Diese Tragödie stellte sich als GlĂŒcksfall fĂŒr neuzeitliche Wissenschaftler heraus, denn nirgends sonst verfĂŒgt man ĂŒber eine so unverfĂ€lschte und reine Momentaufnahme des Lebens vergangener Tage.

1813 wurde bei Ausgrabungsarbeiten in den Ruinen der Stadt eine Art BĂ€ckerei freigelegt. GegenĂŒber der EingangstĂŒr stiessen die Forscher auf einen unglaublichen Fund: Ein Abdruck eines christliches Kreuzes im Wandverputz.

Bisher gingen Historiker davon aus, dass sich das Kruzifix als christliches Glaubenssymbol erst viel spĂ€ter durchgesetzt hat, nicht bereits 40 Jahre nach der Kreuzigung Jesu. 1938 bestĂ€tigte sich bei Forschungen in der Nachbarstadt Pompejis, Herculaneum, dass das Kreuz im BĂ€ckerladen kein Zufall war. Auch hier stiess man im Obergeschoss eines Familienhauses auf die Überreste eines Kreuzes an der Wand.

Quelle:

  • Eckhard J. Schnabel: Urchristliche Mission. TVG, 2002, S. 795
  • Leo G. Linder: Jesus, Paulus & Co. GĂŒtersloher Verlagshaus, 2013, S. 238ff.

Die erste Kirche

Im Jahr 313 wird das Christentum zur offiziell bevorzugten Religion des Römischen Reichs ausgerufen – nur zwei Jahre nachdem die erste Christenverfolgung ihr Ende nahm. Hauptverantwortlich dafĂŒr war Kaiser Konstantin, der die Welt in vieler Hinsicht verĂ€nderte: Er schaffte den Kaiserkult ab und erliess zahlreiche Gesetze, die von christlichen Moralvorstellungen und –werten geprĂ€gt waren. Bis heute machen sich die erlassenen Gesetze von Konstantin bemerkbar: Er fĂŒhrte den Sonntag als Ruhetag ein.

Zwei Jahre nach seinem Amtsantritt liess er bedĂŒrftige Familien mit Kleidern und Nahrung versorgen. Finanziert wurde dies ausschliesslich aus des Kaisers Kassen.

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Die heutige Basilika von Aquileia. Foto: JÖRG/HolidayCheck

Ob Konstantin Christ war, oder ob er die Religion hauptsĂ€chlich als Opium fĂŒr das Volk missbrauchte, sei dahingestellt. Dass sich seine Handschrift durch die ersten, entscheidenden Entwicklungsphasen des Christentums zieht ist jedoch nicht zu dementieren. So war er es, der erstmals ein christliches Kirchenbauprogramm in die Wege geleitet hat.

Die allererste Kirche entsteht im Jahr 314 in der Stadt Aquileia in der italienischen Provinz Udine, 45 Kilometer von Triest entfernt.

NatĂŒrlich gab es bereits vor dem Bau dieser Kirche zahlreiche Haus- und Saalkirchen, doch keine dieser Kirchen wurde mit dem Ziel erbaut, ausschliesslich Christen in ihrer Glaubenspraktizierung zu dienen. Immerhin hĂ€tte man damit bis vor 313 einen MĂ€rtyrertod riskiert.

Auch in der Kirche Aquileias hielt man sich ursprĂŒnglich mit offenen Bekenntnissen zurĂŒck: WĂ€hrend noch keinerlei Symbolik auf dem Mosaikfussboden oder an WĂ€nden zu finden war, fand man diese erstmals in der zweiten Kirche, die wenige Jahre spĂ€ter neben ihr erbaut wurde.

Quelle:

  • Reisebuch.de: http://bit.ly/1sn7kp6 (16. Juli 2014)
  • Leo G. Linder: Jesus, Paulus & Co. GĂŒtersloher Verlagshaus, 2013, S. 245ff.

Der erste Christ in Europa

„Wir [Lukas, Silas und Paulus] legten von Troas ab und gelangten auf dem kĂŒrzesten Weg nach Samothrake; am folgenden Tag erreichten wir Neapolis.“ (Apg 16,11)

Nahe der Bucht von Neapolis betrat Paulus der Bekehrer zum ersten Mal europĂ€ischen Boden. Nur wenige Tage nach ihrer Ankauft reisten er, Silas und Lukas weiter nach Philippi. Zu dieser Zeit war Philippi, der angebliche Geburtsort Lukas‘, noch eine römische Kolonie.

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In Philippi spricht Paulus zu einer kleinen Gruppe Juden. Unter den Zuhörern befindet sich auch die zukĂŒnftige erste Christin in Europa. Foto: Ultimate Bible Picture Collection

In Philippi trafen die Reisenden auf eine kleine Gruppe Juden, die sich zum Gebet versammelt hatten. Man setzte sich dazu und kam mit einer Frau ins GesprĂ€ch: Lydia, eine PurpurhĂ€ndlerin aus Thyatira in Kleinasien. Ihre anfĂ€ngliche Skepsis schien schnell verschwunden: „Eine Frau namens Lydia, eine PurpurhĂ€ndlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; sie war eine GottesfĂŒrchtige, und der Herr öffnete ihr das Herz, so dass sie den Worten des Paulus aufmerksam lauschte.“ (Apg 16,14)

Sie liess sich noch an Ort und Stelle taufen und nahm Paulus und seine Begleitschaft bei sich auf: „Vom GefĂ€ngnis aus gingen die beiden zu Lydia. Dort fanden sie die BrĂŒder, sprachen ihnen Mut zu und zogen dann weiter.“ (Apg 16,40)

Der erste Christ in Europa war also eine Christin. Fortan liess sie die wachsende christliche Gemeinde in Philippi in ihrem Haus versammeln. Im Philipperbrief erwĂ€hnt Paulus zusĂ€tzlich auch die besondere finanzielle Hilfe durch die Gemeinde, die sie auf spĂ€teren Reisen unterstĂŒtzte.

Quelle:

  • Wikipedia.de: http://bit.ly/1jwRYvk (16. Juli 2014)
  • Jean-Pierre Sterck-Degueldre: Eine Frau namens Lydia. Mohr Siebeck, 2004, S. 114
  • Leo G. Linder: Jesus, Paulus & Co. GĂŒtersloher Verlagshaus, 2013, S. 200

Domine, quo vadis?

PĂŒnktlich zum höchsten Feiertag des Christentums veröffentlichte «Der Bund» drei Grafiken zum Zustand der Kirche in der Schweiz. So trostlos und ernĂŒchternd wie das nasskalte Osterwetter fallen auch die Resultate der Statistiken aus: Die Dienste der Kirche werden kaum noch genutzt, die Zahl der konfessionslosen Schweizer steigt rasant. Wohin geht die Kirche?

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Photo: http://barnabasbrethren.blogspot.ch

Sowohl fĂŒr Kleriker als auch fĂŒr Laien sind die Resultate wohl kaum ĂŒberraschend. Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass organisierte Religionen bei der progressiven Bevölkerung von heute kaum noch Anklang finden. Trotzdem ist die aus den Statistiken gewonnene Erkenntnis fĂŒr die Kirchen des Landes sehr bedrĂŒckend: Ihre Dienste sind obsolet und redundant. Vor allem bei Hochzeiten ist der Einbruch besonders gravierend.

Nur noch jedes 5. Paar wird kirchlich getraut
Vor zwei Jahren haben sich rund 43000 Paare in der Schweiz zivil das Jawort gegeben. Davon hielten es nur noch 9000 Paare fĂŒr notwendig, sich zusĂ€tzlich auch kirchlich trauen zu lassen. Die katholischen und evangelischen TraualtĂ€re blieben in den letzten Jahren so verwaist wie noch nie. Zum Vergleich: Vor 20 Jahren waren es 60 Prozent mehr, die vor Gott ihre Liebe schworen.

Bei Taufen ist ebenfalls ein RĂŒckschritt zu verzeichnen, auch wenn dieser weit weniger einschneidend ist als der von kirchlichen Trauungen: Von den rund 82000 geborenen Kindern in der Schweiz wurden knapp 36000 getauft – nicht einmal mehr jedes zweite.

Das Zeremoniell des Ablebens findet aber weiterhin in den BethĂ€usern statt und bleibt auch zukĂŒnftig eine der Hauptaufgaben der institutionalisierten Kirchen: Rund 64000 Menschen starben 2012 in der Schweiz, davon wurden fast 49000 kirchlich bestattet.

Konfessionslose Schweiz
Mehr als jeder fĂŒnfte Schweizer gehört heute offiziell keinem Glauben mehr an. Besonders in der Westschweiz und um Basel leben bemerkenswert viele Konfessionslose. In Waadt und Solothurn sind es jeweils 27 Prozent, in den Kantonen Genf und Neuenburg ist gar mehr als jeder Dritte konfessionslos. Spitzenwerte erreicht Basel-Landschaft: 44 Prozent aller Einwohner sind ohne Konfession.

Fernab von diesen hohen Zahlen befindet sich fast kein Kanton: Lediglich die erzkatholischen Glaubenshochburgen Uri (8%) und Appenzell-Innerrhoden (7%) weisen Werte unter 10 Prozent auf.

Ärgerlich ist, dass bei der Umfrage vom Bund bei den Konfessionslosen nicht zwischen Atheisten und Freikirchlern unterschieden wurde. Es existieren deshalb keine reprĂ€sentativen Zahlen darĂŒber, wie viele Schweizer ihr Leben ohne Gott fĂŒhren.

Herr, wohin willst du gehen?
Die stark voneinander abweichenden Resultate von Taufen und Bestattungen beweisen: Lediglich die Ă€ltere Generation der Schweiz hat noch eine wahrhaft existierende, innige Bindung zu der katholischen und evangelischen Kirche. Junge GlĂ€ubige suchen ihr Seelenheil in den Freikirchen des Landes, die mit dem frischeren Charme und dem vermittelten GemeinschaftsgefĂŒhl auch langjĂ€hrig glaubensleere Jugendliche wieder anlocken können.

Nebst dem biederen Auftreten schneiden sich die konservativen Kirchen mit dem konsequenten  Ausschluss von Atheisten aus sĂ€mtlichen sakralen Lebensabschnitten zusĂ€tzlich gleich doppelt ins eigene Fleisch. Diese verirren sich nĂ€mlich auch im Falle des wiederkehrenden Glaubens kaum noch in die verstaubten GlaubenshĂ€user zurĂŒck.

Zu verkrustet und eingefahren ist diese Trendwende. Der institutionalisierte Glaube hat ausgedient. Die vom Bund ausgewerteten Statistiken haben gezeigt, dass sich die katholischen und evangelischen Kirchen, zumindest in der Schweiz, zurzeit auf ihrem eigenen, letzten Kreuzgang befinden.

Die ausfĂŒhrlichen Statistiken und Grafiken findet ihr auf Der Bund.