Interview: FVS-VizeprĂ€sident Valentin Abgottspon

Nachdem Valentin Abgottspon vor fĂŒnf Jahren das Kruzifix aus seinem Klassenzimmer entfernte, wurde er als Lehrer fristlos entlassen. Heute kĂ€mpft der polarisierende Walliser weiter fĂŒr die strikte Trennung von Kirche und Staat. Mit ihm sprach Sandro Bucher.

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«Freidenker haben schlicht die besseren Argumente» (Bild: DOROTHEE SCHMID)

2015 jĂ€hrt sich der Tag deiner fristlosen Entlassung zum fĂŒnften Mal. Wie blickst du heute auf diese Schicksalstage zurĂŒck?
Valentin Abgottspon: GrundsĂ€tzlich blicke ich positiv auf die Zeit zurĂŒck, denn die fristlose Entlassung war der gröbste Blödsinn, den die Schulbehörde machen konnte. Die UnverhĂ€ltnismĂ€ssigkeit des Urteils schockierte Menschen in der ganzen Schweiz, die es nicht fĂŒr möglich hielten, dass solche Dinge in der heutigen Zeit noch passieren. Die Bevölkerung und Lehrerschaft wurde durch diesen Fall sensibilisiert. Das kann ich rĂŒckblickend jetzt so formulieren, da die Sache sozusagen durchgestanden ist. Es gab fĂŒr mich aber auch extrem dunkle Zeiten und eine schwere Niedergeschlagenheit. Und dass ich Zuschriften erhalten habe, in denen beispielsweise steht, dass meine Mutter Krebs habe, weil ich nicht an Gott glaube und dass sie versagt habe, weil sie mich nicht zu einem „anstĂ€ndigen Christenmenschen“ erzogen habe. Solche Dinge können schon etwas an einem nagen.

Hat sich seitens des Staates auch etwas geÀndert?
Nein. Es hat nicht dazu gefĂŒhrt, dass bei den staatlichen Behörden und Departementen im Kanton Wallis etwas gelaufen ist. Die nationalkonservative Schweizer Volkspartei (SVP) wollte gar das Kruzifix in allen Schulzimmern obligatorisch machen. Trotzdem bin ich davon ĂŒberzeugt, dass ich der Letzte war, dem so etwas passierte. So blöd wird keine Schulbehörde in der Schweiz mehr reagieren.

Was war der Auslöser dafĂŒr, dass du das Kruzifix entfernt hast?
Der konkrete Anlass war die Minarett-Initiative. Im Vorfeld der Abstimmung störte mich, dass so getan wurde, als wĂ€re die Schweiz ein christliches Land. Politik und Gesellschaft redeten plötzlich wieder von christlichen Werten und einem christlichen Staat. Da habe ich fĂŒr mich selbst entschieden, das Kruzifix abzunehmen. Ich habe es nicht aus Renitenz gemacht und keinen Streit gesucht, wie mir auch heute noch unterstellt wird.

Hast du mit deinen SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern nicht darĂŒber gesprochen?
Nein, das habe ich selbst entschieden und nie thematisiert, da es meinen Unterricht nicht tangierte. Auch im Nachhinein blieb die Diskussion aus, da es sowieso nicht in allen Schulzimmern Kruzifixe hatte. Erst im Vorfeld der GrĂŒndung der Freidenker-Sektion Wallis bekam ich erste Leserbriefe, SchmĂ€hbriefe und Hassbotschaften. Dann haben es auch die SchĂŒler bemerkt.

Deine Entlassung sorgte auch international fĂŒr Schlagzeilen. Ist die Schweiz in Sachen Religion vergleichsweise konservativ?
Die Gesellschaft ist schon viel weiter als Behörden, Politik und Medien, die noch nicht dort angekommen sind, wo Diskurs und Lebenswirklichkeit sich befinden. FĂŒr ganz viele Personen ist Religion schlicht irrelevant. Dennoch legen sich viele Politiker vor dem Wahlkampf den Mantel des Glaubens um. Nur hat das nicht mehr wirklich viel mit SpiritualitĂ€t zu tun. Wenn man ĂŒber die Burka oder Minarette diskutiert, diskutiert man auch ĂŒber die Unzufriedenheit mit GrenzgĂ€ngern und AuslĂ€ndern. Bei der Minarett-Initiative beispielsweise ging es nicht nur um Religion, sondern auch um Xenophobie und Rassismus.

Wie wĂŒrdest du dein VerhĂ€ltnis zur Kirche beschreiben?
Ich wĂŒrde mich durchaus als Aktivisten bezeichnen, der mittlerweile viele Aspekte bewusster erlebt, mehr Details kennt und sich ĂŒber die vielen Instransparenzen im Klaren ist. Inzwischen blicke ich wieder positiver in die Zukunft: Die junge Generation ist sĂ€kularer und auch Ältere distanzieren sich öfters von der Kirche. Irgendwann wird es einen Dammbruch geben und auch Politiker werden es einfacher haben, sich fĂŒr eine Trennung von Kirche und Staat auszusprechen. Freidenker und Humanisten haben schlicht die besseren Argumente auf ihrer Seite. Trotz der fehlenden Riesenbudgets fĂŒr Medienarbeit können wir uns deshalb gut positionieren und die Argumente glaubhaft rĂŒberbringen.

Freikirchen erleben jedoch einen Zuwachs, vor allem bei der jĂŒngeren Generation.
Das ist sehr bedauerlich. Es ist ja eine Art Katholizismus oder RigiditĂ€t im Denken, die Freikirchen an den Tag legen. Wir mĂŒssen in der Schule FĂ€cher erarbeiten, die kritisches Denken und RationalitĂ€t fördern. Eine Art Anleitung zum und Hilfe beim sauberen Denken. Mit dem Internet haben wir bereits ein durchdringendes Tool, das diesbezĂŒglich krĂ€ftig mithilft. Dadurch wird die Tendenz sinken, dass ein grosser Teil der Bevölkerung in einen Extremismus verfĂ€llt oder den RattenfĂ€ngern von Freikirchen und Sekten in die FĂ€nge geht. Es wird aber immer Menschen geben, die sich gefangen nehmen lassen, insbesondere wenn sie aufgrund von – eventuell vorĂŒbergehenden – Extremsituationen und SchicksalsschlĂ€gen in ihrem Leben besonders verwundbar sind.

Wie schÀtzt du die Lage in der Schweiz hinsichtlich Trennung von Kirche und Staat ein?
Im Alltagsleben der Schweizerinnen und Schweizer ist die Kirche kein bestimmender Faktor mehr. In gewissen Kantonen gibt es bei der SĂ€kularisierung nur noch wenige Baustellen. Bei allen anderen wird die Trennung Schritt fĂŒr Schritt weitergehen. In weiten Landesteilen mĂŒssen erst die Transparenz der Kirchen und religionswissenschaftliche AnsĂ€tze in den Lehrmitteln und im Unterricht der Volksschule etabliert werden. So, dass auch Atheismus und Humanismus in unserer Gesellschaft ihren angemessenen Platz finden.

Welche Rolle spielen dabei die Medien?
Besonders bei den öffentlich-rechtlichen Medien finde ich viele Dinge kritikwĂŒrdig. Das „Wort zum Sonntag“ des Schweizer Radio und Fernsehens (SRF) durften, obwohl die Sendung als christlicher Kommentar definiert wird, auch schon Hindus, Buddhisten und Muslime ergreifen, jedoch keine Freidenker. Dass dies nicht mehr zeitgemĂ€ss ist, wissen das SRF und die katholischen und reformierten Medienbeauftragten. Das sind reine Besitzstandwahrungen und das Krallen an die Moneten, beziehungsweise Privilegien. Das ist schlicht nicht in Ordnung. Das haben mir gegenĂŒber im privaten GesprĂ€ch bei einem Kaffee oder Bier sowohl SRF-Angestellte wie auch hohe kirchliche FunktionĂ€re schon zugegeben. Öffentlich wollen sie sowas aber natĂŒrlich nicht gestehen.

Die Freidenker-Vereinigung Schweiz hat eine Plakatkampagne lanciert, in der ihr, begleitet von einem offenen Brief, fragt: „Liebe Katholiken! Huonder tritt nicht aus. Wie steht’s mit euch?“


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Kampagnen-Plakat

Wir wollen die Katholikinnen und Katholiken dazu auffordern, ĂŒber einen Kirchenaustritt nachzudenken. Sehr viele von ihnen haben innerlich ihren Kirchenaustritt schon vollzogen und die menschenfeindlichen, intoleranten Äusserungen des Kirchenaustrittskatalysators und Bischof Vitus Huonder sind geeignet, sich selber den Anstoss zu geben und in diesem Verein nicht mehr mitzumachen und ihn nicht mehr mitzufinanzieren. Huonder hat zwar auch innerkirchlich etwas Gegenwind zu spĂŒren bekommen. Er sitzt aber immer noch fest auf seinem Bischofssitz. Und er gibt mit seiner Ablehnung der praktizierten HomosexualitĂ€t nur die geltende Kirchenlehre, wie sie im Katechismus steht, wieder. Es ist etwas unaufrichtig und inkonsequent, wenn Katholikinnen und Katholiken denken, dass sich katholische GrundsĂ€tze und Ehe, Toleranz und Adoptionsrecht fĂŒr alle unter einen Hut bringen liessen.

Was möchtest du neben der Aufwertung der medialen PrÀsenz noch erreichen?
Zentral ist momentan, dass wir Freidenkerinnen und Freidenker bei der Umsetzung der Grundlagen des Lehrplans 21 gut aufpassen. Es ist vorgesehen, dass der konfessionelle Religionsunterricht nicht mehr Aufgabe der Volksschule ist. Viele Kantone werden hier aber von diesem Grundsatz abweichen wollen und den Kirchen viele Privilegien zuschanzen und ihnen den Zugriff auf die Kinder weiterhin gewĂ€hren. Die Kirchensteuern fĂŒr juristische Personen gehören abgeschafft. Abseits davon sehe ich einen Teil meines Engagements auch international. Auch wenn mir schlimme Dinge widerfahren sind, sind sie kein Vergleich zu dem, was Menschen wie Raif Badawi angetan wird. Mein Einsatz hört nicht beim Laizismus auf. Ich bin und bleibe wohl mein Leben lang Aktivist.

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Das Interview erschien auf hpd.de.

Christliche Premieren

English version

Der geschichtliche Wahrheitsgehalt vieler biblischer Begebenheiten darf zu Recht angezweifelt werden. Durch intensive Spurensicherung in Evangelien und zeitgenössischen Inschriften vermögen Historiker trotzdem, ein authentisches Bild der Entstehungsgeschichte des Christentums zu zeichnen. Wie hiess der erste Christ in Europa? Wann wurde das Kruzifix zum ersten Mal als Glaubenssymbol verwendet? Wie viel wissen wir ĂŒber den Beginn des Glaubens?

Das erste Kreuz

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Im Obergeschoss eines Hauses in Herculaneum fand man den Abdruck eines Kreuzes in der Wand. Foto: Bruder-Dienst

Das traurige Schicksal der italienischen Landstadt Pompeji ist auch heute vielen Menschen noch prÀsent. Im Jahr 79 wurde die Stadt am Golf von Neapel von einer Vulkankatastrophe heimgesucht und durch die Folgen des Ausbruchs komplett unter einer zwölf Meter dicken Schicht aus Asche und Bims bedeckt.

Das Leben einer Kleinstadt wurde vollstĂ€ndig konserviert. Diese Tragödie stellte sich als GlĂŒcksfall fĂŒr neuzeitliche Wissenschaftler heraus, denn nirgends sonst verfĂŒgt man ĂŒber eine so unverfĂ€lschte und reine Momentaufnahme des Lebens vergangener Tage.

1813 wurde bei Ausgrabungsarbeiten in den Ruinen der Stadt eine Art BĂ€ckerei freigelegt. GegenĂŒber der EingangstĂŒr stiessen die Forscher auf einen unglaublichen Fund: Ein Abdruck eines christliches Kreuzes im Wandverputz.

Bisher gingen Historiker davon aus, dass sich das Kruzifix als christliches Glaubenssymbol erst viel spĂ€ter durchgesetzt hat, nicht bereits 40 Jahre nach der Kreuzigung Jesu. 1938 bestĂ€tigte sich bei Forschungen in der Nachbarstadt Pompejis, Herculaneum, dass das Kreuz im BĂ€ckerladen kein Zufall war. Auch hier stiess man im Obergeschoss eines Familienhauses auf die Überreste eines Kreuzes an der Wand.

Quelle:

  • Eckhard J. Schnabel: Urchristliche Mission. TVG, 2002, S. 795
  • Leo G. Linder: Jesus, Paulus & Co. GĂŒtersloher Verlagshaus, 2013, S. 238ff.

Die erste Kirche

Im Jahr 313 wird das Christentum zur offiziell bevorzugten Religion des Römischen Reichs ausgerufen – nur zwei Jahre nachdem die erste Christenverfolgung ihr Ende nahm. Hauptverantwortlich dafĂŒr war Kaiser Konstantin, der die Welt in vieler Hinsicht verĂ€nderte: Er schaffte den Kaiserkult ab und erliess zahlreiche Gesetze, die von christlichen Moralvorstellungen und –werten geprĂ€gt waren. Bis heute machen sich die erlassenen Gesetze von Konstantin bemerkbar: Er fĂŒhrte den Sonntag als Ruhetag ein.

Zwei Jahre nach seinem Amtsantritt liess er bedĂŒrftige Familien mit Kleidern und Nahrung versorgen. Finanziert wurde dies ausschliesslich aus des Kaisers Kassen.

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Die heutige Basilika von Aquileia. Foto: JÖRG/HolidayCheck

Ob Konstantin Christ war, oder ob er die Religion hauptsĂ€chlich als Opium fĂŒr das Volk missbrauchte, sei dahingestellt. Dass sich seine Handschrift durch die ersten, entscheidenden Entwicklungsphasen des Christentums zieht ist jedoch nicht zu dementieren. So war er es, der erstmals ein christliches Kirchenbauprogramm in die Wege geleitet hat.

Die allererste Kirche entsteht im Jahr 314 in der Stadt Aquileia in der italienischen Provinz Udine, 45 Kilometer von Triest entfernt.

NatĂŒrlich gab es bereits vor dem Bau dieser Kirche zahlreiche Haus- und Saalkirchen, doch keine dieser Kirchen wurde mit dem Ziel erbaut, ausschliesslich Christen in ihrer Glaubenspraktizierung zu dienen. Immerhin hĂ€tte man damit bis vor 313 einen MĂ€rtyrertod riskiert.

Auch in der Kirche Aquileias hielt man sich ursprĂŒnglich mit offenen Bekenntnissen zurĂŒck: WĂ€hrend noch keinerlei Symbolik auf dem Mosaikfussboden oder an WĂ€nden zu finden war, fand man diese erstmals in der zweiten Kirche, die wenige Jahre spĂ€ter neben ihr erbaut wurde.

Quelle:

  • Reisebuch.de: http://bit.ly/1sn7kp6 (16. Juli 2014)
  • Leo G. Linder: Jesus, Paulus & Co. GĂŒtersloher Verlagshaus, 2013, S. 245ff.

Der erste Christ in Europa

„Wir [Lukas, Silas und Paulus] legten von Troas ab und gelangten auf dem kĂŒrzesten Weg nach Samothrake; am folgenden Tag erreichten wir Neapolis.“ (Apg 16,11)

Nahe der Bucht von Neapolis betrat Paulus der Bekehrer zum ersten Mal europĂ€ischen Boden. Nur wenige Tage nach ihrer Ankauft reisten er, Silas und Lukas weiter nach Philippi. Zu dieser Zeit war Philippi, der angebliche Geburtsort Lukas‘, noch eine römische Kolonie.

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In Philippi spricht Paulus zu einer kleinen Gruppe Juden. Unter den Zuhörern befindet sich auch die zukĂŒnftige erste Christin in Europa. Foto: Ultimate Bible Picture Collection

In Philippi trafen die Reisenden auf eine kleine Gruppe Juden, die sich zum Gebet versammelt hatten. Man setzte sich dazu und kam mit einer Frau ins GesprĂ€ch: Lydia, eine PurpurhĂ€ndlerin aus Thyatira in Kleinasien. Ihre anfĂ€ngliche Skepsis schien schnell verschwunden: „Eine Frau namens Lydia, eine PurpurhĂ€ndlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; sie war eine GottesfĂŒrchtige, und der Herr öffnete ihr das Herz, so dass sie den Worten des Paulus aufmerksam lauschte.“ (Apg 16,14)

Sie liess sich noch an Ort und Stelle taufen und nahm Paulus und seine Begleitschaft bei sich auf: „Vom GefĂ€ngnis aus gingen die beiden zu Lydia. Dort fanden sie die BrĂŒder, sprachen ihnen Mut zu und zogen dann weiter.“ (Apg 16,40)

Der erste Christ in Europa war also eine Christin. Fortan liess sie die wachsende christliche Gemeinde in Philippi in ihrem Haus versammeln. Im Philipperbrief erwĂ€hnt Paulus zusĂ€tzlich auch die besondere finanzielle Hilfe durch die Gemeinde, die sie auf spĂ€teren Reisen unterstĂŒtzte.

Quelle:

  • Wikipedia.de: http://bit.ly/1jwRYvk (16. Juli 2014)
  • Jean-Pierre Sterck-Degueldre: Eine Frau namens Lydia. Mohr Siebeck, 2004, S. 114
  • Leo G. Linder: Jesus, Paulus & Co. GĂŒtersloher Verlagshaus, 2013, S. 200

Kampf ums Kruzifix

Der EU-ParlamentsprĂ€sident Martin Schulz forderte wĂ€hrend einer TV-Diskussion, dass religiöse Symbole im öffentlichen Raum keinen Platz haben sollen. Wenige Tage spĂ€ter kriecht er zu Kreuze und zieht seine Aussage zurĂŒck. Die Debatte brennt indes weiter.  

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Martin Schulz, Auslöser einer erneuten Kruzifix-Debatte. Photo: PATRICK HERTZOG/AFP

Martin Schulz ist Spitzenkandidat der sozialdemokratischen Parteien fĂŒr die Europawahlen. Seit mehreren Wochen befindet sich der PrĂ€sident des EU-Parlaments deswegen auf Wahlkampftour durch ganz Europa.

Im Duell gegen seinen politischen Gegner Jean-Claude Junker gibt sich der Sozialdemokrat ungewohnt sachlich und zurĂŒckhaltend. Diese NeutralitĂ€t wurde ihm in einer TV-Diskussion vor einigen Tagen zum VerhĂ€ngnis: Schulz forderte, dass der öffentliche Raum neutral sein mĂŒsse und keinen Platz fĂŒr religiöse Symbole bieten dĂŒrfe. Christliche Parteien und kirchliche Kreise kritisieren den Europa-Politiker scharf. Trotz sofortigem ZurĂŒckrudern wenige Tage spĂ€ter schaffte es Schulz nicht, den Brandherd der Debatte frĂŒhzeitig zu löschen. Der Kampf ums Kruzifix hat wieder begonnen.

„Verbannung des Kreuzes ist gegen die EuropĂ€ische Verfassung“

Ludwig Schick war einer der ersten, der die Äusserungen von Schulz angefochten hat: „In der EuropĂ€ischen Verfassung steht, dass die Werte, die die EuropĂ€ische Union prĂ€gen, erhalten werden sollen. Dazu gehören auch Kreuze. Dieses Symbol muss in der Öffentlichkeit bleiben“, schreibt der Bamberger Erzbischof auf der Webseite seines Erzbistums. Das Kreuz symbolisiere mit seinen gekreuzten Balken die Verbundenheit der Menschen mit Gott und die Verbundenheit mit anderen Menschen durch Liebe, so Schick. „Das kann man sogar Nichtchristen erklĂ€ren, sodass sie das Kreuz als Symbol wertschĂ€tzen können.“

Zustimmung findet Schick bei dem bayrischen Weihbischof Anton Losinger, der eine absolute Notwendigkeit in der öffentlichen Zurschaustellung von Kreuzen sieht: „Wir brauchen das Kreuz in den Schulen. Vor allem junge Menschen suchen heute Orientierung und Halt. Wo sie keine Antworten bekommen, entsteht geistige Not.“

Das Kruzifix ist kein Kreuz, dass die EU zu tragen hat

Die Endlosdebatte um das Kruzifix hat Martin Schulz neu angeheizt. Die BefĂŒrworter und Gegner drehen sich aber weiter im Kreis und argumentieren wie schon vor 3 Jahren – als der EuropĂ€ische Gerichtshof fĂŒr Menschenrechtsfragen in letzter Instanz entschieden hat, dass in italienischen Klassenzimmern Kreuze hĂ€ngen dĂŒrfen -, oder auch vor 19 Jahren, als die deutsche Rechtsordnung die Frage nach Kreuzen im öffentlichen Raum im Bundesverfassungsgericht schriftlich festgehalten hat.

Die kontroversen Aussagen von Martin Schulz waren ein misslungenes Wahlkampfmanöver. Seine UnĂŒberlegtheit hinter den undifferenzierten Worten stellte er offen zur Schau, als er sich wenige Tage nach der Kruzifix-Äusserung im Interview mit der deutschen Tageszeitung „Die Welt“ an einem strategischen RĂŒckzug versuchte: „Kreuze sind ein Teil unseres Erbes, ĂŒber das ich mich bei jedem Spaziergang freue.“ Er wolle diese nicht im öffentlichen Raum verbannen und sei missverstanden worden.

Die defĂ€tistische Umkehr vom SPD-Politiker unterstreicht, dass er sich nicht im Vorfeld mit der Thematik befasst hat. Das meint auch Sven Speer, Vorsitzender des Forums fĂŒr Offene Religionspolitik, im Interview mit Katholisch.net: „Schulz zettelt diese Debatte zu einem Unzeitpunkt an. Es gibt gar keinen Grund, das jetzt und vor allem auf EU-Ebene zu regeln. Ohnehin liegt die ZustĂ€ndigkeit nicht bei der EU, sondern auf Ebene der Mitgliedsstaaten.“

Deutschland legt sich selbst aufs Kreuz

Bei dem Kruzifix-Thema geht es, insbesondere in Deutschland, nicht nur um das StĂŒck Holz an den WĂ€nden. Die Problematik ist viel komplexer und in den gesellschaftlichen Wertvorstellungen verwurzelt. Das Kreuz wird in erster Linie nicht mehr von allen als religiöses Symbol angenommen, sondern als ein Symbol der abendlĂ€ndischen Kultur. Im Gegensatz dazu werden muslimische Symbole wie Burkas und KopftĂŒcher als politisches Symbol gewertet. Zu diesem Schluss kommt Speer und kritisiert damit zu Recht die schwammige Rechtspraxis in Deutschland.

Ein Kreuzchen fĂŒrs Kreuz

Mit seiner Äusserung schaffte sich Schulz mehr Feinde als Freunde. Sein Mitstreiter um den Top-Job in BrĂŒssel, EVP-Politiker Jean-Claude Juncker, nutzte noch wĂ€hrend der TV-Diskussion die Gunst der Stunde und schmeichelte den Christen des Landes: „Die EU soll sich nicht einmischen in der Frage, wie Religion vor Ort gelebt wird. Lokale und regionale Sitten und GebrĂ€uche dĂŒrfen nicht angetastet werden, solange die Grundprinzipien und Werte der Union eingehalten werden.“

Im Endspurt des Rennens um die Europawahl wird es nochmals eng. Die geistlichen Kreise mobilisieren ihre SchĂ€fchen mit klaren Aufforderungen, wie diese am 25. Mai zu wĂ€hlen haben. So zum Beispiel auch das katholische Online-Nachrichtenmagazin kath.net, das in einem kritischen Artikel mit Martin Schulz abrechnet und um aktive Beteiligung bittet: „Wir bitten unsere MitbĂŒrger, ihre Stimme den Kandidaten zu geben, die sich fĂŒr die allgemeingĂŒltigen christlichen Werte einsetzen.“

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Diesen Artikel findet ihr auch auf tink.ch