Der Papst in der Presse

Manche Medien wenden bei komplexen Sachverhalten ein Schwarz-Weiss-Denken an, um zu versuchen, verflochtene UmstĂ€nde auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen. Dass die ObjektivitĂ€t und Relevanz unter diesen Gegebenheiten leidet, zeigt die Berichterstattung zum Bergoglio-Papst auf eindrĂŒckliche Art und Weise.

(CC BY-NC-SA 2.0)
Bild: Flickr.com/TIM RECKMANN

Die Berichterstattung ĂŒber Religion hat einen Geruch der Unfreiheit an sich. Als Franziskus vor rund zwei Jahren die Hallen des Vatikans vom neokonservativen Mief der Benedikt-Ära befreite, schien der Jesuitenpapst nebst der Ferula auch eine Carte blanche der internationalen Presse zu erhalten. Verschwiegen wurden seine heiklen Aussagen in der Vergangenheit, kein Wort ĂŒber seine konservativen Ansichten verloren. Journalistinnen und Journalisten segelten im Wind der Hoffnung, den die vielen, progressiven Katholikinnen und Katholiken sĂ€ten.

Auch der Papst nutzte die Gunst der Stunde und trieb die gesungenen, oft gehaltlosen Lobeshymnen an, indem er mit oberflĂ€chlichen VerĂ€nderungen wie der Vereinfachung seiner Kleidung und dem Verzicht auf die Papstresidenz Wasser auf die MĂŒhlen der Medien goss.

Fehlende Differenzierung

Zu Recht bezeichneten Kleriker und Laien die Wahl des Argentiniers zum Oberhaupt der katholischen Kirche als einen Schritt in eine modernere Zukunft. Die Ernennung Bergoglios war ein notwendiger Akt, der zur TeilentrĂŒmpelung obsoleter Traditionen fĂŒhrte. Dass die ObjektivitĂ€t der Berichterstattung darunter leiden wird, war abzusehen. Dass Kritik und Klagen fast in ihrer Gesamtheit ausblendet wurden, ĂŒberraschte hingegen doch.

Der Pilgerweg Franziskus‘ hĂ€tte von Anfang an differenzierter betrachtet werden mĂŒssen, als dies viele MedienhĂ€user taten. Es hĂ€tte nicht darĂŒber hinweggesehen werden dĂŒrfen, dass Jorge Maria Bergoglio zu seiner Zeit als Erzbischof und Kardinal von Buenos Aires des Öfteren mit besonders kernigen und extremen Aussagen auf sich aufmerksam machte. „Wer nicht zu Gott betet, der betet zu Satan“, meinte er einst.

Kehrseite der Medaille

Mittlerweile hat sich ein erkennbares Mittelmaß in den Medien manifestiert, was die Reportage ĂŒber den Papst betrifft. Anfang Februar dieses Jahres traf Franziskus delikate Aussagen in zu kurzen AbstĂ€nden, dass diese hĂ€tten ĂŒberspielt, abgeschwĂ€cht oder ignoriert werden können.

Als die slowakische Bewegung „Allianz fĂŒr die Familie“ (AZR) mit UnterstĂŒtzung der katholischen Kirche ĂŒber 400‘000 Stimmen fĂŒr ihr „Referendum zum Schutz der Familie“ sammelte, meinte der Papst bei der Generalaudienz am darauffolgenden Mittwoch: „Ich begrĂŒĂŸe alle Pilger aus der Slowakei und möchte der slowakischen Kirche meine Anerkennung ausdrĂŒcken. Ich fordere alle auf, ihre Anstrengungen zur Verteidigung der Familie, des KernstĂŒcks unserer Gesellschaft, fortzusetzen.“ Im Referendum geht es unter anderem darum, gleichgeschlechtlichen Paaren die Adoption und das Recht auf eine Ehe zu verwehren. Dass der Papst spĂ€ter SchlĂ€ge gegen Kinder billigte – solange dabei deren WĂŒrde geachtet werde – brachte das Fass zum Überlaufen.

Besonnene Beobachtung

Es ist nur fair, dass die Vergangenheit eines Menschen nicht unter einem Mikroskop auf jedwede Ungereimtheiten untersucht wird. Auch dass nicht jedes Wort des Argentiniers bei Amtsantritt auf die Goldwaage gelegt wurde, zeigt ein gewisses Maß an SolidaritĂ€t der englisch- und deutschsprachigen Medien mit der katholischen Kirche, die unter dem Pontifikat von Benedikt XVI. unter Dauerbeschuss stand.

Was bleibt, ist die Hoffnung, dass die nÀchsten Handlungen des Papstes ausgewogener und neutraler beobachtet und analysiert werden. So wÀre vielen Laien die Frage, woher der plötzliche Wandel des Papstes komme, erspart geblieben. Denn einen gewissen Gestank kann und wird man in den heiligen Hallen des Vatikans immer vernehmen können. Nur vermischt sich dieser nicht mehr mit dem Mief der Benediktpolitik.

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„Eine Orgie fĂŒr Presse, Publikum und Professoren“

ISIS, Ebola, Gaza, Hamas, Ukraine-Russland: Themen, die durch die veröffentlichten Nackt-Selfies des Badener Stadtammans Geri MĂŒller fĂŒr mehrere Tage auf Seite zwei verbannt wurden. Der erhobene Penis von Geri stand zwar nur kurze Zeit im Zentrum, aber die erhobenen Zeigefinger der Medien liessen die mediale Eintagsfliege zu einem ausgewachsenen Elefanten mutieren.

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„Wenn das prĂŒde Amerika einen Blowjob des PrĂ€sidenten duldet, wird die Schweiz wohl ĂŒber eine imaginĂ€re AffĂ€re eines Politikers hinweg kommen, nicht?“ Illustration: SILAS BITTERLI / Tink.ch

„Hat es uns zu interessieren, wenn ein gewĂ€hlter, landesweit bekannter Politiker im Stadthaus seine Hosen runterlĂ€sst, um seiner Tagesabschnittspartnerin freudig den momentanen Zustand seiner Erregung mitzuteilen?“ Diese Frage stellt sich Roger Köppel im Editorial „Im Zweifel fĂŒr Geri MĂŒller“, veröffentlicht in der Weltwoche vom 21. August 2014. Wenn sich der umstrittenste Journalist der Schweiz auf ein moralisches Podest stellen kann, ist die Frage durchaus berechtigt, ob die Medien korrekt mit Geris Glied umgegangen sind.

Inszenierter Skandal

Hastig arrangierte Strassenumfragen etlicher Zeitungen zeigten frĂŒh den Trend: Kaum eine Person brĂŒskierte sich wahrhaftig ĂŒber Geri MĂŒllers Nackt-Selfies. Kurzweilig wurden Zweifel an seiner politischen IntegritĂ€t laut, doch die ganze Thematik flaute schnell zum humoristischen Zwischenfall ab.

Das frivole Intermezzo des Badener Stadtammans hĂ€tte frĂŒhzeitig wieder ad acta gelegt werden können. Doch das StĂŒck ist nicht zu Ende, bevor der Vorhang fĂ€llt. Als Vorhangzieher operieren hierbei die Schweizer Medien. Denn statt Geris bestes StĂŒck mit gesenktem Kopf von der BĂŒhne abtreten zu lassen, begaben sie sich auf die Suche nach Spannern, Satirikern und SittenwĂ€chtern, die das trĂ€ge TheaterstĂŒck in den zweiten Akt bugsierten.

Bill Clinton ante portas

Als der US-amerikanische PrÀsident Bill Clinton zugab, mit seiner damaligen Angestellten Monica Lewinsky Oralsex im Oval Office gehabt zu haben, durfte er sein Amt behalten. Auch damals schlossen sich amerikanische SittenwÀchter gegen Clinton zusammen, und durften ihre von christlichen Werten geprÀgten Predigten auf Podesten vortragen, die ihnen die Medien zusammenbauten.

Doch trotz dem unnachgiebigen Gegenwind standen die BĂŒrger von Amerika hinter ihrem PrĂ€sidenten. Auch wenn Bill Clintons Amtszeit bis in alle Ewigkeit nicht mit den wachsenden Spannungen im Nahen Osten, sondern einer anderen wachsenden Spannung assoziiert wird, durfte der PrĂ€sident erhobenen Hauptes seine Aufgaben weiterhin ausfĂŒhren.

Weshalb also können Schweizer Moralapostel Geri MĂŒller an den Rand eines RĂŒcktritts drĂ€ngen, wenn sogar US-ChefanklĂ€ger Kenneth Starr und die Republikanische Partei frĂŒhzeitig daran scheiterten, Bill Clinton aus dem Oval Office zu treiben? Unterstehen Schweizer Politiker tatsĂ€chlich strengeren Richtlinien als der PrĂ€sident des mĂ€chtigsten Landes der Welt?

Wenn das prĂŒde Amerika einen Blowjob des PrĂ€sidenten duldet, wird die Schweiz wohl ĂŒber eine imaginĂ€re AffĂ€re eines Politikers hinweg kommen, nicht?

Mantel der Moral

Im Gegensatz zu Bill Clinton wurde bei Geri MĂŒller nicht nur das Vergehen an sich kritisiert. Besonders die Schweiz am Sonntag, die den Fall erst ins Rollen brachte, ummantelte ihre Beanstandung gegen MĂŒller mit beinahe ausufernder BeweisfĂŒhrung. So steht fĂŒr die Sonntagszeitung nicht das Selfie, sondern die Verschwendung wertvoller Arbeitszeit im Fokus des Ärgernisses.

Latent konfrontierte man die Leser durch diese anschauliche Darlegung mit der Idee, dass es sich nicht um ein einmaliges Selfie von Geri MĂŒller handelte. Noch bevor die ersten Details ĂŒberhaupt bekannt wurden, war der Politiker der GrĂŒnen bereits als MehrfachtĂ€ter abgestempelt worden, der stundenlang in den Badener AmtsrĂ€umen explizite Fotos auf Kosten des Steuerzahlers versendete.

Macht der Worte

Überdies sprach die Schweiz am Sonntag von einem Amtsmissbrauch. Ein Schlagwort, das auch Lokal- und Tageszeitungen in der Folge scharenweise in ihre Berichterstattung aufnahmen. Doch bei diesem Zwischenfall von einem handfesten Amtsmissbrauch zu reden ĂŒberspannt nicht nur den Bogen des guten Geschmacks, sondern schmĂ€lert unnötigerweise auch die Tragweite von wahrhaftigen Ereignissen, in denen Politiker ihre Position ausnutzten und der Bevölkerung Schaden zufĂŒgten.

Ein Amtsmissbrauch wĂŒrde nĂ€mlich nur dann vorliegen, wenn MĂŒller aktiv die Stadtpolizei mobilisiert hĂ€tte, um diese fĂŒr seine Zwecke zu missbrauchen. Die PrĂ€zisierungen der involvierten Polizeistellen haben dies aber frĂŒhzeitig dementiert. Die Anschuldigung des Amtsmissbrauchs wurde nur durch gierige Lokalmedien am Leben erhalten.

Der Schweizer Journalist Constantin Seibt verfasste auf Twitter mit wenigen Worten ein einsichtiges und stichhaltiges ResĂŒmee: „Massenselbstbefriedigung. Eine Orgie fĂŒr Presse, Publikum, Professoren. Herr MĂŒller hebt den Penis und der Rest der Schweiz den Zeigefinger. Im Zweifel lieber ersteres.“

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Der Artikel erschien zusÀtzlich auf tink.ch.