Das Zölibat – KrebsgeschwĂŒr der katholischen Kirche

Im GesprĂ€ch mit einem italienischen Journalisten erwĂ€hnte Papst Franziskus, dass das Zölibat kein christliches Dogma, sondern lediglich ein Abkommen aus dem Mittelalter sei. Trotzdem betonte der Argentinier die Wichtigkeit der Ehelosigkeit fĂŒr Priester und hĂ€lt scheinbar eisern an dem Gesetz fest. Kirchen-Kenner und Theologen sind sich allerdings sicher: Das Zölibat wird unter Franziskus fallen.

Zölibat
Das Zölibat zwingt Kleriker, sich zwischen Liebe und Glauben zu entscheiden. Photo: Fotolia

Das 11. Jahrhundert war ein pechschwarzes Kapitel der Kirchengeschichte: Die ersten KreuzzĂŒge, zahlreiche Investiturstreits und die EinfĂŒhrung des Eheverbots fĂŒr Priester umrahmen den Höhepunkt des politischen Konflikts zwischen geistlicher und weltlicher Macht. Überbleibsel dieser dunklen Epoche ist das KrebsgeschwĂŒr Zölibatgesetz. Von erzkonservativen Klerikern widerrechtlich eingefĂŒhrt, wollten sich bis heute weder ein Konzil noch ein Papst an der Aufhebung dieses Gesetzes die Finger verbrennen.

„Eine Sexual- und Frauenfeindlichkeit“

Der renommierte Schweizer Theologe Hans KĂŒng ist einer der grössten Kritiker des Eheverbots fĂŒr Priester und hat mehrere BĂŒcher zu diesem Thema verfasst. In seinem Werk „Ist die Kirche noch zu retten?“ schreibt er: „Das Zölibatgesetz ist keine Glaubenswahrheit. Als Kirchengesetz aus dem 11. Jahrhundert, hĂ€tte es bereits auf den Einspruch der Reformatoren des 16. Jahrhunderts hin aufgehoben werden sollen.“

Weiter ist fĂŒr KĂŒng dieses Gesetz eine Sexual- und Frauenfeindlichkeit, die nicht nur unzeitgemĂ€ss, sondern auch theologisch fragwĂŒrdig und kaum zu halten sei.

„Mauer zwischen Kirche und Mensch“

Die Mehrheit in der Schweizer Bevölkerung ist sich einig: Das Zwangszölibat muss weg. Ein Pfarrer aus dem Kanton Luzern meint: „Das Gesetz entspricht nicht mehr den Wertvorstellungen der heutigen Gesellschaft. Es sollte Priestern freiwillig ĂŒberlassen werden, ob diese zölibatĂ€r leben wollen oder nicht.“ Ein Amtskollege stimmt ihm zu: „Verheiratete Priester wĂ€ren wahrscheinlich viel volksnĂ€her. Schliesslich leben auch fast alle katholischen Laien nicht zölibatĂ€r. Durch dieses Gesetz entsteht eine Mauer zwischen Kirche und Mensch.“

Tanja Schmidli (19) ist Katholikin aus Aargau. FĂŒr sie ist das Zölibatsgesetz mehr als nur eine EinschrĂ€nkung fĂŒr Priester: „Ich bin mir sicher, dass das Zölibat auch dazu beitrĂ€gt, dass immer mehr Priester pĂ€dophil werden. Das Eheverbot schadet nicht nur der Kirche, sondern auch den Menschen. Man sollte es sofort abschaffen.“

Auch konfessionslose Schweizer wie Benjamin Lauber (26) aus Solothurn stehen grösstenteils hinter der Abschaffung des mittelalterlichen Gesetzes: „Mit solchen Dingen schadet sich die Kirche nur selbst. Mit dem Zölibat erschreckt man junge Menschen. Deshalb veraltet die Kirche auch so extrem.“

Im Klerus der Kirche findet man jedoch weiterhin zahlreiche Stimmen, die hinter dem Eheverbot fĂŒr Priester stehen. So auch ein Priester aus dem Kanton St. Gallen: „Die Priester wissen ja, worauf sie sich einlassen. Die Kirche muss fĂŒr Kleriker die einzige Geliebte bleiben. Das ist ein Versprechen, das man mit der katholischen Kirche eingeht.“

Hebt Franziskus das Zölibat auf?

Obwohl momentan fast nichts darauf hindeutet, sind sich viele Theologen und Kirchen-Kenner sicher, dass das Zölibat unter Papst Franziskus fallen wird.

Im Interview mit der österreichischen Tageszeitung „Kurier“ sagte der Vatikan-Experte Andreas Englisch: „Ich glaube, es wird ein Nachdenken ĂŒber die Ehelosigkeit der Priester geben. Die Kirche wird es den Priestern freistellen, ob sie zölibatĂ€r leben oder ob sie heiraten wollen.“

TatsĂ€chlich ist Papst Franziskus dafĂŒr verantwortlich, dass ein anderes umstrittenes Gesetz noch dieses Jahr aufgehoben wird: Wiederverheiratete Laien werden zukĂŒnftig uneingeschrĂ€nkten Zugang zu den Sakramenten erhalten.

KrebsgeschwĂŒr der katholischen Kirche

Das Zölibat ist wie ein KrebsgeschwĂŒr, dass die Patientin katholische Kirche von innen zerfrisst. Es ist hauptverantwortlich dafĂŒr, dass in Europa ein dramatischer Priestermangel herrscht – in der Schweiz sank die Zahl der Priester in den letzten 40 Jahren von 4‘500 auf 3‘000. Bereits Papst Benedikt XVI. hat in einer Rede den europĂ€ischen Priestermangel bedauert, sprach allerdings nicht offen ĂŒber die GrĂŒnde, die dazu fĂŒhrten.

Papst Franziskus spricht ehrlicher ĂŒber die Streitfragen der Kirche. Er weiss, dass die ewige Debatte um das Eheverbot fĂŒr Priester ein Brandherd ist, der schon vor Jahrhunderten hĂ€tte gelöscht werden mĂŒssen.

„Rebellen-Papst“ Franziskus

Mit der VerĂ€nderung des vatikanischen Zeremoniells, der Auflockerung des höfischen Protokolls und der Vereinfachung der Kleidung hat der argentinische Papst bereits frĂŒh in seinem Pontifikat einen entscheidenden Paradigmenwechsel eingelĂ€utet. Dieser könnte sich durchaus bis zur Abschaffung des Zwangszölibats weiterziehen.

Franziskus‘ puristische, rebellische Grundhaltung wird geprĂ€gt durch seine Zugehörigkeit zum Jesuitenorden, der intellektuellen Speerspitze der katholischen Kirche, und seinem geographischen Hintergrund: Im pĂ€pstlichen Heimatkontinent SĂŒdamerika wird das Zölibat von der grossen Mehrheit der Kleriker nur mĂŒde belĂ€chelt.

Papst Franziskus hat den Wagen des Fortschritts, der so lange festgefahren war, wieder in Gang gebracht. Falls die Kirche lÀngerfristig weiterbestehen will, darf sie sich nicht mehr an ihren obsoleten GrundsÀtzen festhalten. Das Zölibat ist die Versinnbildlichung des Antimodernismus, der in der römisch-katholischen Kirche bis heute vorherrscht und ausgelebt wird. Die Abschaffung des Zwangszölibats wÀre die grösste Revolution in der katholischen Kirche, seit Johannes XXIII. in den 60er Jahren die Zahl der KardinÀle erhöht hat, damit nicht mehr nur EuropÀer, sondern auch Amerikaner, Afrikaner und Asiaten ein Mitbestimmungsrecht ihrer Kirche haben.

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