SĂĽdamerika kämpft gegen den Kreationismus

Mit fast 500 Millionen Gläubigen leben über 40 Prozent der Katholiken in Mexiko, Mittel- und Südamerika. Aber auch auf dem subtropischen Kontinent hinterlassen die Skandale der Kirche ihre Spuren. Immer mehr Menschen stellen sich gegen die radikale Haltung ihrer Staatskirche, die in vieler Hinsicht im krassen Kontrast zu ihrer Volksethik steht, und gründen kurzerhand ihre eigene Kirche. Mit fatalen Folgen.

Regenwald-Amazonas
An der grĂĽnen Lunge unseres Planeten hatte der Atheismus bisher kaum Luft zum Atmen. Symbolbild: (c) Ecosia/WWF

Trotz der schleichenden Abtrünnigkeit von der katholischen Kirche verliert der Grossteil der Südamerikaner nicht den Glauben. Die meisten lateinamerikanischen Christen bemänteln ihren Groll und stehen trotz Enttäuschung und Missgunst weiter zu ihrer Kirche.

Diejenigen, die sich von der katholischen Kirche trennen, bleiben auf der christlichen Linie und finden in evangelischen und protestantischen Lehren eine neue Glaubensheimat: «Trotz den Entwicklungen nimmt sich nur eine Minderheit der Menschen die Zeit, nach humanistischen Alternativen zu suchen.» Das schreiben Karol Tapia de Moya und Luis Morales Retat in der Zeitschrift Secular World 2/2014. Die Kolumbianer sind Teil der Asociación de Ateos y Agnósticos del Atlántico, ein Verein, der Atheisten in den karibischen Regionen Kolumbiens vertritt.

Kirche in der Garage

Die meisten ihrer südamerikanischen Schäfchen verliert die katholische Kirche in Kolumbien. Das liegt daran, dass aufgrund fehlender staatlicher Kontrolle und Regelung jeder Bewohner seine eigene Kirche gründen kann. «In jeder Stadt kann man in armen Gegenden nicht weniger als zwei oder drei dieser Garagen-Kirchen pro Häuserblock zählen», schreiben de Moya und Retat.

Die Tendenz zum eigenständigen Denken könnten viele Humanisten als Schritt in die richtige Richtung interpretieren, doch in der Praxis ist diese Art der Glaubensauslegung kein Grund zur Begeisterung: «Diese Kirchen lassen schädliche Ideen einfliessen, die sich gegen den wissenschaftlichen Konsens richten und religiöse Überzeugungen fördern, um damit die natürliche Welt zu erklären.»

Comeback des Kreationismus

«Kreationismus gewinnt kontinuierlich an Stärke und ist in den Köpfen der Mitglieder dieser Kirchen quasi omnipräsent», schreiben de Moya und Retat. Es sei keine Überraschung, dass es in ihrem Land eine hohe Rate an wissenschaftlichem Analphabetentum gäbe, und dass Glaubensinhalte fast immer jeglicher anderer Argumentation vorangestellt würden, wenn es darum ginge, Entscheidungen zu treffen. «Das Wissen um biologische Konzepte wird reduziert auf oberflächliche Dinge, die in der Oberschule gelehrt werden können. Sogar dort ist dieses Wissen nicht frei vom Einfluss der Lehrer religiöser Schulen.»

Als Antwort auf diese höchst alarmierende Situation hat Sindioses.org, eine lateinamerikanische Webseite für Atheismus und Skeptizismus, vor drei Jahren den Primate Pride Day ins Leben gerufen. Dieser Tag wird seither an jedem 24. November des Jahres abgehalten. Zentrale Botschaft dieses Tages ist das Feiern der evolutionären Verbundenheit, um daran zu erinnern, dass der Mensch in erster Linie ein entfernter Verwandter des Primaten sei. Eine Tatsache, auf die man stolz sein könne.

Der Tag wird mittlerweile vor allem in Kolumbien, Uruguay und Chile von Konfessionslosen, Freidenkern und Atheisten gefeiert.

«Der Atheismus steht in Südamerika noch am Anfang»

Die Asociación de Ateos y Agnósticos del Atlántico wurde erst vor zwei Jahren gegründet und steckt, wie der Atheismus in Südamerika selbst, noch in seinen Kinderschuhen. Seine Mission hat der Verband allerdings schon klar definiert: «Wir wollen die junge Gesellschaft erreichen um ihnen zu zeigen, dass Evolution und Wissenschaft nicht langweilig oder nutzlos sind, oder nur etwas, das man in Büchern liest, sondern das es für jeden, der neugierig auf die natürliche Welt ist, der Ausgangspunkt ist, um ein tiefer greifendes Wissen zu erlangen.»

Der Kampf gegen die Irrlehren der Kirche muss, insbesondere in Südamerika, an vielen Fronten gleichzeitig geführt werden. Besonders die Garagen-Prediger können kaum erreicht werden und sind in ihren Ansichten so festgefahren, dass sie ihre erlangte Selbstständigkeit kaum mehr aus den Händen geben. Darum ist die Asociación de Ateos y Agnósticos del Atlántico auch dringlichst auf die Hilfe des Staates angewiesen.

«Wir sind uns bewusst, dass es eine gigantische Aufgabe ist, die Freude an der Wissenschaft mit jungen Menschen zu teilen, besonders wenn niemandem daran gelegen ist, darin zu investieren. Dennoch bleiben unsere Anstrengungen und ihre kleinen Ergebnisse bis heute sehr erfreulich und wir sind begeistert, ein Teil davon zu sein, kritisches Denken in unserer Gesellschaft zu verbreiten.»

Wer glaubt was? Christliche Glaubensrichtungen im Ăśberblick (2/3)

Vor rund 2000 Jahren predigte ein junger Mann namens Jesus seine Botschaft der Liebe. Gepeinigt von barbarischen Königen und ungerechten Herrschern entdecken die Menschen nach und nach einen neuen Glauben, folgen seiner Lehre und bekennen sich zu Christus. Fast ein Drittel aller Menschen auf der Welt nennt sich heute Christen. Doch wie wird das Christentum heute praktiziert?

Evangeliken – Die christlichen Protestanten

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Martin Luther, Philipp Melanchthon, Johannes Calvin, Martin Bucer und Ulrich Zwingli (v.l.n.r)

«Ein Christ sein heisst nicht von Christus schwätzen, sondern wandeln wie Christus gewandelt ist.» – Ulrich Zwingli

Die Unterschiede zwischen der Evangelisch-Reformierten Kirche und der Katholischen Kirche sind klein aber zahlreich. Diese findet man weniger in den theologischen Glaubensinhalten, sondern vor allem in der Praktizierung des Glaubens.

Um diese Unterschiede zu verstehen muss man die Entstehungsgeschichte der Reformationsbewegung kennen: Vor genau 500 Jahren waren noch alle Christen faktisch betrachtet Katholiken. So auch der Mönch Martin Luther, der 1483 in Deutschland geboren wurde und heute als Urheber der Reformation gilt. Luther missfiel, was seine Kirche predigte. So fand er es beispielsweise verwerflich, dass reiche Menschen in der katholischen Kirche bevorzugt wurden. Dies äusserte sich unter anderem darin, dass es die Bibel nur auf Latein gab. Viele einfache Leute verstanden diese „Sprache der Gelehrten“ nicht, und so blieb ihnen der direkte Kontakt mit Gottes Wort verwehrt. Als die Kirche anfing Ablassbriefe zu verkaufen, die einen vor dem Fegefeuer schützen sollen, sah Luther dringenden Handlungsbedarf und veröffentlichte im Jahre 1517 seine 95 Thesen, die diese Ablasspraxis scharf kritisierten.

Durch die Thesen Luthers kam es zu Protesten und innerkirchlichen Streitigkeiten, die, entgegen Luthers Absicht, zu einer Spaltung der Kirche fĂĽhrten. Es entstand die evangelisch-lutherische Kirche, aus der sich wiederum zahlreiche andere Konfessionen des Protestantismus entwickelten. Der damals weit bekannte Theologe Philipp Melanchthon war begeistert von Martin Luthers Thesen und gilt heute als eines der ersten Mitglieder der neuen Reformation und als treibende Kraft neben Martin Luther.

Das Brechen von katholischen Traditionen hat sich seither fest in der Konfession von evangelisch-reformierten verankert: Sie lehnen den Papst und das Anbeten Heiliger ab, denn nur Christus alleine sei heilsvermittelnd. Als Pfarrer in einer evangelischen Kirche darf man auch verheiratet oder sogar weiblich sein.

Nebst der Spaltung vom Katholizismus unterscheidet man auch bei den Evangeliken zwischen drei Richtungen: Evangelisch-Reformiert, Evangelisch-Lutherisch und Evangelisch-Uniert.

Die spitzfindigen Unterschiede findet man vor allem auf geographischer Ebene in den Landeskirchen. Die Evangelisch-Lutherischen Christen leben, wie der Name schon sagt, viel genauer nach den Lehren von Martin Luther, während die Evangelisch-Reformierte Kirche in der Schweiz von Ulrich Zwingli im deutschsprachigen und später von Johannes Calvin im französischsprachigen Raum  geprägt wurde. Calvin war ein Reformator zweiter Generation und wurde in seiner Theologie von den Pionieren des Protestantismus beeinflusst. Nebst Melanchthon, Luther und Zwingli war das auch Martin Bucer, der von Strassburg aus die Reformation in Frankreich verbreiten liess.
Durch seine tiefreligiös Art entwickelte Calvin aber auch seine eigenen Ansätze. Er sah es als seine Aufgabe, die Lehren auch ausserhalb der Schweiz und Deutschland in ganz Europa zu verkünden.

Lutherismus und Calvinismus im kurzen Vergleich
Nach Martin Luther sind der Wein und das Brot bei der Abendmahlsfeier der Leib und das Blut Christi. Calvin jedoch sieht das als eine Diffamierung des Herren, die die „himmlische Majestät Gottes“ in Frage stellt. Deshalb seien Brot und Wein lediglich metaphorische Zeichen für das letzte Abendmahl.

Weiter lehrte Luther, dass es davon abhängt, ob der Mensch gläubig ist und das Geschenk der göttlichen Gnade  annimmt um erlöst zu werden. Calvin jedoch war der Überzeugung, dass der Mensch keinen Einfluss darauf habe erlöst zu werden. Jeder Mensch – auch im Falle von Ungläubigkeit – werde Gottes Liebe spüren und erlöst werden, wenn seine Zeit gekommen sei.

Die dritte Konfession im Bunde, Evangelisch-Uniert, verbindet die beiden reformierten Traditionen. Durch diese Union enstanden Hybridformen in der Theologie so wie auch bei den Gottesdiensten – demnach sind evangelisch-unierte Menschen auch weniger streng in der Auslebung ihres Glaubens und haben mehr Spielraum.

Zeugen Jehovas – Von Haus zu Haus

Rechtsstreit um Zeugen Jehovas
Der Wachtturm: die Streitschrift der Zeugen Jehovas.

Die Zeugen Jehovas sind eine Sekte, die hauptsächlich von dem  amerikanischen Theologen Charles Taze Russel geprägt wurde. Dieser schrieb vor seinem Tod 1916 sechs Bände mit seinen eigenen Interpretationen der Bibel. Sein guter Freund,  der Richter Joseph Franklin Rutherford, beendete das Werk Russels und schrieb einen siebten Band. Diese Serie wurde bekannt als „Millennium Tagesanbruch Reihe“ und wird heute durch den „Wachtturm“ verbreitet.

Zentrale Glaubensinhalte der Zeugen Jehovas sprechen davon, dass Jesus gleichzeitig auch Erzengel Michael ist, das höchste Engelswesen des Himmels. Die Erlösung der Menschen durch ebendiesen Engel erfolgt durch Glauben, Gehorsam und gute Taten.

Dadurch, dass Jesus eine Doppelrolle einnimmt, gibt es auch dass Konzept der Heiligen Dreifaltigkeit in einer anderen Form:  Jesus ist trotz seiner Engelsfunktion ein „normales“ Lebewesen, und der Heilige Geist ist Gottes leblose Kraft. Sie glauben an den allmächtigen Gott namens Jehova, der Schöpfer des Himmels und der Erde.

Sie erstreben eine Theokratie – einen Staat unter der Herrschaft von Gott.

Ihre komplette Umstellung von Zentralinhalten der Bibel begründen die Zeugen Jehovas damit, dass die Bibel, wie wir sie heute kennen, von korrupten Kirchen verändert wurde. Deshalb beanspruchen die Zeugen Jehovas die alleinige Autorität, die Heilige Schrift so auszulegen, wie sie es für richtig halten.

Russisch-Orthodox – Zwischen Dialog und Ökumene

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Das Russisch-Orthodoxe Kreuz: Der untere, schräge Querbalken symbolisiert den Übergang von der Hölle zum Himmel.

Die Abspaltung der Russisch-Orthodoxen Kirche von der Katholischen geschah in erster Linie aus politischen Gründen, weshalb es bei näherer Betrachtung  zu erstaunlich vielen Unterschieden kommt. Diese sind nicht nur klein sondern oft essentiell.

Orthodoxe Gläubige bezeichnen ihre Glaubensstätte als die „geistliche Heimat aller Christen“. Durch diese radikale Denkweise stehen Orthodoxe auch im Weg einer Ă–kumene – einer Vereinigung aller christlichen Konfessionen.

Ein weiterer markanter Unterschied zwischen der orthodoxen Kirchen und anderen christlichen Kirchen ist das julianische Kirchenjahr.  Orthodoxe feiern Neujahr nämlich erst am 13. Januar, weshalb sich auch sämtliche anderen, christlichen Feiertage um einige Tage verschieben. Weihnachten ist folglich Anfang Januar und Ostern findet immer zwei Wochen nach dem katholischen Fest der Auferstehung statt.

Selbstredend lehnt die russisch-orthodoxe auch den Papst als Oberhaupt einer Kirche ab, denn sie haben ihren eigenen „Papst“ – einen Patriarchen. Zurzeit ist dies Kyrill, der mit bürgerlichem Namen Vladimir Gundjajew heisst. Kyrill bezeichnet sich selbst als gemässigt konservativ und fördert den Dialog mit anderen Kirchen – besonders mit der Römisch-Katholischen. Er und Papst Benedikt XVI waren gute Freunde, weshalb ihm Ökumenengegner innerhalb der russisch-orthodoxen Kirche eine zu grosse Nähe und Offenheit gegenüber anderer Religionen vorwerfen.

Nebst der Tatsache, dass die offizielle Liturgie der russisch-orthodoxen Kirche nicht lateinisch sondern altslawisch ist, haben sie auch einigen Bibeltexten mehr Priorität zugeschrieben als anderen. Dies geschieht vor allem deshalb, weil sich die russisch-orthodoxe eher auf ihre jüdischen Grundsätze bezieht als auf westliche katholische. Dadurch gewinnen die Bücher Esras und die Texte der Makkabäer an mehr Priorität für sie.

Zwischen den oft erwähnten russisch-orthodoxen und griechisch-orthodoxen Kirchen gibt es keine Unterschiede. Lediglich in Sprache und Liturgie findet man kleine Gegensätze, diese sind aber mehr von geographischer als von theologischer Natur. Wie bei den meisten Kirchen ist es typisch, dass die Majorität der politisch-geokulturellen Orientierung dadurch wiedergespiegelt wird,  wie sie durch ihren geographischen Standpunkt assimiliert wurden.