Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?

Da ich mich sowohl beruflich als auch privat mit Religion auseinandersetze, durfte ich jene Frage, die Gretchen dem Faust in Goethes epochalem Werk stellt, schon öfters beantworten. Nicht selten wird die Gretchenfrage dabei begleitet von dem Nachtrag: «Aber du bist doch Atheist, warum beschäftigst du dich überhaupt mit Religion und der Kirche?»

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Faust im Studierzimmer (Gemälde von Georg Friedrich Kersting, 1829)

Im Schweizer Sonnenkanton Tessin erschlich ich mir vor rund siebzehn Jahren meinen ersten, unlauteren Blick hinter die Kulissen der katholischen Kirche. Vor einem tiefliegenden Pfarrhausfenster bat ich meine Grossmutter, auf ihre Schultern steigen zu dürfen, um einen Blick ins Innere des Gotteshauses werfen zu können. Von meinem neuen Aussichtspunkt aus, sah ich direkt auf die Halbglatze des Pfarrers und konnte ihn beim Schreiben eines Briefes beobachten – ein Bild, das sich bis heute bei mir eingeprägt hat.

Weitere Erinnerungen an die ersten Sommerferien in der Südschweiz beinhalten diverse Kirchen-, Kloster- und Kapellenbesichtigungen sowie meine fortwährende Fragerei von «Was bedeutet dieses Symbol?» über «Wer ist dieser Heilige?» bis «Was ist der Unterschied zwischen katholisch und reformiert?». Fragen nach dem «Wieso, Weshalb, Warum» würden erst später folgen. Wie auch Gretchen habe ich in meinen Kindesjahren die Kirche und die Religion nicht hinterfragt und hätte sie wohl dabei bekräftigt, als sie in Goethes Faust die damalige öffentliche Meinung aussprach: «Man muss dran glauben!»

Steigende Meinungsvielfalt

Die Gretchenfrage zeigt auf, wie viel sich seit Goethes Zeiten verändert hat. Fausts zurückhaltendes «Muss man daran glauben?» muss nicht mehr hinter vorgehaltener Hand geflüstert werden. Eine Befragung des Schweizer Bundesamtes für Statistik zeigt, dass 2016 fast jede vierte Person in der Schweiz konfessionslos ist. Gretchen würde das gar nicht gefallen.

Doch konfessionslos heisst noch nicht religionslos, und deshalb befindet sich ein Grossteil der europäischen Bevölkerung vermutlich irgendwo zwischen Faust und Gretchen. Viele Menschen machen sich ein eigenes Bild des Göttlichen, einige setzen auf Esoterik und Astrologie, einige sagen ja zu Gott und nein zur Kirche und wiederum andere sind Religion und Kirche gegenüber indifferent oder gar feindlich.

Bindung durch Distanz

Obwohl ich in der erzkatholischen Innerschweiz aufgewachsen bin und die Grundlagen und die Verfassung der Schweiz stark von sogenannten christlichen Werten geprägt sind, war eine Identifikation für mich nach meinen Kindestagen nie mehr spürbar. Mein fragiler Draht zu Gott und meinem Glauben zerbrach bereits an der ersten, kritischen Auseinandersetzung am Ende meiner Primarschulzeit. Als Folge davon habe ich den Atheismus als für mich richtige Auseinandersetzung mit der Religion entdeckt. Ironischerweise wurde ich durch den subjektiven Religionsunterricht in meiner Entscheidung bekräftigt.

Mein unablässiges Interesse an den Systemen und Menschen hinter der Religion wurde durch diese Distanzierung jedoch nur noch intensiver. Da Gläubige etwas besitzen, das mir fehlt und ich glücklicherweise dennoch nicht vermisse, bleiben die Gespräche mit ihnen für mich stets ertragreich und interessant, sofern sie grundehrlich mit ihrem Glauben umgehen und sie nicht doktrinistisch und gnadenlos festgefahren sind. Aber auch hier begegne ich einer paradoxen Bindung: Je mehr ich mich mit Religion auseinandersetze, desto abwegiger wird es für mich, je einem Glauben anzuhängen.

Förderung des Dialogs

Bücher und Essays von Christopher Hitchens, Richard Dawkins und Sam Harris halfen mir dabei, die zeitgenössische Philosophie der Aufklärung als Gegenstück zur institutionalisierten Religion und blindem Glauben besser zu verstehen und bildeten einen wichtigen Brückenschlag zum Existenzialismus. Religion wurde für mich fassbarer, verständlicher und logischer. Die delphischen Strukturen und Schemen wurden nach und nach aufgebrochen.

Gerade in der heutigen Zeit ist es enorm wichtig, dass man sich wieder intensiver und objektiver mit Religion und Glaube auseinandersetzt. Und dennoch ist in den (sozialen) Medien eine zunehmende Verhärtung der Fronten zu beobachten. Atheistinnen und Freidenker werden nicht ernst genommen oder schiessen polemisch gegen Gläubige, während Christinnen und Christen über Churer Bischöfe und Musliminnen und Muslime über den Islamischen Zentralrat der Schweiz definiert werden. Diese Frontenverhärtung kann und muss durchbrochen werden, um einen differenzierten Dialog mit den Religionen zu ermöglichen. Denn unser gesellschaftliches Zusammenleben ist ohne irgendeine Form der Religion gar nicht denkbar. Sie ist ein Spiegel unserer geistigen Souveränität oder eben Abhängigkeit.

Domine, quo vadis?

Pünktlich zum höchsten Feiertag des Christentums veröffentlichte «Der Bund» drei Grafiken zum Zustand der Kirche in der Schweiz. So trostlos und ernüchternd wie das nasskalte Osterwetter fallen auch die Resultate der Statistiken aus: Die Dienste der Kirche werden kaum noch genutzt, die Zahl der konfessionslosen Schweizer steigt rasant. Wohin geht die Kirche?

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Photo: http://barnabasbrethren.blogspot.ch

Sowohl für Kleriker als auch für Laien sind die Resultate wohl kaum überraschend. Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass organisierte Religionen bei der progressiven Bevölkerung von heute kaum noch Anklang finden. Trotzdem ist die aus den Statistiken gewonnene Erkenntnis für die Kirchen des Landes sehr bedrückend: Ihre Dienste sind obsolet und redundant. Vor allem bei Hochzeiten ist der Einbruch besonders gravierend.

Nur noch jedes 5. Paar wird kirchlich getraut
Vor zwei Jahren haben sich rund 43000 Paare in der Schweiz zivil das Jawort gegeben. Davon hielten es nur noch 9000 Paare für notwendig, sich zusätzlich auch kirchlich trauen zu lassen. Die katholischen und evangelischen Traualtäre blieben in den letzten Jahren so verwaist wie noch nie. Zum Vergleich: Vor 20 Jahren waren es 60 Prozent mehr, die vor Gott ihre Liebe schworen.

Bei Taufen ist ebenfalls ein Rückschritt zu verzeichnen, auch wenn dieser weit weniger einschneidend ist als der von kirchlichen Trauungen: Von den rund 82000 geborenen Kindern in der Schweiz wurden knapp 36000 getauft – nicht einmal mehr jedes zweite.

Das Zeremoniell des Ablebens findet aber weiterhin in den Bethäusern statt und bleibt auch zukünftig eine der Hauptaufgaben der institutionalisierten Kirchen: Rund 64000 Menschen starben 2012 in der Schweiz, davon wurden fast 49000 kirchlich bestattet.

Konfessionslose Schweiz
Mehr als jeder fünfte Schweizer gehört heute offiziell keinem Glauben mehr an. Besonders in der Westschweiz und um Basel leben bemerkenswert viele Konfessionslose. In Waadt und Solothurn sind es jeweils 27 Prozent, in den Kantonen Genf und Neuenburg ist gar mehr als jeder Dritte konfessionslos. Spitzenwerte erreicht Basel-Landschaft: 44 Prozent aller Einwohner sind ohne Konfession.

Fernab von diesen hohen Zahlen befindet sich fast kein Kanton: Lediglich die erzkatholischen Glaubenshochburgen Uri (8%) und Appenzell-Innerrhoden (7%) weisen Werte unter 10 Prozent auf.

Ärgerlich ist, dass bei der Umfrage vom Bund bei den Konfessionslosen nicht zwischen Atheisten und Freikirchlern unterschieden wurde. Es existieren deshalb keine repräsentativen Zahlen darüber, wie viele Schweizer ihr Leben ohne Gott führen.

Herr, wohin willst du gehen?
Die stark voneinander abweichenden Resultate von Taufen und Bestattungen beweisen: Lediglich die ältere Generation der Schweiz hat noch eine wahrhaft existierende, innige Bindung zu der katholischen und evangelischen Kirche. Junge Gläubige suchen ihr Seelenheil in den Freikirchen des Landes, die mit dem frischeren Charme und dem vermittelten Gemeinschaftsgefühl auch langjährig glaubensleere Jugendliche wieder anlocken können.

Nebst dem biederen Auftreten schneiden sich die konservativen Kirchen mit dem konsequenten  Ausschluss von Atheisten aus sämtlichen sakralen Lebensabschnitten zusätzlich gleich doppelt ins eigene Fleisch. Diese verirren sich nämlich auch im Falle des wiederkehrenden Glaubens kaum noch in die verstaubten Glaubenshäuser zurück.

Zu verkrustet und eingefahren ist diese Trendwende. Der institutionalisierte Glaube hat ausgedient. Die vom Bund ausgewerteten Statistiken haben gezeigt, dass sich die katholischen und evangelischen Kirchen, zumindest in der Schweiz, zurzeit auf ihrem eigenen, letzten Kreuzgang befinden.

Die ausführlichen Statistiken und Grafiken findet ihr auf Der Bund.

 

Interview: Evangelisch-reformierter Pfarrer JĂĽrg Baumgartner

Zwischen dem konservativen Dogma des Christentums und der modernen Gesellschaft von heute besteht eine grosse Kluft. Jährlich verliert die Kirche tausende von Mitgliedern. Viele Gläubige können sich mit den Lehren nicht mehr identifizieren. Im Interview beantwortet ein Pfarrer der evangelisch-reformierten Kirche in Winterthur, Jürg Baumgartner, Fragen zu den abnehmenden Zahlen von Christen und der Zukunft der Kirche.

Pfr.JrgBaumgartner
Pfarrer Jürg Baumgartner: «So kann es mit der Kirche nicht weitergehen»

Sandro Bucher: Herr Baumgartner, wo liegen die Herausforderungen des Christentums in der heutigen Zeit?

Pfarrer Jürg Baumgartner: In der heutigen Zeit gibt es für das Christentum zwei grosse Herausforderungen. Zum einen müssen wir unsere Gemeinsamkeiten innerhalb der christlichen Konfessionen mehr betonen und uns dieser Gemeinsamkeiten wieder bewusster werden. Der ehemalige Churer Weihbischof Peter Henrici und der ehemalige reformierte Kirchenratspräsident Ruedi Reich haben schon vor rund 20 Jahren gesagt, dass die Christen aller Konfessionen viel mehr verbindet als das Wenige, was sie trennt. Dieser Grundsatz ist zentral für alle Kirchen. Es liegt in der Verantwortung christlicher Kirchen, dass wir wieder vermehrt aufeinander zugehen und gemeinschaftlich den Weg gehen. Das Christentum ist eine Suchbewegung und sollte ein gemeinsames Suchen bleiben.
Die zweite Herausforderung ist, das wir das institutionalisierte Denken verändern und uns längerfristig (komplett) davon befreien. Wir müssen im Bezug auf unseren Glauben zu einer Haltung finden, die der ursprünglichen Bewegung um Christus ähnelt. Das war eine Weggemeinschaft fern von prunkvollen Gebäuden und aufgeblähten Verwaltungsstrukturen. Hier können wir uns auch an den dynamischen Freikirchen des Landes ein Vorbild nehmen.

SB: Sie erwähnen, dass alle Kirchen in der Schweiz wieder mehr gemeinsam unternehmen sollten. Welchen Teil steuert die evangelisch-reformierte Kirche zur Ökumenischen Bewegung bei?

JB: Hier in Winterthur haben wir mit den römisch-katholischen Pfarreien auf Gemeindeebene eine gute Zusammenarbeit. Wir treffen uns regelmässig und halten einmal im Jahr einen ökumenischen Gottesdienst ab. Des Weiteren  veranstalten wir auch einen Kanzeltausch, bei dem wir die jeweils andere Kirchgemeinde besuchen. Der Austausch mit anderen Kirchen ist allerdings auf die Stadt Winterthur beschränkt. Lediglich derZürcher Kirchenrat, das oberste Gremium der reformierten Landeskirche, hat Kontakt mit den römisch-katholischen Bistümern.
Unser Problem ist, dass wir Evangelischen kein Aushängeschild haben, das öffentlich und auch innerkirchlich zu Problemen und weltlichen Fragen Stellung beziehen kann. In unserer medial geprägten Gesellschaft hat es verheerende Auswirkungen, dass wir diese Bezugsperson nicht haben. Auch kommen pointierte Stellungsnahmen bezüglich der katholischen Kirche von Evangelischen bei den römisch-katholischen Kirchen nicht gut an und sind sogar eher kontraproduktiv, da es für sie eventuell wie ein aufmüpfiges Eingreifen wirkt.

SB: In den letzten 40 Jahren sanken die Mitgliederzahlen der Evangelisch-Reformierten Kirche um fast 15%. Worauf ist dieser RĂĽckgang zurĂĽckzufĂĽhren?

JB: In den letzten Jahren haben sich bei den Gläubigen vier Hauptbewegungsgründe für den Kirchenaustritt herauskristallisiert. Bei einigen findet der Austritt rein aus finanziellen Gründen statt, da sie nicht mehr bereit sind die Kirchensteuer zu zahlen. Für andere hingegen findet sich in den institutionalisierten Religionen schlichtweg keine Bedeutung mehr für ihr alltägliches Leben. Viele dieser Abgänger sind seit Jahren nicht mehr mit der Kirche in Berührung gekommen. So wird der Glaube nicht mehr alltagsrelevant für viele Menschen. Das muss uns ernsthaft zu denken geben, denn so kann es nicht weitergehen.
Bei dem dritten Bewegungsgrund handelt es sich um den allgemeinen Trend des Antiinstitutionellen.  Wir sind geprägt von einer Gesellschaft, die sehr institutionskritisch ist. Nicht nur die Kirche hat Mitgliederprobleme, sondern allgemein haben Vereinsstrukturen wie auch politische Parteien die Tendenz, dass sie verkrusten und starr werden. Das führt zu schleichender Abwanderung und Desinteresse.
Bei dem vierten Bewegungsgrund handelt es sich womöglich um sich stark verändernde Kommunikationsgewohnheiten durch die mobilen Kommunikationstechnologien. Viele Menschen sind sich nicht mehr gewohnt, jemandem länger als eine halbe Stunde zuzuhören. Vernetzung geschieht im Internet und nicht mehr in der physischen Gemeinschaft. Die ganze Kommunikationsgewohnheit hat sich so stark verändert, dass die Gottesdienste auf einige sehr befremdlich wirken.

 SB: Wie kann man das Bild des Christentums in Anbetracht dieser vier Bewegungsgründe wieder verbessern?

JB: Das ist eine schwierige Frage. Man kann nicht viel dagegen machen, ausser die neuen Medien wie Internetforen, Facebook, Twitter und WhatsApp effektiver zu nutzen. Die Kirche sollte mit jungen Fachleuten zusammensitzen und einen Plan ausarbeiten, wie man mit den neuen Kommunikationstechnologien die jungen Menschen wieder besser erreichen kann. Dazu gehört auch das Bilden von Foren und Chats. Doch diese Massnahmen alleine versprechen leider noch nicht, dass die Massen wieder die Gottesdienste in den Kirchen besuchen; Der Rückfluss ist alleine durch das Einsetzen neuer Medien noch nicht gegeben.

SB: Wie stehen Sie zum Vatikan und Papst Franziskus?

JB: Auch als Evangelischer nimmt man das Geschehen in Rom natürlich mit grosser Spannung wahr. Mit Bewunderung habe ich den vorzeitigen Pontifikatsabbruch von Benedikt XVI vor gut einem Jahr verfolgt. Es war spannend mitzuverfolgen, wie Benedikt XVI mit seinem Rücktritt einen enormen Tabubruch begangen hat. Nun bleibt abzuwarten, ob auch die nächsten zehn Päpste diese eigentlich unhinterfragte Tradition brechen und noch vor ihrem Lebensende abdanken werden. Papst Franziskus könnte in diesem Bereich das Feld bereiten. Denn trotz seiner lobenswerten Einstellung wurde mit Franziskus leider wieder ein alter Mann ins höchste Amt gewählt. Im Geist scheint er aber jugendlicher aufzutreten als viele 40-Jährige! Er könnte jedoch Benedikts Tabubruch weiterführen, damit vielleicht auch einmal ein 55-Jähriger wieder Papst wird. Im Geist ist Franziskus nämlich noch sehr jung und stellt die wichtigste Botschaft überhaupt ins Zentrum: Eine Kirche für die Armen. Er ist zwar bei einigen theologischen Fragen genauso konservativ wie sein Vorgänger, doch er gewichtet diese Themen anders. Mittelfristig hofft man jetzt natürlich, dass der offenere Franziskus auch eine Auswirkung auf die eher konservativen, römisch-katholischen Kirchen in der Schweiz hat.

Wer glaubt was? Christliche Glaubensrichtungen im Ăśberblick (2/3)

Vor rund 2000 Jahren predigte ein junger Mann namens Jesus seine Botschaft der Liebe. Gepeinigt von barbarischen Königen und ungerechten Herrschern entdecken die Menschen nach und nach einen neuen Glauben, folgen seiner Lehre und bekennen sich zu Christus. Fast ein Drittel aller Menschen auf der Welt nennt sich heute Christen. Doch wie wird das Christentum heute praktiziert?

Evangeliken – Die christlichen Protestanten

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Martin Luther, Philipp Melanchthon, Johannes Calvin, Martin Bucer und Ulrich Zwingli (v.l.n.r)

«Ein Christ sein heisst nicht von Christus schwätzen, sondern wandeln wie Christus gewandelt ist.» – Ulrich Zwingli

Die Unterschiede zwischen der Evangelisch-Reformierten Kirche und der Katholischen Kirche sind klein aber zahlreich. Diese findet man weniger in den theologischen Glaubensinhalten, sondern vor allem in der Praktizierung des Glaubens.

Um diese Unterschiede zu verstehen muss man die Entstehungsgeschichte der Reformationsbewegung kennen: Vor genau 500 Jahren waren noch alle Christen faktisch betrachtet Katholiken. So auch der Mönch Martin Luther, der 1483 in Deutschland geboren wurde und heute als Urheber der Reformation gilt. Luther missfiel, was seine Kirche predigte. So fand er es beispielsweise verwerflich, dass reiche Menschen in der katholischen Kirche bevorzugt wurden. Dies äusserte sich unter anderem darin, dass es die Bibel nur auf Latein gab. Viele einfache Leute verstanden diese „Sprache der Gelehrten“ nicht, und so blieb ihnen der direkte Kontakt mit Gottes Wort verwehrt. Als die Kirche anfing Ablassbriefe zu verkaufen, die einen vor dem Fegefeuer schützen sollen, sah Luther dringenden Handlungsbedarf und veröffentlichte im Jahre 1517 seine 95 Thesen, die diese Ablasspraxis scharf kritisierten.

Durch die Thesen Luthers kam es zu Protesten und innerkirchlichen Streitigkeiten, die, entgegen Luthers Absicht, zu einer Spaltung der Kirche fĂĽhrten. Es entstand die evangelisch-lutherische Kirche, aus der sich wiederum zahlreiche andere Konfessionen des Protestantismus entwickelten. Der damals weit bekannte Theologe Philipp Melanchthon war begeistert von Martin Luthers Thesen und gilt heute als eines der ersten Mitglieder der neuen Reformation und als treibende Kraft neben Martin Luther.

Das Brechen von katholischen Traditionen hat sich seither fest in der Konfession von evangelisch-reformierten verankert: Sie lehnen den Papst und das Anbeten Heiliger ab, denn nur Christus alleine sei heilsvermittelnd. Als Pfarrer in einer evangelischen Kirche darf man auch verheiratet oder sogar weiblich sein.

Nebst der Spaltung vom Katholizismus unterscheidet man auch bei den Evangeliken zwischen drei Richtungen: Evangelisch-Reformiert, Evangelisch-Lutherisch und Evangelisch-Uniert.

Die spitzfindigen Unterschiede findet man vor allem auf geographischer Ebene in den Landeskirchen. Die Evangelisch-Lutherischen Christen leben, wie der Name schon sagt, viel genauer nach den Lehren von Martin Luther, während die Evangelisch-Reformierte Kirche in der Schweiz von Ulrich Zwingli im deutschsprachigen und später von Johannes Calvin im französischsprachigen Raum  geprägt wurde. Calvin war ein Reformator zweiter Generation und wurde in seiner Theologie von den Pionieren des Protestantismus beeinflusst. Nebst Melanchthon, Luther und Zwingli war das auch Martin Bucer, der von Strassburg aus die Reformation in Frankreich verbreiten liess.
Durch seine tiefreligiös Art entwickelte Calvin aber auch seine eigenen Ansätze. Er sah es als seine Aufgabe, die Lehren auch ausserhalb der Schweiz und Deutschland in ganz Europa zu verkünden.

Lutherismus und Calvinismus im kurzen Vergleich
Nach Martin Luther sind der Wein und das Brot bei der Abendmahlsfeier der Leib und das Blut Christi. Calvin jedoch sieht das als eine Diffamierung des Herren, die die „himmlische Majestät Gottes“ in Frage stellt. Deshalb seien Brot und Wein lediglich metaphorische Zeichen für das letzte Abendmahl.

Weiter lehrte Luther, dass es davon abhängt, ob der Mensch gläubig ist und das Geschenk der göttlichen Gnade  annimmt um erlöst zu werden. Calvin jedoch war der Überzeugung, dass der Mensch keinen Einfluss darauf habe erlöst zu werden. Jeder Mensch – auch im Falle von Ungläubigkeit – werde Gottes Liebe spüren und erlöst werden, wenn seine Zeit gekommen sei.

Die dritte Konfession im Bunde, Evangelisch-Uniert, verbindet die beiden reformierten Traditionen. Durch diese Union enstanden Hybridformen in der Theologie so wie auch bei den Gottesdiensten – demnach sind evangelisch-unierte Menschen auch weniger streng in der Auslebung ihres Glaubens und haben mehr Spielraum.

Zeugen Jehovas – Von Haus zu Haus

Rechtsstreit um Zeugen Jehovas
Der Wachtturm: die Streitschrift der Zeugen Jehovas.

Die Zeugen Jehovas sind eine Sekte, die hauptsächlich von dem  amerikanischen Theologen Charles Taze Russel geprägt wurde. Dieser schrieb vor seinem Tod 1916 sechs Bände mit seinen eigenen Interpretationen der Bibel. Sein guter Freund,  der Richter Joseph Franklin Rutherford, beendete das Werk Russels und schrieb einen siebten Band. Diese Serie wurde bekannt als „Millennium Tagesanbruch Reihe“ und wird heute durch den „Wachtturm“ verbreitet.

Zentrale Glaubensinhalte der Zeugen Jehovas sprechen davon, dass Jesus gleichzeitig auch Erzengel Michael ist, das höchste Engelswesen des Himmels. Die Erlösung der Menschen durch ebendiesen Engel erfolgt durch Glauben, Gehorsam und gute Taten.

Dadurch, dass Jesus eine Doppelrolle einnimmt, gibt es auch dass Konzept der Heiligen Dreifaltigkeit in einer anderen Form:  Jesus ist trotz seiner Engelsfunktion ein „normales“ Lebewesen, und der Heilige Geist ist Gottes leblose Kraft. Sie glauben an den allmächtigen Gott namens Jehova, der Schöpfer des Himmels und der Erde.

Sie erstreben eine Theokratie – einen Staat unter der Herrschaft von Gott.

Ihre komplette Umstellung von Zentralinhalten der Bibel begründen die Zeugen Jehovas damit, dass die Bibel, wie wir sie heute kennen, von korrupten Kirchen verändert wurde. Deshalb beanspruchen die Zeugen Jehovas die alleinige Autorität, die Heilige Schrift so auszulegen, wie sie es für richtig halten.

Russisch-Orthodox – Zwischen Dialog und Ökumene

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Das Russisch-Orthodoxe Kreuz: Der untere, schräge Querbalken symbolisiert den Übergang von der Hölle zum Himmel.

Die Abspaltung der Russisch-Orthodoxen Kirche von der Katholischen geschah in erster Linie aus politischen Gründen, weshalb es bei näherer Betrachtung  zu erstaunlich vielen Unterschieden kommt. Diese sind nicht nur klein sondern oft essentiell.

Orthodoxe Gläubige bezeichnen ihre Glaubensstätte als die „geistliche Heimat aller Christen“. Durch diese radikale Denkweise stehen Orthodoxe auch im Weg einer Ă–kumene – einer Vereinigung aller christlichen Konfessionen.

Ein weiterer markanter Unterschied zwischen der orthodoxen Kirchen und anderen christlichen Kirchen ist das julianische Kirchenjahr.  Orthodoxe feiern Neujahr nämlich erst am 13. Januar, weshalb sich auch sämtliche anderen, christlichen Feiertage um einige Tage verschieben. Weihnachten ist folglich Anfang Januar und Ostern findet immer zwei Wochen nach dem katholischen Fest der Auferstehung statt.

Selbstredend lehnt die russisch-orthodoxe auch den Papst als Oberhaupt einer Kirche ab, denn sie haben ihren eigenen „Papst“ – einen Patriarchen. Zurzeit ist dies Kyrill, der mit bürgerlichem Namen Vladimir Gundjajew heisst. Kyrill bezeichnet sich selbst als gemässigt konservativ und fördert den Dialog mit anderen Kirchen – besonders mit der Römisch-Katholischen. Er und Papst Benedikt XVI waren gute Freunde, weshalb ihm Ökumenengegner innerhalb der russisch-orthodoxen Kirche eine zu grosse Nähe und Offenheit gegenüber anderer Religionen vorwerfen.

Nebst der Tatsache, dass die offizielle Liturgie der russisch-orthodoxen Kirche nicht lateinisch sondern altslawisch ist, haben sie auch einigen Bibeltexten mehr Priorität zugeschrieben als anderen. Dies geschieht vor allem deshalb, weil sich die russisch-orthodoxe eher auf ihre jüdischen Grundsätze bezieht als auf westliche katholische. Dadurch gewinnen die Bücher Esras und die Texte der Makkabäer an mehr Priorität für sie.

Zwischen den oft erwähnten russisch-orthodoxen und griechisch-orthodoxen Kirchen gibt es keine Unterschiede. Lediglich in Sprache und Liturgie findet man kleine Gegensätze, diese sind aber mehr von geographischer als von theologischer Natur. Wie bei den meisten Kirchen ist es typisch, dass die Majorität der politisch-geokulturellen Orientierung dadurch wiedergespiegelt wird,  wie sie durch ihren geographischen Standpunkt assimiliert wurden.