Warum geniesst die katholische Kirche wieder mehr Vertrauen?

Laut einer österreichweiten Umfrage zum Thema Glaubwürdigkeit geniesst die katholische Kirche das Vertrauen von 46 Prozent der Bevölkerung. Das sind elf Prozent mehr als im letzten Jahr. Wie dieser Aufstieg zu erklären ist, zeigt unter anderem ein Blick auf die anderen Gewinner und Verlierer dieser Umfrage.

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Der Vatikan geniesst, zumindest in Ă–sterreich, wieder ein hohes Mass an Vertrauen. (Foto: ISABELLA PECHLIVANIS/pixelio.de)

Fast jeder zweite Mensch in Österreich schenkt der katholischen Kirche sein Vertrauen. Das zeigt eine aktuelle Umfrage, die unter anderem von dem sozialwissenschaftlichen Institut Sora durchgeführt wurde. Und auch bei den abgefragten Persönlichkeiten glänzt die Kirche: Papst Franziskus erreicht mit 82 Prozent den zweiten Platz hinter Ski-Star Marcel Hirscher, dem 83 Prozent der befragten Personen vertrauen.

Was glaubwĂĽrdig macht

Auch wenn Katholikinnen und Katholiken in Ă–sterreich noch immer in der Mehrheit sind (60 Prozent), ĂĽberrascht dieses hohe Mass an Vertrauen. Vor allem, wenn man sich ansieht, anhand welcher Eigenschaften das Vertrauen gemessen wurde:

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(Screenshot: Folie klar.SORA GlaubwĂĽrdigkeitsranking 2016)

Die stärksten statistischen Zusammenhänge mit Glaubwürdigkeit zeigen laut den Befragern folgende Beschreibungen: «ist ehrlich», «tut, was er/sie sagt» und «hält, was er/sie verspricht»; fast gleich stark wirken «ist offen und transparent» sowie «bei ihm/ihr passt alles zusammen», schreibt ORF.

Auch ohne viel Zynismus und Spott ist kaum von der Hand zu weisen, dass viele dieser Eigenschaften bei der katholischen Kirche nur wenig oder gar nicht zutreffen. Wie aber sind diese positiven Entwicklungen dann zu erklären?

«Der Franziskus-Effekt»

In den Skandaljahren 2010 bis 2013 verlor die Kirche nicht nur ihre Glaubwürdigkeit, sondern auch das Vertrauen hunderttausender Katholiken. Viele Gläubige konnten über die Pädophilie-Vorwürfe an ranghohen Bischöfen, Priestern und Pfarrern nicht hinwegsehen und wendeten der Kirche den Rücken zu. Die Beliebtheit der Kirche war auf einem neuen Tiefpunkt, die Zahl der Kirchenmitglieder sank täglich im vierstelligen Bereich.

Damals stellten sich viele Theologen und Laien nach dem RĂĽcktritt von Benedikt XVI. die Frage: Kann ein einzelner Mann das Schiff Petri wieder auf Kurs bringen? Mittlerweile hat Franziskus bewiesen: Ja, er kann. Auch wenn er im Vatikan selbst nur wenig bewegt, findet durch seine zukunftsgerichteten und liberalen Aussagen ein Umdenken in der Ă–ffentlichkeit statt. So wie vor ein paar Tagen, als er sagte, dass Homosexuelle, Frauen, Geschiedene und ausgebeutete Kinder eine Entschuldigung fĂĽr ihre Behandlung durch die Kirche verdient haben.

Seit Franziskus Papst ist, findet ein Akt der Entrümpelung altbewährter Traditionen und Ansichten statt. Denn auch ihm war klar, dass an ihm die Glaubwürdigkeit der Kirche neu bemessen werden würde. So hat der sogenannte «Franziskus-Effekt» auf jeden Fall sehr viel damit zu tun, dass die Kirche derzeit einen Frühling der Vertrauenswürdigkeit erlebt.

Schwere Zeiten

Ein nicht minder wichtiger Faktor ist die momentane gesellschaftliche und politische Unsicherheit in Europa: Viele Menschen, auch solche, die sich nicht als Christen bezeichnen, verlangen derzeit von den Kirchen klare Haltungen und Mithilfe bei aktuellen Problemen, wie beispielsweise der Flüchtlingssituation. Denn dass sich Menschen in Krisensituationen oft zum Glauben hinwenden oder sich wieder ihrer religiösen Wurzeln bewusst werden, zeigte sich in der europäischen Vergangenheit schon des Öfteren.

Auch drückt sich die momentane Unsicherheit in den anderen Ergebnissen der Glaubenswürdigkeits-Umfrage aus: Der österreichischen Regierung vertrauen nur noch 30 Prozent (-7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr), der EU-Kommission 25 Prozent, Eva Glawischnig, einer österreichischen Grünen-Politikerin, nur noch 42 Prozent (-9 Prozent) und  Angela Merkel nur noch 45 Prozent (-25 Prozent!).

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Atheisten sind…

Nachdem Atheisten diese Woche mit Psychopathen gleichgestellt und als grosses Risiko für die Welt bezeichnet wurden, habe ich mir die Frage gestellt, was nichtgläubige Menschen sonst noch sind und denken. Um das herauszufinden, habe ich sämtliche in der Schweizer Mediendatenbank sowie in Google News archivierten Texte der letzten fünf Jahre durchforstet, die Antworten darauf geben wollen, was Atheisten ausmacht.

Bild: SANDRO BUCHER

«[…] Atheisten sind auch bloss Menschen. Auch sie suchen letztlich Frieden, wollen geliebt werden und lieben, sorgen sich um den Planeten. Sie glauben an sich selbst und an die Welt. Der Glaube ist der Punkt, wo Atheisten und Gläubige sich treffen. […]», Hindu-Friedenbotschaft Sri Sri Ravi Shankar im Interview mit Die Zeit, 30. Juni 2011.

«[…] Atheisten sind gebildeter, toleranter und wissen mehr über den Gott, an den sie selbst nicht glauben. […]», Ergebnisse des Pew Center 2010 in einer Umfrage in den USA, Spiegel, 25. Juli 2011.

«[…] Militante Atheisten haben dafür gesorgt, dass die Religion Erfahrungsbereiche exklusiv für sich beansprucht, die von Rechts wegen allen Menschen gehören – und die für ein säkulares Leben zurückzufordern, uns nicht unangenehm sein sollte. […]», Atheist und Bestsellerautor Alain de Botton, Weltwoche, 16. Februar 2012.

«[…] Atheisten sind die unbeliebteste Glaubensgruppe der USA. Fast die Hälfte der Amerikaner würde eine atheistische Schwiegertochter oder einen Schwiegersohn ablehnen – aber nur ein Drittel eine muslimische. […]», Ergebnisse einer amerikanischen Studie, Annabelle, 7. März 2012.

«[…] Bücher dezidiert atheistischen Inhalts landen auf den Bestsellerlisten, atheistische Autoren sind gern gesehene Gäste in Talkshows, Verlage, die bisher vornehmlich Bücher christlicher oder dem Christentum nahestehender Autoren verlegten, bemühen sich eifrig um die Bestseller ausländischer Autoren, wenn deren Programm der Atheismus ist. […], Religionsphilosoph und Religionswissenschafter Hubertus Mynarek im Interview mit Profil, 25. Mai 2012.

«[…] Ein auffallendes Merkmal vieler Atheisten ist, dass sie eine katholische Schule besuchten, teils gepaart mit einem liberalen Elternhaus. Die beiden Pole fĂĽhrten irgendwann, häufig noch in der Pubertät, zu einem „Erweckungserlebnis“, das ihnen die Augen geöffnet habe gegenĂĽber einer Realität, in der Kirche und Staat viel enger miteinander verknĂĽpft sind, als das allgemein wahrgenommen wird. […]», Freidenker Ronald Bilik im Interview mit Profil, 25. Mai 2012.

«[…] Atheisten sind nicht nur von Gott Befreite, sie leben mit anderen Notwendigkeiten, in ihrem Fall mit jener, in allem einzig auf sich selbst, also den Menschen, verwiesen zu sein. […]» Frankfurter Rundschau Online, 21. Juli 2012.

«[…] Heute haben nicht nur Moslems, sondern auch andere Europäer, die unterschiedlichen Traditionen entstammen oder Atheisten sind, persönliche und kulturelle Prioritäten, die sich nicht in christlichen Werten fassen lassen – und dieser Anteil der Bevölkerung wird weiter steigen. […]», Cicero, 1. September 2012.

«[…] Religion schafft eine Basis, auf der Fremde gut miteinander auskommen. Nur eine Fraktion entzieht sich gänzlich: die Atheisten. Und sie müssen dafür bezahlen. In mehrheitlich religiösen Gesellschaften sind Atheisten immer diejenige Gruppe, der die Leute am wenigsten vertrauen. […]» Sozialpsychologe-Professor Ara Norenzayan, Spiegel, 22. Dezember 2012.

«[…]Atheisten sind ansteckend in ihrer Zweifelsucht, und sie fürchten keinen strafenden Gott. Mehr noch, sie finden es ulkig, dass die anderen so unermüdlich in ihren Aberglauben investieren.», Spiegel, 22. Dezember 2012.

«[…]Atheisten verstehen nicht, warum Religionen anstrengend und teuer sind. Sie sehen nur die gigantische Verschwendung von Zeit und Energie. […]», Spiegel, 22. Dezember 2012.

«Atheisten sind beachtenswert ehrliche Menschen, da sie zu ihren ­intellektuellen und spirituellen Fragen stehen. Dabei sind sie allerdings gläubiger, als sie wahrhaben wollen, denn sie glauben, dass es keinen Gott gibt.» Freikirchler René Christen im Interview mit Migros-Magazin, 11. März 2013.

«[…] Atheisten sind nicht gut auf Religion zu sprechen, erst recht nicht in England. […]», Basler Zeitung, 15. Mai 2013.

«[…]Atheisten sind nicht notwendigerweise kämpferische Reli­gionsgegner. Im Gegenteil, viele von ihnen sind offen für spirituelle Fragen. […]», Stefan Huber, Professor für empirische Religionsforschung an der Uni Bern im Interview mit reformiert, 29. November 2013.

«[…] Atheisten sind in der Regel Einzelgänger. Sie reden nicht mit einer Stimme. Und sie fühlen sich mitunter diffamiert als eigennützig, verbohrt, abgewandt von der Gesellschaft. Sich mit Gleichgesinnten zusammenzuschliessen und die eigenen Überzeugungen offensiv zu vertreten, verspricht offenbar vielen Abhilfe: ein sichtbares Zeichen dafür, dass man ebenfalls ein gutes und wertvolles Mitglied einer Gemeinschaft sei. […]», St. Galler Tagblatt, 14. Juni 2014.

«[…] Die ostdeutschen Atheisten sind das beste Beispiel dafür, dass einem Atheisten nichts zu einem guten Leben fehlt. […]», Religionssoziologe Gert Pickel im Interview mit der Reformierten Presse, 14. November 2014.

«[…] Im Kontakt mit Menschen, die sich Atheisten nennen, ist mir immer mehr aufgegangen, was Menschen zur Kirche hinaustreibt: die Verlogenheit. Wenn sie uns das vorhalten, so sind sie päpstlicher als viele, die sich papsttreu nennen. […] Die Atheisten sind uns immer wieder unangenehme Mahner für das, was Papst Franziskus seinen engsten Mitarbeitern kurz vor Weihnachten ans Herz gelegt hat. Es könnte kurz zusammengefasst werden mit den Worten: Was wir beten, zum Leben werden lassen; was wir leben, zum Gebet werden lassen. […]», Schweizer Benediktiner Martin Werlen, Sonntag, 8. Januar 2015

«[…] Solange Unsicherheit herrscht und die grossen Götter regieren, werden Atheisten gehasst, wie viele Umfragen ergeben haben. Die Frommen fürchten, die Gottlosen könnten sie ausnutzen, da sie nicht an göttliche Regeln gebunden sind. Doch diese Angst wird schnell vergessen, wenn der Staat die strafende Rolle Gottes übernimmt. […]», Sozialpsychologe-Professor Ara Norenzayan, Basler Zeitung, 23. März 2015.

«[…] Atheisten sind immer Klugscheißer, das unterscheidet sie von den Agnostikern. Agnostiker und Atheisten verbindet ihre Ablehnung religiöser Institutionen. Doch während der Agnostiker die Beschränktheit des menschlichen Erkenntnisvermögens betont und somit eine gewisse intellektuelle Demut offenbart, ist der Atheist restlos von sich und seinem überlegenen Intellekt überzeugt, was ihm nach seiner Überzeugung das Recht gibt, jede Form von Religiosität in den Dreck zu ziehen. […]», The European, 28. Mai 2015

«[…] Innenminister Thomas de Maizière stellt pauschal urteilend einen direkten Zusammenhang zwischen Fremdenfeindlichkeit und Atheismus her, weswegen mehr Christlichkeit besser wäre. Die Grüne Katrin Göring-Eckardt unterstellt Atheisten kognitive Störungen, weshalb das komplexe Christentum, „verständlich und lebensnah“ vermittelt werden müsse. […]», Berliner Zeitung, 28. Dezember 2015.

«[…] Wer an Gott glaubt, verwendet mehr Hirnzellen für Mitgefühl als für analytisches Denken. Das Gehirn von Atheisten arbeitet genau andersherum. Dadurch sind sie intelligenter, aber auch kaltherziger. Diese Eigenschaften definieren auch Psychopathen. […]», FOCUS Online, 25. März 2016.

«[…] Für viele moderne wissenschaftliche Atheisten sind die Religionen etwas, das mit Gottesbeweisen beginnt und von ihnen abhängt. […]», David Gelernter, amerikanischer Informatiker und Netzkritiker im Interview mit der Süddeutschen Zeitung, 26. März 2016.

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Der Artikel erschien auf hpd.de.

Wie steht es um die Religiosität der Schweiz?

Mit der 2014 veröffentlichten Studie „Religion und Spiritualität in der Ich-Gesellschaft“ schliesst der Schweizer Religionssoziologe Dr. Jörg Stolz an eine Forschungsrichtung an, die vor ĂĽber zwanzig Jahren begann. Erstmals wurde auch alternative Spiritualität und Säkularität berĂĽcksichtigt, um eine noch exaktere Vermessung der religiösen Landschaft in der Schweiz zu gewährleisten. An einer Veranstaltung der Freidenker Vereinigung Schweiz (FVS) stellte Stolz seine Befunde vor und sprach ĂĽber die Tendenzen und den Wandel der Schweiz.

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Dr. Jörg Stolz während seines Vortrags in Olten. (Bild: Dorothee Schmid)

Religiosität und Spiritualität zeigen sich in der Schweiz in vier grossen Gestalten, so der Befund von Dr. Jörg Stolz, Professor fĂĽr Religionssoziologie an der Universität Lausanne. Die „Institutionellen“ (17,5 Prozent) sind traditionell und freikirchlich-christlich, während „Alternative“ (13,4 Prozent) auf Esoterik und Astrologie setzen. „Säkulare“ (11,7 Prozent) sind oft konfessionslos und Religion gegenĂĽber indifferent oder feindlich. Der Löwenanteil der Bevölkerung gehört jedoch den „Distanzierten“ (57,4 Prozent) an. Der distanzierten Gruppe ist Religion nur in bestimmten Situationen wichtig. Ihre religiösen Ăśberzeugungen sind häufig diffus und werden fĂĽr die jeweiligen Lebenslagen immer wieder aufs Neue zurechtgebogen und angepasst.

Aufstieg der Konfessionslosen

Innerhalb der letzten fĂĽnfzig Jahre haben sich diese vier Milieus aufgrund von gesellschaftlicher Veränderung, sozialen Trends und Wertewandel massgeblich verändert. Tendenziell wird die Schweiz mit jeder Generation weniger religiös. Diverse Indikatoren zeigen, dass sich die institutionelle religiöse Praxis gerade in den 1960er Jahren, während des Wirtschaftsbooms, tiefgreifend verändert hat. Zum ersten Mal treten 1960 in der nationalen Volkszählung die Konfessionslosen auf, damals mit 0,7 Prozent noch ein vernachlässigbares Minderheitsphänomen. Diese Minderheit ist bis im Jahr 2013 auf 21,4 Prozent rasant angestiegen und zählt mittlerweile die grösste „Zugehörigkeit“ nach den beiden Landeskirchen.

Während vor einem Jahrhundert noch 58 Prozent der Schweizer der evangelisch-reformierten Kirche angehörten, sind es heute noch 26,9 Prozent. Die katholische Kirche konnte einen Absturz dieses Ausmasses durch den Zuzug von italienischen, portugiesischen und spanischen Gastarbeitern vorerst verhindern und erlebte gar eine Renaissance. Im Jahr 1900 waren die Katholiken mit 42 Prozent klar in der Minderheit, bevor sie Mitte des 20. Jahrhunderts gar an der 50-Prozent-Marke kratzten. Heute ist von diesem Aufschwung nicht mehr viel spürbar: Die Katholiken sind mit 38,2 Prozent, wie auch die Evangelisch-reformierten, an einem bisherigen Tiefstwert angelangt. Zugunsten von Personen ohne Konfession.

Säkularität durch Pluralisierung und Individualisierung

Neben ökonomischen Faktoren hat auch eine Pluralisierung des Glaubens, die aufgrund von Immigration und Globalisierung vor rund fünfzig Jahren ihren Anfang nahm, zu der starken Veränderung in der Schweiz beigetragen. Durch die Zuwanderung von Buddhisten, Hindus und Muslimen musste sich der Schweizer Staat zunehmend die Frage stellen, wie man allen Gläubigen zukünftig gerecht werden könne. Da die Regierungen der Kantone nicht alle Religionen anerkennen konnten, wurde beispielsweise der Religionsunterricht in den Schulen verstärkt neutraler gestaltet, was zu einer differenzierten Auseinandersetzung des Glaubens bei Kindern führte.

Parallel zur Pluralisierung entstand zusätzlich eine Individualisierung der Religion: „Die Menschen wurden immer individueller und wollten zunehmend selbst entscheiden, was ihre ganz eigenen BedĂĽrfnisse sind“, erklärt Dr. Stolz, „dadurch entsteht ein Interessenskonflikt mit der institutionellen Religion, die klare Vorgaben und Richtlinien hat.“

Kampf an den polarisierenden Fronten

„FĂĽr die Schweizer Bevölkerung ist wahrscheinlich, dass es in den nächsten Jahrzehnten zu einer neuartigen Polarisierung kommen wird“, schliesst Dr. Stolz. Konfessionslosigkeit und Gottesungläubigkeit werden im Laufe der Zeit immer weniger GemĂĽter erhitzen. Dagegen scheint sich abzuzeichnen, dass das Abschmelzen der selbstverständlichen und traditionell gestĂĽtzten Volksreligiosität der Landeskirchen zu einem neuen Gegenpol und einer neuen Konfliktlinie fĂĽhren wird.

Auf der einen Seite werden in der Schweiz diejenigen sein, die besonders stark und ausgeprägt ihren Glauben praktizieren werden. Unter denjenigen wird die Anzahl der Freikirchlichen, die sich aktiv gegen die säkularen Neigungen der modernen Gesellschaft stellen, steigen. Auf der anderen Seite erstarken die engagierten Säkularisten, die Religion als unnötiges Nebenprodukt oder als Fehler der Evolution bekämpfen wollen. Dr. Stolz: „In jedem Fall wird es wichtig sein, auf das zu setzen, was unserer Gesellschaft seit Jahrzehnten inneren Frieden gebracht hat: die Mechanismen der demokratischen Auseinandersetzung, des Rechtstaats und der nie endenden Suche nach Integration der gesellschaftlichen Gegensätze.“

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Der Artikel erschien zusätzlich auf hpd.de.

«Extremismus gibt es nicht»

Tony Blair bezeichnete es als das grösste Problem des 21. Jahrhunderts: Fundamentalismus. Durch welterschütternde Ereignisse wie die Terroranschläge vom 11. September oder die Gräueltaten des IS wird oft nur von islamischem Fundamentalismus als neuzeitliche Erscheinung gesprochen. Dabei gab es diese Tendenzen schon immer – in allen Weltreligionen.

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«Der siebente Kreuzzug gegen Jerusalem» (1838–1850) von Francesco Hayez zeigt das Ausmass von religiösem Fundamentalismus im späten Mittelalter.

Die im wahrsten Sinne des Wortes mittelalterliche «Cruzada» der katholischen Kirche, antisemitische «Orthodoxie» im Namen des Kommunismus, «Gusch Emunim» im jüdischen Israel, «Bharatiya Janata» im hinduistischen Indien, der islamistische «Dschihad» im Nahen und Mittleren Osten: Fundamentalismus hat seit jeher viele Namen. So vielseitig wie seine Bezeichnungen sind auch die für militante Menschen verlockenden Varianten seiner Vielfältigkeit.

«Das Kokain des Volks»

In seiner Schrift «Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie» aus dem Jahr 1844, bezeichnete Karl Marx die Religion als Opium des Volks. Bis heute gilt diese Aussage als eines der berühmtesten Zitate des Protagonisten der Arbeiterbewegung. Dass die Wirkung der Religion nur bedingt Ähnlichkeit mit einem beruhigenden Schmerz- und Schlafmittel aufweist, glaubt nicht nur Wolfgang Wippermann, Professor für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin: «Marx hatte mit seinem Vergleich nicht Recht. Religion kann schlimmer als Opium sein. Religion kann die Menschen wie die Drogen Kokain und Crack aufputschen und aggressiv machen.» Mit dieser These eröffnet Wippermann sein Buch «Fundamentalismus – Radikale Strömungen in den Weltreligionen».

Tink.ch sprach mit dem Fundamentalismus-Experten im Rahmen des «Extremismus-Schreibens» vom ehemaligen Premierminister des Vereinigten Königreichs, Tony Blair, das Anfang Jahr in der britischen Wochenzeitung «The Observer» veröffentlicht wurde.

Islamistischer Splitter

Ein Grossteil der deutschsprachigen und amerikanischen Bevölkerung assoziiert Fundamentalismus ausschliesslich mit der islamistischen Ausrichtung und ignoriert dabei, dass die radikalen Strömungen in sämtlichen Weltreligionen auftauchen. Das zeigen diverse Umfragen, die unter anderem in England, Deutschland und den USA durchgeführt wurden. Wippermann warnt vor dieser einengenden und engstirnigen Sichtweise: «Es ist falsch, unter Fundamentalismus nur den islamischen zu verstehen. Die Leute, die das machen, kritisieren den Splitter und übersehen den Balken in ihren Augen.»

Das Debatten-dämpfende Definitions-Dilemma

Um Fundamentalismus zu bekämpfen, muss man nicht nur verstehen, dass er in allen Weltreligionen auftaucht, sondern auch, dass seine Ursprünge genauso divers sind.

Wegweisend ist demgemäss der regelmässige Aufruf, über religiösen Fundamentalismus zu reden. Dieser Appell ist nicht nur an sämtliche Glaubensgemeinschaften gerichtet, sondern an alle Menschen, die sich eine friedfertigere Zukunft ohne Hass und diskriminierendes Gedankengut erhoffen.

So lobenswert der rege Austausch auch wäre: Oft werde bei dem Gespräch über Fundamentalismus unbewusst der falsche Ansatz gewählt, mahnt Wippermann.

Definitorische Differenzierungen sind bei komplexen Themen wie Religion schwer einzuhalten, nicht zuletzt auch durch die in der Realität fliessenden Übergänge von einem Extrem ins andere. Denn extrem ist Fundamentalismus nicht. Der in den Medien oft erwähnte «Extremismus» ist, so Wippermann, ein fehlleitender Begriff: «Extremismus gibt es nicht. Bei diesem Konstrukt werden linke und rechte Bewegungen und Parteien, die sich zu weit von einer imaginären und niemals genau definierten Mitte entfernt haben sollen, kriminalisiert.» Wippermann betont, dass der Begriff weder in der deutschen Verfassung, noch in irgendeinem Gesetz des Landes auftauche.

Auge um Auge der falsche Ansatz

Durch den unerbittlichen Vormarsch des Islamischen Staats (IS) werden in der internationalen Gemeinschaft unlängst wieder Stimmen laut, die Waffenlieferungen für die Kurden und militärische Interventionen fordern. Wippermann ist sich sicher, dass damit der falsche Ansatz gewählt wird: «Mit militärischen Interventionen kann man weder den islamischen, noch den christlichen, jüdischen, hinduistischen, oder einen anderen  Fundamentalismus überwinden.»

Gratwanderung der Toleranz

Dass der Kampf gegen den Fundamentalismus nicht nur auf politischer, sondern hauptsächlich auch auf der theologischen Ebene geführt werden muss, zollt seinen Tribut: Eine neutrale Einschätzung des Themas ist nicht möglich, da die Gotteslehre seit jeher durch ideologische Wertvorstellungen eines jeden praktizierenden Gläubigen neu definiert wird. Das zeigt auch eine Studie des Schweizer Nationalfonds, die Ende Oktober 2014 veröffentlicht wurde: «Über das eigene Bild von Gott und das Praktizieren einer Religion entscheidet in der sogenannten Ich-Gesellschaft jede und jeder für sich alleine.»

Trotzdem gilt in der Religion dieselbe Grundregel wie überall, wo sich demokratische und friedliebende Modelle aufzeichnen: Die Freiheit des Einzelnen hört da auf, wo die Freiheit des Anderen anfängt. Wenn sich die Religionsfreiheit und die Rechts- und Verfassungsordnung anbellen, muss letztere gewissenlos zubeissen.  Denn ob das militante Denken gestützt wird durch schriftliche Erzeugnisse, oder ob der Glaube nur als pervertierter Vorwand genutzt wird, um Mordaufrufe und Unterdrückung im Namen Gottes zu rechtfertigen: «Fundamentalismus», so Wippermann, «ist gefährlich und nicht zu tolerieren.»

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Dieser Artikel erschien im Tink Jugendmagazin 04/14.