Der Heilige Zeitgeist

Zurzeit wird in der Schweiz ĂŒber die «Ehe und Adoption fĂŒr alle» diskutiert. WĂ€hrend neben liberalen Bewegungen sogar Theologiestudentinnen und -studenten diese Forderung unterstĂŒtzen,  halten sich die Landeskirchen mit ihrem Zuspruch zurĂŒck. Nicht zuletzt, weil der Appell eine theologische Grundsatzfrage tangiert: Wie weit darf sich die Kirche dem Zeitgeist anpassen?

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Wie weit darf sich die Kirche aus theologischer Sicht dem Zeitgeist anpassen? (Bild: katholisches.info)

Die Menschen der Katholiken-Hochburg Irland haben mit ihrem Ja zur Heirat fĂŒr gleichgeschlechtliche Paare vor rund einem Jahr eindrĂŒcklich gezeigt, dass konservative Kirchenkreise zumindest in dieser Gesellschaftsfrage den Kontakt zur Basis komplett verloren haben. Von einem «substanziellen Riss zwischen der katholischen Kirche und der Gesellschaft» sprach der Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, und bewertete den Ausgang des Referendums im Interview mit der Internetplattform „Vatican Insider“ als «Zeichen einer Kulturrevolution».

Kampf in der Schweiz

Von diesem irischen Revolutionsgeist beflĂŒgelt, kĂ€mpfen in der Schweiz unter anderem die GrĂŒnliberale Partei und die politische Bewegung «Operation Libero» fĂŒr die Gleichstellung von homosexuellen Partnerschaften und die daraus entstehende Familienformen.

WĂ€hrenddessen befĂŒrchten Gegner dieser Forderung, dass durch die Ehe fĂŒr alle das traditionelle Familienbild geschwĂ€cht wird: «Es ist an der Zeit, die Demontage der traditionellen Familie zu stoppen», sagt EDU-Politiker Marco Giglio, Co-PrĂ€sident eines Komitees, dass die «Homo-Ehe» verhindern will. «Die Ausdehnung der Schwulenrechte ist ein Angriff auf die Familie.»

Kirche im Dilemma

Dass in der heutigen Zeit noch immer von einer traditionellen Familie gesprochen wird, ist eine Desavouierung des Zeitgeistes. Denn Familienkonstellationen und Lebensformen, die von der Tradition abweichen, sind lÀngst gesellschaftliche RealitÀt. Auch in der Schweiz. Trotzdem verzichten die hiesigen Landeskirchen immer noch darauf, klar Stellung zu beziehen.

Und das, obwohl eine Anpassung des Eherechts gar kein fundamentaler Umsturz der theologischen Stossrichtung der Kirche wĂ€re. Schliesslich stammt das gesamte Eherecht in seinen WesenszĂŒgen erst aus dem Hochmittelalter. Das erwĂ€hnt auch der österreichische Theologe Horst Herrmann in seinem Buch «Die sieben TodsĂŒnden der Kirche» und stĂŒtzt damit seine These: «Die Kirche versucht noch immer, hundertfĂ€ltig vorgenommene Adaptionen an vergangene Gesellschaftsformen und Ideologien als zeitlos gĂŒltige Aussageweisen auszugeben».

Klare Stellungnahme fehlt

Der Schweizer Theologe Walter Ludin kommt zum selben Schluss: «Vor Jahrhunderten hat sich die Kirche an den damaligen Zeitgeist angepasst. Nun tut sie so, als ob sie dabei ewige Wahrheiten verkĂŒnden wĂŒrde», schreibt der Kapuziner in einem aktuellen Kirchenblog. «Gleichzeitig weigert sie sich, sich an heutige kulturelle Standards anzupassen. Zum Beispiel an demokratische Strömungen. Lieber bleibt sie monarchisch und behauptet, Jesus habe es so gewollt.»

Das Eherecht ist also kein in Stein gemeisseltes Dogma. Dennoch ist die Öffnung der Ehe eine ethische und moralische Grundsatzfrage, die die Geister scheidet und bis in den Kern des christlichen Familien- und Gesellschaftsbilds bohrt. Gerade deshalb ist es fĂŒr die Landeskirchen unabdinglich, sich auch bei derart heiklen Gesellschaftsfragen zu Ă€ussern; was noch keine endgĂŒltige Positionierung an einer der polarisierenden Fronten zur Folge haben muss. Im Zentrum steht, wie bei jeder Debatte, die Suche nach Integration gesellschaftlicher GegensĂ€tze, geleitet von den Mechanismen der demokratischen Auseinandersetzung. Keiner monarchischen.

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David gegen Gott

Amerikas «Chefatheist» David Silverman geht mit Religionen und deren Vertretenden gnadenlos ins Gericht. Auf seiner Europa-Tour kam der «American Atheists»-PrĂ€sident nach Basel und ZĂŒrich, um sein neues Buch «Fighting God» und den sogenannten «Firebrand Atheism»vorzustellen: die Universalwaffe gegen die «grösste LĂŒge der Menschheitsgeschichte».

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«Hört auf, euch Freidenker zu nennen» – David Silverman bei seinem Vortrag im Karl der Grosse ZĂŒrich. (Bild: SANDRO BUCHER)

 «Sagt, dass ihr Atheisten seid, und hört mit diesem Freidenker-Bullshit auf», proklamiert Amerikas Chefatheist David Silverman bei der Mikrofonprobe im ZĂŒrcher Zentrum «Karl der Grosse» und legt damit vorzeitig den Grundstein fĂŒr ein radikales Referat voller Überzeugung, Tatendrang und Strebsamkeit.

Schonungslose AufklÀrung

Zu Beginn seines Vortrags hebt der PrĂ€sident der amerikanischen Atheisten hervor, dass Hardline-Atheismus sowohl auf persönlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene die effektivste Waffe gegen Religion sei: «Wenn ihr Religionen respektiert, so handelt ihr egoistisch und eigennĂŒtzig.» Ein vorsichtiges Vorgehen im Kampf gegen die Religion sei der falsche Ansatz, wenn man etwas verĂ€ndern möchte: «Religion ist ein Gift, dass aus den Wunden der Befallenen ausgesogen werden muss. Es liegt an uns, ihnen dabei zu helfen.»

Bei dieser Hilfestellung gehe es in erster Linie jedoch nicht darum, religiöse Menschen zum Atheismus zu bewegen: «Unser Ziel ist die Hoffnung der AufklĂ€rung. Religiöse Menschen sind indoktrinierte Opfer ihrer sozialen Umgebung. Wir mĂŒssen die Ideologie angreifen, nicht den Menschen, und uns dabei jeglicher Dogmen enthalten.»

Fakten, keine Beleidigungen

Respektlosigkeit gegenĂŒber jeder Religion: Das ist die unerschrockene «Firebrand Atheism»-Strategie, fĂŒr die der Name David Silverman steht. Unter seiner FĂŒhrung fanden in den USA PR-trĂ€chtige Werbeaktionen und Megaveranstaltungen wie die «Reason Rally 2012» statt, die als grösste atheistische Veranstaltung in die Weltgeschichte eingegangen ist.

Die wichtigste Regel beim «Firebrand Atheism» ist, dass Atheisten die GlĂ€ubigen nicht beleidigen: «Beschimpfungen sind Zeichen schwacher Argumente. Wir haben die stĂ€rksten Argumente auf unserer Seite, nĂ€mlich Fakten und Daten», sagt Silverman, «deshalb sind wir in der Pflicht, das Kind beim Namen zu nennen: Religion ist eine LĂŒge und alle Götter sind falsch.»

Silverman bekrĂ€ftigt, dass er fĂŒr glĂ€ubige Menschen MitgefĂŒhl habe und sie genau deshalb nicht vor der brutalen Wahrheit schone. «Ich respektiere alle Menschen als Person, doch den Glauben respektiere ich nicht. Wer an Gott glaubt, ist nicht dumm, sondern Opfer der grössten LĂŒge in der Geschichte der Menschheit.»

«Hört auf, euch Freidenker zu nennen»

Nicht nur in Amerika, sondern ĂŒberall auf der Welt sei es wichtig, keine Angst davor zu haben, sich als Atheist zu positionieren: «Relativierende Euphemismen wie Skeptiker, Humanisten, SĂ€kulare, Agnostiker und Freidenker schaden unserer Sache», sagt Silverman, «in der Regel werden diese Begriffe von verkappten Atheisten verwendet, um nicht anzuecken.» Nur Atheismus sei der korrekte Terminus, bei dem alle verstĂŒnden, was gemeint sei.

Durch die sprachliche VerwÀsserung entstehe ein falsches Bild von Gottlosen, besonders in Amerika: «Viele denken, es gebe in den USA nur etwa drei Prozent Atheisten. Dabei kommt man durch das ZusammenzÀhlen aller Atheisten, die sich hinter einem Euphemismus verstecken, locker auf rund dreissig Prozent. Dass wir uns nicht klar positionieren, schadet unserer Sache enorm.»

«Ein atheistischer US-PrÀsident wird kommen»

Seine fundamentale Haltung begrĂŒndet der 49-jĂ€hrige Amerikaner unter anderem durch die durchdringenden MissstĂ€nde in seinem Land: «Stets betonen wir die Gleichheit unserer BĂŒrger, doch wer nicht an Gott glaubt, kann beispielsweise eine Karriere in der Politik gleich wieder vergessen.»

Silverman sagt, er wisse aus persönlicher Erfahrung, dass sich im US-Senat Dutzende Atheisten verstecken, die nicht offen zu ihrem Unglauben stehen können. «Bis wir einen offen atheistischen US-PrÀsidenten haben, geht es bestimmt noch einige Jahrzehnte. Aber er oder sie wird kommen. Die religiöse Landschaft in den Vereinigten Staaten entwickelt sich im Eiltempo zu unseren Gunsten.»

Korrektes Kritisieren

MĂ€ngel und UnrechtmĂ€ssigkeiten gegenĂŒber Atheisten beobachtet Silverman nicht nur in der Politik, sondern in fast allen gesellschaftlichen Bereichen: «Als GlĂ€ubiger geniesst man ĂŒberall Privilegien. Viele fĂŒhlen sich nur deshalb beleidigt, wenn man ihren Glauben kritisiert, weil sie Angst davor haben, ihre Sonderstellung zu verlieren.»

In diesen FĂ€llen ist es wichtig, den GlĂ€ubigen klarzumachen, dass sich die Kritik nicht auf die Person, sondern auf die Religion bezieht: «Atheisten mĂŒssen sich bei Religionskritik den Nuancen religiöser Komponenten bewusst sein: Gott, Geister, Wunder und Offenbarungen basieren auf einer LĂŒge. Die karitative Arbeit der Kirche hat damit nichts zu tun und existiert nur, weil helfende Menschen empathisch sind. Das sind soziale Werte ohne religiösen Ursprung, die Respekt verdient haben.»

Fighting God

Silverman schliesst sein Referat mit der Aufforderung, sein atheistisches Manifest fĂŒr eine religiöse Welt, «Fighting God», so schnell wie möglich vorzubestellen: «Durch gute Vorverkaufszahlen sind grosse Zeitungen und religiöse Magazine dazu gezwungen, ĂŒber das atheistische Manifest zu berichten. Dadurch erreicht unsere Botschaft höhere Resonanz.» Das Buch zeige die Wahrheit ĂŒber Religion und deren negative Effekte auf die heutige Gesellschaft sowie die wesentlichen Beweise dafĂŒr auf, wie die Inexistenz Gottes erfolgreich nachgewiesen werden kann. Eine deutsche Fassung ist noch nicht angekĂŒndigt.

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Das Interview erschien auf hpd.de.

Adoray – Bunter Katholiken-Konservativismus

Rund 500 Interessierte haben vom 6. bis 8. November das diesjĂ€hrige «Adoray»-Festival im Schweizer Kanton Zug besucht. Die katholische Gebetsgruppe lockt mit einer jugendlichen Frische und umhĂŒllt ihre konservativ-erzkatholische Vision hinter einem Schleier der Aufgeschlossenheit.

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Nebelhafte Kernbotschaften: Zurzeit ist in gewissen Punkten unklar, in welche Richtung die «Adoray»-Bewegung geht. (Bild: SANDRO BUCHER)

Am Anfang war der Entstehungsmythos. Die GrĂŒndung von «Adoray» geht nĂ€mlich auf eine Legende zurĂŒck: Mehrere  Jahre lang haben BrĂŒder in einem Zuger Kloster dafĂŒr gebetet, dass sich eine junge und frische Gebetsgruppe bilden werde, die die katholischen Werte vertreten wĂŒrde. Bis eines Tages zwei junge MĂ€nner an die KlostertĂŒr geklopft und die BrĂŒder um UnterstĂŒtzung bei der GrĂŒndung einer ebensolchen Gebetsgruppe gebeten haben.

Das war 2004. Heute, elf Jahre spÀter, prÀsentiert sich die Adoray-Gebetsgruppe als bunt verpacktes Erzkatholiken-Geschenk, das trotz oder gerade wegen seiner Farbvielfalt kaum auffÀllt neben all den evangelikalischen Geschenken unter dem Freikirchen-Weihnachtsbaum der Schweiz.

Elegantis Feder

In den Adoray-Gebetsgruppen wird katholisches Gedankengut vermittelt und auch in dem diesjÀhrigen Festival-Flyer scheinen die Organisatoren nur knapp daran vorbeizuschrammen, von einer römischen Linie und Papsttreue zu sprechen: «Adoray wird von engagierten, vom Glauben an Jesus Christus begeisterten, katholischen, jungen Menschen organisiert. Adoray untersteht dem Jugendbischof der Schweizerischen Bischofskonferenz, der die Statuten bestÀtigt hat.»

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Auszug des diesjÀhrigen Adoray-Flyers. (Screenshot)

Auffallend ist, dass der Jugendbischof der Schweizerischen Bischofskonferenz nicht namentlich erwÀhnt wird. Nur im Programm des Flyers findet man dessen Namen beim Abschlussgottesdienst am Sonntag: Marian Eleganti. Zur Erinnerung: Marian Eleganti ist jener Bischof, der im Mai dieses Jahres dazu aufgerufen hat, den modernen Menschen zur Umkehr zu bewegen und dass sich nicht die Kirche der heutigen Zeit anpassen solle, sondern umgekehrt.

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Elegantis PlĂ€doyer fĂŒr eine rĂŒckstĂ€ndigere Gesellschaft, die sich der Kirche anpasst (Auszug «Bote der Urschweiz», Front, 11. Mai 2015)

Die Schweizer Bischofskonferenz ist dafĂŒr bekannt, dass sie in sozial-ethischen und prophetischen Fragen fĂŒr den römischen Revolutionsgeist Franziskus‘ nicht empfĂ€nglich ist. Unter dieser PrĂ€misse wird sich Adoray nur schwer als zeitgemĂ€sse Institution mit katholischem Gedankengut etablieren können.

Schönborns Rede

Was Adoray dennoch schon jetzt von der römisch-katholischen Kirche abhebt, ist, dass «fehlerhafte» Menschen ĂŒberall und immer willkommen sind. Unter Fehlerhaftigkeit versteht man beispielsweise Sex vor der Ehe oder HomosexualitĂ€t.

So haben die Veranstalter des diesjĂ€hrigen Adoray-Festivals in Christoph Schönborn den perfekten Kandidat fĂŒr die Kanzel  gefunden: der 70-jĂ€hrige Erzbischof von Wien ist ein Kardinal ganz im Sinne von Franziskus. VordergrĂŒndig fĂ€hrt er eine liberale Schiene (ja zu EmpfĂ€ngnisverhĂŒtung, offen fĂŒr Dialog mit anderen Glauben, etc.), hintergrĂŒndig wĂŒrde er jedoch auf ebendieser Schiene das Papstmobil gegen die Wand fahren (Stillschweigen zu Missbrauchsskandalen, Stillschweigen zu Vatileaks, etc.). Diese Zerrissenheit und UnschlĂŒssigkeit widerspiegelt sich, zumindest gegen aussen, auch in den derzeitigen Adoray-Wertvorstellungen.

Adorays Jugend

Die junge Adoray-Community wird sich in den nĂ€chsten Jahren bestimmt noch formen, entwickeln, spezifizieren und mit grosser Wahrscheinlichkeit auch ausdehnen. Die Frage ist, ob sie im Laufe dieses Prozesses noch offener wird oder sich unter der FĂŒhrung der Schweizer Bischofskonferenz noch strenger auf den Hauptgehalt der katholischen Kirche stĂŒtz. Und wie synchron sie den Kurs mit Rom fahren wird. Und wie gewissenhaft sich das jugendliche Publikum ĂŒberhaupt an den gepredigten GrundsĂ€tzen orientiert, oder ob es fĂŒr die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer nur eine «neo-traditionellere» Form eines Jugendtreffs ist. Die Entwicklung der ReligiositĂ€t in der Schweiz deutet darauf hin, dass es eher Letzteres ist.

Interview: FVS-VizeprĂ€sident Valentin Abgottspon

Nachdem Valentin Abgottspon vor fĂŒnf Jahren das Kruzifix aus seinem Klassenzimmer entfernte, wurde er als Lehrer fristlos entlassen. Heute kĂ€mpft der polarisierende Walliser weiter fĂŒr die strikte Trennung von Kirche und Staat. Mit ihm sprach Sandro Bucher.

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«Freidenker haben schlicht die besseren Argumente» (Bild: DOROTHEE SCHMID)

2015 jĂ€hrt sich der Tag deiner fristlosen Entlassung zum fĂŒnften Mal. Wie blickst du heute auf diese Schicksalstage zurĂŒck?
Valentin Abgottspon: GrundsĂ€tzlich blicke ich positiv auf die Zeit zurĂŒck, denn die fristlose Entlassung war der gröbste Blödsinn, den die Schulbehörde machen konnte. Die UnverhĂ€ltnismĂ€ssigkeit des Urteils schockierte Menschen in der ganzen Schweiz, die es nicht fĂŒr möglich hielten, dass solche Dinge in der heutigen Zeit noch passieren. Die Bevölkerung und Lehrerschaft wurde durch diesen Fall sensibilisiert. Das kann ich rĂŒckblickend jetzt so formulieren, da die Sache sozusagen durchgestanden ist. Es gab fĂŒr mich aber auch extrem dunkle Zeiten und eine schwere Niedergeschlagenheit. Und dass ich Zuschriften erhalten habe, in denen beispielsweise steht, dass meine Mutter Krebs habe, weil ich nicht an Gott glaube und dass sie versagt habe, weil sie mich nicht zu einem „anstĂ€ndigen Christenmenschen“ erzogen habe. Solche Dinge können schon etwas an einem nagen.

Hat sich seitens des Staates auch etwas geÀndert?
Nein. Es hat nicht dazu gefĂŒhrt, dass bei den staatlichen Behörden und Departementen im Kanton Wallis etwas gelaufen ist. Die nationalkonservative Schweizer Volkspartei (SVP) wollte gar das Kruzifix in allen Schulzimmern obligatorisch machen. Trotzdem bin ich davon ĂŒberzeugt, dass ich der Letzte war, dem so etwas passierte. So blöd wird keine Schulbehörde in der Schweiz mehr reagieren.

Was war der Auslöser dafĂŒr, dass du das Kruzifix entfernt hast?
Der konkrete Anlass war die Minarett-Initiative. Im Vorfeld der Abstimmung störte mich, dass so getan wurde, als wĂ€re die Schweiz ein christliches Land. Politik und Gesellschaft redeten plötzlich wieder von christlichen Werten und einem christlichen Staat. Da habe ich fĂŒr mich selbst entschieden, das Kruzifix abzunehmen. Ich habe es nicht aus Renitenz gemacht und keinen Streit gesucht, wie mir auch heute noch unterstellt wird.

Hast du mit deinen SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern nicht darĂŒber gesprochen?
Nein, das habe ich selbst entschieden und nie thematisiert, da es meinen Unterricht nicht tangierte. Auch im Nachhinein blieb die Diskussion aus, da es sowieso nicht in allen Schulzimmern Kruzifixe hatte. Erst im Vorfeld der GrĂŒndung der Freidenker-Sektion Wallis bekam ich erste Leserbriefe, SchmĂ€hbriefe und Hassbotschaften. Dann haben es auch die SchĂŒler bemerkt.

Deine Entlassung sorgte auch international fĂŒr Schlagzeilen. Ist die Schweiz in Sachen Religion vergleichsweise konservativ?
Die Gesellschaft ist schon viel weiter als Behörden, Politik und Medien, die noch nicht dort angekommen sind, wo Diskurs und Lebenswirklichkeit sich befinden. FĂŒr ganz viele Personen ist Religion schlicht irrelevant. Dennoch legen sich viele Politiker vor dem Wahlkampf den Mantel des Glaubens um. Nur hat das nicht mehr wirklich viel mit SpiritualitĂ€t zu tun. Wenn man ĂŒber die Burka oder Minarette diskutiert, diskutiert man auch ĂŒber die Unzufriedenheit mit GrenzgĂ€ngern und AuslĂ€ndern. Bei der Minarett-Initiative beispielsweise ging es nicht nur um Religion, sondern auch um Xenophobie und Rassismus.

Wie wĂŒrdest du dein VerhĂ€ltnis zur Kirche beschreiben?
Ich wĂŒrde mich durchaus als Aktivisten bezeichnen, der mittlerweile viele Aspekte bewusster erlebt, mehr Details kennt und sich ĂŒber die vielen Instransparenzen im Klaren ist. Inzwischen blicke ich wieder positiver in die Zukunft: Die junge Generation ist sĂ€kularer und auch Ältere distanzieren sich öfters von der Kirche. Irgendwann wird es einen Dammbruch geben und auch Politiker werden es einfacher haben, sich fĂŒr eine Trennung von Kirche und Staat auszusprechen. Freidenker und Humanisten haben schlicht die besseren Argumente auf ihrer Seite. Trotz der fehlenden Riesenbudgets fĂŒr Medienarbeit können wir uns deshalb gut positionieren und die Argumente glaubhaft rĂŒberbringen.

Freikirchen erleben jedoch einen Zuwachs, vor allem bei der jĂŒngeren Generation.
Das ist sehr bedauerlich. Es ist ja eine Art Katholizismus oder RigiditĂ€t im Denken, die Freikirchen an den Tag legen. Wir mĂŒssen in der Schule FĂ€cher erarbeiten, die kritisches Denken und RationalitĂ€t fördern. Eine Art Anleitung zum und Hilfe beim sauberen Denken. Mit dem Internet haben wir bereits ein durchdringendes Tool, das diesbezĂŒglich krĂ€ftig mithilft. Dadurch wird die Tendenz sinken, dass ein grosser Teil der Bevölkerung in einen Extremismus verfĂ€llt oder den RattenfĂ€ngern von Freikirchen und Sekten in die FĂ€nge geht. Es wird aber immer Menschen geben, die sich gefangen nehmen lassen, insbesondere wenn sie aufgrund von – eventuell vorĂŒbergehenden – Extremsituationen und SchicksalsschlĂ€gen in ihrem Leben besonders verwundbar sind.

Wie schÀtzt du die Lage in der Schweiz hinsichtlich Trennung von Kirche und Staat ein?
Im Alltagsleben der Schweizerinnen und Schweizer ist die Kirche kein bestimmender Faktor mehr. In gewissen Kantonen gibt es bei der SĂ€kularisierung nur noch wenige Baustellen. Bei allen anderen wird die Trennung Schritt fĂŒr Schritt weitergehen. In weiten Landesteilen mĂŒssen erst die Transparenz der Kirchen und religionswissenschaftliche AnsĂ€tze in den Lehrmitteln und im Unterricht der Volksschule etabliert werden. So, dass auch Atheismus und Humanismus in unserer Gesellschaft ihren angemessenen Platz finden.

Welche Rolle spielen dabei die Medien?
Besonders bei den öffentlich-rechtlichen Medien finde ich viele Dinge kritikwĂŒrdig. Das „Wort zum Sonntag“ des Schweizer Radio und Fernsehens (SRF) durften, obwohl die Sendung als christlicher Kommentar definiert wird, auch schon Hindus, Buddhisten und Muslime ergreifen, jedoch keine Freidenker. Dass dies nicht mehr zeitgemĂ€ss ist, wissen das SRF und die katholischen und reformierten Medienbeauftragten. Das sind reine Besitzstandwahrungen und das Krallen an die Moneten, beziehungsweise Privilegien. Das ist schlicht nicht in Ordnung. Das haben mir gegenĂŒber im privaten GesprĂ€ch bei einem Kaffee oder Bier sowohl SRF-Angestellte wie auch hohe kirchliche FunktionĂ€re schon zugegeben. Öffentlich wollen sie sowas aber natĂŒrlich nicht gestehen.

Die Freidenker-Vereinigung Schweiz hat eine Plakatkampagne lanciert, in der ihr, begleitet von einem offenen Brief, fragt: „Liebe Katholiken! Huonder tritt nicht aus. Wie steht’s mit euch?“


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Kampagnen-Plakat

Wir wollen die Katholikinnen und Katholiken dazu auffordern, ĂŒber einen Kirchenaustritt nachzudenken. Sehr viele von ihnen haben innerlich ihren Kirchenaustritt schon vollzogen und die menschenfeindlichen, intoleranten Äusserungen des Kirchenaustrittskatalysators und Bischof Vitus Huonder sind geeignet, sich selber den Anstoss zu geben und in diesem Verein nicht mehr mitzumachen und ihn nicht mehr mitzufinanzieren. Huonder hat zwar auch innerkirchlich etwas Gegenwind zu spĂŒren bekommen. Er sitzt aber immer noch fest auf seinem Bischofssitz. Und er gibt mit seiner Ablehnung der praktizierten HomosexualitĂ€t nur die geltende Kirchenlehre, wie sie im Katechismus steht, wieder. Es ist etwas unaufrichtig und inkonsequent, wenn Katholikinnen und Katholiken denken, dass sich katholische GrundsĂ€tze und Ehe, Toleranz und Adoptionsrecht fĂŒr alle unter einen Hut bringen liessen.

Was möchtest du neben der Aufwertung der medialen PrÀsenz noch erreichen?
Zentral ist momentan, dass wir Freidenkerinnen und Freidenker bei der Umsetzung der Grundlagen des Lehrplans 21 gut aufpassen. Es ist vorgesehen, dass der konfessionelle Religionsunterricht nicht mehr Aufgabe der Volksschule ist. Viele Kantone werden hier aber von diesem Grundsatz abweichen wollen und den Kirchen viele Privilegien zuschanzen und ihnen den Zugriff auf die Kinder weiterhin gewĂ€hren. Die Kirchensteuern fĂŒr juristische Personen gehören abgeschafft. Abseits davon sehe ich einen Teil meines Engagements auch international. Auch wenn mir schlimme Dinge widerfahren sind, sind sie kein Vergleich zu dem, was Menschen wie Raif Badawi angetan wird. Mein Einsatz hört nicht beim Laizismus auf. Ich bin und bleibe wohl mein Leben lang Aktivist.

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Das Interview erschien auf hpd.de.

«Die Entwicklung in der Schweiz ist beunruhigend»

Schon vor der Jugendsession haben sich die 22 Teilnehmenden der Projektgruppe «Datenschutz» aus beruflichen und privaten GrĂŒnden rege mit dem Thema beschĂ€ftigt. Mit ihrer FĂŒrsorge verkörpern sie einen grossen Teil der Schweizer Jugend, der sich seit den EnthĂŒllungen Edward Snowdens vermehrt Gedanken um die Sicherheit seiner persönlichen Daten macht.

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Nicht nur im echten Leben, auch dann, wenn wir uns im Internet bewegen, werden wir ĂŒberwacht. (Bild: BASIL KOLLER/Tink.ch)

Seit das Zeitalter der Digitalisierung eingelÀutet wurde, ist die weltweit gespeicherte Datenmenge explodiert. Nicht nur die Privatwirtschaft und der Staat werden durch die Entwicklung der letzten Jahre vor eine enorme Herausforderung gestellt. Smartphone und Notebook reichen bereits, um selbst in den Sog des Datensturms zu geraten.

Umstrittener Einsatz von Staatstrojanern

In der demokratischen Gesellschaftsordnung der Schweiz gilt, dass jeder Mensch so weit wie nur möglich selber darĂŒber bestimmen kann, welche Informationen ĂŒber ihn wann, wo und wem bekannt gegeben werden. Dass dies so bleibt, gewĂ€hrleistet der Datenschutz.

In der Sommersession dieses Jahres stimmte der National- und StĂ€nderat ĂŒber zwei umstrittene Gesetzesvorlagen ab, die den Datenschutz betreffen: die Revision des Bundesgesetzes zur Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs (BĂŒpf) und des Nachrichtendienstgesetzes. Durch die beiden Erlasse soll die Vorratsdatenspeicherung von einem halben auf ein ganzes Jahr ausgedehnt werden.

Des Weiteren ermöglicht die Revision den Einsatz von sogenannten «Staatstrojanern». Darunter versteht man eine Software, die ohne das Wissen des Anwenders auf Computer installiert werden kann. Einmal installiert, können die Trojaner E-Mails lesen und Internet-Telefonate mitschneiden.

«In einem Rechtsstaat sollte das nicht passieren»

Die beiden Erlasse stossen in der Datenschutz-Gruppe der Jugendsession nicht bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf Zuspruch: «Die geplanten Schritte finde ich beunruhigend. Durch Staatstrojaner können Beweise manipuliert werden, was in einem Rechtsstaat nicht passieren sollte. Damit stellt man die gesamte Bevölkerung unter Generalverdacht», sagt der 19-jÀhrige David Scherer.

Sonja Nussbaumer, 20, sieht im Datenschutz eine anhaltende Gratwanderung: «Zu einem gewissen Punkt brauchen wir die Überwachung. Doch sobald die PrivatsphĂ€re zu fest eingeschrĂ€nkt wird, wird es zu viel.»

Die 16-jĂ€hrige CĂ©line Beutler war vor der Jugendsession klar gegen eine Revision des BĂŒpf. Durch die VortrĂ€ge der Experten versteht sie mittlerweile beide Seiten: «Das Aufkommen von Terrorismus legitimiert die SchĂ€rfung der Gesetze. Trotzdem mĂŒsste man sie in der jetzigen Form einschrĂ€nken.»

FrĂŒhling der DatenschĂŒtzer

Durch die OmniprĂ€senz der sozialen Medien, EnthĂŒllungen von Edward Snowden und die fortwĂ€hrende Datensammelwut globaler Unternehmen setzen sich die Jugendlichen seit einigen Jahren vermehrt mit Datenschutz auseinander.

Dies haben die meisten Mitglieder der Datenschutz-Arbeitsgruppe auch in ihren Freundeskreisen bemerkt: «Es gab bei uns in der Schule einen Vorfall von Datenmissbrauch. Dadurch wurde bei uns allen das Interesse wieder grösser», sagt der 17-jÀhrige Camill Grob.

Auch David Scherer hat bemerkt, dass sein Freundeskreis durch die EnthĂŒllungen Edward Snowdens fĂŒr das Thema sensibilisiert wurde. Sonja Nussbaumer hingegen sah keinen Wandel in ihrem Umfeld: «Viele wissen zwar, wie sie ihre Daten besser schĂŒtzen könnten, doch aus Bequemlichkeit machen sie nichts dagegen.»

Die Diskussionen in der Arbeitsgruppe bleiben durch die verschiedenen Erfahrungen und HintergrĂŒnde der Teilnehmenden differenziert, ausgewogen und abwechslungsreich.

Die von ihnen erarbeitete Forderung hat zum Ziel, fĂŒr die nationale Politik verwendbar zu sein. Sie alle sind sich jedoch einig: Die Eigenverantwortung im Umgang mit den Daten darf dabei nicht vergessen werden.

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Der Artikel erschien auf tink.ch.

«Es reicht schon, Jugo zu sein»

Mit mehr als zehn Millionen Menschen bilden Roma die grösste transnationale Minderheit. Obwohl die Völker seit 1200 Jahren mitten unter uns leben, gelten sie bei vielen EuropÀern als ehrlose Diebe und Verbrecher, die in unsere Zivilisation eindringen. Im GesprÀch mit Tink.ch erklÀrt Stéphane Laederich, Direktor der Rroma Foundation Schweiz, wie es tatsÀchlich um die Roma in der Schweiz steht.

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Das Wohnzimmer einer Roma-Familie. Mindestens 80 000 der in der Schweiz lebenden Roma sind sesshaft. (Bild: Tink.ch/MANUELA PAGANINI)

Ob durch die Besetzung der kleinen Allmend in Bern Ende April oder durch mediale Hexenjagden rechtspopulistischer Schweizer Medien: Die Roma sind zurĂŒck im Bewusstsein der Schweizer. Die Bevölkerungsgruppen, die ihre Wurzeln im Nordwesten Indiens haben, sind seit dem fĂŒnften Jahrhundert ohne Land. Von barbarischen Königen unterdrĂŒckt und von Kriegen vertrieben sind die Roma heute eine transnationale Minderheit abseits von nationalistischen Bewegungen.

Ein Volk auf dem PrĂŒfstand
Aktuell leben Roma auf allen Kontinenten. Auch 1‘500 Jahre nach dem Beginn ihrer Leidensgeschichte gelten sie bei vielen Menschen als fahrendes Volk ohne Vaterland. Die Population der Roma in ihrer Ursprungsform ist besonders in Osteuropa und im Balkan stark ausgeprĂ€gt, wĂ€hrend sich die «Zigeuner» in Mitteleuropa den sprachlichen und kulturellen Normen ihrer neuen Heimat angepasst haben und sich Sinti nennen. Doch ob Ost-, Mittel- oder Westeuropa, ob Rom, Sinti oder Jenische: Die Völker gehören zu den Ă€rmsten Schichten der Gesellschaft. In der Schweiz nicht im wirtschaftlichen, jedoch im gesellschaftlichen Sinne: Intoleranz, Verachtung und Hass bestimmen ihren Alltag.

SalonfÀhige Missachtung
Der 53-jÀhrige Stéphane Laederich ist Banker, Mathematikprofessor und Rom. Der Direktor der Rroma Foundation Schweiz kennt die Vorurteile und Diskriminierung
gegenĂŒber seinem Volk: «Es ist in der Schweiz und in weiten Teilen Europas absolut salonfĂ€hig, sich despektierlich ĂŒber die Roma zu Ă€ussern. Ich wurde mehrmals gefragt, ob ich lesen und schreiben kann.» Nach SchĂ€tzungen der Rroma Foundation leben heute 80 000 bis 100 000 Roma in der Schweiz. Seit den 60er-Jahren kam ein Grossteil der Roma aus Jugoslawien als Gastarbeiter in das Land. WĂ€hrend den Jugoslawienkriegen in den 90er-Jahren stieg die Zahl der FlĂŒchtlinge nochmals erheblich.

Jedes Jahr mehr Hass
Das öffentliche Bild der Roma habe sich in den letzten zwanzig Jahren verschlechtert, erklÀrt Stéphane Laederich. Dieser Trend werde vor allem durch die denunzierenden Darstellungen in den Medien getragen: «Es gibt heute sehr viel mehr Rechtsextremismus
und Rassismus in Europa. Wie die Roma in der Presse dargestellt werden, ist durchaus gefĂ€hrlich.» Die Rroma Foundation leistet zwar aktiv AufklĂ€rungsarbeit, doch sie scheint unerheblich und leer im Vergleich zur medialen Phalanx, die ein GrundgefĂŒhl der GeringschĂ€tzigkeit in der Bevölkerung heraufbeschwört: «Einige Medien vermitteln, dass die Roma ein zu lösendes Problem darstellen. Als man dieses SĂŒndenbockdenken zuletzt im Zweiten Weltkrieg angewendet hat, hat das mit den Juden nicht gut geendet.»

«Gegen Roma darf man Dinge schreiben die man sonst nicht schreiben darf»
Bereits mehrmals klagte die Rroma Foundation gegen die verĂ€chtliche Berichterstattung gegenĂŒber den Roma, und erhalten dabei auch oft UnterstĂŒtzung aus der Bevölkerung.
Die kontroversen Titelbilder der «Weltwoche» sorgten abermals fĂŒr Empörung und sind schweizweit in den Medien diskutiert worden. Am 5. April 2012 veröffentlichte das Schweizer Wochenmagazin das Bild eines Kindes, das mit einer Pistole direkt auf den Betrachter zielt. Darunter titelte der stellvertretende Weltwoche-Chefredaktor Philipp Gut «Die Roma kommen: RaubzĂŒge in die Schweiz».

Der Gang vor den Presserat bescherte der Rroma Foundation aber nur dĂŒnn gesĂ€ten Erfolg: «Die meisten Klagen werden wieder abgewiesen, so auch die Beanstandung gegen das Kind mit der Handfeuerwaffe. Der Presserat kam zum Urteil, dass solche implizite Darstellungen weder relevant noch rassistisch seien. In Deutschland wĂŒrden die Autoren der Artikel rechtlich als Rassisten gelten. Aber in der Schweiz darf man Dinge schreiben, die man gegen andere Minderheiten nicht schreiben darf. Allgemein sind in der Schweiz viele Dinge noch absolut akzeptabel, die in Deutschland lĂ€ngst unter Strafe stehen.»

Das Problem seien allerdings nicht nur Zeitungen, die offen politisch Stellung beziehen: «Alle Zeitungen sind Ă€hnlich. Dieselben Argumente wie in der Weltwoche findet man auch in den gĂ€ngigsten Tageszeitungen. Gewisse machen es gezielt, um zum Beispiel gegen das FreizĂŒgigkeitsabkommen zu kĂ€mpfen, aber bei den meisten ist es eigentlich nur unĂŒberlegt.»

Rote Köpfe in der Romandie
Besonders in der welschen Schweiz kommt es immer wieder zu Spannungen zwischen ansĂ€ssigen Schweizern und Roma. Eine besonders konfliktreiche Zeit war der Sommer vor zwei Jahren. 2012 schlugen die Roma in den Medien ĂŒber mehrere Monate hohe Wellen, als sie in Allaman VD eine ganze Wiese besetzten. Die empörten Anwohner riefen die Polizei, die den Grundbesitzer stoppen musste, da dieser Jauche auf die 40 Wohnwagen spritzen wollte. Wenige Wochen spĂ€ter kam es im Walliser Collombey-Muraz zu einem aufsehenerregenden Zwischenfall, als eine Roma-Hochzeitsgesellschaft wĂ€hrend den Feiern ein Feld verwĂŒstete. ZusĂ€tzlich klagten viele AnwohnerÂ ĂŒber eine Zunahme der KriminalitĂ€t wĂ€hrend den FestivitĂ€ten. In der Folge ermĂ€chtigte die waadtlĂ€ndische Sicherheitsdirektorin Jacqueline de Quattro zum ersten Mal in der Schweiz, ein Roma-Zeltlager wenn nötig mit Gewalt zu rĂ€umen.

StĂ©phane Laederich kennt die GrĂŒnde, weshalb Roma in der Westschweiz vermehrt im Fadenkreuz der Öffentlichkeit stehen: «In der Westschweiz wird mehr ĂŒber das Thema Minderheiten gesprochen, doch die Roma-Problematik ist genauso wenig bestĂ€ndig wie in der restlichen Schweiz.» Laederich verweist dabei auf die letztjĂ€hrige Studie vom Lausanner Professor fĂŒr Soziologie, Jean-Pierre Tabin, der ein Jahr lang alle Bettler der Stadt Lausanne begleitet hat. «In der 125 000-Einwohner-Stadt Lausanne gab es nie mehr als 60 Bettler, und davon sind nicht alle Roma. Die Problematik ist also praktisch inexistent, und wird lediglich von der Presse und gewissen rechtspopulistischen Parteien hochgeschraubt.»

«Man macht alles fĂŒr seine Familie»
Das Stigma der Herkunft hat fĂŒr die Roma lange Tradition. «Die alten Stereotypen werden einfach rausgespuckt, ohne nachzudenken. 600 Jahre Geschichte kann man leider nicht in ein paar Jahren wieder umbiegen.» Die öffentliche Ausgrenzung schweisst zusammen, die Ablehnung wird umfunktioniert zum zentralen Band, das die Roma zusammenhĂ€lt. «Die Familie ist fĂŒr die Roma sehr wichtig. Man macht alles fĂŒr seine Familie.» Der Gemeinsinn und die Verbundenheit werden dabei zusammengehalten mit dem Erhalt von BrĂ€uchen und Traditionen. «Die Sprache ist ein Grossteil davon. Unsere Kultur ist weder national geprĂ€gt noch basiert sie auf einer gemeinsamen Religion, aber sie ist trotzdem stark vorhanden und in unserer IdentitĂ€t verankert.»

Die Geschichte hat gezeigt, dass auch andere Staaten den starken Zusammenhalt der Roma innerhalb ihres Landes als furchtsam beÀugten und gefÀhrlich betrachteten. Die Folge davon waren Zwangsassimilierungen in mehreren LÀndern. «Besonders schlimm war das in Ungarn, als die Sprache und die Tradition zwei Jahrhunderte lang bewusst verboten wurden.»

Herrschaft des Ältestenrats
Seit eh und je werden Roma in Westeuropa unterdrĂŒckt. Auf ihrem steinigen Weg durch die Welt waren sie nie ein Teil solidarischen Regierung. Die Repression und Freiheitsberaubung widerspiegelt sich bis heute in ihren Ansichten, und resultierte in der Instandhaltung einer Roma-internen «Sippen-Politik»: «Je Ă€lter man ist, desto respektierter wird man in der Roma-Gesellschaft. Wenn man Familien- oder GeschĂ€ftsprobleme mit anderen Roma hat, dann regelt man das mit einer internen Schlichtung mit Ă€lteren Roma, die als Friedensrichter fungieren. Das Urteil eines respektierten Rom wird von beiden Parteien immer akzeptiert.»

«Es reicht schon, Jugo zu sein»
StĂ©phane Laederich fĂŒhlt als Direktor der Rroma Foundation den Puls Schweizer Roma so gut wie kein anderer. Er weiss, dass sein Volk bereit ist zum Dialog und dem bedingungslosen Miteinander. «Roma integrieren sich eigentlich immer, doch dazu mĂŒssen sie die Möglichkeit bekommen. Nur in vielen LĂ€ndern gibt man ihnen die Möglichkeit nicht.»

Seit Jahren widmet sich die Rroma Foundation genau dieser Aufgabe. Aber auch als Aussenstehender kann man viel zur Akzeptanz des Volkes beitragen: «Niemand hat gemerkt, dass in der Schweiz 80 000 bis 100 000 Roma leben, denn die haben es nie in die Presse geschafft. TÀglich begegnen Schweizern Rom, aber sie merken es nicht.»

Roma unterscheiden sich nicht von anderen Bevölkerungsgruppen, so, dass sie im Alltag einen Mantel der AnonymitĂ€t ĂŒber ihre Ethnie werfen können und teilweise auch mĂŒssen. Doch auch privat entscheiden sich viele Roma gegen den offenen Dialog ĂŒber ihre Herkunft. «Roma verheimlichen ihre UrsprĂŒnge aus Angst, ihre Arbeit und ihre Freunde zu verlieren. Viele meiner Freunde sehen ihre Roma-IdentitĂ€t deshalb nur noch als ein sekundĂ€res Gesicht. Ein guter Freund von mir ist Banker und sagt er sei Pakistani.
Ein weiterer ist Architekt und sagt er ist Armenier. Ein anderer ist Arzt und sieht sich als Jugoslawe. Letzterer hat mir einmal sehr passend gesagt: «In der Schweiz reicht es bereits, Jugo zu sein. Da muss man sich nicht auch noch als Roma zu erkennen geben.» Darum ist die Akzeptanz und das Nachdenken ĂŒber die Roma das Allerwichtigste fĂŒr eine erfolgreiche Integration.

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Der Artikel erschien im Tink Jugendmagazin 03/14.

Kleines Land, grosse WĂ€hrung

In der Schweiz gibt es heute ungefĂ€hr 2500 Sammler von GeldstĂŒcken. Fabio Luraschi von der Erwin Dietrich AG in ZĂŒrich ist Berufsnumismatiker. Der Tessiner MĂŒnzkundler kennt die bewegte Geschichte hinter den Talern, die heute die sicherste WĂ€hrung der Welt reprĂ€sentieren.

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Schweizer MĂŒnzen gelten auch im weltweiten Vergleich als besonders vielseitig. Foto: SANDRO BUCHER

Vor 216 Jahren stand die Schweiz unter der strengen Aufsicht von Frankreich. Die fremde Herrschaft aus dem Westen wollte der Helvetischen Republik noch vor der nahenden Jahrhundertwende ein einheitliches Geldsystem aufzwingen, um die AbhÀngigkeit der Alpennation zu erhÀrten. Als Folge daraus wurde im Jahr 1798  der Schweizer Franken als kraftlose ErgÀnzung zum  französischen Franc in Umlauf gebracht.

Der von den Franzosen erhoffte Erfolg blieb allerdings aus. Die Schweizer wehrten sich hartnĂ€ckig gegen ihr neues Zahlungsmittel und bildeten einen aktiven Widerstand. Nur ein Jahr nach der EinfĂŒhrung des Frankens ergriff Napoleon die Macht in Frankreich. Dieser priorisierte die Optimierung der Schweizer Geldsituation nicht und liess den Schweizern wieder freie Hand bei ihrer WĂ€hrungspolitik.

MonetÀrer Kantönligeist

Die Helvetische Republik zerbrach fĂŒnf Jahre spĂ€ter, worauf die Kantone erneut ihre kurzzeitig verlorene MĂŒnzhoheit beanspruchten. Der dadurch entstandene eigenbrötlerische Modus der GeldprĂ€gung verhinderte ĂŒber einen langen Zeitraum die Entstehung einer einheitlichen Schweizer WĂ€hrung. Gerade deshalb ist die Schweiz fĂŒr viele MĂŒnzkundler ein  Schatz der Vielfalt.

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Schweizer MĂŒnzvielfalt: Fabio Luraschi begutachtet eine rare Schweizer MĂŒnze. Foto: SANDRO BUCHER

«Bis 1850 hatte jeder Kanton eigene MĂŒnzen», erklĂ€rt der Berufsnumismatiker Fabio Luraschi, «wenn man beispielsweise von Bern nach ZĂŒrich fuhr, musste man seine kantonseigenen MĂŒnzen jeweils gegen die anderen tauschen.» Das bescherte den HĂ€ndlern und Reisenden nicht nur erhebliche UmstĂ€nde, sondern war auch gefĂ€hrlich: Besonders in den Kantonen Uri und Schwyz wurde den «AuswĂ€rtigen» an der Grenze wiederholt MĂŒnzen mit niedrigem Silbergehalt gegeben. Erst durch die GrĂŒndung des modernen Schweizer Bundesstaates wurde wieder ein einheitliches Geldsystem eingefĂŒhrt.

Eine MĂŒnze fĂŒr 9‘000‘000 Franken

Zu den Schweizer Seltenheiten gehört ein MĂŒnzensatz aus dem Jahr 1896, der bei der zweiten Landesausstellung in Genf in einer eigens dafĂŒr angefertigten MĂŒnzprĂ€gemaschine vor Ort produziert wurde. Luraschi weiss, dass es von diesen Exponaten heute nur noch wenige gibt und deshalb auch grossen Wert haben. «FĂŒr einige dieser Taler kann man bis zu 20‘000 Franken verlangen», erklĂ€rt der Numismatiker.

Eine vergleichbare RaritĂ€t sind die FĂŒnfliber mit dem Jahrgang 1928. Vor dem Jahr 1928 waren die FĂŒnfliber viel grösser als die heutigen. Sie entsprachen dem tatsĂ€chlichen, fĂŒnffachen Gewicht eines EinfrĂ€nklers. «Mitten im Jahr 1928 fand der Umbruch statt. Man stoppte die Produktion der originalen FĂŒnfliber und begann mit der PrĂ€gung der kleineren, wie wir sie heute kennen», erklĂ€rt Luraschi.

Trotz ihrer bewegten Geschichte, die Taler der Alpenregion können nicht mit den historischen GeldstĂŒcken der Grossnationen mithalten: «Der US-amerikanische Silberdollar von 1794 wurde 2013 fĂŒr den weltweiten Rekordauktionspreis von umgerechnet 9 Millionen Schweizer Franken verkauft», erzĂ€hlt Luraschi. Der Silberdollar ist laut amerikanischen Experten der erste seiner Art, den die US-MĂŒnzanstalt prĂ€gen liess.

Siegeszug des Frankens

Heute gibt es in der Schweiz nur noch eine MĂŒnzstĂ€tte, die „Swissmint“ in Bern. Die Eidgenössische MĂŒnzprĂ€gungsstelle ist eine selbstĂ€ndige Einheit der Eidgenössischen Finanzverwaltung und beschĂ€ftigt gegenwĂ€rtig 20 Personen. Seit 1848 versorgt die Swissmint die Schweiz mit dem nötigen „Stutz“, der nicht zuletzt dank seiner vielseitigen Geschichte und Tradition trotz des zunehmenden bargeldlosen Zahlungsverkehrs seine Position als Zahlungsmittel behauptet.

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Der Artikel erschien zusÀtzlich auf tink.ch.