«Verleger werden die guten Journalisten nicht halten können»

Vom Macher zum Denker: Nach seinem Abgang bei «watson» denkt Hansi Voigt intensiv über die Zukunft des Journalismus nach. Ein Gedankenprotokoll, aufgezeichnet durch Sandro Bucher und Janosch Tröhler.

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Hansi Voigt – vom Macher zum Denker. (Bild: JANOSCH TRĂ–HLER)

Guter Journalismus wird nie gratis sein. Das ist eine Illusion. Bis jetzt finanzieren sich die Verlage durch Aufmerksamkeit – monetarisiert dank Werbung. Das funktioniert allerdings immer weniger, weil das Publikum den klassischen Werbefeldern immer weniger Beachtung schenkt. Leserinnen und Leser zahlen auch mit ihren Daten wie bei Facebook. Auch da können sich die Verleger überlegen, wie sie diese Informationen zu Geld machen können.

«Katzenvideos werden die Demokratie nicht bewahren»

Letztlich sind es bloss pauschale Fragen rund um das Finanzierungsmodell der Werbung, die ganz klar einen trashigen Journalismus fördern. «Watson» hat neben volkswirtschaftlichen Analysen auch Katzenvideos produziert. Weshalb? Weil ein Artikel, für den der Journalist einen Tag investiert hat, nicht ohne die Quersubventionierung durch die Aufmerksamkeit des Catcontents finanziert werden kann.

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„Eine Orgie fĂĽr Presse, Publikum und Professoren“

ISIS, Ebola, Gaza, Hamas, Ukraine-Russland: Themen, die durch die veröffentlichten Nackt-Selfies des Badener Stadtammans Geri Müller für mehrere Tage auf Seite zwei verbannt wurden. Der erhobene Penis von Geri stand zwar nur kurze Zeit im Zentrum, aber die erhobenen Zeigefinger der Medien liessen die mediale Eintagsfliege zu einem ausgewachsenen Elefanten mutieren.

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„Wenn das prĂĽde Amerika einen Blowjob des Präsidenten duldet, wird die Schweiz wohl ĂĽber eine imaginäre Affäre eines Politikers hinweg kommen, nicht?“ Illustration: SILAS BITTERLI / Tink.ch

„Hat es uns zu interessieren, wenn ein gewählter, landesweit bekannter Politiker im Stadthaus seine Hosen runterlässt, um seiner Tagesabschnittspartnerin freudig den momentanen Zustand seiner Erregung mitzuteilen?“ Diese Frage stellt sich Roger Köppel im Editorial „Im Zweifel fĂĽr Geri MĂĽller“, veröffentlicht in der Weltwoche vom 21. August 2014. Wenn sich der umstrittenste Journalist der Schweiz auf ein moralisches Podest stellen kann, ist die Frage durchaus berechtigt, ob die Medien korrekt mit Geris Glied umgegangen sind.

Inszenierter Skandal

Hastig arrangierte Strassenumfragen etlicher Zeitungen zeigten früh den Trend: Kaum eine Person brüskierte sich wahrhaftig über Geri Müllers Nackt-Selfies. Kurzweilig wurden Zweifel an seiner politischen Integrität laut, doch die ganze Thematik flaute schnell zum humoristischen Zwischenfall ab.

Das frivole Intermezzo des Badener Stadtammans hätte frühzeitig wieder ad acta gelegt werden können. Doch das Stück ist nicht zu Ende, bevor der Vorhang fällt. Als Vorhangzieher operieren hierbei die Schweizer Medien. Denn statt Geris bestes Stück mit gesenktem Kopf von der Bühne abtreten zu lassen, begaben sie sich auf die Suche nach Spannern, Satirikern und Sittenwächtern, die das träge Theaterstück in den zweiten Akt bugsierten.

Bill Clinton ante portas

Als der US-amerikanische Präsident Bill Clinton zugab, mit seiner damaligen Angestellten Monica Lewinsky Oralsex im Oval Office gehabt zu haben, durfte er sein Amt behalten. Auch damals schlossen sich amerikanische Sittenwächter gegen Clinton zusammen, und durften ihre von christlichen Werten geprägten Predigten auf Podesten vortragen, die ihnen die Medien zusammenbauten.

Doch trotz dem unnachgiebigen Gegenwind standen die Bürger von Amerika hinter ihrem Präsidenten. Auch wenn Bill Clintons Amtszeit bis in alle Ewigkeit nicht mit den wachsenden Spannungen im Nahen Osten, sondern einer anderen wachsenden Spannung assoziiert wird, durfte der Präsident erhobenen Hauptes seine Aufgaben weiterhin ausführen.

Weshalb also können Schweizer Moralapostel Geri Müller an den Rand eines Rücktritts drängen, wenn sogar US-Chefankläger Kenneth Starr und die Republikanische Partei frühzeitig daran scheiterten, Bill Clinton aus dem Oval Office zu treiben? Unterstehen Schweizer Politiker tatsächlich strengeren Richtlinien als der Präsident des mächtigsten Landes der Welt?

Wenn das prüde Amerika einen Blowjob des Präsidenten duldet, wird die Schweiz wohl über eine imaginäre Affäre eines Politikers hinweg kommen, nicht?

Mantel der Moral

Im Gegensatz zu Bill Clinton wurde bei Geri MĂĽller nicht nur das Vergehen an sich kritisiert. Besonders die Schweiz am Sonntag, die den Fall erst ins Rollen brachte, ummantelte ihre Beanstandung gegen MĂĽller mit beinahe ausufernder BeweisfĂĽhrung. So steht fĂĽr die Sonntagszeitung nicht das Selfie, sondern die Verschwendung wertvoller Arbeitszeit im Fokus des Ă„rgernisses.

Latent konfrontierte man die Leser durch diese anschauliche Darlegung mit der Idee, dass es sich nicht um ein einmaliges Selfie von Geri Müller handelte. Noch bevor die ersten Details überhaupt bekannt wurden, war der Politiker der Grünen bereits als Mehrfachtäter abgestempelt worden, der stundenlang in den Badener Amtsräumen explizite Fotos auf Kosten des Steuerzahlers versendete.

Macht der Worte

Überdies sprach die Schweiz am Sonntag von einem Amtsmissbrauch. Ein Schlagwort, das auch Lokal- und Tageszeitungen in der Folge scharenweise in ihre Berichterstattung aufnahmen. Doch bei diesem Zwischenfall von einem handfesten Amtsmissbrauch zu reden überspannt nicht nur den Bogen des guten Geschmacks, sondern schmälert unnötigerweise auch die Tragweite von wahrhaftigen Ereignissen, in denen Politiker ihre Position ausnutzten und der Bevölkerung Schaden zufügten.

Ein Amtsmissbrauch würde nämlich nur dann vorliegen, wenn Müller aktiv die Stadtpolizei mobilisiert hätte, um diese für seine Zwecke zu missbrauchen. Die Präzisierungen der involvierten Polizeistellen haben dies aber frühzeitig dementiert. Die Anschuldigung des Amtsmissbrauchs wurde nur durch gierige Lokalmedien am Leben erhalten.

Der Schweizer Journalist Constantin Seibt verfasste auf Twitter mit wenigen Worten ein einsichtiges und stichhaltiges ResĂĽmee: „Massenselbstbefriedigung. Eine Orgie fĂĽr Presse, Publikum, Professoren. Herr MĂĽller hebt den Penis und der Rest der Schweiz den Zeigefinger. Im Zweifel lieber ersteres.“

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Der Artikel erschien zusätzlich auf tink.ch.