Auserwählt von den YouTube-Göttern

FĂĽnf Jahre lang hat mein kleines Gaming-Video auf YouTube rund 200 Views pro Tag verzeichnet. Seit dem 1. April jedoch sind es ĂĽber 30 000. Und das durch reinen Zufall.

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Eigentlich hausiere ich damit nicht sehr gerne. Aber ich habe einen kleinen Gaming-Channel auf YouTube, der sich primär mit der Computerspielserie «The Elder Scrolls» beschäftigt. Elder Scrolls ist eine aus Rollenspielen bestehende Game-Reihe, die derzeit zwölf Titel umfasst. Seit dem Release des fünften Teils ist Elder Scrolls auch einem grösseren Publikum bekannt: Mit 20 Millionen verkauften Kopien ist «Skyrim» (2011) eines der zwanzig meistverkauften Spiele aller Zeiten.

Meine Videos jedoch können weder mit dem Erfolg des Spiels, noch mit den professionellen Produktionen der Berufs-YouTuber mithalten: Sie sind schlecht geschnitten, haben kein Konzept und entstehen je nach Lust und Laune. Kurz: Sie bieten selten einen Mehrwert ausserhalb der reinen Unterhaltung.

So auch mein bisher einziges, erfolgreiches Video: Zu sehen ist ein Zauberer auf der Insel Vvardenfell, dem Spielort von «Morrowind» (2002). Durch geschicktes Austricksen des Leveling-Systems habe ich es geschafft, dass der «Akrobatik-Level» meines Charakters bei 3000 ist. Normalerweise ist das Level-Maximum bei 100. Das heisst, dass mein Charakter mit einem einzigen Hüpfer vom südöstlichsten bis zum nordöstlichsten Punkt der Map fliegen kann. Das scheint den Leuten zu gefallen, immerhin verzeichnete das Video über die letzten fünf Jahre rund 200 Views pro Tag.

Von zwei zu über 50 Kommentaren am Tag

Durch Sinnlos-Videos wie diese habe ich es geschafft, in den letzten elf Jahren rund 600 treue Abonnenten an meinen Channel zu binden. Laut der Social Media-Statistikwebsite «SocialBlade» lande ich damit auf dem ernüchternden, 2 000 000sten Platz der erfolgreichsten YouTube-Channel.

Da YouTube fĂĽr mich aber von Anfang an nur ein Hobby war, war ich damit zufrieden. Ich erfreute mich an den rund zwei Kommentaren pro Tag und versuchte den Gamern, die sich nach dem Spielen von Skyrim auch ĂĽber die frĂĽheren Teile der Serie informieren wollten, ein paar Tipps zu geben.

Am ersten April jedoch wurde diese familiäre Idylle zerstört: Plötzlich wurde ich auf dem Smartphone nicht mehr über zwei neue Kommentare pro Tag benachrichtigt. Viel mehr waren es um die fünfzig. Und sie alle galten dem springenden Zauberer, der seinen majestätischen Hopser für mittlerweile 30 000 Menschen pro Tag vollführt.

Kommentarflut bei Spurensuche

Ich ging davon aus, dass eine grössere Gaming-Seite das Video entdeckt und es in einem Beitrag geteilt hat. Dies, weil das in den letzten fünf Jahren bereits zwei, dreimal passiert ist. Doch die Videostatistiken zeigten, dass es etwas Anderes sein musste: Der Zugriff durch externe Quellen lag weiterhin bei 4 Prozent.

Als ratloser YouTube-Laie habe ich deshalb einfach mal in die Kommentarspalte gefragt, woher sie denn alle kommen. Nach nur fünf Minuten erhielt ich schon dutzendmal die gleiche Antwort: Das Video ist in der «Empfohlen»-Liste aufgetaucht, die seit einigen Jahren prominent und auf jeden persönlich zugeschnitten auf der Startseite von YouTube präsentiert wird.

Einer der Kommentatoren fasste diese kuriose Situation am besten zusammen: «You’ve been chosen by the YouTube Gods». Denn das Video landete nicht nur bei Gaming-interessierten Usern. Sondern auch bei Menschen, die sich überhaupt nicht für diese Materie interessieren und noch nie etwas von Elder Scrolls gehört haben.

Geld und Abonnenten durch «Fehler»

Wieso der YouTube-Algorithmus mein fünf Jahre altes Video plötzlich in die Empfohlen-Liste von mindestens 300 000 Usern gespült hat, kann wohl nie abschliessend geklärt werden. Auch frage ich mich, wie vielen weiteren unbekannten YouTubern dies auch schon widerfahren ist.

Was mir jedoch klar wurde, ist, wie einflussreich die Videoplattform von Google sein kann: durch diesen «Algorithmus-Fehler» habe ich in den letzten fünf Tagen rund 150 neue Abonnenten gewonnen. Ebenso durfte mir Google gestern einen dreistelligen Betrag überweisen, da ich vor dem Video Anzeigen geschaltet habe. Und es scheint, als würde dies noch einige Tage so andauern. Ohne, dass ich wirklich etwas dafür geleistet habe.

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Interview: Abt Urban Federer

Vor fast einem Jahr wurde Urban Federer von 55 wahlberechtigten Mönchen zum 59. Abt des Klosters Einsiedeln gewählt. Der erst 46-jährige Zürcher geniesst dank seiner frischen Art und seinem jungen Alter hohes Ansehen bei den Schweizerinnen und Schweizern. Im Interview mit tink.ch verriet er, was er von Papst Franziskus hält, und welche Rolle für ihn die Kirche in der heutigen Gesellschaft einnimmt.

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Abt Urban Federer: «Es gibt in Europa – und das nicht nur in der Kirche – kein Bild des Aufbruchs» Foto: Abtei Einsiedeln

Tink.ch: Sie sind nun seit fast neun Monaten Abt vom Kloster Einsiedeln. Wie blicken Sie auf Ihre bisherige Amtszeit zurĂĽck?
Urban Federer: Sie ist eine Herausforderung und eine Zeit der persönlichen Bereicherung gewesen. Wie in allen meinen bisherigen Tätigkeiten habe ich mich auch in dieses neue Amt schnell und voller Elan eingegeben. So merke ich gar nicht, dass das schon neun Monate her ist, seit ich zum Abt gewählt wurde… Wie die Zeit vergeht! (lacht)

Wann haben Sie sich dazu entschieden, in den Dienst Gottes zu treten? Wollten Sie schon immer Mönch werden?
Nein, ĂĽberhaupt nicht. Als ich in der Stadt ZĂĽrich lebte, wusste ich gar nicht, was ein Kloster ist. Aber als SchĂĽler in Einsiedeln, so etwa mit 18 Jahren, merkte ich, dass mich etwas ins Kloster zieht, das ich gar nicht benennen konnte. Ich wusste einfach: Das muss ich wagen!

Wie erlebten Sie Ihren kometenhaften Aufstieg?
Ich hatte nie das Gefühl, einen kometenhaften Aufstieg zu machen. Mir wurde über die Jahre hinweg immer mehr Verantwortung übertragen, die ich jeweils gerne annahm. Die Verantwortung hat mir aber auch Respekt eingeflösst. Ich bin weit davon entfernt, auf alle Fragen sofort Antworten zu haben. Neue Aufgaben zu erhalten, finde ich aber spannend und lehrreich.

Sie sind der Bruder der Zürcher Nationalrätin Barbara Schmid-Federer. Wie sehen und erleben Sie die Beziehung zwischen Religion und Politik?
Ich hatte schon immer ein unbeschwertes Verhältnis zur Politik. Bei uns zu Hause wurde viel diskutiert und es war selbstverständlich, dass wir uns einbrachten und uns an Abstimmungen und Wahlen beteiligten. So sind für mich meine Aufgabe und jene meiner Schwester nicht unähnlich: Wir setzen uns ein und engagieren uns für die Menschen und die Gesellschaft.

Sie sind ein sehr junger Geistlicher und geniessen mit ihrer frischen und innovativen Art grosses Ansehen bei Gläubigen und auch bei Ungläubigen. Erfährt die katholische Kirche zurzeit eine Verjüngungskur?
Das tut sie eigentlich immer irgendwo in der weltweiten katholischen Kirche, doch gibt es vor allem Europa –  und das nicht nur in der Kirche – kein Bild des Aufbruchs. Es brauchte auf unserem Kontinent einen Argentinier, damit es in der Kirche zu Bewegung und Diskussionen kommt…

Ist der Aspekt des „Jungseins“ ĂĽberhaupt so wichtig, wie Kirchenkritiker ihn immer darstellen? Schliesslich ist auch Franziskus mit 77 immer noch sehr revolutionär.
Genau: Da kommt jemand von aussen, der alles andere als jung ist, und bringt bei uns einiges ins Rollen. Papst Franziskus ist im Geist jung geblieben. Übrigens kann ich das für meine eigene Gemeinschaft bezeugen: Oft sind gerade meine älteren Mitbrüder im Geist sehr beweglich und offen und darum nahe bei den Menschen.

Die Religion verliert zunehmend ihre Bedeutung, vielerorts auf der Welt sinken die Zahlen von Gläubigen. Wie kann sich die katholische Kirche nach den Skandalen vergangener Jahre wieder aufrappeln?
Die Zahlen sinken weltweit nicht. Sie sinken aber in klassisch katholischen Ländern, vor allem in Europa. Hier hat die Kirche in den Jahren der Skandale viel an Vertrauen verloren. Dies geschah sogar weniger durch die eigentlichen Delikte – die meisten Menschen wissen, dass diese leider ein Problem der gesamten Gesellschaft sind – sondern durch ihre Reaktion, die Taten vertuschen zu wollen. Vertrauen gewinnen können wir in der katholischen Kirche, und das gilt wohl überall, wo Menschen leben, nur durch ein authentisches Leben. Andere Menschen müssen spüren, dass wir durch unseren Glauben an Jesus Christus zu einer Freiheit gelangen, die uns nur Gott schenken kann.

Schafft Papst Franziskus die Kehrtwende?
Der Papst alleine ist nicht die Kirche, er gibt Anstösse. Es liegt an uns, diese aufzunehmen und in unserem Leben umzusetzen. Papst Franziskus weiss das, er nimmt sich nicht so wichtig.

Durften Sie ihn mittlerweile persönlich treffen?
Ja, und ich staunte: Er wusste, dass das Benediktinerkloster Los Toldos in Argentinien eine GrĂĽndung von Einsiedeln ist.

[Anm. der Red.: Nach dem Zweiten Weltkrieg zählte die Klostergemeinschaft von Einsiedeln den Höchstbestand von über 200 Mönchen. Mehrere Neugründungen wurden daher ins Auge gefasst. 1948 wurde eine Gruppe von zwölf Mönchen ausgesandt, um in Los Toldos, 500 Kilometer westlich von Buenos Aires, ein neues Kloster zu gründen.]

Halten Sie es für möglich, dass Papst Franziskus das Dritte Vatikanische Konzil einberuft?
Papst Franziskus hat eine Synode einberufen und begeht mit dieser schon in der Vorbereitung neue Wege. Ich denke, damit ist er nun ein paar Jahre beschäftigt. (lacht)

Papst Franziskus tritt viele Entscheide an Ortskirchen ab und fördert den Dialog. Ist die Zukunft der Kirche eine demokratische?
Wenn Sie unter Demokratie verstehen, dass alle Stände der Kirche zusammen in Wege und Prozesse eingebunden werden, um zu Antworten auf die Fragen zu kommen, wie der Glaube heute verkündigt und gelebt werden soll, dann kann ich das bejahen: Papst Franziskus hört hin, was die Kirche ihm sagt. Er weiss aber auch, dass er die Kirche aus dem grossen Schatz der Tradition heraus in die Zukunft führen darf. Und dieser Glaubensschatz muss nicht in demokratischen Prozessen neu erfunden werden.

Sie sind wie ihr Vorgänger fleissiger Twitterer. Mittlerweile haben auch die Päpste den Schritt in die sozialen Netzwerke gewagt. Macht die Kirche 2.0 Zukunft? Werden Gottesdienste eventuell schon bald online abgehalten, oder braucht es die Nähe und Begegnung vor Ort?
Es ist eines, Botschaften zu den Menschen zu bringen, und etwas anderes, Gottesdienste zu feiern. Soziale Medien haben viele Vorteile: Gedanken können schnell und einfach ausgetauscht, auf für einem wichtige Dinge hingewiesen werden. Die Anonymität einiger Medien erlaubt sogar eine Seelsorge, wie sie früher nur im Beichtstuhl anzutreffen war. Aber das Feiern von und mit Gott braucht das Feiern in seiner Kirche – also das konkrete Miteinander-Sein von Menschen, die an Gott glauben. Die modernen Netzwerke beeinflussen und ergänzen Gottesdienste. Aber wie Sie sagen, brauchen wir Menschen auch weiterhin Nähe und Begegnung vor Ort.

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Der Artikel erschien zusätzlich auf tink.ch.