Erstmal ErnĂŒchterung

Mit einem Gottesdienst im Petersdom wurde am Sonntag die Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode eröffnet. Drei Wochen lang werden sich mehr als 300 Theologen, OrdensbrĂŒder, Bischöfe und Experten ĂŒber heikle Themen rund um Ehe und Familie beraten. Die Eröffnungspredigt von Papst Franziskus wirkte teils folgewidrig und abwegig, lĂ€sst damit aber den Kurs der Synode erahnen.

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Eine feierliche Messe im Petersdom eröffnete die Familiensynode 2015. (BILD: Screenshot, via Youtube-User vatican)

Zum Auftakt der Familiensynode hat Franziskus einmal mehr die Unauflöslichkeit und Wichtigkeit der Ehe bekrĂ€ftigt und diese in seiner Predigt in den Fokus gerĂŒckt:

«[Jesus] fĂŒhrt alles auf den Ursprung der Schöpfung zurĂŒck, um uns zu lehren, dass Gott die menschliche Liebe segnet, dass er es ist, der die Herzen zweier Personen, die einander lieben, verbindet und dass er sie in der Einheit und Unauflöslichkeit verbindet. Das bedeutet, dass das Ziel des ehelichen Lebens nicht nur darin besteht, fĂŒr immer zusammenzuleben, sondern fĂŒr immer einander zu lieben!»

Barrieren auf den BrĂŒcken

Dass Franziskus in seiner Eröffnungspredigt die GlĂ€ubigen dazu auffordert, jede Form von Individualismus und Legalismus zu ĂŒberwinden, ĂŒberrascht aus vielerlei Hinsicht. Nicht nur hat Franziskus wenige Wochen vor der vatikanischen Bischofssynode zwei Papstdokumente veröffentlicht, die die Annullierung von katholischen Ehen vereinfacht, er schliesst die Predigt auch mit Worten der Öffnung:

«[
] eine Kirche mit verschlossenen TĂŒren verrĂ€t sich selbst und ihre Sendung, und anstatt eine BrĂŒcke zu sein, wird sie eine Barriere [
]»

Um diese Aussage als paradox und zynisch zu entlarven, genĂŒgt ein Blick in die deutschsprachigen LĂ€nder Europas: In der Schweiz und in Österreich werden vierzig Prozent der Ehen geschieden, in Deutschland gar 45 Prozent.

Sturm im Wasserglas

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, wertete die damaligen Annullierungs-Dokumente als ein vernĂŒnftiges Signal des Papstes. Grundlegende Änderungen der kirchlichen Lehre seien bei der Synode trotzdem nicht zu erwarten, ergĂ€nzte Marx und schloss eine gĂŒltige zweite sakramentale Ehe aus.

Nach der Eröffnungspredigt wurde deshalb einmal mehr klar, dass die Familiensynode zwar ein Gradmesser fĂŒr Franziskus wird, dennoch wird das Abschlussdokument nach der dreiwöchigen Tagung keine Revolution einlĂ€uten. Im Vatikan sollen durch die zweite Familiensynode innerhalb eines Jahres lediglich die Weichen gestellt werden. Es wird Jahre dauern, bis sich Geschiedene und Wiederverheiratete und Homosexuelle nicht mehr an den Rand der Kirche gedrĂ€ngt fĂŒhlen mĂŒssen.

Vorstellbar sind maximal anzustrebende Vereinfachungen im Umgang mit Wiederverheirateten und Geschiedenen, die zum Abschluss der Bischofssynode aber weder klar festgelegt, noch genau definiert sein werden.

Heikle, heikle HomosexualitÀt

Die gleichgeschlechtliche Ehe wurde in der Eröffnungspredigt geschickt umschifft. Zwischen den Zeilen wurde dennoch klar, dass auch in der Causa HomosexualitÀt in den nÀchsten drei Wochen keine erwÀhnenswerte VerÀnderung stattfinden wird.

Mit Hilfe von Bibeltexten und Gleichnissen aus der heutigen Zeit wurde darauf aufmerksam gemacht, dass nur die Liebe zwischen Mann und Frau gottgewollt ist. Hoffnungsvoll stimmt hingegen, dass Franziskus in zentralen Textstellen auf den «Mann und Frau»-Begriff verzichtete und sich stattdessen neutralen Aussagen bediente:

«[Diese Worte] (Gen 2,18) zeigen [
], dass Gott den Menschen nicht zu einem Leben in Traurigkeit und Alleinsein erschaffen hat, sondern fĂŒr ein Leben im GlĂŒck, in dem er seinen Weg gemeinsam mit einer anderen Person geht, die ihn ergĂ€nzt, damit er die wunderbare Erfahrung der Liebe macht: zu lieben und geliebt zu werden [
]»

Doch sĂ€mtliche Zuversicht, dass die Kirche die Öffnung ernst meint, wurde bereits vor der Eröffnungspredigt zerstört, als sich der bedeutende, vatikanische Theologe, Krzysztof Charamsa (43), am Samstag in einem Zeitungsinterview als öffentlich homosexuell geoutet hat. Dem AssistenzsekretĂ€r der Internationalen Theologischen Kommission und Dozent an zwei pĂ€pstlichen UniversitĂ€ten wurde innert Stunden vom Vatikan die römischen Ämter entzogen.

Bigotte Barmherzigkeit

«[Die Kirche ist dazu berufen], ihre Sendung zu leben in der Liebe, die nicht mit dem Finger auf die anderen zeigt, um sie zu verurteilen, sondern [
] sich verpflichtet fĂŒhlt, die verletzten Paare zu suchen und mit dem Öl der Aufnahme und der Barmherzigkeit zu pflegen; ein „Feldlazarett“ zu sein mit offenen TĂŒren, um jeden aufzunehmen, der anklopft und um Hilfe und UnterstĂŒtzung bittet [
]» sagte Franziskus nur wenige Minuten, nachdem er die gottgewollte Liebe zwischen Mann und Frau unterstrich und die Unauflöslichkeit der Ehe festhielt.

Franziskus kann den Weg der Modernisierung nicht selbst beschreiten. Der Dialog zwischen Reformern und Konservativen wird immer schwieriger, legt Steine und HĂŒrden in den Pfad. Nicht zuletzt, da der Kreis der Franziskus-Gegner in letzter Zeit zunehmend aggressiver agiert und vermehrt das Wort «Spaltung» in den Mund genommen hat.

Doch der Wunsch nach Öffnung kommt aus der Mitte der katholischen Kirche. Papst Franziskus bedauerte schon öfters, dass wiederverheiratete und geschiedene Katholikinnen und Katholiken ihren Ausschluss von den Sakramenten als Exkommunikation, als Ausschluss aus der kirchlichen Gemeinschaft, empfinden.

Wegbleiben des Wandels

UnzĂ€hlige Synoden standen bereits unter dem Zeichen des Dialogs und des Abtastens. Was fehlt ist der Startschuss fĂŒr eine Reformbewegung, sowohl innerhalb als auch ausserhalb der katholischen Kirche. ZugestĂ€ndnisse an die Lebenswirklichkeit vieler Menschen dĂŒrfen nicht mehr als Anbiederung an einen Zeitgeist gewertet werden.

Nie zuvor wurden so viele wichtige Schritte in Richtung Gleichheit genommen wie in den vergangenen Monaten. Wenn nicht einmal diese Einfluss auf die Synode haben, wird die Kirche zunehmend zu einem Fremdkörper.

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Warum gibt es keine Kirchenrebellen mehr?

Gegen den Willen seines Bistums hat ein Schweizer Pfarrer ein  gleichgeschlechtliches Paar gesegnet. Statt sich weiter fĂŒr seine Überzeugung einzusetzen und damit eine Versetzung zu riskieren, missachtet er die SolidaritĂ€t von fast 44 000 Schweizerinnen und Schweizern, lenkt ein und waltet seines Amtes kĂŒnftig mit einem Maulkorb. Kein Einzelfall: Die Gattung «Kirchenrebell» ist schon seit der Reformation in Europa vom Aussterben bedroht.

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Martin Luther (1483 – 1546), Archetyp des modernen Kirchenrebellen. (Bild: Gabi Schoenemann/pixelio.de)

Keine andere Institution auf der Welt wird so oft, so scharf und so leidenschaftlich kritisiert wie die katholische Kirche. Forderungen nach Reformen und WĂŒnsche nach einer liberaleren Kirche erreichen den Vatikan und die Aussenstellen des Heiligen Stuhls im Stundentakt. Angebracht werden die Beanstandungen dieser Tage primĂ€r von Konfessionslosen und Laien. Kircheninterne Kritik wird kaum noch wahrgenommen oder prallt spĂ€testens an der theologisch geleiteten Erinnerung im Dienste des religiösen GedĂ€chtnisses ab.

Fehlendes VerantwortungsgefĂŒhl

Aufgeschlossener Aktionismus ist dem starrem Folgen von angeblich zementierten Lehren des Patriarchats gewichen. Nicht nur bei Kardinal Gerhard Ludwig MĂŒller, der Anfang Mai als PrĂ€fekt der Glaubenskongregation vor einer Anpassung der katholischen Lehre zur Ehe an den Zeitgeist in Europa gewarnt hat: «Die Kirche kann ihre Lehre ĂŒber die SakramentalitĂ€t der Ehe nicht Ă€ndern.» Sollte das effektiv die MentalitĂ€t der katholischen Obrigkeit widerspiegeln, stellt sich die Frage: Wer sonst, wenn nicht sie? Die Kirche wird seit jeher von Menschen gefestigt, geformt, verĂ€ndert und weiterentwickelt.

Kuschende Kleriker

Ein Auswuchs dieser starren Lethargie zeigte sich jĂŒngst in der Gemeinde BĂŒrglen im Schweizer Kanton Uri. Der langjĂ€hrige Pfarrer des 4000-Seelen-Dorfes, Wendelin Bucheli, erteilte im Oktober 2014 einem homosexuellen Paar den Segen. Als das zustĂ€ndige Bistum Chur Wind davon bekam, legten sie dem Pfarrer einen RĂŒcktritt nahe und drohten ihm gar mit einer Zwangsversetzung. Die Schweizer Bischofskonferenz bekrĂ€ftigte im MĂ€rz dieses Jahres, dass die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare abzulehnen sei. Die Segnung widerspreche der Lehre, und die Bischöfe könnten diese nicht Ă€ndern.

Aufgrund des immer frostiger werdenden, dogmatischen Winds aus dem Bistum Chur gab der Pfarrer klein bei und schoss die SolidaritĂ€tsbekundungen von fast 44 000 Laien, Konfessionslosen sowie einigen Kolleginnen und Kollegen, die fĂŒr ihn in einer Onlinepetition Position bezogen haben, in ebendiesen Wind.  Wendelin Bucheli entschied sich im Angesicht einer drohenden Versetzung fĂŒr den Weg des geringsten Widerstands: die aufgezwungene kuriale Politik der ruhigen Hand anzunehmen. Maulkorb inklusive.

Beginn bei der Menschlichkeit

Der Aktionsradius der kirchlichen Spitze hĂ€ngt stets von der Kooperationsbereitschaft der Ortskirchen ab. Trotzdem ist die gescheiterte Revolution nicht auf das schuldhafte Versagen eines Einzelnen zurĂŒckzufĂŒhren, der das Nagen an den Pfeilern noch vor der ersten ErschĂŒtterung einstellte. Es scheint sich eine immer offenkundigere und dramatischere Auslegungsverschiedenheit zwischen den ĂŒberlieferten religiösen Deutungen und den Wahrnehmungen und BedĂŒrfnissen der Öffentlichkeit und den unmittelbar Betroffenen eingestellt zu haben.

Solange sich Kleriker bei der angemessenen Entfaltung von der kirchlichen Hierarchie einschrĂ€nken lassen, klemmen sie ihren menschlichen Eigeneinsatz fĂŒr Versöhnung, Gemeinschaft und Frieden ab. Die zögernde Haltung wird zum Grunddilemma, das den aufgenommenen Kompromisscharakter des Zweiten Vatikanischen Konzils im Keim erstickt. Dadurch erleuchtet am Horizont nicht der dringend notwendige Paradigmenwechsel, sondern erlischt das Erinnerungsbild an eine obsolete Denktradition.

RĂŒckschritt durch Fortschritt

Papst Franziskus sprach sich erstmals offen gegen die Todesstrafe aus, und liess damit nicht nur ihm gutgesinnte Personen ĂŒberrascht aufhorchen. Ein Sinnbild der abgebrannten Sittlichkeit von Katholiken und Kirche, wenn es verblĂŒfft, dass sich der Pontifex fĂŒr die Einhaltung eines der zehn Gebote stark macht.

Mit seinen brĂŒderlichen Botschaften ĂŒberrascht Franziskus auch nach eineinhalb Jahren immer noch. Aber warum? (Foto: FRANCO ORIGLIA/Getty Images)

BeflĂŒgelt vom Revolutionsgeist der Familiensynode rief Papst Franziskus am Donnerstag zur Abschaffung der Todesstrafe auf. Obwohl der Argentinier bereits zu seiner Zeit als Kardinal in Buenos Aires regelmĂ€ssig FĂŒsse von HĂ€ftlingen wusch, staunten sowohl BefĂŒrworter als auch Kritiker ĂŒber die unumwundene FĂŒrsprache von Franziskus, dass StrĂ€flinge in Zukunft humaner behandelt werden sollen. Die ausgelöste Überraschung ist ein Armutszeugnis: Schliesslich ist der Richtsatz des Nicht-Tötens bereits in den zehn biblischen Geboten – den Grundgesetzen des christlichen Lebens – verankert.

Sturm im Wasserglas

Dass der Jesuiten-Papst mit seinen Botschaften der NĂ€chstenliebe auch nach eineinhalb Jahren im Amt immer noch viele Menschen verdutzt, verdeutlicht das verkommene Vertrauen der Gesellschaft in die katholische Kirche.

Dass die Kirche in der neuzeitlichen Geschichte einen derart immensen Image-Schaden hat, ist nicht nur auf die Vertuschung von PĂ€dophilie-Skandalen und monetĂ€re Machenschaften zurĂŒckzufĂŒhren. Den immerwĂ€hrenden Schaden erzeugt die Kirche durch erzkonservative Moralvorstellungen, die nicht nur in den Grundgedanken diskriminierend, homophob und frauenfeindlich sind. FĂŒr jeden KĂŒbel Wasser, den Papst Franziskus aus dem sinkenden Kirchenschiff leert, spĂŒlt der Sturm der RĂŒckstĂ€ndigkeit Kubikmeter an neuen Wassermassen in den Kahn.

FĂŒr die brĂŒderlichen Vorhaben und Gedanken darf man dem Papst durchaus zujubeln. Allerdings sollte man sich darĂŒber im Klaren sein, dass er sich auf einem Festzug ins Nichts befindet, solange die erzkonservativen KardinĂ€le ihren fortschrittlichen und revolutionĂ€ren GefĂ€hrten im Vatikan zahlenmĂ€ssig ĂŒberlegen sind.

Verbleib oder VerwÀsserung

Es wĂ€re falsch, den Schwarzen Peter rein in die erzkonservativen Kreise des Vatikans zu schieben. Schliesslich vertreten auch sie mit genau so viel Recht christliche Ethik, die durch biblische Texte ihre theoretische Berechtigung findet. Ob diese Berechtigung noch zeitgenössisch ist, spielt dabei keine Rolle. Es muss nĂ€mlich durchaus berĂŒcksichtigt werden, dass sich viele Katholiken nicht wĂŒnschen, dass ihre Kirche gesellschaftlichen Strömungen nachgibt und sich durch freiheitliches Gedankengut berieseln lĂ€sst.

Den Weg gemeinsam gehen

Bei der dringend notwendigen Erschliessung eines Mittelweges schlĂŒpft Papst Franziskus mustergĂŒltig in die Rolle des Hirten. Seine Bereitschaft zu Kompromissen bewies er zuletzt bei der Familiensynode. Nach Angaben der Teilnehmer habe er diese aufmerksam mitverfolgt, ohne direkt einzugreifen. Damit zeigt er, dass die Zukunft der Kirche in den HĂ€nden einer brĂŒderlichen Konsensfindung liegt. Sobald diese vorliegt, und man sich wieder auf die altchristlichen Werte der NĂ€chstenliebe zurĂŒckberuft, sollte es auch niemanden mehr ĂŒberraschen, wenn Papst Franziskus an Grundwerte des Menschen erinnert.

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Der Artikel erschien zusÀtzlich auf hpd.de.

Das Zölibat – KrebsgeschwĂŒr der katholischen Kirche

Im GesprĂ€ch mit einem italienischen Journalisten erwĂ€hnte Papst Franziskus, dass das Zölibat kein christliches Dogma, sondern lediglich ein Abkommen aus dem Mittelalter sei. Trotzdem betonte der Argentinier die Wichtigkeit der Ehelosigkeit fĂŒr Priester und hĂ€lt scheinbar eisern an dem Gesetz fest. Kirchen-Kenner und Theologen sind sich allerdings sicher: Das Zölibat wird unter Franziskus fallen.

Zölibat
Das Zölibat zwingt Kleriker, sich zwischen Liebe und Glauben zu entscheiden. Photo: Fotolia

Das 11. Jahrhundert war ein pechschwarzes Kapitel der Kirchengeschichte: Die ersten KreuzzĂŒge, zahlreiche Investiturstreits und die EinfĂŒhrung des Eheverbots fĂŒr Priester umrahmen den Höhepunkt des politischen Konflikts zwischen geistlicher und weltlicher Macht. Überbleibsel dieser dunklen Epoche ist das KrebsgeschwĂŒr Zölibatgesetz. Von erzkonservativen Klerikern widerrechtlich eingefĂŒhrt, wollten sich bis heute weder ein Konzil noch ein Papst an der Aufhebung dieses Gesetzes die Finger verbrennen.

„Eine Sexual- und Frauenfeindlichkeit“

Der renommierte Schweizer Theologe Hans KĂŒng ist einer der grössten Kritiker des Eheverbots fĂŒr Priester und hat mehrere BĂŒcher zu diesem Thema verfasst. In seinem Werk „Ist die Kirche noch zu retten?“ schreibt er: „Das Zölibatgesetz ist keine Glaubenswahrheit. Als Kirchengesetz aus dem 11. Jahrhundert, hĂ€tte es bereits auf den Einspruch der Reformatoren des 16. Jahrhunderts hin aufgehoben werden sollen.“

Weiter ist fĂŒr KĂŒng dieses Gesetz eine Sexual- und Frauenfeindlichkeit, die nicht nur unzeitgemĂ€ss, sondern auch theologisch fragwĂŒrdig und kaum zu halten sei.

„Mauer zwischen Kirche und Mensch“

Die Mehrheit in der Schweizer Bevölkerung ist sich einig: Das Zwangszölibat muss weg. Ein Pfarrer aus dem Kanton Luzern meint: „Das Gesetz entspricht nicht mehr den Wertvorstellungen der heutigen Gesellschaft. Es sollte Priestern freiwillig ĂŒberlassen werden, ob diese zölibatĂ€r leben wollen oder nicht.“ Ein Amtskollege stimmt ihm zu: „Verheiratete Priester wĂ€ren wahrscheinlich viel volksnĂ€her. Schliesslich leben auch fast alle katholischen Laien nicht zölibatĂ€r. Durch dieses Gesetz entsteht eine Mauer zwischen Kirche und Mensch.“

Tanja Schmidli (19) ist Katholikin aus Aargau. FĂŒr sie ist das Zölibatsgesetz mehr als nur eine EinschrĂ€nkung fĂŒr Priester: „Ich bin mir sicher, dass das Zölibat auch dazu beitrĂ€gt, dass immer mehr Priester pĂ€dophil werden. Das Eheverbot schadet nicht nur der Kirche, sondern auch den Menschen. Man sollte es sofort abschaffen.“

Auch konfessionslose Schweizer wie Benjamin Lauber (26) aus Solothurn stehen grösstenteils hinter der Abschaffung des mittelalterlichen Gesetzes: „Mit solchen Dingen schadet sich die Kirche nur selbst. Mit dem Zölibat erschreckt man junge Menschen. Deshalb veraltet die Kirche auch so extrem.“

Im Klerus der Kirche findet man jedoch weiterhin zahlreiche Stimmen, die hinter dem Eheverbot fĂŒr Priester stehen. So auch ein Priester aus dem Kanton St. Gallen: „Die Priester wissen ja, worauf sie sich einlassen. Die Kirche muss fĂŒr Kleriker die einzige Geliebte bleiben. Das ist ein Versprechen, das man mit der katholischen Kirche eingeht.“

Hebt Franziskus das Zölibat auf?

Obwohl momentan fast nichts darauf hindeutet, sind sich viele Theologen und Kirchen-Kenner sicher, dass das Zölibat unter Papst Franziskus fallen wird.

Im Interview mit der österreichischen Tageszeitung „Kurier“ sagte der Vatikan-Experte Andreas Englisch: „Ich glaube, es wird ein Nachdenken ĂŒber die Ehelosigkeit der Priester geben. Die Kirche wird es den Priestern freistellen, ob sie zölibatĂ€r leben oder ob sie heiraten wollen.“

TatsĂ€chlich ist Papst Franziskus dafĂŒr verantwortlich, dass ein anderes umstrittenes Gesetz noch dieses Jahr aufgehoben wird: Wiederverheiratete Laien werden zukĂŒnftig uneingeschrĂ€nkten Zugang zu den Sakramenten erhalten.

KrebsgeschwĂŒr der katholischen Kirche

Das Zölibat ist wie ein KrebsgeschwĂŒr, dass die Patientin katholische Kirche von innen zerfrisst. Es ist hauptverantwortlich dafĂŒr, dass in Europa ein dramatischer Priestermangel herrscht – in der Schweiz sank die Zahl der Priester in den letzten 40 Jahren von 4‘500 auf 3‘000. Bereits Papst Benedikt XVI. hat in einer Rede den europĂ€ischen Priestermangel bedauert, sprach allerdings nicht offen ĂŒber die GrĂŒnde, die dazu fĂŒhrten.

Papst Franziskus spricht ehrlicher ĂŒber die Streitfragen der Kirche. Er weiss, dass die ewige Debatte um das Eheverbot fĂŒr Priester ein Brandherd ist, der schon vor Jahrhunderten hĂ€tte gelöscht werden mĂŒssen.

„Rebellen-Papst“ Franziskus

Mit der VerĂ€nderung des vatikanischen Zeremoniells, der Auflockerung des höfischen Protokolls und der Vereinfachung der Kleidung hat der argentinische Papst bereits frĂŒh in seinem Pontifikat einen entscheidenden Paradigmenwechsel eingelĂ€utet. Dieser könnte sich durchaus bis zur Abschaffung des Zwangszölibats weiterziehen.

Franziskus‘ puristische, rebellische Grundhaltung wird geprĂ€gt durch seine Zugehörigkeit zum Jesuitenorden, der intellektuellen Speerspitze der katholischen Kirche, und seinem geographischen Hintergrund: Im pĂ€pstlichen Heimatkontinent SĂŒdamerika wird das Zölibat von der grossen Mehrheit der Kleriker nur mĂŒde belĂ€chelt.

Papst Franziskus hat den Wagen des Fortschritts, der so lange festgefahren war, wieder in Gang gebracht. Falls die Kirche lÀngerfristig weiterbestehen will, darf sie sich nicht mehr an ihren obsoleten GrundsÀtzen festhalten. Das Zölibat ist die Versinnbildlichung des Antimodernismus, der in der römisch-katholischen Kirche bis heute vorherrscht und ausgelebt wird. Die Abschaffung des Zwangszölibats wÀre die grösste Revolution in der katholischen Kirche, seit Johannes XXIII. in den 60er Jahren die Zahl der KardinÀle erhöht hat, damit nicht mehr nur EuropÀer, sondern auch Amerikaner, Afrikaner und Asiaten ein Mitbestimmungsrecht ihrer Kirche haben.

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Das Doppelleben von Johannes Paul II

Der verstorbene Papst Johannes Paul II. war fĂŒr viele moderne Christen ein Vorbild. «Santo Subito» schrien Hunderttausende GlĂ€ubige bei seiner Beisetzung im April 2005. Morgen erhĂ€lt Johannes Paul II. schliesslich die vom Volk geforderte, schnelle Heiligsprechung: Zusammen mit Johannes XXIII. wird dem gebĂŒrtigen Polen von Papst Franziskus die grösste Ehre der römisch-katholischen Kirche erteilt. Verschwiegen werden wĂ€hrend den Feierlichkeiten seine ultrakonservative Grundhaltung und seine mafiösen Beziehungen zu polnischen Gewerkschaften.

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Johannes Paul II. Photo: CENTRAL PRESS/Getty Images

Die Lobhuldigungen an Johannes Paul II. nahmen seit seinem Tod nicht mehr ab, Altkanzler Helmut Kohl bezeichnete ihn gar als grössten Papst seit langer Zeit. FĂŒr seine Heiligsprechung, die morgen im Vatikan stattfinden wird, erwartet Rom rund 5 Millionen GlĂ€ubige aus aller Welt. Der BĂŒrgermeister der Ewigen Stadt, Ignazio Marino, teilte mit, dass die Stadtverwaltung an einer besseren Anbindung des römischen Flughafens an die Innenstadt arbeite. Dies betreffe auch die italienischen Eisenbahnen, die mit HochgeschwindigkeitszĂŒgen die Pilger schnellstmöglich an ihren Bestimmungsort fĂŒhren sollen.

Ein derartiges Fest um eine Heiligsprechung gab es bisher noch nie. Doch war der konservative Modernisierer aus Polen tatsÀchlich ein fortschrittlicher Papst? Oder schaffte es der Charismatiker mit seinem Charme alle Laien um seinen Finger zu wickeln? Ein Blick auf seinen Werdegang offenbart viel Verborgenes.

Der Anti-Kommunist

Bereits zu seiner Zeit als Erzbischof von Krakau fĂŒhrte Karol Wojtyla einen eifrigen Kampf gegen das kommunistische Imperium, das in seinem Land herrschte. Er plĂ€dierte von frĂŒhauf fĂŒr absolute Religionsfreiheit in Polen, liess GotteshĂ€user ohne staatliche Genehmigung bauen und versteckte viele Regierungsgegner und OppositionsfĂŒhrer in den heiligen Hallen seiner widerrechtlichen Kirchen. Es ist deshalb verstĂ€ndlich, dass es der Kommunistenpartei Polens mehr als sauer aufstiess, als das schwarze Schaf Wojtyla 1978 zum Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche gewĂ€hlt wurde.

Nur wenige Monate spĂ€ter trat Karol Wojtyla, der der Welt nun als Johannes Paul II. bekannt war, seine erste Reise in sein Heimatland an.  Millionen katholische Polen empfingen ihr neues Oberhaupt. FĂŒr viele Historiker war diese Reise der Anfang vom Ende des Ostblocks. Mit seinem Willen und seinem Glauben brachte Johannes Paul II. das kommunistische Imperium zum Untergang.

«Wenn ich in Prozentzahlen ausdrĂŒcken sollte, wer wie viel zum Zusammenbruch des kommunistischen Systems beigetragen hat, wĂŒrde ich sagen: 50 Prozent der Papst, 30 Prozent Lech Walesa (Vorsitzender der Oppositions-Gewerkschaft). Den Rest besorgten Helmut Kohl, Ronald Reagan und Michail Gorbatschow.» – Lech Walesa in einem Interview mit SPIEGEL (2004).

Der konservative Progressive

Karol Wojtyla war der erste nichtitalienische Papst seit 455 Jahren und der erste Slawe, der Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche wurde. FĂŒr viele Laien war er der neue HoffnungstrĂ€ger, der die verstaubte Kurie in eine neue Zeit fĂŒhren wĂŒrde. Nach dem schnellen Ableben seines VorgĂ€ngers, Papst Johannes Paul I, hatte die Kirche diesen Wandel auch dringend nötig.

WĂ€hrend seinem Pontifikat zeigte sich Johannes Paul II. auch fernab vom Vatikan in seiner offensten und medienwirksamsten Rolle: Als weltoffener, Ă€lterer Herr, der weder dem höfischen Zeremoniell noch dem Reichtum der Kirche frönte: Die Bilder von seinen AusflĂŒgen an Swimmingpools und seinen Skifahrten und Bergwanderungen in den Dolomiten sind legendĂ€r.

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Papst Johannes Paul II. beim Skifahren. Photo: AFP

Doch in seinem Amt selbst war er sehr konservativ. Seine osteuropĂ€ische Frömmigkeit hat ihn in seinem Pontifikat augenscheinlich fehlgeleitet. Er war es, der dem Schweizer Theologen Hans KĂŒng 1980 die Lehrerlaubnis erzog. Weitere Lehrverbote sollten folgen. Johannes Paul II. liess keine Fremdmeinungen zu, die denen des Vatikans nicht entsprachen. Es ĂŒberrascht deshalb auch nicht, dass er 2002 den GrĂŒnder des ultrakonservativen Geheimbundes Opus Die heiligsprach.

Seine gepredigten Ansichten lesen sich wie ein Pamphlet aus dem Mittelalter: Wiederverheiratete Christen dĂŒrfen nicht zur Eucharistie und zum gemeinsamen Abendmahl mit anderen Christen zugelassen werden. Geburtenkontrolle, Frauen in FĂŒhrungspositionen, Abtreibungen, Schwangerenberatungen, der Gebrauch von Kondomen: FĂŒr Johannes Paul II. alles Tabu. Bei der HomosexualitĂ€t ging er sogar so weit und bezeichnete sie als TodsĂŒnde.

Der nimmersatte Hobby-Banker

Das Istituto per le Opere di Religione, kurz IOR, ist die vatikanische Privatbank, die 1942 gegrĂŒndet wurde und bereits frĂŒh mit offensichtlichen mafiösen Verbindungen ein Dorn im Auge der italienischen Regierung wurde. Nach seiner Wahl zum Papst versicherte Johannes Paul II. dem oberen Bankenrat, dass er an der KontinuitĂ€t der kriminellen Finanzstrategie nicht rĂŒtteln werde.

In dem Buch «Vaticano S.p.A.» deckte der italienische Investigativ-Journalist Gianluigi Nuzzi auf, dass Johannes Paul II. den Vorsitzenden seiner Bank mehrere Vollmachten erteilte. Dies tat er allerdings nicht aus Freundschaft oder Vertrauen: In den Bankbelegen dieser Zeit findet man mehrere GeldĂŒberweisungen an polnische Gewerkschaften. Insgesamt ĂŒber 100 Millionen Dollar wurden auf teilweise illegalen Wegen in das Heimatland von Johannes Paul II. geschickt, um die antikommunistischen Gewerkschaften zu unterstĂŒtzen, die wiederum dem Papst den RĂŒcken stĂ€rkten.

Der Revoluzzer, der die Welt verÀnderte

Papst Johannes Paul II. war eine schillernde Figur. Mehr als 26 Jahre lang war er das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Ein lĂ€ngeres Pontifikat konnte nur Pius IX. aufweisen. Seine Amtszeit war geprĂ€gt von geopolitischen und wirtschaftlichen Weltproblemen, die ihm bei seinem Amtsantritt als relativ junger Papst alle aufgehalst wurden. Es ĂŒberrascht nicht, dass Johannes Paul II. mit dieser Situation anfangs ĂŒberfordert wurde. Sein Land lag nach dem Zweiten Weltkrieg immer noch in TrĂŒmmern und erholte sich bis heute nie von dieser ZerrĂŒttung. Seine illegale UnterstĂŒtzung von polnischen Gewerkschaften mit gewaschenem Mafiageld darf ihm nicht als böswillige Missetat angerechnet werden. Viel eher wollte er den Reichtum der Kirche nutzen um seinen leidenden Volksleuten zu helfen.

Doch nicht nur Polen verhalf er wĂ€hrend seiner Amtszeit zu einem neuen Aufschwung. Karol Wojtyla verĂ€nderte die Welt in vieler Hinsicht auf positive Weise. 1986 lud er Vertreter aller Weltreligionen nach Assisi ein, um gemeinsam fĂŒr den Weltfrieden zu beten. Alle folgten ihm aufs Wort: Ob japanische Shinto-Priester, protestantische Pastoren, orthodoxe Bischöfe, jĂŒdische Rabbiner oder sogar der Dalai Lama: Sie beteten mit ihm. Er hatte wesentlichen Anteil daran, dass der Kommunismus ĂŒberwunden wurde. Auch zum Fall der Berliner Mauer steuerte er sehr viel bei. 1992 rehabilitierte Johannes Paul II. Galileo Galilei, ein Jahr spĂ€ter Nikolaus Kopernikus. 1996 machte er Frieden mit der Evolutionslehre von Charles Darwin. 2001 war er der erste Papst, der in einer muslimischen Moschee betete.

Der Papst konzentrierte sich auf das grosse Bild. Er war weniger an der inneren Formung, sondern nur an der Àusseren Wirkung der katholischen Kirche interessiert. Kein Kleriker hat eine Heiligsprechung mehr verdient als er.

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Geheimnisse des Vatikans

Seit zweitausend Jahren ranken sich zahlreiche Mythen und Legenden rund um den Vatikan. Viele dieser Geschichten sind trotz ihrer historisch nicht nachweisbaren ValiditÀt fest in den Köpfen der Menschen verankert und prÀgen das Bild des PÀpstlichen Roms rigoros. Doch wie viel Wahrheit steckt in diesen Sagen wirklich?

Die PĂ€pstin: Eine Frau auf dem Heiligen Stuhl?

Filmplakat «Die PÀpstin»
Filmplakat «Die PÀpstin»

Die US-amerikanische Schriftstellerin Donna Woolfolk Cross nahm 1996 den weitverbreiteten Mythos einer weiblichen Papstfigur als Vorlage fĂŒr ihren historischen Roman «Die PĂ€pstin». In dem Bestseller wurde die Legende von Johanna zum ersten Mal der breiten Öffentlichkeit prĂ€sentiert und mit weiteren Details der Autorin ausgeschmĂŒckt. Nur 13 Jahre spĂ€ter wurde die Geschichte im gleichnamigen Film von Sönke Wortmann ebenfalls zu einem Welterfolg und festigte damit den Konsens der Bevölkerung, dass einst eine Frau auf dem Stuhl des Heiligen Petrus thronte.

Doch wie entstand die Legende von Johanna, dem jungen MĂ€dchen, das als Johannes Anglicus die Kirche regiert haben soll? Erstmals tauchte sie in der «Chronica Universalis Mettensis» von Jean de Mailly auf. De Mailly schreibt von einer namenlosen PĂ€pstin, die im 11. Jahrhundert das Oberhaupt der katholischen Kirche gewesen sein soll. SpĂ€ter fanden Historiker eine Ă€hnliche Geschichte im «Tractatus de Diversis Materiis Predicabilibus» von Stephan von Bourbon. In dessen ErzĂ€hlung fand die Regentschaft allerdings erst im 13. Jahrhundert statt. Die gĂ€ngigste Geschichte ist jedoch die von Martin von Troppau, der in einer Chronik aus dem 13. Jahrhundert Johannas Regentschaft in das 9. Jahrhundert zurĂŒckversetzt. Erstmals wurde auch der Weg der PĂ€pstin an die Spitze der Kirche detailliert beschrieben und schriftlich festgehalten.

Tarot-Karte: „La Papessa“  aus dem 15. oder 16. Jahrhundert
Tarot-Karte: „La Papessa“ aus dem 15. oder 16. Jahrhundert

So soll Johanna als Tochter eines zwangsbekehrten Wikingers im deutschen Mainz aufgewachsen sein. Als Frau diskriminiert schlĂŒpfte sie in ihrer frĂŒhen Jugend in die Rolle ihres verstorbenen Bruders, bevor sie nach England reiste um dort Medizin zu studieren. Ihr Studium schloss sie mit Bestnoten ab und wurde spĂ€ter zur HausĂ€rztin des Papstes Leo IV. Schliesslich sei sie im Jahr 855 völlig ĂŒberraschend zum Pontifex Maximus gewĂ€hlt worden.

Diese Legende wurde von französischen Dominikanern, italienischen Humanisten und deutschen Autoren wie Hans Sachs zu einer Farce ausgeschmĂŒckt. Es wird erzĂ€hlt, dass Johanna wĂ€hrend ihrem Pontifikat auf öffentlichem Platz im Rom ein Kind gebĂ€rt habe. Wenige Sekunden spĂ€ter soll Satan persönlich in der Ewigen Stadt erschienen sein und gerufen haben: „Der Papst, Vater der VĂ€ter, gebar als PĂ€pstin ein PĂ€pstchen.“

Der reformierte Kirchenhistoriker David Blondel meldete Anfang des 17. Jahrhunderts zum ersten Mal ernsthafte Zweifel an der Legende an und konnte seine Skepsis fundiert mit zeitnahen Dokumenten stĂŒtzen. Im 19. Jahrhundert bekrĂ€ftigte der katholische Theologe Ignaz von Döllinger, dass die Geschichte von Johanna ein AmmenmĂ€rchen ohne jeglichen Wahrheitsgehalt sei.  Heute sind sich alle Historiker und Theologen einig, dass es nie zu so einer Peinlichkeit fĂŒr die Kirche gekommen ist.

Johannes Paul I: Wurde der Papst ermordet?

Johannes Paul I.
Johannes Paul I.

Bereits zu seiner Zeit als Kardinal war Albino Luciani bei den Massen sehr beliebt. Er zeigte sich bodenstĂ€ndig und volksnah, was vielen WĂŒrdetrĂ€gern des Vatikans auf den Magen schlug. Nichtsdestotrotz wurde der Arbeitersohn aus einem kleinen Bergdorf am 26. August 1978 zum neuen Papst gewĂ€hlt. Nun, da Luciani das höchste Amt der katholischen Kirche bekleidete, bemerkte man den Kontrast zwischen den uralten BrĂ€uchen des Vatikans und seinem vertrĂ€umten GemĂŒt noch deutlicher.

«Johannes Paul I. hat sich gegen das ganze ĂŒbertriebene höfische Zeremoniell, dass es im Vatikan zuweilen gibt, gewehrt. Er war ein Fremder in dieser Umgebung. Der Vatikan ist eine höfische Umgebung, und er hat sich geweigert, den König zu spielen.» – Valeska von Roques, ehemalige Rom-Korrespondentin „Spiegel“.

WÀhrend Luciani von der Masse gefeiert wurde, tuschelte man im Vatikan hinter vorgehaltener Hand. Er sei zu naiv, Àrgerten sich konservative Kleriker.

Am 28. September 1978, nur 33 Tage nach seinem Amtsantritt, verstarb Johannes Paul I. Diagnose: Herzinfarkt.

«Gegen 5:30 betrat der PrivatsekretĂ€r des Papstes das Schlafzimmer seiner Heiligkeit, Papst Johannes Paul I. Er fand ihn Tod auf seinem Bett und er konnte feststellen, dass er etwa um 23:00 Uhr verstorben ist. Und zwar, wie es heisst, in unerwarteter Weise, an einem Herzinfarkt.» – Originalstimme Radio Vatikan.

Christen auf der ganzen Welt waren zutiefst betrĂŒbt und sprachlos. Seit fast 400 Jahren gab es keine so kurze Amtszeit mehr. Johannes Paul I. wirkte fĂŒr sein Alter ausserordentlich aktiv und energiegeladen, es war in der damaligen Zeit kaum vorstellbar, dass er so ĂŒberraschend an einem Herzinfarkt stirbt. Das Kardinalskollegium in Rom beschwichtigt die Menschen: Johannes Paul I. sei schon seit mehreren Jahren herzkrank gewesen. Verbunden mit dem Wetterumschwung und einem extremen Herbststurm habe sich dies sehr schlecht auf das Befinden des Papstes ausgewirkt. Doch die Zweifel der Bevölkerung konnten nicht restlos beseitigt werden. War es Mord?

Propaganda Due MitgliedsbestÀtigung von Silvio Berlusconi
Propaganda Due MitgliedsbestÀtigung von Silvio Berlusconi

Zu dieser Zeit war bereits bekannt, dass die Vatikanbank in kriminelle Machenschaften mit anderen italienischen Banken verstrickt war. Johannes Paul I. wollte dies Ă€ndern.  Dies verĂ€rgerte nicht nur die Mafia sondern auch eine andere Untergrundpartei: Propaganda Due, die damals Italien vor dem Kommunismus schĂŒtzen wollte.  Zu Propaganda Due gehörten neben hohen AmtstrĂ€gern der Kirche auch Mafiosi und Politiker. BerĂŒhmtestes Mitglied: Silvio Berlusconi.

Verschwörungstheorien besagen, dass Johannes Paul I. fĂŒr P2 zu liberal und kompromissbereit gewesen sei. Die KirchenmĂ€nner der Geheimloge sollen seinen Mord in Auftrag gegeben haben. Dies sind allerdings haltlose Behauptungen und Theorien, fĂŒr die es keinerlei Beweise gibt. Auch namhafte Historiker zweifeln an der Richtigkeit: «Geheimdienste in- und ausserhalb Italiens und vor allem auch die P2 wollte eine Destabilisierung der Situation. Die KirchenfĂŒhrung wollte die Christlich demokratische Partei stĂ€rken, und deswegen ist es absolut unwahrscheinlich, dass da jemand in der Kirche bei Lucianis Tod mitgespielt hat. Sein Tod war ein natĂŒrlicher Tod. Er fĂŒhlte sich verirrt im Vatikan, es war zu viel fĂŒr ihn.» – Marco Politi, Journalist „La Repubblica“

Obwohl eine Obduktion des Leichnams nie stattgefunden hat zweifelt auch der österreichische Pathologe Hans Bankl an einem Mord. In einem Buch schreibt er, dass laut frĂŒheren Krankenakten Johannes Pauls I. schnell ersichtlich wird, dass dieser schon in jungen Jahren herzkrank war. Ein plötzlicher Tod durch ein aus den Beinvenen in die Lungenschlagader verschlepptes Blutgerinnsel sei sehr wahrscheinlich, genau so ein plötzlicher Herzanfall, ausgelöst durch den Stress seines neuen Amtes.

Interview: Evangelisch-reformierter Pfarrer JĂŒrg Baumgartner

Zwischen dem konservativen Dogma des Christentums und der modernen Gesellschaft von heute besteht eine grosse Kluft. JĂ€hrlich verliert die Kirche tausende von Mitgliedern. Viele GlĂ€ubige können sich mit den Lehren nicht mehr identifizieren. Im Interview beantwortet ein Pfarrer der evangelisch-reformierten Kirche in Winterthur, JĂŒrg Baumgartner, Fragen zu den abnehmenden Zahlen von Christen und der Zukunft der Kirche.

Pfr.JrgBaumgartner
Pfarrer JĂŒrg Baumgartner: «So kann es mit der Kirche nicht weitergehen»

Sandro Bucher: Herr Baumgartner, wo liegen die Herausforderungen des Christentums in der heutigen Zeit?

Pfarrer JĂŒrg Baumgartner: In der heutigen Zeit gibt es fĂŒr das Christentum zwei grosse Herausforderungen. Zum einen mĂŒssen wir unsere Gemeinsamkeiten innerhalb der christlichen Konfessionen mehr betonen und uns dieser Gemeinsamkeiten wieder bewusster werden. Der ehemalige Churer Weihbischof Peter Henrici und der ehemalige reformierte KirchenratsprĂ€sident Ruedi Reich haben schon vor rund 20 Jahren gesagt, dass die Christen aller Konfessionen viel mehr verbindet als das Wenige, was sie trennt. Dieser Grundsatz ist zentral fĂŒr alle Kirchen. Es liegt in der Verantwortung christlicher Kirchen, dass wir wieder vermehrt aufeinander zugehen und gemeinschaftlich den Weg gehen. Das Christentum ist eine Suchbewegung und sollte ein gemeinsames Suchen bleiben.
Die zweite Herausforderung ist, das wir das institutionalisierte Denken verĂ€ndern und uns lĂ€ngerfristig (komplett) davon befreien. Wir mĂŒssen im Bezug auf unseren Glauben zu einer Haltung finden, die der ursprĂŒnglichen Bewegung um Christus Ă€hnelt. Das war eine Weggemeinschaft fern von prunkvollen GebĂ€uden und aufgeblĂ€hten Verwaltungsstrukturen. Hier können wir uns auch an den dynamischen Freikirchen des Landes ein Vorbild nehmen.

SB: Sie erwĂ€hnen, dass alle Kirchen in der Schweiz wieder mehr gemeinsam unternehmen sollten. Welchen Teil steuert die evangelisch-reformierte Kirche zur Ökumenischen Bewegung bei?

JB: Hier in Winterthur haben wir mit den römisch-katholischen Pfarreien auf Gemeindeebene eine gute Zusammenarbeit. Wir treffen uns regelmĂ€ssig und halten einmal im Jahr einen ökumenischen Gottesdienst ab. Des Weiteren  veranstalten wir auch einen Kanzeltausch, bei dem wir die jeweils andere Kirchgemeinde besuchen. Der Austausch mit anderen Kirchen ist allerdings auf die Stadt Winterthur beschrĂ€nkt. Lediglich derZĂŒrcher Kirchenrat, das oberste Gremium der reformierten Landeskirche, hat Kontakt mit den römisch-katholischen BistĂŒmern.
Unser Problem ist, dass wir Evangelischen kein AushĂ€ngeschild haben, das öffentlich und auch innerkirchlich zu Problemen und weltlichen Fragen Stellung beziehen kann. In unserer medial geprĂ€gten Gesellschaft hat es verheerende Auswirkungen, dass wir diese Bezugsperson nicht haben. Auch kommen pointierte Stellungsnahmen bezĂŒglich der katholischen Kirche von Evangelischen bei den römisch-katholischen Kirchen nicht gut an und sind sogar eher kontraproduktiv, da es fĂŒr sie eventuell wie ein aufmĂŒpfiges Eingreifen wirkt.

SB: In den letzten 40 Jahren sanken die Mitgliederzahlen der Evangelisch-Reformierten Kirche um fast 15%. Worauf ist dieser RĂŒckgang zurĂŒckzufĂŒhren?

JB: In den letzten Jahren haben sich bei den GlĂ€ubigen vier HauptbewegungsgrĂŒnde fĂŒr den Kirchenaustritt herauskristallisiert. Bei einigen findet der Austritt rein aus finanziellen GrĂŒnden statt, da sie nicht mehr bereit sind die Kirchensteuer zu zahlen. FĂŒr andere hingegen findet sich in den institutionalisierten Religionen schlichtweg keine Bedeutung mehr fĂŒr ihr alltĂ€gliches Leben. Viele dieser AbgĂ€nger sind seit Jahren nicht mehr mit der Kirche in BerĂŒhrung gekommen. So wird der Glaube nicht mehr alltagsrelevant fĂŒr viele Menschen. Das muss uns ernsthaft zu denken geben, denn so kann es nicht weitergehen.
Bei dem dritten Bewegungsgrund handelt es sich um den allgemeinen Trend des Antiinstitutionellen.  Wir sind geprĂ€gt von einer Gesellschaft, die sehr institutionskritisch ist. Nicht nur die Kirche hat Mitgliederprobleme, sondern allgemein haben Vereinsstrukturen wie auch politische Parteien die Tendenz, dass sie verkrusten und starr werden. Das fĂŒhrt zu schleichender Abwanderung und Desinteresse.
Bei dem vierten Bewegungsgrund handelt es sich womöglich um sich stark verÀndernde Kommunikationsgewohnheiten durch die mobilen Kommunikationstechnologien. Viele Menschen sind sich nicht mehr gewohnt, jemandem lÀnger als eine halbe Stunde zuzuhören. Vernetzung geschieht im Internet und nicht mehr in der physischen Gemeinschaft. Die ganze Kommunikationsgewohnheit hat sich so stark verÀndert, dass die Gottesdienste auf einige sehr befremdlich wirken.

 SB: Wie kann man das Bild des Christentums in Anbetracht dieser vier BewegungsgrĂŒnde wieder verbessern?

JB: Das ist eine schwierige Frage. Man kann nicht viel dagegen machen, ausser die neuen Medien wie Internetforen, Facebook, Twitter und WhatsApp effektiver zu nutzen. Die Kirche sollte mit jungen Fachleuten zusammensitzen und einen Plan ausarbeiten, wie man mit den neuen Kommunikationstechnologien die jungen Menschen wieder besser erreichen kann. Dazu gehört auch das Bilden von Foren und Chats. Doch diese Massnahmen alleine versprechen leider noch nicht, dass die Massen wieder die Gottesdienste in den Kirchen besuchen; Der RĂŒckfluss ist alleine durch das Einsetzen neuer Medien noch nicht gegeben.

SB: Wie stehen Sie zum Vatikan und Papst Franziskus?

JB: Auch als Evangelischer nimmt man das Geschehen in Rom natĂŒrlich mit grosser Spannung wahr. Mit Bewunderung habe ich den vorzeitigen Pontifikatsabbruch von Benedikt XVI vor gut einem Jahr verfolgt. Es war spannend mitzuverfolgen, wie Benedikt XVI mit seinem RĂŒcktritt einen enormen Tabubruch begangen hat. Nun bleibt abzuwarten, ob auch die nĂ€chsten zehn PĂ€pste diese eigentlich unhinterfragte Tradition brechen und noch vor ihrem Lebensende abdanken werden. Papst Franziskus könnte in diesem Bereich das Feld bereiten. Denn trotz seiner lobenswerten Einstellung wurde mit Franziskus leider wieder ein alter Mann ins höchste Amt gewĂ€hlt. Im Geist scheint er aber jugendlicher aufzutreten als viele 40-JĂ€hrige! Er könnte jedoch Benedikts Tabubruch weiterfĂŒhren, damit vielleicht auch einmal ein 55-JĂ€hriger wieder Papst wird. Im Geist ist Franziskus nĂ€mlich noch sehr jung und stellt die wichtigste Botschaft ĂŒberhaupt ins Zentrum: Eine Kirche fĂŒr die Armen. Er ist zwar bei einigen theologischen Fragen genauso konservativ wie sein VorgĂ€nger, doch er gewichtet diese Themen anders. Mittelfristig hofft man jetzt natĂŒrlich, dass der offenere Franziskus auch eine Auswirkung auf die eher konservativen, römisch-katholischen Kirchen in der Schweiz hat.