Atheisten sind…

Nachdem Atheisten diese Woche mit Psychopathen gleichgestellt und als grosses Risiko f√ľr die Welt bezeichnet wurden, habe ich mir die Frage gestellt, was nichtgl√§ubige Menschen sonst noch sind und denken. Um das herauszufinden, habe ich s√§mtliche in der Schweizer Mediendatenbank sowie in Google News archivierten Texte der letzten f√ľnf Jahre durchforstet, die Antworten darauf geben wollen, was Atheisten ausmacht.

Bild: SANDRO BUCHER

¬ę[‚Ķ] Atheisten sind¬†auch bloss Menschen. Auch sie suchen letztlich Frieden, wollen geliebt werden und lieben, sorgen sich um den Planeten. Sie glauben an sich selbst und an die Welt. Der Glaube ist der Punkt, wo Atheisten und Gl√§ubige sich treffen. [‚Ķ]¬Ľ, Hindu-Friedenbotschaft Sri Sri Ravi Shankar im Interview mit Die Zeit, 30. Juni 2011.

¬ę[‚Ķ] Atheisten sind gebildeter, toleranter und wissen mehr √ľber den Gott, an den sie selbst nicht glauben. [‚Ķ]¬Ľ, Ergebnisse des Pew Center 2010 in einer Umfrage in den USA, Spiegel, 25. Juli 2011.

¬ę[‚Ķ] Militante Atheisten haben daf√ľr gesorgt, dass die Religion Erfahrungsbereiche exklusiv f√ľr sich beansprucht, die von Rechts wegen allen Menschen geh√∂ren ‚Äď und die f√ľr ein s√§kulares Leben zur√ľckzufordern, uns nicht unangenehm sein sollte. [‚Ķ]¬Ľ, Atheist und Bestsellerautor Alain de Botton, Weltwoche, 16. Februar 2012.

¬ę[‚Ķ] Atheisten sind die unbeliebteste Glaubensgruppe der USA. Fast die H√§lfte der Amerikaner w√ľrde eine atheistische Schwiegertochter oder einen Schwiegersohn ablehnen ‚Äď aber nur ein Drittel eine muslimische. [‚Ķ]¬Ľ, Ergebnisse einer amerikanischen Studie, Annabelle, 7. M√§rz 2012.

¬ę[‚Ķ] B√ľcher dezidiert atheistischen Inhalts landen auf den Bestsellerlisten, atheistische Autoren sind gern gesehene G√§ste in Talkshows, Verlage, die bisher vornehmlich B√ľcher christlicher oder dem Christentum nahestehender Autoren verlegten, bem√ľhen sich eifrig um die Bestseller ausl√§ndischer Autoren, wenn deren Programm der Atheismus ist. [‚Ķ], Religionsphilosoph und Religionswissenschafter Hubertus Mynarek im Interview mit Profil, 25. Mai 2012.

¬ę[‚Ķ] Ein auffallendes Merkmal vieler Atheisten ist, dass sie eine katholische Schule besuchten, teils gepaart mit einem liberalen Elternhaus. Die beiden Pole f√ľhrten irgendwann, h√§ufig noch in der Pubert√§t, zu einem „Erweckungserlebnis‚Äú, das ihnen die Augen ge√∂ffnet habe gegen√ľber einer Realit√§t, in der Kirche und Staat viel enger miteinander verkn√ľpft sind, als das allgemein wahrgenommen wird. [‚Ķ]¬Ľ, Freidenker Ronald Bilik im Interview mit Profil, 25. Mai 2012.

¬ę[‚Ķ] Atheisten sind nicht nur von Gott Befreite, sie leben mit anderen Notwendigkeiten, in ihrem Fall mit jener, in allem einzig auf sich selbst, also den Menschen, verwiesen zu sein. [‚Ķ]¬Ľ Frankfurter Rundschau Online, 21. Juli 2012.

¬ę[‚Ķ] Heute haben nicht nur Moslems, sondern auch andere Europ√§er, die unterschiedlichen Traditionen entstammen oder Atheisten sind, pers√∂nliche und kulturelle Priorit√§ten, die sich nicht in christlichen Werten fassen lassen ‚Äď und dieser Anteil der Bev√∂lkerung wird weiter steigen. [‚Ķ]¬Ľ, Cicero, 1. September 2012.

¬ę[‚Ķ] Religion schafft eine Basis, auf der Fremde gut miteinander auskommen. Nur eine Fraktion entzieht sich g√§nzlich: die Atheisten. Und sie m√ľssen daf√ľr bezahlen. In mehrheitlich religi√∂sen Gesellschaften sind Atheisten immer diejenige Gruppe, der die Leute am wenigsten vertrauen. [‚Ķ]¬Ľ Sozialpsychologe-Professor Ara Norenzayan, Spiegel, 22. Dezember 2012.

¬ę[‚Ķ]Atheisten sind ansteckend in ihrer Zweifelsucht, und sie f√ľrchten keinen strafenden Gott. Mehr noch, sie finden es ulkig, dass die anderen so unerm√ľdlich in ihren Aberglauben investieren.¬Ľ, Spiegel, 22. Dezember 2012.

¬ę[‚Ķ]Atheisten verstehen nicht, warum Religionen anstrengend und teuer sind. Sie sehen nur die gigantische Verschwendung von Zeit und Energie. [‚Ķ]¬Ľ, Spiegel, 22. Dezember 2012.

¬ęAtheisten sind beachtenswert ehrliche Menschen, da sie zu ihren ¬≠intellektuellen und spirituellen Fragen stehen. Dabei sind sie allerdings gl√§ubiger, als sie wahrhaben wollen, denn sie glauben, dass es keinen Gott gibt.¬Ľ Freikirchler Ren√© Christen im Interview mit Migros-Magazin, 11. M√§rz 2013.

¬ę[‚Ķ] Atheisten sind nicht gut auf Religion zu sprechen, erst recht nicht in England. [‚Ķ]¬Ľ,¬†Basler Zeitung, 15. Mai 2013.

¬ę[‚Ķ]Atheisten sind nicht notwendigerweise k√§mpferische Reli¬≠gionsgegner. Im Gegenteil, viele von ihnen sind offen f√ľr spirituelle Fragen. [‚Ķ]¬Ľ, Stefan Huber, Professor f√ľr empirische Religionsforschung an der Uni Bern im Interview mit reformiert, 29. November 2013.

¬ę[‚Ķ] Atheisten sind in der Regel Einzelg√§nger. Sie reden nicht mit einer Stimme. Und sie f√ľhlen sich mitunter diffamiert als eigenn√ľtzig, verbohrt, abgewandt von der Gesellschaft. Sich mit Gleichgesinnten zusammenzuschliessen und die eigenen √úberzeugungen offensiv zu vertreten, verspricht offenbar vielen Abhilfe: ein sichtbares Zeichen daf√ľr, dass man ebenfalls ein gutes und wertvolles Mitglied einer Gemeinschaft sei. [‚Ķ]¬Ľ, St. Galler Tagblatt, 14. Juni 2014.

¬ę[‚Ķ] Die ostdeutschen Atheisten sind das beste Beispiel daf√ľr, dass einem Atheisten nichts zu einem guten Leben fehlt. [‚Ķ]¬Ľ, Religionssoziologe Gert Pickel im Interview mit der Reformierten Presse, 14. November 2014.

¬ę[‚Ķ] Im Kontakt mit Menschen, die sich Atheisten nennen, ist mir immer mehr aufgegangen, was Menschen zur Kirche hinaustreibt: die Verlogenheit. Wenn sie uns das vorhalten, so sind sie p√§pstlicher als viele, die sich papsttreu nennen. [‚Ķ] Die Atheisten sind uns immer wieder unangenehme Mahner f√ľr das, was Papst Franziskus seinen engsten Mitarbeitern kurz vor Weihnachten ans Herz gelegt hat. Es k√∂nnte kurz zusammengefasst werden mit den Worten: Was wir beten, zum Leben werden lassen; was wir leben, zum Gebet werden lassen. [‚Ķ]¬Ľ, Schweizer Benediktiner Martin Werlen, Sonntag, 8. Januar 2015

¬ę[‚Ķ] Solange Unsicherheit herrscht und die grossen G√∂tter regieren, werden Atheisten gehasst, wie viele Umfragen ergeben haben. Die Frommen f√ľrchten, die Gottlosen k√∂nnten sie ausnutzen, da sie nicht an g√∂ttliche Regeln gebunden sind. Doch diese Angst wird schnell vergessen, wenn der Staat die strafende Rolle Gottes √ľbernimmt. [‚Ķ]¬Ľ, Sozialpsychologe-Professor Ara Norenzayan, Basler Zeitung, 23. M√§rz 2015.

¬ę[‚Ķ] Atheisten sind immer Klugschei√üer, das unterscheidet sie von den Agnostikern. Agnostiker und Atheisten verbindet ihre Ablehnung religi√∂ser Institutionen. Doch w√§hrend der Agnostiker die Beschr√§nktheit des menschlichen Erkenntnisverm√∂gens betont und somit eine gewisse intellektuelle Demut offenbart, ist der Atheist restlos von sich und seinem √ľberlegenen Intellekt √ľberzeugt, was ihm nach seiner √úberzeugung das Recht gibt, jede Form von Religiosit√§t in den Dreck zu ziehen. [‚Ķ]¬Ľ, The European, 28. Mai 2015

¬ę[‚Ķ] Innenminister Thomas de Maizi√®re stellt pauschal urteilend einen direkten Zusammenhang zwischen Fremdenfeindlichkeit und Atheismus her, weswegen mehr Christlichkeit besser w√§re. Die Gr√ľne Katrin G√∂ring-Eckardt unterstellt Atheisten kognitive St√∂rungen, weshalb das komplexe Christentum, ‚Äěverst√§ndlich und lebensnah‚Äú vermittelt werden m√ľsse. [‚Ķ]¬Ľ, Berliner Zeitung, 28. Dezember 2015.

¬ę[‚Ķ] Wer an Gott glaubt, verwendet mehr Hirnzellen f√ľr Mitgef√ľhl als f√ľr analytisches Denken. Das Gehirn von Atheisten arbeitet genau andersherum. Dadurch sind sie intelligenter, aber auch kaltherziger. Diese Eigenschaften definieren auch Psychopathen. [‚Ķ]¬Ľ, FOCUS Online, 25. M√§rz 2016.

¬ę[‚Ķ] F√ľr viele moderne wissenschaftliche Atheisten sind¬†die Religionen etwas, das mit Gottesbeweisen beginnt und von ihnen abh√§ngt. [‚Ķ]¬Ľ, David Gelernter, amerikanischer Informatiker und Netzkritiker im Interview mit der S√ľddeutschen Zeitung, 26. M√§rz 2016.

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Der Artikel erschien auf hpd.de.

¬ęEs reicht schon, Jugo zu sein¬Ľ

Mit mehr als zehn Millionen Menschen bilden Roma die grösste transnationale Minderheit. Obwohl die Völker seit 1200 Jahren mitten unter uns leben, gelten sie bei vielen Europäern als ehrlose Diebe und Verbrecher, die in unsere Zivilisation eindringen. Im Gespräch mit Tink.ch erklärt Stéphane Laederich, Direktor der Rroma Foundation Schweiz, wie es tatsächlich um die Roma in der Schweiz steht.

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Das Wohnzimmer einer Roma-Familie. Mindestens 80 000 der in der Schweiz lebenden Roma sind sesshaft. (Bild: Tink.ch/MANUELA PAGANINI)

Ob durch die Besetzung der kleinen Allmend in Bern¬†Ende April oder durch mediale Hexenjagden rechtspopulistischer¬†Schweizer Medien: Die Roma sind¬†zur√ľck im Bewusstsein der Schweizer. Die Bev√∂lkerungsgruppen,¬†die ihre Wurzeln im Nordwesten Indiens¬†haben, sind seit dem f√ľnften Jahrhundert ohne¬†Land. Von barbarischen K√∂nigen unterdr√ľckt und¬†von Kriegen vertrieben sind die Roma heute eine¬†transnationale Minderheit abseits von nationalistischen¬†Bewegungen.

Ein Volk auf dem Pr√ľfstand
Aktuell leben Roma auf allen Kontinenten. Auch 1‚Äė500¬†Jahre nach dem Beginn ihrer Leidensgeschichte gelten¬†sie bei vielen Menschen als fahrendes Volk ohne Vaterland.¬†Die Population der Roma in ihrer Ursprungsform¬†ist besonders in Osteuropa und im Balkan stark ausgepr√§gt,¬†w√§hrend sich die ¬ęZigeuner¬Ľ in Mitteleuropa¬†den sprachlichen und kulturellen Normen ihrer neuen¬†Heimat angepasst haben und sich Sinti nennen.¬†Doch ob Ost-, Mittel- oder Westeuropa, ob Rom,¬†Sinti oder Jenische: Die V√∂lker geh√∂ren zu den √§rmsten¬†Schichten der Gesellschaft. In der Schweiz nicht¬†im wirtschaftlichen, jedoch im gesellschaftlichen¬†Sinne: Intoleranz, Verachtung und Hass bestimmen¬†ihren Alltag.

Salonfähige Missachtung
Der 53-jährige Stéphane Laederich ist Banker, Mathematikprofessor und Rom. Der Direktor der Rroma Foundation Schweiz kennt die Vorurteile und Diskriminierung
gegen√ľber seinem Volk: ¬ęEs ist in der¬†Schweiz und in weiten Teilen Europas absolut salonf√§hig,¬†sich despektierlich √ľber die Roma zu √§ussern.¬†Ich wurde mehrmals gefragt, ob ich lesen und schreiben¬†kann.¬Ľ¬†Nach Sch√§tzungen der Rroma Foundation leben¬†heute 80 000 bis 100 000 Roma in der Schweiz. Seit¬†den 60er-Jahren kam ein Grossteil der Roma aus Jugoslawien¬†als Gastarbeiter in das Land. W√§hrend den¬†Jugoslawienkriegen in den 90er-Jahren stieg die Zahl¬†der Fl√ľchtlinge nochmals erheblich.

Jedes Jahr mehr Hass
Das √∂ffentliche Bild der Roma habe sich in den letzten¬†zwanzig Jahren verschlechtert, erkl√§rt St√©phane¬†Laederich. Dieser Trend werde vor allem durch die¬†denunzierenden Darstellungen in den Medien getragen:¬†¬ęEs gibt heute sehr viel mehr Rechtsextremismus
und Rassismus in Europa. Wie die Roma in der Presse¬†dargestellt werden, ist durchaus gef√§hrlich.¬Ľ¬†Die Rroma Foundation leistet zwar aktiv Aufkl√§rungsarbeit, doch sie scheint unerheblich und leer im¬†Vergleich zur medialen Phalanx, die ein Grundgef√ľhl¬†der Geringsch√§tzigkeit in der Bev√∂lkerung heraufbeschw√∂rt:¬†¬ęEinige Medien vermitteln, dass die Roma¬†ein zu l√∂sendes Problem darstellen. Als man dieses¬†S√ľndenbockdenken zuletzt im Zweiten Weltkrieg angewendet¬†hat, hat das mit den Juden nicht gut geendet.¬Ľ

¬ęGegen Roma darf man Dinge schreiben die man¬†sonst nicht schreiben darf¬Ľ
Bereits mehrmals klagte die Rroma Foundation gegen¬†die ver√§chtliche Berichterstattung gegen√ľber den¬†Roma, und erhalten dabei auch oft Unterst√ľtzung aus¬†der Bev√∂lkerung.
Die kontroversen Titelbilder der ¬ęWeltwoche¬Ľ¬†sorgten abermals f√ľr Emp√∂rung und sind schweizweit¬†in den Medien diskutiert worden. Am 5. April 2012¬†ver√∂ffentlichte das Schweizer Wochenmagazin das¬†Bild eines Kindes, das mit einer Pistole direkt auf den¬†Betrachter zielt. Darunter titelte der stellvertretende¬†Weltwoche-Chefredaktor Philipp Gut ¬ęDie Roma¬†kommen: Raubz√ľge in die Schweiz¬Ľ.

Der Gang vor den Presserat bescherte der Rroma¬†Foundation aber nur d√ľnn ges√§ten Erfolg: ¬ęDie meisten¬†Klagen werden wieder abgewiesen, so auch die¬†Beanstandung gegen das Kind mit der Handfeuerwaffe. Der Presserat kam zum Urteil, dass solche implizite¬†Darstellungen weder relevant noch rassistisch¬†seien. In Deutschland w√ľrden die Autoren der Artikel¬†rechtlich als Rassisten gelten. Aber in der Schweiz¬†darf man Dinge schreiben, die man gegen andere¬†Minderheiten nicht schreiben darf. Allgemein sind in¬†der Schweiz viele Dinge noch absolut akzeptabel, die¬†in Deutschland l√§ngst unter Strafe stehen.¬Ľ

Das Problem seien allerdings nicht nur Zeitungen,¬†die offen politisch Stellung beziehen: ¬ęAlle Zeitungen¬†sind √§hnlich. Dieselben Argumente wie in der¬†Weltwoche findet man auch in den g√§ngigsten Tageszeitungen.¬†Gewisse machen es gezielt, um zum Beispiel¬†gegen das Freiz√ľgigkeitsabkommen zu k√§mpfen,¬†aber bei den meisten ist es eigentlich nur un√ľberlegt.¬Ľ

Rote Köpfe in der Romandie
Besonders in der welschen Schweiz kommt es immer¬†wieder zu Spannungen zwischen ans√§ssigen Schweizern¬†und Roma. Eine besonders konfliktreiche Zeit¬†war der Sommer vor zwei Jahren. 2012 schlugen die¬†Roma in den Medien √ľber mehrere Monate hohe¬†Wellen, als sie in Allaman VD eine ganze Wiese besetzten.¬†Die emp√∂rten Anwohner riefen die Polizei,¬†die den Grundbesitzer stoppen musste, da dieser Jauche¬†auf die 40 Wohnwagen spritzen wollte. Wenige¬†Wochen sp√§ter kam es im Walliser Collombey-Muraz¬†zu einem aufsehenerregenden Zwischenfall, als¬†eine Roma-Hochzeitsgesellschaft w√§hrend den Feiern¬†ein Feld verw√ľstete. Zus√§tzlich klagten viele Anwohner¬†√ľber eine Zunahme der Kriminalit√§t w√§hrend den¬†Festivit√§ten. In der Folge erm√§chtigte die waadtl√§ndische¬†Sicherheitsdirektorin Jacqueline de Quattro zum¬†ersten Mal in der Schweiz, ein Roma-Zeltlager wenn¬†n√∂tig mit Gewalt zu r√§umen.

St√©phane Laederich kennt die Gr√ľnde, weshalb¬†Roma in der Westschweiz vermehrt im Fadenkreuz¬†der √Ėffentlichkeit stehen:¬†¬ęIn der Westschweiz¬†wird mehr √ľber das Thema¬†Minderheiten gesprochen,¬†doch die Roma-Problematik¬†ist genauso wenig¬†best√§ndig wie in der restlichen¬†Schweiz.¬Ľ Laederich¬†verweist dabei auf die letztj√§hrige Studie vom Lausanner¬†Professor f√ľr Soziologie, Jean-Pierre Tabin, der¬†ein Jahr lang alle Bettler der Stadt Lausanne begleitet¬†hat. ¬ęIn der 125 000-Einwohner-Stadt Lausanne¬†gab es nie mehr als 60 Bettler, und davon sind nicht¬†alle Roma. Die Problematik ist also praktisch inexistent,¬†und wird lediglich von der Presse und gewissen¬†rechtspopulistischen Parteien hochgeschraubt.¬Ľ

¬ęMan macht alles f√ľr seine Familie¬Ľ
Das Stigma der Herkunft hat f√ľr die Roma lange Tradition.¬†¬ęDie alten Stereotypen werden einfach rausgespuckt,¬†ohne nachzudenken. 600 Jahre Geschichte¬†kann man leider nicht in ein paar Jahren wieder umbiegen.¬Ľ¬†Die √∂ffentliche Ausgrenzung schweisst zusammen,¬†die Ablehnung wird umfunktioniert zum zentralen¬†Band, das die Roma zusammenh√§lt. ¬ęDie Familie ist¬†f√ľr die Roma sehr wichtig. Man macht alles f√ľr seine¬†Familie.¬Ľ Der Gemeinsinn und die Verbundenheit¬†werden dabei zusammengehalten mit dem Erhalt¬†von Br√§uchen und Traditionen. ¬ęDie Sprache ist ein¬†Grossteil davon. Unsere Kultur ist weder national gepr√§gt¬†noch basiert sie auf einer gemeinsamen Religion,¬†aber sie ist trotzdem stark vorhanden und in unserer¬†Identit√§t verankert.¬Ľ

Die Geschichte hat gezeigt, dass auch andere Staaten¬†den starken Zusammenhalt der Roma innerhalb¬†ihres Landes als furchtsam be√§ugten und gef√§hrlich¬†betrachteten. Die Folge davon waren Zwangsassimilierungen¬†in mehreren L√§ndern. ¬ęBesonders schlimm¬†war das in Ungarn, als die Sprache und die Tradition¬†zwei Jahrhunderte lang bewusst verboten wurden.¬Ľ

Herrschaft des √Ąltestenrats
Seit eh und je werden Roma in Westeuropa unterdr√ľckt.¬†Auf ihrem steinigen Weg durch die Welt waren¬†sie nie ein Teil solidarischen Regierung. Die Repression¬†und Freiheitsberaubung widerspiegelt sich¬†bis heute in ihren Ansichten, und resultierte in der Instandhaltung¬†einer Roma-internen ¬ęSippen-Politik¬Ľ:¬†¬ęJe √§lter man ist, desto respektierter wird man in der¬†Roma-Gesellschaft. Wenn man Familien- oder Gesch√§ftsprobleme¬†mit anderen Roma hat, dann regelt¬†man das mit einer internen Schlichtung mit √§lteren¬†Roma, die als Friedensrichter fungieren. Das Urteil¬†eines respektierten Rom wird von beiden Parteien immer¬†akzeptiert.¬Ľ

¬ęEs reicht schon, Jugo zu sein¬Ľ
St√©phane Laederich f√ľhlt als Direktor der Rroma¬†Foundation den Puls Schweizer Roma so gut wie kein¬†anderer. Er weiss, dass sein Volk bereit ist zum Dialog¬†und dem bedingungslosen Miteinander. ¬ęRoma integrieren¬†sich eigentlich immer, doch dazu m√ľssen sie¬†die M√∂glichkeit bekommen. Nur in vielen L√§ndern¬†gibt man ihnen die M√∂glichkeit nicht.¬Ľ

Seit Jahren widmet sich die Rroma Foundation genau¬†dieser Aufgabe. Aber auch als Aussenstehender¬†kann man viel zur Akzeptanz des Volkes beitragen:¬†¬ęNiemand hat gemerkt, dass in der Schweiz 80 000¬†bis 100 000 Roma leben, denn die haben es nie in die¬†Presse geschafft. T√§glich begegnen Schweizern Rom,¬†aber sie merken es nicht.¬Ľ

Roma unterscheiden sich nicht von anderen Bev√∂lkerungsgruppen,¬†so, dass sie im Alltag einen Mantel¬†der Anonymit√§t √ľber ihre Ethnie werfen k√∂nnen und¬†teilweise auch m√ľssen. Doch auch privat entscheiden¬†sich viele Roma gegen den offenen Dialog √ľber¬†ihre Herkunft. ¬ęRoma verheimlichen ihre Urspr√ľnge¬†aus Angst, ihre Arbeit und ihre Freunde zu verlieren.¬†Viele meiner Freunde sehen ihre Roma-Identit√§t¬†deshalb nur noch als ein sekund√§res Gesicht. Ein guter¬†Freund von mir ist Banker und sagt er sei Pakistani.
Ein weiterer ist Architekt und sagt er ist Armenier.¬†Ein anderer ist Arzt und sieht sich als Jugoslawe.¬†Letzterer hat mir einmal sehr passend gesagt: ¬ęIn der¬†Schweiz reicht es bereits, Jugo zu sein. Da¬†muss man sich nicht auch noch als Roma zu¬†erkennen geben.¬Ľ Darum ist die Akzeptanz¬†und das Nachdenken √ľber die Roma das Allerwichtigste¬†f√ľr eine erfolgreiche Integration.

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Der Artikel erschien im Tink Jugendmagazin 03/14.

„Eine Orgie f√ľr Presse, Publikum und Professoren“

ISIS, Ebola, Gaza, Hamas, Ukraine-Russland: Themen, die durch die ver√∂ffentlichten Nackt-Selfies des Badener Stadtammans Geri M√ľller f√ľr mehrere Tage auf Seite zwei verbannt wurden. Der erhobene Penis von Geri stand zwar nur kurze Zeit im Zentrum, aber die erhobenen Zeigefinger der Medien liessen die mediale Eintagsfliege zu einem ausgewachsenen Elefanten mutieren.

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„Wenn das pr√ľde Amerika einen Blowjob des Pr√§sidenten duldet, wird die Schweiz wohl √ľber eine imagin√§re Aff√§re eines Politikers hinweg kommen, nicht?“ Illustration: SILAS BITTERLI / Tink.ch

„Hat es uns zu interessieren, wenn ein gew√§hlter, landesweit bekannter Politiker im Stadthaus seine Hosen runterl√§sst, um seiner Tagesabschnittspartnerin freudig den momentanen Zustand seiner Erregung mitzuteilen?“ Diese Frage stellt sich Roger K√∂ppel im Editorial „Im Zweifel f√ľr Geri M√ľller“, ver√∂ffentlicht in der Weltwoche vom 21. August 2014. Wenn sich der umstrittenste Journalist der Schweiz auf ein moralisches Podest stellen kann, ist die Frage durchaus berechtigt, ob die Medien korrekt mit Geris Glied umgegangen sind.

Inszenierter Skandal

Hastig arrangierte Strassenumfragen etlicher Zeitungen zeigten fr√ľh den Trend: Kaum eine Person br√ľskierte sich wahrhaftig √ľber Geri M√ľllers Nackt-Selfies. Kurzweilig wurden Zweifel an seiner politischen Integrit√§t laut, doch die ganze Thematik flaute schnell zum humoristischen Zwischenfall ab.

Das frivole Intermezzo des Badener Stadtammans h√§tte fr√ľhzeitig wieder ad acta gelegt werden k√∂nnen. Doch das St√ľck ist nicht zu Ende, bevor der Vorhang f√§llt. Als Vorhangzieher operieren hierbei die Schweizer Medien. Denn statt Geris bestes St√ľck mit gesenktem Kopf von der B√ľhne abtreten zu lassen, begaben sie sich auf die Suche nach Spannern, Satirikern und Sittenw√§chtern, die das tr√§ge Theaterst√ľck in den zweiten Akt bugsierten.

Bill Clinton ante portas

Als der US-amerikanische Präsident Bill Clinton zugab, mit seiner damaligen Angestellten Monica Lewinsky Oralsex im Oval Office gehabt zu haben, durfte er sein Amt behalten. Auch damals schlossen sich amerikanische Sittenwächter gegen Clinton zusammen, und durften ihre von christlichen Werten geprägten Predigten auf Podesten vortragen, die ihnen die Medien zusammenbauten.

Doch trotz dem unnachgiebigen Gegenwind standen die B√ľrger von Amerika hinter ihrem Pr√§sidenten. Auch wenn Bill Clintons Amtszeit bis in alle Ewigkeit nicht mit den wachsenden Spannungen im Nahen Osten, sondern einer anderen wachsenden Spannung assoziiert wird, durfte der Pr√§sident erhobenen Hauptes seine Aufgaben weiterhin ausf√ľhren.

Weshalb also k√∂nnen Schweizer Moralapostel Geri M√ľller an den Rand eines R√ľcktritts dr√§ngen, wenn sogar US-Chefankl√§ger Kenneth Starr und die Republikanische Partei fr√ľhzeitig daran scheiterten, Bill Clinton aus dem Oval Office zu treiben? Unterstehen Schweizer Politiker tats√§chlich strengeren Richtlinien als der Pr√§sident des m√§chtigsten Landes der Welt?

Wenn das pr√ľde Amerika einen Blowjob des Pr√§sidenten duldet, wird die Schweiz wohl √ľber eine imagin√§re Aff√§re eines Politikers hinweg kommen, nicht?

Mantel der Moral

Im Gegensatz zu Bill Clinton wurde bei Geri M√ľller nicht nur das Vergehen an sich kritisiert. Besonders die Schweiz am Sonntag, die den Fall erst ins Rollen brachte, ummantelte ihre Beanstandung gegen M√ľller mit beinahe ausufernder Beweisf√ľhrung. So steht f√ľr die Sonntagszeitung nicht das Selfie, sondern die Verschwendung wertvoller Arbeitszeit im Fokus des √Ąrgernisses.

Latent konfrontierte man die Leser durch diese anschauliche Darlegung mit der Idee, dass es sich nicht um ein einmaliges Selfie von Geri M√ľller handelte. Noch bevor die ersten Details √ľberhaupt bekannt wurden, war der Politiker der Gr√ľnen bereits als Mehrfacht√§ter abgestempelt worden, der stundenlang in den Badener Amtsr√§umen explizite Fotos auf Kosten des Steuerzahlers versendete.

Macht der Worte

√úberdies sprach die Schweiz am Sonntag von einem Amtsmissbrauch. Ein Schlagwort, das auch Lokal- und Tageszeitungen in der Folge scharenweise in ihre Berichterstattung aufnahmen. Doch bei diesem Zwischenfall von einem handfesten Amtsmissbrauch zu reden √ľberspannt nicht nur den Bogen des guten Geschmacks, sondern schm√§lert unn√∂tigerweise auch die Tragweite von wahrhaftigen Ereignissen, in denen Politiker ihre Position ausnutzten und der Bev√∂lkerung Schaden zuf√ľgten.

Ein Amtsmissbrauch w√ľrde n√§mlich nur dann vorliegen, wenn M√ľller aktiv die Stadtpolizei mobilisiert h√§tte, um diese f√ľr seine Zwecke zu missbrauchen. Die Pr√§zisierungen der involvierten Polizeistellen haben dies aber fr√ľhzeitig dementiert. Die Anschuldigung des Amtsmissbrauchs wurde nur durch gierige Lokalmedien am Leben erhalten.

Der Schweizer Journalist Constantin Seibt verfasste auf Twitter mit wenigen Worten ein einsichtiges und stichhaltiges Res√ľmee: „Massenselbstbefriedigung. Eine Orgie f√ľr Presse, Publikum, Professoren. Herr M√ľller hebt den Penis und der Rest der Schweiz den Zeigefinger. Im Zweifel lieber ersteres.“

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Der Artikel erschien zusätzlich auf tink.ch.