Spurensuche auf dem Scheideweg

Fast jede zweite Ehe endet in der Schweiz in einer Scheidung – durchschnittlich nach 15 Jahren. Der Traum vom FamilienglĂŒck weicht ZukunftsĂ€ngsten, die Idylle wird verdrĂ€ngt von einem GefĂŒhl der Leere. Wann und warum ist der Bund fĂŒrs Leben frĂŒhzeitig zerbrochen? Im Kurzfilm „Furer – Soldan“ versucht die Regisseurin Julia Furer, ihre Familiengeschichte um die Trennung der Eltern zu rekonstruieren.

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In „Furer – Soldan“ versucht die 24-jĂ€hrige Regisseurin, ihre Familiengeschichte und vor allem die Trennung der Eltern zu rekonstruieren. (Bild: Filmstill „Furer-Soldan“/JULIA FURER)

Wenn eine bestehende enge Beziehung aufgelöst wird, entstehen abstrakte GefĂŒhle der Entfremdung. Diese GefĂŒhle in Worte zu fassen, versuchten bereits namhafte Schriftsteller und Poeten wie Edgar Allan Poe, Antoine de Saint-ExupĂ©ry und Charles Bukowski.

Die 24-jĂ€hrige Julia Furer wĂ€hlt fĂŒr die ErgrĂŒndung dieser Emotionen ein anderes Stilmittel – die gebĂŒrtige Bernerin studiert Film an der Hochschule Luzern, Design & Kunst. Ihre Feder ist die Kamera, ihr Papier die Leinwand. Obwohl bereits ihr fĂŒnfter Film, ist „Furer-Soldan“ ihr erstes richtiges Werk, verrĂ€t Julia, die schon als Grafikerin und Fotografin gearbeitet hat, im Interview mit Tink.ch.

Chronik eines angekĂŒndigten GefĂŒhlstodes

Super8-Filme aus dem Familienarchiv zeigen die Vergangenheit, in der Gegenwart geben die Eltern Julias sehr offen Antwort auf ihre Fragen. Ummantelt werden die dokumentarischen Elemente des neunminĂŒtigen Films mit audiovisuellen Stilmitteln: Triste Kornfelder in der GrĂ€ue eines frostigen Wintermorgens vermitteln GefĂŒhle der Trostlosigkeit und KĂ€lte. Der ferne Wintermond im wolkenlosen pastellblauen Himmel lĂ€sst Distanz und Einsamkeit verspĂŒren. Die filmisch hervorgerufene Empfindungsödnis legt den Grundstein fĂŒr die bevorstehenden neun Minuten.

Julia begibt sich auf einen mĂŒhsam vorgetrampelten Pfad in ihre Vergangenheit, auf die Suche nach der Antwort auf die drĂ€ngende Frage, wie es zwischen ihren Eltern so weit kommen konnte. Abkapselung und Isolation bilden dabei ihre Wegbereiter: „UrsprĂŒnglich wollte ich gar nicht die Scheidung an sich thematisieren. Eigentlich wollte ich die Nicht-Kommunikation innerhalb der Familie in den Fokus stellen, die durch verschiedene Blockaden hervorgerufen wurde und zum Nenner Scheidung gefĂŒhrt hat.“

Die Dritte im Bund

Die Beziehung zwischen Mutter, Vater und Tochter schwebt wie eine unverheissungsvolle Dreifaltigkeit ĂŒber dem Kurzfilm, der es Anfang November in die Auswahl des 7. Schweizer Filmschulentags der Winterthurer Kurzfilmtage geschafft hat. „In der Schnittphase war mir wichtig, dass die bewegenden und intensiven Interviews meiner Eltern wie ein Miteinander, nicht wie ein Gegeneinander wirken. Darum habe ich auch die Beziehung zu mir aufgestellt.“

Beide Elternteile eröffnen ihren Monolog mit dem Aspekt des Elternwerdens – Schwangerschaft, Geburt, Stillen und anfangs unsichere vĂ€terliche FĂŒrsorge malen ein Bild einer jungen Familie, deren Liebe durch das KinderglĂŒck neu entflammte, gleichzeitig aber auch ein Brandherd darstellte. „Wenn dein Partner oder deine Partnerin ein Leben der Unwichtigkeit lebt, dann wird es öde. Und dann beginnt man zu trĂ€umen“, meint der Vater und erzĂ€hlt von seiner Liebe zu einer anderen Frau, die anfangs harzig und zögernd entstand, schnell aber absolut wurde. „Man fĂŒhlt sich extrem angegriffen, wenn eine andere Frau dir den Mann wegnimmt. Das hat dazu gefĂŒhrt, dass ich mich selbst in Frage gestellt habe“, kommentiert die Mutter.

Schall der Stille

„Durch meine GefĂŒhle fĂŒr eine andere Frau entstand nicht eine schweigende Wand zwischen uns – im Gegenteil: Wir haben enorm viel ĂŒber diese Situation geredet.“

Das Wiedereinsetzen der Kommunikation erfolgte jedoch zu spĂ€t, wie Julia Furer in ihrem Film sowohl audiovisuell als auch textlich mustergĂŒltig illustriert. Die doppeltbeleuchteten Super8-Filme vergangener Tage werden zunehmend verschwommener, weisen bald schon die ersten Spuren von Brandflecken auf, nur um wenige Sekunden spĂ€ter gĂ€nzlich in Flammen aufzugehen und unerkennbar zu werden.

Die zweite HĂ€lfte des Films pflĂŒckt die letzten ErtrĂ€ge der Nachernte. Die Eltern sprechen ĂŒber den Kampf, die gemeinsamen Kinder zu sehen. Unterstellungen, den Nachwuchs gegeneinander ausgespielt zu haben, unterstreichen dabei, dass die Familienfehde mit harten Bandagen ausgetragen wurde.  Obwohl die aktive Auseinandersetzung inzwischen einer passiven Lethargie wich, sind die Wunden des Beziehungskonflikts noch nicht verheilt.
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Der Artikel erschien zusÀtzlich auf tink.ch.

„Furer – Soldan“ wird am 25. und 28. Januar im Rahmen der 50. Solothurner Filmtage als Vorfilm zu Mirjam von Arx‘ „Freifall – eine Liebesgeschichte“ zu sehen sein. Mehr Infos auf www.solothurnerfilmtage.ch.

Interview: Evangelisch-reformierter Pfarrer JĂŒrg Baumgartner

Zwischen dem konservativen Dogma des Christentums und der modernen Gesellschaft von heute besteht eine grosse Kluft. JĂ€hrlich verliert die Kirche tausende von Mitgliedern. Viele GlĂ€ubige können sich mit den Lehren nicht mehr identifizieren. Im Interview beantwortet ein Pfarrer der evangelisch-reformierten Kirche in Winterthur, JĂŒrg Baumgartner, Fragen zu den abnehmenden Zahlen von Christen und der Zukunft der Kirche.

Pfr.JrgBaumgartner
Pfarrer JĂŒrg Baumgartner: «So kann es mit der Kirche nicht weitergehen»

Sandro Bucher: Herr Baumgartner, wo liegen die Herausforderungen des Christentums in der heutigen Zeit?

Pfarrer JĂŒrg Baumgartner: In der heutigen Zeit gibt es fĂŒr das Christentum zwei grosse Herausforderungen. Zum einen mĂŒssen wir unsere Gemeinsamkeiten innerhalb der christlichen Konfessionen mehr betonen und uns dieser Gemeinsamkeiten wieder bewusster werden. Der ehemalige Churer Weihbischof Peter Henrici und der ehemalige reformierte KirchenratsprĂ€sident Ruedi Reich haben schon vor rund 20 Jahren gesagt, dass die Christen aller Konfessionen viel mehr verbindet als das Wenige, was sie trennt. Dieser Grundsatz ist zentral fĂŒr alle Kirchen. Es liegt in der Verantwortung christlicher Kirchen, dass wir wieder vermehrt aufeinander zugehen und gemeinschaftlich den Weg gehen. Das Christentum ist eine Suchbewegung und sollte ein gemeinsames Suchen bleiben.
Die zweite Herausforderung ist, das wir das institutionalisierte Denken verĂ€ndern und uns lĂ€ngerfristig (komplett) davon befreien. Wir mĂŒssen im Bezug auf unseren Glauben zu einer Haltung finden, die der ursprĂŒnglichen Bewegung um Christus Ă€hnelt. Das war eine Weggemeinschaft fern von prunkvollen GebĂ€uden und aufgeblĂ€hten Verwaltungsstrukturen. Hier können wir uns auch an den dynamischen Freikirchen des Landes ein Vorbild nehmen.

SB: Sie erwĂ€hnen, dass alle Kirchen in der Schweiz wieder mehr gemeinsam unternehmen sollten. Welchen Teil steuert die evangelisch-reformierte Kirche zur Ökumenischen Bewegung bei?

JB: Hier in Winterthur haben wir mit den römisch-katholischen Pfarreien auf Gemeindeebene eine gute Zusammenarbeit. Wir treffen uns regelmĂ€ssig und halten einmal im Jahr einen ökumenischen Gottesdienst ab. Des Weiteren  veranstalten wir auch einen Kanzeltausch, bei dem wir die jeweils andere Kirchgemeinde besuchen. Der Austausch mit anderen Kirchen ist allerdings auf die Stadt Winterthur beschrĂ€nkt. Lediglich derZĂŒrcher Kirchenrat, das oberste Gremium der reformierten Landeskirche, hat Kontakt mit den römisch-katholischen BistĂŒmern.
Unser Problem ist, dass wir Evangelischen kein AushĂ€ngeschild haben, das öffentlich und auch innerkirchlich zu Problemen und weltlichen Fragen Stellung beziehen kann. In unserer medial geprĂ€gten Gesellschaft hat es verheerende Auswirkungen, dass wir diese Bezugsperson nicht haben. Auch kommen pointierte Stellungsnahmen bezĂŒglich der katholischen Kirche von Evangelischen bei den römisch-katholischen Kirchen nicht gut an und sind sogar eher kontraproduktiv, da es fĂŒr sie eventuell wie ein aufmĂŒpfiges Eingreifen wirkt.

SB: In den letzten 40 Jahren sanken die Mitgliederzahlen der Evangelisch-Reformierten Kirche um fast 15%. Worauf ist dieser RĂŒckgang zurĂŒckzufĂŒhren?

JB: In den letzten Jahren haben sich bei den GlĂ€ubigen vier HauptbewegungsgrĂŒnde fĂŒr den Kirchenaustritt herauskristallisiert. Bei einigen findet der Austritt rein aus finanziellen GrĂŒnden statt, da sie nicht mehr bereit sind die Kirchensteuer zu zahlen. FĂŒr andere hingegen findet sich in den institutionalisierten Religionen schlichtweg keine Bedeutung mehr fĂŒr ihr alltĂ€gliches Leben. Viele dieser AbgĂ€nger sind seit Jahren nicht mehr mit der Kirche in BerĂŒhrung gekommen. So wird der Glaube nicht mehr alltagsrelevant fĂŒr viele Menschen. Das muss uns ernsthaft zu denken geben, denn so kann es nicht weitergehen.
Bei dem dritten Bewegungsgrund handelt es sich um den allgemeinen Trend des Antiinstitutionellen.  Wir sind geprĂ€gt von einer Gesellschaft, die sehr institutionskritisch ist. Nicht nur die Kirche hat Mitgliederprobleme, sondern allgemein haben Vereinsstrukturen wie auch politische Parteien die Tendenz, dass sie verkrusten und starr werden. Das fĂŒhrt zu schleichender Abwanderung und Desinteresse.
Bei dem vierten Bewegungsgrund handelt es sich womöglich um sich stark verÀndernde Kommunikationsgewohnheiten durch die mobilen Kommunikationstechnologien. Viele Menschen sind sich nicht mehr gewohnt, jemandem lÀnger als eine halbe Stunde zuzuhören. Vernetzung geschieht im Internet und nicht mehr in der physischen Gemeinschaft. Die ganze Kommunikationsgewohnheit hat sich so stark verÀndert, dass die Gottesdienste auf einige sehr befremdlich wirken.

 SB: Wie kann man das Bild des Christentums in Anbetracht dieser vier BewegungsgrĂŒnde wieder verbessern?

JB: Das ist eine schwierige Frage. Man kann nicht viel dagegen machen, ausser die neuen Medien wie Internetforen, Facebook, Twitter und WhatsApp effektiver zu nutzen. Die Kirche sollte mit jungen Fachleuten zusammensitzen und einen Plan ausarbeiten, wie man mit den neuen Kommunikationstechnologien die jungen Menschen wieder besser erreichen kann. Dazu gehört auch das Bilden von Foren und Chats. Doch diese Massnahmen alleine versprechen leider noch nicht, dass die Massen wieder die Gottesdienste in den Kirchen besuchen; Der RĂŒckfluss ist alleine durch das Einsetzen neuer Medien noch nicht gegeben.

SB: Wie stehen Sie zum Vatikan und Papst Franziskus?

JB: Auch als Evangelischer nimmt man das Geschehen in Rom natĂŒrlich mit grosser Spannung wahr. Mit Bewunderung habe ich den vorzeitigen Pontifikatsabbruch von Benedikt XVI vor gut einem Jahr verfolgt. Es war spannend mitzuverfolgen, wie Benedikt XVI mit seinem RĂŒcktritt einen enormen Tabubruch begangen hat. Nun bleibt abzuwarten, ob auch die nĂ€chsten zehn PĂ€pste diese eigentlich unhinterfragte Tradition brechen und noch vor ihrem Lebensende abdanken werden. Papst Franziskus könnte in diesem Bereich das Feld bereiten. Denn trotz seiner lobenswerten Einstellung wurde mit Franziskus leider wieder ein alter Mann ins höchste Amt gewĂ€hlt. Im Geist scheint er aber jugendlicher aufzutreten als viele 40-JĂ€hrige! Er könnte jedoch Benedikts Tabubruch weiterfĂŒhren, damit vielleicht auch einmal ein 55-JĂ€hriger wieder Papst wird. Im Geist ist Franziskus nĂ€mlich noch sehr jung und stellt die wichtigste Botschaft ĂŒberhaupt ins Zentrum: Eine Kirche fĂŒr die Armen. Er ist zwar bei einigen theologischen Fragen genauso konservativ wie sein VorgĂ€nger, doch er gewichtet diese Themen anders. Mittelfristig hofft man jetzt natĂŒrlich, dass der offenere Franziskus auch eine Auswirkung auf die eher konservativen, römisch-katholischen Kirchen in der Schweiz hat.