«Extremismus gibt es nicht»

Tony Blair bezeichnete es als das grösste Problem des 21. Jahrhunderts: Fundamentalismus. Durch welterschütternde Ereignisse wie die Terroranschläge vom 11. September oder die Gräueltaten des IS wird oft nur von islamischem Fundamentalismus als neuzeitliche Erscheinung gesprochen. Dabei gab es diese Tendenzen schon immer – in allen Weltreligionen.

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«Der siebente Kreuzzug gegen Jerusalem» (1838–1850) von Francesco Hayez zeigt das Ausmass von religiösem Fundamentalismus im späten Mittelalter.

Die im wahrsten Sinne des Wortes mittelalterliche «Cruzada» der katholischen Kirche, antisemitische «Orthodoxie» im Namen des Kommunismus, «Gusch Emunim» im jüdischen Israel, «Bharatiya Janata» im hinduistischen Indien, der islamistische «Dschihad» im Nahen und Mittleren Osten: Fundamentalismus hat seit jeher viele Namen. So vielseitig wie seine Bezeichnungen sind auch die für militante Menschen verlockenden Varianten seiner Vielfältigkeit.

«Das Kokain des Volks»

In seiner Schrift «Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie» aus dem Jahr 1844, bezeichnete Karl Marx die Religion als Opium des Volks. Bis heute gilt diese Aussage als eines der berühmtesten Zitate des Protagonisten der Arbeiterbewegung. Dass die Wirkung der Religion nur bedingt Ähnlichkeit mit einem beruhigenden Schmerz- und Schlafmittel aufweist, glaubt nicht nur Wolfgang Wippermann, Professor für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin: «Marx hatte mit seinem Vergleich nicht Recht. Religion kann schlimmer als Opium sein. Religion kann die Menschen wie die Drogen Kokain und Crack aufputschen und aggressiv machen.» Mit dieser These eröffnet Wippermann sein Buch «Fundamentalismus – Radikale Strömungen in den Weltreligionen».

Tink.ch sprach mit dem Fundamentalismus-Experten im Rahmen des «Extremismus-Schreibens» vom ehemaligen Premierminister des Vereinigten Königreichs, Tony Blair, das Anfang Jahr in der britischen Wochenzeitung «The Observer» veröffentlicht wurde.

Islamistischer Splitter

Ein Grossteil der deutschsprachigen und amerikanischen Bevölkerung assoziiert Fundamentalismus ausschliesslich mit der islamistischen Ausrichtung und ignoriert dabei, dass die radikalen Strömungen in sämtlichen Weltreligionen auftauchen. Das zeigen diverse Umfragen, die unter anderem in England, Deutschland und den USA durchgeführt wurden. Wippermann warnt vor dieser einengenden und engstirnigen Sichtweise: «Es ist falsch, unter Fundamentalismus nur den islamischen zu verstehen. Die Leute, die das machen, kritisieren den Splitter und übersehen den Balken in ihren Augen.»

Das Debatten-dämpfende Definitions-Dilemma

Um Fundamentalismus zu bekämpfen, muss man nicht nur verstehen, dass er in allen Weltreligionen auftaucht, sondern auch, dass seine Ursprünge genauso divers sind.

Wegweisend ist demgemäss der regelmässige Aufruf, über religiösen Fundamentalismus zu reden. Dieser Appell ist nicht nur an sämtliche Glaubensgemeinschaften gerichtet, sondern an alle Menschen, die sich eine friedfertigere Zukunft ohne Hass und diskriminierendes Gedankengut erhoffen.

So lobenswert der rege Austausch auch wäre: Oft werde bei dem Gespräch über Fundamentalismus unbewusst der falsche Ansatz gewählt, mahnt Wippermann.

Definitorische Differenzierungen sind bei komplexen Themen wie Religion schwer einzuhalten, nicht zuletzt auch durch die in der Realität fliessenden Übergänge von einem Extrem ins andere. Denn extrem ist Fundamentalismus nicht. Der in den Medien oft erwähnte «Extremismus» ist, so Wippermann, ein fehlleitender Begriff: «Extremismus gibt es nicht. Bei diesem Konstrukt werden linke und rechte Bewegungen und Parteien, die sich zu weit von einer imaginären und niemals genau definierten Mitte entfernt haben sollen, kriminalisiert.» Wippermann betont, dass der Begriff weder in der deutschen Verfassung, noch in irgendeinem Gesetz des Landes auftauche.

Auge um Auge der falsche Ansatz

Durch den unerbittlichen Vormarsch des Islamischen Staats (IS) werden in der internationalen Gemeinschaft unlängst wieder Stimmen laut, die Waffenlieferungen für die Kurden und militärische Interventionen fordern. Wippermann ist sich sicher, dass damit der falsche Ansatz gewählt wird: «Mit militärischen Interventionen kann man weder den islamischen, noch den christlichen, jüdischen, hinduistischen, oder einen anderen  Fundamentalismus überwinden.»

Gratwanderung der Toleranz

Dass der Kampf gegen den Fundamentalismus nicht nur auf politischer, sondern hauptsächlich auch auf der theologischen Ebene geführt werden muss, zollt seinen Tribut: Eine neutrale Einschätzung des Themas ist nicht möglich, da die Gotteslehre seit jeher durch ideologische Wertvorstellungen eines jeden praktizierenden Gläubigen neu definiert wird. Das zeigt auch eine Studie des Schweizer Nationalfonds, die Ende Oktober 2014 veröffentlicht wurde: «Über das eigene Bild von Gott und das Praktizieren einer Religion entscheidet in der sogenannten Ich-Gesellschaft jede und jeder für sich alleine.»

Trotzdem gilt in der Religion dieselbe Grundregel wie überall, wo sich demokratische und friedliebende Modelle aufzeichnen: Die Freiheit des Einzelnen hört da auf, wo die Freiheit des Anderen anfängt. Wenn sich die Religionsfreiheit und die Rechts- und Verfassungsordnung anbellen, muss letztere gewissenlos zubeissen.  Denn ob das militante Denken gestützt wird durch schriftliche Erzeugnisse, oder ob der Glaube nur als pervertierter Vorwand genutzt wird, um Mordaufrufe und Unterdrückung im Namen Gottes zu rechtfertigen: «Fundamentalismus», so Wippermann, «ist gefährlich und nicht zu tolerieren.»

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Dieser Artikel erschien im Tink Jugendmagazin 04/14.

Interview: Fundamentalismusexperte Wolfgang Wippermann

Vor einem Monat berichtete ich von Tony Blairs Schreiben, in dem er den Kampf gegen den Extremismus als die entscheidende Schlacht des 21. Jahrhunderts bezeichnete. Der ehemalige Premierminister des Vereinigten Königreichs warf in seiner Streitschrift mit kontroversen Thesen um sich. Der deutsche Historiker und Experte fĂĽr Fundamentalismus, Wolfgang Wippermann, beantwortete mir einige Fragen zu den Aussagen von Tony Blair und bezeichnete diese als „falsch und dumm“.

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Prof. Dr. Wolfgang Wippermann ist Experte für Rassismus, Faschismus, Fundamentalismus und Antisemitismus. Er ist Autor zahlreicher Bücher und unterrichtet Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin.
Photo: Die Linke Sachsen

Sandro Bucher: In Ihren Werken und Interviews erwähnen Sie des Ă–fteren, dass es ‚Extremismus‘ in diesem Sinne gar nicht gäbe, da dieser Begriff nicht eindeutig definiert sei. Wie kann man dann am besten gegen Extremismus vorgehen, wenn nicht von einem gesetzlichen Standpunkt her?

Wolfgang Wippermann: „Extremismus“ gibt es nicht. Es handelt sich um ein Konstrukt. Dabei werden linke und rechte Bewegungen und Parteien, die sich zu weit von einer imaginären und niemals genau definierten Mitte entfernt haben sollen, als „extremistisch“ bezeichnet und kriminalisiert. Letzteres obwohl Extremismus kein Rechtsbegriff ist. Er taucht weder in der (deutschen) Verfassung noch in irgendeinem Gesetz auf. Daher kann und sollte man auch nicht gegen den „Extremismus“, sondern gegen antidemokratische Bestrebungen im nationalen und internationalen Rahmen vorgehen. Heute vor allem gegen den Faschismus, den es – fast – überall auf der Welt gibt und der die Demokratie und den Frieden bedroht.

SB: Tony Blair bezeichnete Extremismus als das schwerwiegendste Problem des 21. Jahrhunderts, während er ‚extreme politische Ideologien‘ als den Hauptproblemfaktor des 20. Jahrhunderts bezeichnete. Worin unterscheidet sich ‚Extremismus‘ aber von ‚extremen politischen Ideologien‘, wenn ĂĽberhaupt?

WW: Zu Tony Blair fällt mir nichts ein. Das ist einfach dumm, was er da gesagt hat. Er hätte sich besser gegen antidemokratische und faschistische Bewegungen und Ideologien aussprechen sollen. Nicht nur, aber auch in seinem Land – England.

SB: Kann ‚Extremismus‘ ĂĽberhaupt vollständig eliminiert werden, oder ist dies eine utopische Vorstellung?

WW: „Extremismus“ kann man schon deshalb nicht eliminieren, weil es ihn gar nicht gibt. Was vor allem bekämpft und überwunden werden muss sind Faschismus und Rassismus.

SB: Denken Sie, dass die militärische Intervention seitens der westlichen Mächten den islamischen Fundamentalismus im Nahen und Mittleren Osten noch mehr gefördert hat oder zu einer Verbesserung beigetragen hat?

WW: Mit militärischen Interventionen kann man weder den islamischen noch den christlichen, jüdischen, hinduistischen etc. Fundamentalismus überwinden.

SB: Fördert das Internet extremistisches Gedankengut, da man sich mit Gleichgesinnten besser organisieren kann, oder wird man durch die Benutzung des Internets eher toleranter und offener?

WW: Das Internet ist ein Medium, das von allen – Demokraten wie Antidemokraten, Faschisten wie  Antifaschisten, Fundamentalisten wie Aufklärern genutzt wird. Es kommt darauf an, wie das geschieht.

SB: In dem Koran und auch im Neuen Testament findet man unmissverständlich judenfeindliche Aussagen. Der islamistische und christliche Antisemitismus kann also fundamentalistisch begrĂĽndet werden, weshalb es sich nicht um eine ‚Perversion des Glaubens‘ handelt. Wie kann man von diesem Standpunkt her am effektivsten Antisemitismus eindämmen oder gar eliminieren?

WW: Sowohl im Koran wie und noch mehr im Neuen Testament findet man verschiedene judenfeindliche Aussagen. Mit ihnen konnte eine – die religiöse Variante des Antisemitismus begrĂĽndet werden. Doch dies gilt nicht fĂĽr den rassistischen und sozialen Antisemitismus. Gleichwohl ist auch der religiöse Antisemitismus zu bekämpfen. Dies durch uns – Christen und Muslime in aller Welt. Wir sollten unsere jeweiligen Glaubensgemeinschaften dazu aufrufen, dies intensiver zu tun als es bisher geschehen ist.

SB: Die islamistische ‚Scharia‘ regelt auch die rechtlichen Aspekte und fördert Gewalt gegen Gesetzesbrecher und ‚minderwertige Menschen‘, wie z.B. Homosexuelle und Frauen. Wie kann der fundamentalistische Islamismus also ĂĽberhaupt mit einem liberalen Weltbild vereint werden?

WW: Nicht der Islam, wohl aber der Islamismus genannte islamische Fundamentalismus ist mit einem aufklärerischen und liberalen Weltbild unvereinbar. Daher sind der islamische und der Fundamentalismus insgesamt nicht zu tolerieren, sondern zu bekämpfen.

SB: Laut verschiedenen Umfragen assoziiert ein GroĂźteil der deutschsprachigen und amerikanischen Bevölkerung ‚Extremismus‘ ausschlieĂźlich mit der islamistischen Ausrichtung und ignoriert dabei, dass diese radikale Strömung in sämtlichen Weltreligionen auftaucht. Wie problematisch sind diese einseitigen Ansichten der Bevölkerung im 21. Jahrhundert?

WW: Erstens ist der real existierende Fundamentalismus nicht mit dem nur konstruierten „Extremismus“ zu verwechseln. Zweitens ist es falsch, unter Fundamentalismus nur den islamischen Fundamentalismus zu verstehen. Die Leute, die das machen, kritisieren den `Splitter´ und übersehen den `Balken´ in ihren Augen.

SB: Falls Sie den Brief von Tony Blair gelesen haben: Wie waren Ihre GefĂĽhle nach dem Lesen? In welchen Punkten stimmen Sie ihm zu, in welchen Punkten hat er Unrecht?

WW: Asterix – Der spinnt, der Blair.

SB: Gibt es etwas, was Sie der Schweizer Bevölkerung zum Thema Fundamentalismus/Extremismus/Antisemitimus/Faschismus/etc. unbedingt noch sagen wollen?

WW: Das werde ich auf keinen Fall machen. Ich beteilige mich nicht an dem in meinem Land leider etwas modisch gewordenen bashing der Schweizer. Eine gewisse schweizerische Partei lehne ich aber entschieden ab und werde sie auch weiterhin kritisieren. Allerdings nicht mit Hilfe der Kavallerie. Was die weltweite Bekämpfung von Antisemitismus, Faschismus und Fundamentalismus angeht, so sind wir Weltbürger dazu aufgerufen.