«Mein Senf»: Religiöse Macht und Ohnmacht

Das Schweizer Radio Fernsehen verfügt als einziges Medienhaus in der Schweiz über eine Fachredaktion, die sich ausschliesslich mit Fragen des Glaubens und der Religion beschäftigt. Das es mit diesem lobenswerten Engagement alleine in der Schweizer Medienlandschaft steht, ist bedenklich, scheint doch gerade in der heutigen Zeit eine differenzierte Auseinandersetzung mit diesen Themen so wichtig. Wie aber geht das SRF mit der Verantwortung um, die sie sich mit einem «medialen Religions-Monopol» geschaffen hat? «Mein Senf» dazu auf SRG Insider.

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«Sendungen wie das „Wort zum Sonntag“ sind in unserer pluralistischen Gesellschaft nicht mehr zeitgemäss.» Illustration: SRG INSIDER

Dass SRF mit seinem lobenswerten Engagement alleine in der Schweizer Medienlandschaft steht, ist bedenklich, scheint doch gerade in der heutigen Zeit eine differenzierte Auseinandersetzung mit diesen Themen so wichtig. Im Jahr produziert die SRF-Religionsredaktion rund 400 journalistische Beiträge. Diese können in zwei Gruppen unterteilt werden: Sendungen über Religion und religiöse Sendungen.

Mit Sendungen über Religion wie den Sternstunden leistet die SRF-Religionsredaktion einen essentiellen und mehr oder weniger ausgewogenen Beitrag in der Schweizer Medienwelt. Gleichzeitig hält sie aber an religiösen Sendungen fest, die in unserer pluralistischen Gesellschaft nicht mehr zeitgemäss sind: Im ‹Wort zum Sonntag› werden Gedanken aus sogenannt christlicher Sicht vermittelt. Dabei kommen Theologinnen und Theologen der drei Landeskirchen sowie ab und an ein Vertreter der evangelisch-methodischen Kirche zu Wort.

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Interview: FVS-Vizepräsident Valentin Abgottspon

Nachdem Valentin Abgottspon vor fünf Jahren das Kruzifix aus seinem Klassenzimmer entfernte, wurde er als Lehrer fristlos entlassen. Heute kämpft der polarisierende Walliser weiter für die strikte Trennung von Kirche und Staat. Mit ihm sprach Sandro Bucher.

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«Freidenker haben schlicht die besseren Argumente» (Bild: DOROTHEE SCHMID)

2015 jährt sich der Tag deiner fristlosen Entlassung zum fünften Mal. Wie blickst du heute auf diese Schicksalstage zurück?
Valentin Abgottspon: Grundsätzlich blicke ich positiv auf die Zeit zurĂĽck, denn die fristlose Entlassung war der gröbste Blödsinn, den die Schulbehörde machen konnte. Die Unverhältnismässigkeit des Urteils schockierte Menschen in der ganzen Schweiz, die es nicht fĂĽr möglich hielten, dass solche Dinge in der heutigen Zeit noch passieren. Die Bevölkerung und Lehrerschaft wurde durch diesen Fall sensibilisiert. Das kann ich rĂĽckblickend jetzt so formulieren, da die Sache sozusagen durchgestanden ist. Es gab fĂĽr mich aber auch extrem dunkle Zeiten und eine schwere Niedergeschlagenheit. Und dass ich Zuschriften erhalten habe, in denen beispielsweise steht, dass meine Mutter Krebs habe, weil ich nicht an Gott glaube und dass sie versagt habe, weil sie mich nicht zu einem „anständigen Christenmenschen“ erzogen habe. Solche Dinge können schon etwas an einem nagen.

Hat sich seitens des Staates auch etwas geändert?
Nein. Es hat nicht dazu geführt, dass bei den staatlichen Behörden und Departementen im Kanton Wallis etwas gelaufen ist. Die nationalkonservative Schweizer Volkspartei (SVP) wollte gar das Kruzifix in allen Schulzimmern obligatorisch machen. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass ich der Letzte war, dem so etwas passierte. So blöd wird keine Schulbehörde in der Schweiz mehr reagieren.

Was war der Auslöser dafür, dass du das Kruzifix entfernt hast?
Der konkrete Anlass war die Minarett-Initiative. Im Vorfeld der Abstimmung störte mich, dass so getan wurde, als wäre die Schweiz ein christliches Land. Politik und Gesellschaft redeten plötzlich wieder von christlichen Werten und einem christlichen Staat. Da habe ich für mich selbst entschieden, das Kruzifix abzunehmen. Ich habe es nicht aus Renitenz gemacht und keinen Streit gesucht, wie mir auch heute noch unterstellt wird.

Hast du mit deinen SchĂĽlerinnen und SchĂĽlern nicht darĂĽber gesprochen?
Nein, das habe ich selbst entschieden und nie thematisiert, da es meinen Unterricht nicht tangierte. Auch im Nachhinein blieb die Diskussion aus, da es sowieso nicht in allen Schulzimmern Kruzifixe hatte. Erst im Vorfeld der Gründung der Freidenker-Sektion Wallis bekam ich erste Leserbriefe, Schmähbriefe und Hassbotschaften. Dann haben es auch die Schüler bemerkt.

Deine Entlassung sorgte auch international fĂĽr Schlagzeilen. Ist die Schweiz in Sachen Religion vergleichsweise konservativ?
Die Gesellschaft ist schon viel weiter als Behörden, Politik und Medien, die noch nicht dort angekommen sind, wo Diskurs und Lebenswirklichkeit sich befinden. Für ganz viele Personen ist Religion schlicht irrelevant. Dennoch legen sich viele Politiker vor dem Wahlkampf den Mantel des Glaubens um. Nur hat das nicht mehr wirklich viel mit Spiritualität zu tun. Wenn man über die Burka oder Minarette diskutiert, diskutiert man auch über die Unzufriedenheit mit Grenzgängern und Ausländern. Bei der Minarett-Initiative beispielsweise ging es nicht nur um Religion, sondern auch um Xenophobie und Rassismus.

Wie würdest du dein Verhältnis zur Kirche beschreiben?
Ich würde mich durchaus als Aktivisten bezeichnen, der mittlerweile viele Aspekte bewusster erlebt, mehr Details kennt und sich über die vielen Instransparenzen im Klaren ist. Inzwischen blicke ich wieder positiver in die Zukunft: Die junge Generation ist säkularer und auch Ältere distanzieren sich öfters von der Kirche. Irgendwann wird es einen Dammbruch geben und auch Politiker werden es einfacher haben, sich für eine Trennung von Kirche und Staat auszusprechen. Freidenker und Humanisten haben schlicht die besseren Argumente auf ihrer Seite. Trotz der fehlenden Riesenbudgets für Medienarbeit können wir uns deshalb gut positionieren und die Argumente glaubhaft rüberbringen.

Freikirchen erleben jedoch einen Zuwachs, vor allem bei der jĂĽngeren Generation.
Das ist sehr bedauerlich. Es ist ja eine Art Katholizismus oder Rigidität im Denken, die Freikirchen an den Tag legen. Wir müssen in der Schule Fächer erarbeiten, die kritisches Denken und Rationalität fördern. Eine Art Anleitung zum und Hilfe beim sauberen Denken. Mit dem Internet haben wir bereits ein durchdringendes Tool, das diesbezüglich kräftig mithilft. Dadurch wird die Tendenz sinken, dass ein grosser Teil der Bevölkerung in einen Extremismus verfällt oder den Rattenfängern von Freikirchen und Sekten in die Fänge geht. Es wird aber immer Menschen geben, die sich gefangen nehmen lassen, insbesondere wenn sie aufgrund von – eventuell vorübergehenden – Extremsituationen und Schicksalsschlägen in ihrem Leben besonders verwundbar sind.

Wie schätzt du die Lage in der Schweiz hinsichtlich Trennung von Kirche und Staat ein?
Im Alltagsleben der Schweizerinnen und Schweizer ist die Kirche kein bestimmender Faktor mehr. In gewissen Kantonen gibt es bei der Säkularisierung nur noch wenige Baustellen. Bei allen anderen wird die Trennung Schritt für Schritt weitergehen. In weiten Landesteilen müssen erst die Transparenz der Kirchen und religionswissenschaftliche Ansätze in den Lehrmitteln und im Unterricht der Volksschule etabliert werden. So, dass auch Atheismus und Humanismus in unserer Gesellschaft ihren angemessenen Platz finden.

Welche Rolle spielen dabei die Medien?
Besonders bei den öffentlich-rechtlichen Medien finde ich viele Dinge kritikwĂĽrdig. Das „Wort zum Sonntag“ des Schweizer Radio und Fernsehens (SRF) durften, obwohl die Sendung als christlicher Kommentar definiert wird, auch schon Hindus, Buddhisten und Muslime ergreifen, jedoch keine Freidenker. Dass dies nicht mehr zeitgemäss ist, wissen das SRF und die katholischen und reformierten Medienbeauftragten. Das sind reine Besitzstandwahrungen und das Krallen an die Moneten, beziehungsweise Privilegien. Das ist schlicht nicht in Ordnung. Das haben mir gegenĂĽber im privaten Gespräch bei einem Kaffee oder Bier sowohl SRF-Angestellte wie auch hohe kirchliche Funktionäre schon zugegeben. Ă–ffentlich wollen sie sowas aber natĂĽrlich nicht gestehen.

Die Freidenker-Vereinigung Schweiz hat eine Plakatkampagne lanciert, in der ihr, begleitet von einem offenen Brief, fragt: „Liebe Katholiken! Huonder tritt nicht aus. Wie steht’s mit euch?“…

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Kampagnen-Plakat

Wir wollen die Katholikinnen und Katholiken dazu auffordern, über einen Kirchenaustritt nachzudenken. Sehr viele von ihnen haben innerlich ihren Kirchenaustritt schon vollzogen und die menschenfeindlichen, intoleranten Äusserungen des Kirchenaustrittskatalysators und Bischof Vitus Huonder sind geeignet, sich selber den Anstoss zu geben und in diesem Verein nicht mehr mitzumachen und ihn nicht mehr mitzufinanzieren. Huonder hat zwar auch innerkirchlich etwas Gegenwind zu spüren bekommen. Er sitzt aber immer noch fest auf seinem Bischofssitz. Und er gibt mit seiner Ablehnung der praktizierten Homosexualität nur die geltende Kirchenlehre, wie sie im Katechismus steht, wieder. Es ist etwas unaufrichtig und inkonsequent, wenn Katholikinnen und Katholiken denken, dass sich katholische Grundsätze und Ehe, Toleranz und Adoptionsrecht für alle unter einen Hut bringen liessen.

Was möchtest du neben der Aufwertung der medialen Präsenz noch erreichen?
Zentral ist momentan, dass wir Freidenkerinnen und Freidenker bei der Umsetzung der Grundlagen des Lehrplans 21 gut aufpassen. Es ist vorgesehen, dass der konfessionelle Religionsunterricht nicht mehr Aufgabe der Volksschule ist. Viele Kantone werden hier aber von diesem Grundsatz abweichen wollen und den Kirchen viele Privilegien zuschanzen und ihnen den Zugriff auf die Kinder weiterhin gewähren. Die Kirchensteuern für juristische Personen gehören abgeschafft. Abseits davon sehe ich einen Teil meines Engagements auch international. Auch wenn mir schlimme Dinge widerfahren sind, sind sie kein Vergleich zu dem, was Menschen wie Raif Badawi angetan wird. Mein Einsatz hört nicht beim Laizismus auf. Ich bin und bleibe wohl mein Leben lang Aktivist.

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Das Interview erschien auf hpd.de.