Boulevard zu unrecht in der Kritik?

Keine Schweizer Tageszeitung steht derart oft im Fokus medienkritischer Beiträge wie das Boulevardblatt Blick. Dies zeigt auch eine studentische Fallstudie am Institut für Angewandte Medienwissenschaft der Zürcher Fachhochschule in Winterthur. Sie analysierte den medienkritischen Diskurs in der Deutschschweiz zum Vierfachmord von Rupperswil im Jahr 2015.

Im Dezember 2015 ereignete sich im schweizerischen Rupperswil im Kanton Aargau eines der grauenvollsten Verbrechen der Schweizer Kriminalgeschichte. Ein 33-Jähriger aus der gleichen Ortschaft ermordete in einem Einfamilienhaus eine Mutter, ihre zwei Söhne sowie die Freundin einer ihrer Söhne. Bis der später geständige Täter verhaftet und aufgrund von DNA-Spuren und Fingerabdrücken identifiziert werden konnte, vergingen rund fünf Monate. Fünf Monate, in denen Schweizer Massenmedien nicht mit Mutmaßungen, Spekulationen und Hypothesen zum Geschehen sparten. Unter dieser medialen Lust der Dauerbeobachtung litten nicht nur die Angehörigen der Opfer und des Täters, sondern auch übrige Einwohner der 5000-Seelen-Gemeinde: Viele Journalisten harrten vor dem Haus der Opfer aus, redeten mit den Schulkollegen der Opfer und Freunden des Täters. Vor allem die Boulevardzeitung Blick, die dem Verlagshaus Ringier angehört, wurde für diese Methoden vom Publikum und Branchenkollegen kritisiert.

Anhand von rund vierzig Beiträgen aus den sozialen Medien, der Fachpresse und den Massenmedien analysierten die Autoren den medienkritischen Diskurs zum Vierfachmord von Rupperswil. Resultat: In zwei von drei medienkritischen Beiträgen wird der Blick kritisiert. Beanstandet wurde von den medienkritischen Akteuren insbesondere die frühe Namensnennung und das Abdrucken eines unverpixelten Fotos des Täters, die offensiven Recherche-Methoden der Zeitung sowie die Tatsache, dass der Blick das Gesicht des Täters von einem „Physiognomie-Experten“ analysieren ließ. Im Fokus der öffentlichen Debatte standen aber auch die massenmedialen Titel Schweizer Illustrierte (ebenfalls Ringier), der Tages-Anzeiger und die Gratiszeitung 20 Minuten (beide vom Verlagshaus Tamedia) sowie die Schweiz am Sonntag (Verlagshaus AZ Medien). Wie beim Blick wurde auch hier vor allem das Missachten der Richtlinien des Schweizer Presserats kritisiert, die den Schutz der Privatsphäre (Richtlinie 7.1), die Identifizierung (7.2) und den besonderen Schutz der Kinder (7.3) gewährleisten sollten.

Hauptthema: Kritik mit normativem Bezug

Die Beiträge zeigen, dass im öffentlichen Diskurs weniger die individuelle Meinung der Medienkritiker zu den journalistischen „Defiziten“ dominiert, sondern sich die geäußerte Kritik auf gesellschaftliche Normen bezieht. Zu diesen Normen zählen medienethische und medienrechtliche Vorgaben wie sie u.a. das nationale Medienrecht oder auch internationale Pressekodizes vorgeben. Sich auf solche Normen zu beziehen, macht aus einem ausschließlich kritisierenden Schlagabtausch eine konstruktive öffentliche Debatte. Die Argumentation wird so gesamtgesellschaftlich vergleich- und bewertbar. Lediglich in den sozialen Medien wurde der Blick punktuell ohne tiefergehende Argumentation als „Schundblatt“ mit „Schmieren-Journalisten“ bezeichnet. Insgesamt überwog aber auch hier die normativ abgestützte Kritik.

Blick-Blattmacher Thomas Ley überraschen die Untersuchungsresultate nicht: „Der Blick gilt als Medium der einfachen Leute. Das zieht Spott und manchmal auch Verachtung auf sich“, sagt er. „Da wir emotionale Themen immer gross gewichten, sind wir sowieso permanent Kritik ausgesetzt. Jüngere Boulevard-Medien wie 20 Minuten sind viel weniger markiert als wir.“ Auch war die Medienkritik in den untersuchten Beiträgen das Hauptthema und fördert damit das Verständnis beim Publikum, dass eine regelmäßige, öffentliche Medienkritik eine gesellschaftliche Notwendigkeit ist.

Soziale Medien als Hauptakteur der Kritik

Die Fallstudie brachte weitere Indizien ans Licht, die für das Forschungsfeld Medienkritik relevant sind: So fand die Kritik an der Berichterstattung über den Vierfachmord vor allem in den sozialen Medien und nicht in der Fachpresse und den Massenmedien statt. Zeitlich gesehen war die Social-Media-Kritik dem restlichen Diskurs vorgelagert. Es stellt sich damit die Frage, welcher Anteil eines medienkritischen Diskurses künftig über diese neuen Kanäle stattfindet, damit nur einer Teilöffentlichkeit zugänglich ist und so weniger gesellschaftliche Resonanz auslösen kann. Offen ist, ob diese Verlagerung damit zu tun hat, dass Medienschaffende, die sich systemisch betrachtet überdurchschnittlich häufig medienkritisch äußern, dem Vorwurf des Kollegenbashing entgehen wollen. Da Medienschaffende auf Social Media als Privatpersonen auftreten können, wird der eigenen Zukunft möglicherweise weniger Schaden zugefügt.

In den digitalen Netzwerken war auch die Kommunikationswissenschaft als medienkritischer Akteur vertreten. So fragte Journalistikprofessor Vinzenz Wyss am 13. Mai, einen Tag nachdem der Täter gefasst wurde, ob schon Wetten darüber laufen würden, welches „Dödelmedium“ als erstes den Namen des Täters nennen werde. Am selben Tag startete ein anderer Twitter-User eine Umfrage, welche Zeitung wohl als erste das Foto des Täters veröffentlichen werde. Der Blick gewann die Umfrage mit 72 Prozent der 116 Stimmen. „Das zeigt, dass viele Medienkritiker schon Fotos oder Namen grundsätzlich nicht okay finden, sogar wenn sie verpixelt oder abgekürzt sind“, sagt Thomas Ley. „Das kriegen wir dann in jedem prominenten Fall zu hören.“

„Anderen Medien wird viel schneller verziehen“

Was Thomas Ley jedoch stört, ist, dass andere, vermeintliche Qualitätsmedien, genauso boulevardesk über den Vierfachmord geschrieben hätten, denen das jedoch viel öfters verziehen würde. „Im Fall von Rupperswil hat sich die Konkurrenz vom Tages-Anzeiger Sachen erlaubt, die wir nie machen würden.“

Konkret spricht Thomas Ley vom Artikel «Weg des Grauens», den der Tages-Anzeiger fünf Tage nachdem der Täter gefasst wurde, publizierte. Für den Artikel wurde ein Video gedreht, in dem der rund fünfminütige Weg vom Haus des Täters zum Haus der Opfer zu sehen ist. Diese Darstellungsform wurde nur von wenigen Usern in den sozialen Medien kritisiert – unter anderem von Thomas Ley.

Diskurs dauert an

Die Fallstudie des medienkritischen Diskurses zum Vierfachmord von Rupperswil hat gezeigt, dass in der Schweiz konstruktive Medienkritik anzutreffen ist. Nur scheint sich diese – zumindest fallindividuell – von den Massenmedien in die sozialen Medien verlagert zu haben.

Vor einem halben Jahr hat sich der Vierfachmord von Rupperswil zum ersten Mal gejährt. Der medienkritische Diskurs jedoch dauert weiterhin an: Im Dezember 2016 hat die Schweizer Ausgabe der Zeit mit Mirco Metger, dem Sohn des Freundes der getöteten Mutter, über seine Erfahrungen mit dem Blick gesprochen. Insbesondere über den Blick-Journalisten Ralph Donghi, der laut Metger damals nicht nur ihn, sondern viele weitere Menschen aus dem nahen Umfeld belästigt habe. „Er legte mir Sätze in den Mund, die ich nie gesagt hatte“, sagt Metger gegenüber der Zeit.

Ley zeigt sich davon unbeeindruckt: „Die Zeit spricht mit genau einem Menschen, der Donghi nicht mag, aber ihm nicht einmal wirklich journalistische Fehler nachweisen kann. Auf der anderen Seite beispielsweise fand der Mediensprecher des Fussballclubs, in dem der Täter verkehrt hatte, unsere Arbeit tadellos.“

___________

Der Artikel erschien auf dem European Journalism Observatory und dem Blog des IAM.

Advertisements
Veröffentlicht unter Journalismus | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Auserwählt von den YouTube-Göttern

Fünf Jahre lang hat mein kleines Gaming-Video auf YouTube rund 200 Views pro Tag verzeichnet. Seit dem 1. April jedoch sind es über 30 000. Und das durch reinen Zufall.

Eigentlich hausiere ich damit nicht sehr gerne. Aber ich habe einen kleinen Gaming-Channel auf YouTube, der sich primär mit der Computerspielserie «The Elder Scrolls» beschäftigt. Elder Scrolls ist eine aus Rollenspielen bestehende Game-Reihe, die derzeit zwölf Titel umfasst. Seit dem Release des fünften Teils ist Elder Scrolls auch einem grösseren Publikum bekannt: Mit 20 Millionen verkauften Kopien ist «Skyrim» (2011) eines der zwanzig meistverkauften Spiele aller Zeiten.

Meine Videos jedoch können weder mit dem Erfolg des Spiels, noch mit den professionellen Produktionen der Berufs-YouTuber mithalten: Sie sind schlecht geschnitten, haben kein Konzept und entstehen je nach Lust und Laune. Kurz: Sie bieten selten einen Mehrwert ausserhalb der reinen Unterhaltung.

So auch mein bisher einziges, erfolgreiches Video: Zu sehen ist ein Zauberer auf der Insel Vvardenfell, dem Spielort von «Morrowind» (2002). Durch geschicktes Austricksen des Leveling-Systems habe ich es geschafft, dass der «Akrobatik-Level» meines Charakters bei 3000 ist. Normalerweise ist das Level-Maximum bei 100. Das heisst, dass mein Charakter mit einem einzigen Hüpfer vom südöstlichsten bis zum nordöstlichsten Punkt der Map fliegen kann. Das scheint den Leuten zu gefallen, immerhin verzeichnete das Video über die letzten fünf Jahre rund 200 Views pro Tag.

Von zwei zu über 50 Kommentaren am Tag

Durch Sinnlos-Videos wie diese habe ich es geschafft, in den letzten elf Jahren rund 600 treue Abonnenten an meinen Channel zu binden. Laut der Social Media-Statistikwebsite «SocialBlade» lande ich damit auf dem ernüchternden, 2 000 000sten Platz der erfolgreichsten YouTube-Channel.

Da YouTube für mich aber von Anfang an nur ein Hobby war, war ich damit zufrieden. Ich erfreute mich an den rund zwei Kommentaren pro Tag und versuchte den Gamern, die sich nach dem Spielen von Skyrim auch über die früheren Teile der Serie informieren wollten, ein paar Tipps zu geben.

Am ersten April jedoch wurde diese familiäre Idylle zerstört: Plötzlich wurde ich auf dem Smartphone nicht mehr über zwei neue Kommentare pro Tag benachrichtigt. Viel mehr waren es um die fünfzig. Und sie alle galten dem springenden Zauberer, der seinen majestätischen Hopser für mittlerweile 30 000 Menschen pro Tag vollführt.

Kommentarflut bei Spurensuche

Ich ging davon aus, dass eine grössere Gaming-Seite das Video entdeckt und es in einem Beitrag geteilt hat. Dies, weil das in den letzten fünf Jahren bereits zwei, dreimal passiert ist. Doch die Videostatistiken zeigten, dass es etwas Anderes sein musste: Der Zugriff durch externe Quellen lag weiterhin bei 4 Prozent.

Als ratloser YouTube-Laie habe ich deshalb einfach mal in die Kommentarspalte gefragt, woher sie denn alle kommen. Nach nur fünf Minuten erhielt ich schon dutzendmal die gleiche Antwort: Das Video ist in der «Empfohlen»-Liste aufgetaucht, die seit einigen Jahren prominent und auf jeden persönlich zugeschnitten auf der Startseite von YouTube präsentiert wird.

Einer der Kommentatoren fasste diese kuriose Situation am besten zusammen: «You’ve been chosen by the YouTube Gods». Denn das Video landete nicht nur bei Gaming-interessierten Usern. Sondern auch bei Menschen, die sich überhaupt nicht für diese Materie interessieren und noch nie etwas von Elder Scrolls gehört haben.

Geld und Abonnenten durch «Fehler»

Wieso der YouTube-Algorithmus mein fünf Jahre altes Video plötzlich in die Empfohlen-Liste von mindestens 300 000 Usern gespült hat, kann wohl nie abschliessend geklärt werden. Auch frage ich mich, wie vielen weiteren unbekannten YouTubern dies auch schon widerfahren ist.

Was mir jedoch klar wurde, ist, wie einflussreich die Videoplattform von Google sein kann: durch diesen «Algorithmus-Fehler» habe ich in den letzten fünf Tagen rund 150 neue Abonnenten gewonnen. Ebenso durfte mir Google gestern einen dreistelligen Betrag überweisen, da ich vor dem Video Anzeigen geschaltet habe. Und es scheint, als würde dies noch einige Tage so andauern. Ohne, dass ich wirklich etwas dafür geleistet habe.

Veröffentlicht unter Geschichte & Gesellschaft | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

«Verleger werden die guten Journalisten nicht halten können»

Vom Macher zum Denker: Nach seinem Abgang bei «watson» denkt Hansi Voigt intensiv über die Zukunft des Journalismus nach. Ein Gedankenprotokoll, aufgezeichnet durch Sandro Bucher und Janosch Tröhler.

20161006-hansi-voigt-052-9

Hansi Voigt – vom Macher zum Denker. (Bild: JANOSCH TRÖHLER)

Guter Journalismus wird nie gratis sein. Das ist eine Illusion. Bis jetzt finanzieren sich die Verlage durch Aufmerksamkeit – monetarisiert dank Werbung. Das funktioniert allerdings immer weniger, weil das Publikum den klassischen Werbefeldern immer weniger Beachtung schenkt. Leserinnen und Leser zahlen auch mit ihren Daten wie bei Facebook. Auch da können sich die Verleger überlegen, wie sie diese Informationen zu Geld machen können.

«Katzenvideos werden die Demokratie nicht bewahren»

Letztlich sind es bloss pauschale Fragen rund um das Finanzierungsmodell der Werbung, die ganz klar einen trashigen Journalismus fördern. «Watson» hat neben volkswirtschaftlichen Analysen auch Katzenvideos produziert. Weshalb? Weil ein Artikel, für den der Journalist einen Tag investiert hat, nicht ohne die Quersubventionierung durch die Aufmerksamkeit des Catcontents finanziert werden kann.

Weiterlesen auf presseverein.ch.

 

 

Veröffentlicht unter Interview, Journalismus | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Von Sportlern mit Superkräften und breitbeinig sitzenden Männern

Von Februar bis Juni 2016 habe ich ein Praktikum bei der in der Schweiz führenden Fachredaktion für Wissenschaftsjournalismus, Scitec Media, absolviert. Während dieser Zeit entstanden sieben Artikel, die in den Wissensseiten der 20 Minuten publiziert wurden. Hier kann man sie nachlesen.

sss

Bild: SANDRO BUCHER

Sport-Asse haben den Zoom-Blick

Erfolgreiche Sportler haben die Fähigkeit, Bälle vergrössert zu sehen. Das lässt sich trainieren. Link zum Artikel.

Schizophrenie trifft Flüchtlinge häufiger

Millionen Menschen sind heute auf der Flucht. Darunter leidet ihre psychische Gesundheit. Link zum Artikel.

Sexistische Games rauben Männern das Mitgefühl

Durch das Spielen von sexistischen Games empfinden Männer weniger Mitgefühl für weibliche Gewaltopfer. Das zeigt eine US-Studie. Link zum Artikel.

Männer, die breitbeinig im ÖV sitzen, nerven Frauen

Viele Männer spreizen beim Sitzen ihre Beine weit auseinander. In den USA geht man nun dagegen vor. Link zum Artikel.

Schon ein gelegentlicher Klaps schadet Kindern

Schweizer Eltern ist es erlaubt, ihre Kinder zu schlagen. Doch bereits einige Ohrfeigen schaden, zeigt eine US-Studie. Link zum Artikel.

Mit diesen cleveren Tricks lernen sie viel leichter

Viele Lehrlinge und Studenten bereiten sich derzeit auf ihre Abschlussprüfungen vor – die meisten jedoch falsch. 20 Minuten zeigt, wie es richtig geht.
Link zum Artikel.

Unsere Vorurteile beeinflussen, wie gut Kinder lesen

Mädchen lesen besser als Jungs. Doch wird die Lesefähigkeit unter spielerischen Bedingungen getestet, wendet sich das Blatt. Link zum Artikel.

Veröffentlicht unter Journalismus | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Interviews mit zwei atheistischen Flüchtlingen

Wie viele Flüchtlinge aus muslimischen Ländern Atheisten sind, wisse niemand. Manchmal werde ihnen nicht geglaubt. Und oft würden sie sich vor Mobbing oder Gewalt fürchten, schreibt Die Zeit. Auf diesem Blog habe ich bereits zwei Flüchtlinge aus Nationen mit der Staatsreligion Islam vorgestellt.

atheismus

Bild: SANDRO BUCHER

«Ich habe immer noch Hoffnung» – Interview mit Kacem El Ghazzali, Marokko

Weil er nicht an Gott glaubt, wurde Kacem El Ghazzali in seiner Heimat Marokko mehrfach attackiert und mit dem Tod bedroht. Vor vier Jahren ist der 24-Jährige in die Schweiz geflüchtet und hat sein altes Leben hinter sich gelassen. Seine Überzeugung bleibt ungebrochen, auch wenn er damit weiterhin sein Leben riskiert. Link zum Interview.

«Es besteht die Gefahr eines Bürgerkriegs» – Azam Khan, Bangladesch

Anfang April wurde der säkulare Blogger Nazimuddin Samad in Bangladesch auf offener Strasse ermordet. Wie bereits sechs Kritiker des radikalen Islamismus vor ihm. Einer von Nazimuddins Freunden, Azam Khan, lebt heute in der Schweiz. Auch er steht auf einer von islamistischen Gruppen zusammengestellten Todesliste von Atheisten. Link zum Interview.

Veröffentlicht unter Geschichte & Gesellschaft, Interview, Religion | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Warum geniesst die katholische Kirche wieder mehr Vertrauen?

Laut einer österreichweiten Umfrage zum Thema Glaubwürdigkeit geniesst die katholische Kirche das Vertrauen von 46 Prozent der Bevölkerung. Das sind elf Prozent mehr als im letzten Jahr. Wie dieser Aufstieg zu erklären ist, zeigt unter anderem ein Blick auf die anderen Gewinner und Verlierer dieser Umfrage.

751388_original_R_by_Isabella Pechlivanis_pixelio.de

Der Vatikan geniesst, zumindest in Österreich, wieder ein hohes Mass an Vertrauen. (Foto: ISABELLA PECHLIVANIS/pixelio.de)

Fast jeder zweite Mensch in Österreich schenkt der katholischen Kirche sein Vertrauen. Das zeigt eine aktuelle Umfrage, die unter anderem von dem sozialwissenschaftlichen Institut Sora durchgeführt wurde. Und auch bei den abgefragten Persönlichkeiten glänzt die Kirche: Papst Franziskus erreicht mit 82 Prozent den zweiten Platz hinter Ski-Star Marcel Hirscher, dem 83 Prozent der befragten Personen vertrauen.

Was glaubwürdig macht

Auch wenn Katholikinnen und Katholiken in Österreich noch immer in der Mehrheit sind (60 Prozent), überrascht dieses hohe Mass an Vertrauen. Vor allem, wenn man sich ansieht, anhand welcher Eigenschaften das Vertrauen gemessen wurde:

SORA_Folie

(Screenshot: Folie klar.SORA Glaubwürdigkeitsranking 2016)

Die stärksten statistischen Zusammenhänge mit Glaubwürdigkeit zeigen laut den Befragern folgende Beschreibungen: «ist ehrlich», «tut, was er/sie sagt» und «hält, was er/sie verspricht»; fast gleich stark wirken «ist offen und transparent» sowie «bei ihm/ihr passt alles zusammen», schreibt ORF.

Auch ohne viel Zynismus und Spott ist kaum von der Hand zu weisen, dass viele dieser Eigenschaften bei der katholischen Kirche nur wenig oder gar nicht zutreffen. Wie aber sind diese positiven Entwicklungen dann zu erklären?

«Der Franziskus-Effekt»

In den Skandaljahren 2010 bis 2013 verlor die Kirche nicht nur ihre Glaubwürdigkeit, sondern auch das Vertrauen hunderttausender Katholiken. Viele Gläubige konnten über die Pädophilie-Vorwürfe an ranghohen Bischöfen, Priestern und Pfarrern nicht hinwegsehen und wendeten der Kirche den Rücken zu. Die Beliebtheit der Kirche war auf einem neuen Tiefpunkt, die Zahl der Kirchenmitglieder sank täglich im vierstelligen Bereich.

Damals stellten sich viele Theologen und Laien nach dem Rücktritt von Benedikt XVI. die Frage: Kann ein einzelner Mann das Schiff Petri wieder auf Kurs bringen? Mittlerweile hat Franziskus bewiesen: Ja, er kann. Auch wenn er im Vatikan selbst nur wenig bewegt, findet durch seine zukunftsgerichteten und liberalen Aussagen ein Umdenken in der Öffentlichkeit statt. So wie vor ein paar Tagen, als er sagte, dass Homosexuelle, Frauen, Geschiedene und ausgebeutete Kinder eine Entschuldigung für ihre Behandlung durch die Kirche verdient haben.

Seit Franziskus Papst ist, findet ein Akt der Entrümpelung altbewährter Traditionen und Ansichten statt. Denn auch ihm war klar, dass an ihm die Glaubwürdigkeit der Kirche neu bemessen werden würde. So hat der sogenannte «Franziskus-Effekt» auf jeden Fall sehr viel damit zu tun, dass die Kirche derzeit einen Frühling der Vertrauenswürdigkeit erlebt.

Schwere Zeiten

Ein nicht minder wichtiger Faktor ist die momentane gesellschaftliche und politische Unsicherheit in Europa: Viele Menschen, auch solche, die sich nicht als Christen bezeichnen, verlangen derzeit von den Kirchen klare Haltungen und Mithilfe bei aktuellen Problemen, wie beispielsweise der Flüchtlingssituation. Denn dass sich Menschen in Krisensituationen oft zum Glauben hinwenden oder sich wieder ihrer religiösen Wurzeln bewusst werden, zeigte sich in der europäischen Vergangenheit schon des Öfteren.

Auch drückt sich die momentane Unsicherheit in den anderen Ergebnissen der Glaubenswürdigkeits-Umfrage aus: Der österreichischen Regierung vertrauen nur noch 30 Prozent (-7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr), der EU-Kommission 25 Prozent, Eva Glawischnig, einer österreichischen Grünen-Politikerin, nur noch 42 Prozent (-9 Prozent) und  Angela Merkel nur noch 45 Prozent (-25 Prozent!).

Veröffentlicht unter Geschichte & Gesellschaft, Religion | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Der Heilige Zeitgeist

Zurzeit wird in der Schweiz über die «Ehe und Adoption für alle» diskutiert. Während neben liberalen Bewegungen sogar Theologiestudentinnen und -studenten diese Forderung unterstützen,  halten sich die Landeskirchen mit ihrem Zuspruch zurück. Nicht zuletzt, weil der Appell eine theologische Grundsatzfrage tangiert: Wie weit darf sich die Kirche dem Zeitgeist anpassen?

28_-Februar-20-Uhr-Sedisvakanz-beginnt

Wie weit darf sich die Kirche aus theologischer Sicht dem Zeitgeist anpassen? (Bild: katholisches.info)

Die Menschen der Katholiken-Hochburg Irland haben mit ihrem Ja zur Heirat für gleichgeschlechtliche Paare vor rund einem Jahr eindrücklich gezeigt, dass konservative Kirchenkreise zumindest in dieser Gesellschaftsfrage den Kontakt zur Basis komplett verloren haben. Von einem «substanziellen Riss zwischen der katholischen Kirche und der Gesellschaft» sprach der Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, und bewertete den Ausgang des Referendums im Interview mit der Internetplattform „Vatican Insider“ als «Zeichen einer Kulturrevolution».

Kampf in der Schweiz

Von diesem irischen Revolutionsgeist beflügelt, kämpfen in der Schweiz unter anderem die Grünliberale Partei und die politische Bewegung «Operation Libero» für die Gleichstellung von homosexuellen Partnerschaften und die daraus entstehende Familienformen.

Währenddessen befürchten Gegner dieser Forderung, dass durch die Ehe für alle das traditionelle Familienbild geschwächt wird: «Es ist an der Zeit, die Demontage der traditionellen Familie zu stoppen», sagt EDU-Politiker Marco Giglio, Co-Präsident eines Komitees, dass die «Homo-Ehe» verhindern will. «Die Ausdehnung der Schwulenrechte ist ein Angriff auf die Familie.»

Kirche im Dilemma

Dass in der heutigen Zeit noch immer von einer traditionellen Familie gesprochen wird, ist eine Desavouierung des Zeitgeistes. Denn Familienkonstellationen und Lebensformen, die von der Tradition abweichen, sind längst gesellschaftliche Realität. Auch in der Schweiz. Trotzdem verzichten die hiesigen Landeskirchen immer noch darauf, klar Stellung zu beziehen.

Und das, obwohl eine Anpassung des Eherechts gar kein fundamentaler Umsturz der theologischen Stossrichtung der Kirche wäre. Schliesslich stammt das gesamte Eherecht in seinen Wesenszügen erst aus dem Hochmittelalter. Das erwähnt auch der österreichische Theologe Horst Herrmann in seinem Buch «Die sieben Todsünden der Kirche» und stützt damit seine These: «Die Kirche versucht noch immer, hundertfältig vorgenommene Adaptionen an vergangene Gesellschaftsformen und Ideologien als zeitlos gültige Aussageweisen auszugeben».

Klare Stellungnahme fehlt

Der Schweizer Theologe Walter Ludin kommt zum selben Schluss: «Vor Jahrhunderten hat sich die Kirche an den damaligen Zeitgeist angepasst. Nun tut sie so, als ob sie dabei ewige Wahrheiten verkünden würde», schreibt der Kapuziner in einem aktuellen Kirchenblog. «Gleichzeitig weigert sie sich, sich an heutige kulturelle Standards anzupassen. Zum Beispiel an demokratische Strömungen. Lieber bleibt sie monarchisch und behauptet, Jesus habe es so gewollt.»

Das Eherecht ist also kein in Stein gemeisseltes Dogma. Dennoch ist die Öffnung der Ehe eine ethische und moralische Grundsatzfrage, die die Geister scheidet und bis in den Kern des christlichen Familien- und Gesellschaftsbilds bohrt. Gerade deshalb ist es für die Landeskirchen unabdinglich, sich auch bei derart heiklen Gesellschaftsfragen zu äussern; was noch keine endgültige Positionierung an einer der polarisierenden Fronten zur Folge haben muss. Im Zentrum steht, wie bei jeder Debatte, die Suche nach Integration gesellschaftlicher Gegensätze, geleitet von den Mechanismen der demokratischen Auseinandersetzung. Keiner monarchischen.

Veröffentlicht unter Religion | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen