«Verleger werden die guten Journalisten nicht halten können»

Vom Macher zum Denker: Nach seinem Abgang bei «watson» denkt Hansi Voigt intensiv über die Zukunft des Journalismus nach. Ein Gedankenprotokoll, aufgezeichnet durch Sandro Bucher und Janosch Tröhler.

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Hansi Voigt – vom Macher zum Denker. (Bild: JANOSCH TRĂ–HLER)

Guter Journalismus wird nie gratis sein. Das ist eine Illusion. Bis jetzt finanzieren sich die Verlage durch Aufmerksamkeit – monetarisiert dank Werbung. Das funktioniert allerdings immer weniger, weil das Publikum den klassischen Werbefeldern immer weniger Beachtung schenkt. Leserinnen und Leser zahlen auch mit ihren Daten wie bei Facebook. Auch da können sich die Verleger überlegen, wie sie diese Informationen zu Geld machen können.

«Katzenvideos werden die Demokratie nicht bewahren»

Letztlich sind es bloss pauschale Fragen rund um das Finanzierungsmodell der Werbung, die ganz klar einen trashigen Journalismus fördern. «Watson» hat neben volkswirtschaftlichen Analysen auch Katzenvideos produziert. Weshalb? Weil ein Artikel, für den der Journalist einen Tag investiert hat, nicht ohne die Quersubventionierung durch die Aufmerksamkeit des Catcontents finanziert werden kann.

Weiterlesen auf presseverein.ch.

 

 

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Interviews mit zwei atheistischen FlĂĽchtlingen

Wie viele Flüchtlinge aus muslimischen Ländern Atheisten sind, wisse niemand. Manchmal werde ihnen nicht geglaubt. Und oft würden sie sich vor Mobbing oder Gewalt fürchten, schreibt Die Zeit. Auf diesem Blog habe ich bereits zwei Flüchtlinge aus Nationen mit der Staatsreligion Islam vorgestellt.

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Bild: SANDRO BUCHER

«Ich habe immer noch Hoffnung» – Interview mit Kacem El Ghazzali, Marokko

Weil er nicht an Gott glaubt, wurde Kacem El Ghazzali in seiner Heimat Marokko mehrfach attackiert und mit dem Tod bedroht. Vor vier Jahren ist der 24-Jährige in die Schweiz geflüchtet und hat sein altes Leben hinter sich gelassen. Seine Überzeugung bleibt ungebrochen, auch wenn er damit weiterhin sein Leben riskiert. Link zum Interview.

«Es besteht die Gefahr eines BĂĽrgerkriegs» – Azam Khan, Bangladesch

Anfang April wurde der säkulare Blogger Nazimuddin Samad in Bangladesch auf offener Strasse ermordet. Wie bereits sechs Kritiker des radikalen Islamismus vor ihm. Einer von Nazimuddins Freunden, Azam Khan, lebt heute in der Schweiz. Auch er steht auf einer von islamistischen Gruppen zusammengestellten Todesliste von Atheisten. Link zum Interview.

Interview: Gesichtsmalerin Claudia Marclay

Vor drei Tagen reiste die 28-jährige Walliserin Claudia Marclay nach Jamaika. Nicht aber, um sich an den Sandstränden des karibischen Inselstaats zu sonnen. Sondern, um die Gesichter von hunderten Kindern zu bemalen – als die wahrscheinlich erste ehrenamtliche Gesichtsmalerin der Welt.

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Geduldig und voller Vorfreude warten die brasilianischen Kinder darauf, dass ihre Gesichter bemalt werden. (Bild: zVg)

Claudia, die Gesichtsmalerei ist nicht gerade ein gängiges Hobby. Wie bist du darauf gekommen?
Sieben Jahre lang habe ich gesucht, was ich in meinem Leben machen möchte. Ich hatte Büro-Jobs, arbeitete im Eventmanagement und wirkte bei Filmproduktionen mit. Doch all diese Tätigkeiten haben mich nicht erfüllt, da ich etwas wirklich Bedeutsames machen wollte. Etwas, das anderen Menschen hilft.

Und die Gesichtsmalerei ist dieses bedeutsame Etwas?
Ich denke schon, das habe ich schon beim ersten Mal gemerkt. Das war vor ein paar Jahren, als mich eine Freundin gefragt hat, ob ich den Kindern an einer Osterparty Hasengesichter aufmalen möchte. Dies, weil ich schon immer gezeichnet und gemalt habe, bisher aber nur auf Papier und auf Keilrahmen. Die Begeisterung und Freude der Kleinen hat mich sehr berührt. Es war unglaublich inspirierend und ermutigend.

War es eine Herausforderung, erstmals auf «lebender Fläche» zu malen?
Ja, denn man muss spontan und schnell sein, um die Kinder zu unterhalten. Genau das hat mir aber gefallen. Denn oft war ich bei meiner normalen Kunst blockiert. Das kann hier nicht passieren.

Mittlerweile hast du dieses Hobby beinahe schon zum Beruf gemacht.
Stimmt, doch neben bezahlten Ateliers für Geburtstage, Events und Messen ist der wichtigste Teil meiner Arbeit unentgeltlich oder für wohltätige Zwecke. So auch meine Reise nach Jamaika in ein paar Tagen.

Dein Jamaika-Trip ist die erste Reise, die du im Rahmen deines neuen Gesichtsbemalungs-Projekts «Kibi Kibira» machst. Was bedeutet dieser Name?
Kibi Kibira bedeutet «kleine Ameise» in Tupí, der Sprache der «Tupinamba». Das ist ein einheimisches Volk aus dem Nordosten Brasiliens. Es war der Name eines kleinen Mädchens, das ich während dem Statisten-Casting für den Film «Babysitting 2» fotografiert habe.

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«Das Lachen der Kinder ist die grösste Belohnung» (Bild: zVg)

Und welche Bedeutung hat der Name fĂĽr dein Projekt?
Ameisen sind die besten! Sie verkörpern Geduld, Teamwork und sind eine Einheit. Sie bringen uns bei, gemeinsam für das Wohl der Gemeinschaft zu arbeiten. Denn nichts von Dauer kann ohne die Zusammenarbeit mit anderen erreicht werden. Und dies ist die kleine Geschichte, welche die Kernidee meines Projekts hervorgerufen hat. Die Menschen von morgen auf der ganzen Welt durch Gesichtsbemalung zu verbinden.

Mitte Juni wirst du nach Jamaika reisen. Ist es das erste Mal, dass du in anderen Ländern Kindergesichter bemalen wirst?
Nein, bereits vor dem besagten Filmjob habe ich einmal die jungen Gesichter einer Favela bemalt. Dort war ich von gut fünfzig Kindern umgeben. Ich malte farbige Schmetterlinge auf die Gesichter der Mädchen, als einige der Jungs mich baten, ihnen Totenköpfe, Messer und Pistolen aufzumalen. Ich bot ihnen an, stattdessen kleine Tiere zu malen. Erst waren sie skeptisch, da sie das für mädchenhaft hielten. Doch nachdem der erste es mir erlaubte, wollten danach alle anderen auch ein süsses Tier. In diesem Moment habe ich gemerkt, dass die Gesichtsmalerei Kinder nicht nur glücklich macht, sondern auch die Kraft hat, ihre unschuldige Seite hervorzubringen.

Wirst du das auch noch in zwanzig, dreissig Jahren machen?
Soweit plane ich nicht voraus. Doch solange es die Kinder und mich erfüllt, würde ich es auch noch in 95 Jahren machen. In jedem Fall ist die Gesichtsmalerei eine äussert lohnende Aktivität. Ich liebe es, von Kindern umgeben zu sein, die es kaum erwarten können, bemalt zu werden. Es macht mich glücklich, ihnen für einen Moment Aufmerksamkeit zu schenken, sie ihren Alltag vergessen zu lassen und sie strahlen zu sehen, wenn sie im Spiegel ihr Make-up bewundern.

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Das Interview erschien auf tink.ch.

Interview: Zeremonienleiter Daniel Stricker

Für immer mehr Menschen hat Religion keine Bedeutung mehr. Doch auch religionsferne Menschen werden bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen zeitweilig mit einem Besuch in der Kirche konfrontiert. Um diesen Konflikt zu verhindern, bietet Daniel Stricker eine Lösung: Der 45-jährige Schweizer hält Zeremonien ohne religiöse Rituale ab. Mit mittlerweile fast 60 Zeremonien im Jahr gilt er als der bekannteste Zeremonienleiter der Schweiz. 

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«Ich habe Zeremonien verachtet» (Bild: zVg)

Daniel, du bist gelernter Luftverkehrsangestellter, hast den Kundendienst von Sony geleitet und neben Videotheken sogar eigene Pizzakurierdienste betrieben. Wieso jetzt Zeremonienleiter?
Vor vielen Jahren habe ich eine schlimme Zeremonie in der Kirche erlebt. Mein bester Freund verstarb sehr jung. Bei der Abdankung meinte der Pfarrer, dass er gerne mehr über das Leben des Verstorbenen erzählen würde, doch es gäbe nichts zu sagen, weil dieser so jung verstorben sei. Diese Zeremonie war zwar noch nicht der Grund, weshalb ich Zeremonienleiter wurde, doch es war der Grund, weshalb ich Zeremonien fortan vermieden und verachtet habe.

Und was war dann der Grund?
Zwei Jahre nachdem ich meine Firma verkauft habe, wurde ich von einem entfernten Bekannten angefragt, eine Zeremonie für ihn zu leiten. Anfangs war ich aufgrund meiner Abneigung gegenüber Zeremonien skeptisch. Doch der Gedanke, es besser zu machen, liess mich nicht mehr los. Ich dachte, dass ich Zeremonien revolutionieren könnte, indem ich statt einer Predigt die Geschichte des Paars ins Zentrum rücke. In Wirklichkeit gibt es freie Redner wie mich natürlich schon seit der Aufklärung.

Heute bist du mit fast 60 Zeremonien im Jahr der bekannteste Zeremonienleiter der Schweiz. Welche Menschen suchen deine Begleitung
Neben religionsfernen Menschen und Atheisten traue ich auch viele Paare, die noch in einer Kirche sind, aber kirchenfern leben oder nicht derselben Konfession angehören. Sie suchen mich auf, gerade weil meine Zeremonien religionsneutral gestaltet sind. Ich habe keine Mission und erteile keinen Segen im Namen Gottes. Dadurch habe ich den Vorteil, Zeremonien kurzweiliger zu machen und mich viel stärker auf die Geschichte des jeweiligen Brautpaars abzustützen.

Trotzdem magst du es nicht, wenn Menschen deine Zeremonien als Alternative zur Kirche bezeichnen.
Ja, denn ich sehe mich nicht als Alternative. Das würde implizieren, dass wer anders das Original ist. Ich bin ein Zeremonienleiter, der einen neutralen Standpunkt einnimmt. Die institutionalisierten Religionen, die wir heute kennen, gibt es erst seit einigen tausend Jahren, während Ausgrabungen belegen, dass schon vor über einer Million Jahre Menschen Rituale durchgeführt haben. Die Kirchen haben die Zeremonien also nicht erfunden. Sie haben schlicht die existierenden Bräuche übernommen und ein Monopol beansprucht. Die Idee des Heiratens samt Eheringe und Ja-Wort sind wesentlich älter als das Christentum.

Wie äussert sich dieser neutrale Standpunkt konkret in den Zeremonien?
Ich habe nicht den Anspruch, Leute zu belehren, sondern einzig das Ziel, die Menschen zu berühren. Ich habe keine eigene Mission sondern sehe mich als Sprachrohr. Im Falle einer Hochzeit verkünde ich, dass die beiden Menschen sich gefunden haben und zusammenbleiben möchten. Dies möchte ich auf möglichst schöne Weise tun. Einen erzieherischen, moralischen, missionarischen oder anderswie belehrenden Anspruch habe ich nicht.

Und dieses Bedürfnis nach Feiern und Ritualen steigt auch bei jüngeren Menschen wieder. Wie erklärst du dir diesen Trend?
Durch die ständige Erreichbarkeit haben junge Menschen immer weniger Fixpunkte und Routine im Alltag. Dadurch werden sie sehr ungeduldig. Zeremonien hingegen sorgen für Entschleunigung und schaffen gerade dadurch Stunden und Tage, die man sein ganzes Leben lang nicht mehr vergisst.

Mit 60 Zeremonien im Jahr feierst du mindestens einmal in der Woche mit Menschen. Ist die Tendenz steigend?
Ja, vor allem bei Trauerfeiern. Doch da jede Zeremonie viel Zeit und Energie beansprucht, kann ich gar nicht mehr machen. Ich habe mir sogar schon ĂĽberlegt, mittelfristig etwas kĂĽrzer zu treten. Sonst besteht die Gefahr, dass ich eines Tages in eine Routine verfalle und ich meinem Anspruch nicht mehr gerecht wĂĽrde.

Wäre dann der nächste Schritt, andere zu Zeremonienleitern auszubilden?
Ich bin dabei, einen Online-Kurs zu machen. In diesem möchte ich Interessierten beibringen, wie man Zeremonien schreibt, führt, aber vor allem auch, wie man Kunden gewinnt. Es gibt tausende von Zeremonienleitern in Deutschland und in der Schweiz, doch aufgrund ihrer Internetauftritte vermute ich, dass die meisten von ihnen im Jahr zwischen null und zwei Zeremonien machen. Obwohl sie zwar die Begeisterung und vermutlich auch das Talent mitbringen, stehen viele vor demselben Problem: es ist niemand da, der ihnen die handwerklichen Aspekte detailliert aufzeigt. Und es fehlt am Wissen, wie man eine Dienstleistung günstig und effektiv anpreist. Doch wenn man in dieser Nische Erfolg haben will, muss man zu den allerbesten gehören.

Hast du für dein Engagement auch schon Kritik von religiösen Menschen erhalten?
Nur selten. Vielleicht haben die meisten Kritiker einfach den Anstand, zu schweigen. Vor einigen Jahren leitete ich eine Zeremonie, bei der die Mutter der Braut von Anfang an gegen eine Hochzeit ohne Religionsbezug war. Bei der Zeremonie selbst sass sie mit verschränkten Armen in der ersten Reihe. Schlussendlich war sie die erste, die geweint hat. Das hat mir gezeigt: Auch wenn Menschen sehr religiös sind, fallen ihre Vorbehalte ab, wenn man es schafft, sie auf eine gute Art zu berühren. Und bei Beerdigungen sind Menschen, die jemand verloren haben, der ihnen sehr nahe stand, sowieso untröstlich. Egal ob sie an Gott glauben oder nicht.

Welche war die schönste Zeremonie, die du je erlebt hast?
Eine meiner schönsten Zeremonien war die Hochzeit von einer Muslimin und einem Reformierten. Sie wollten in der Nähe eines Bergrestaurants heiraten und gingen fest von gutem Wetter aus. Doch es regnete in Strömen. Das Ausweichszenario war eine Scheune, in der nichts vorbereitet war und sogar noch ein Traktor stand. Ein paar Kerzen und Scheinwerfer reichten für eine unglaubliche Atmosphäre. Dieses Beispiel zeigt, dass teure Hochzeiten manchmal eher wie ein Schleier über der eigentlichen Zeremonie liegen. Es braucht nicht viel Geld, um einen unvergesslichen Tag zu erleben.

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Das Interview erschien auf hpd.de.

Interview: FVS-Vizepräsident Valentin Abgottspon

Nachdem Valentin Abgottspon vor fünf Jahren das Kruzifix aus seinem Klassenzimmer entfernte, wurde er als Lehrer fristlos entlassen. Heute kämpft der polarisierende Walliser weiter für die strikte Trennung von Kirche und Staat. Mit ihm sprach Sandro Bucher.

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«Freidenker haben schlicht die besseren Argumente» (Bild: DOROTHEE SCHMID)

2015 jährt sich der Tag deiner fristlosen Entlassung zum fünften Mal. Wie blickst du heute auf diese Schicksalstage zurück?
Valentin Abgottspon: Grundsätzlich blicke ich positiv auf die Zeit zurĂĽck, denn die fristlose Entlassung war der gröbste Blödsinn, den die Schulbehörde machen konnte. Die Unverhältnismässigkeit des Urteils schockierte Menschen in der ganzen Schweiz, die es nicht fĂĽr möglich hielten, dass solche Dinge in der heutigen Zeit noch passieren. Die Bevölkerung und Lehrerschaft wurde durch diesen Fall sensibilisiert. Das kann ich rĂĽckblickend jetzt so formulieren, da die Sache sozusagen durchgestanden ist. Es gab fĂĽr mich aber auch extrem dunkle Zeiten und eine schwere Niedergeschlagenheit. Und dass ich Zuschriften erhalten habe, in denen beispielsweise steht, dass meine Mutter Krebs habe, weil ich nicht an Gott glaube und dass sie versagt habe, weil sie mich nicht zu einem „anständigen Christenmenschen“ erzogen habe. Solche Dinge können schon etwas an einem nagen.

Hat sich seitens des Staates auch etwas geändert?
Nein. Es hat nicht dazu geführt, dass bei den staatlichen Behörden und Departementen im Kanton Wallis etwas gelaufen ist. Die nationalkonservative Schweizer Volkspartei (SVP) wollte gar das Kruzifix in allen Schulzimmern obligatorisch machen. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass ich der Letzte war, dem so etwas passierte. So blöd wird keine Schulbehörde in der Schweiz mehr reagieren.

Was war der Auslöser dafür, dass du das Kruzifix entfernt hast?
Der konkrete Anlass war die Minarett-Initiative. Im Vorfeld der Abstimmung störte mich, dass so getan wurde, als wäre die Schweiz ein christliches Land. Politik und Gesellschaft redeten plötzlich wieder von christlichen Werten und einem christlichen Staat. Da habe ich für mich selbst entschieden, das Kruzifix abzunehmen. Ich habe es nicht aus Renitenz gemacht und keinen Streit gesucht, wie mir auch heute noch unterstellt wird.

Hast du mit deinen SchĂĽlerinnen und SchĂĽlern nicht darĂĽber gesprochen?
Nein, das habe ich selbst entschieden und nie thematisiert, da es meinen Unterricht nicht tangierte. Auch im Nachhinein blieb die Diskussion aus, da es sowieso nicht in allen Schulzimmern Kruzifixe hatte. Erst im Vorfeld der Gründung der Freidenker-Sektion Wallis bekam ich erste Leserbriefe, Schmähbriefe und Hassbotschaften. Dann haben es auch die Schüler bemerkt.

Deine Entlassung sorgte auch international fĂĽr Schlagzeilen. Ist die Schweiz in Sachen Religion vergleichsweise konservativ?
Die Gesellschaft ist schon viel weiter als Behörden, Politik und Medien, die noch nicht dort angekommen sind, wo Diskurs und Lebenswirklichkeit sich befinden. Für ganz viele Personen ist Religion schlicht irrelevant. Dennoch legen sich viele Politiker vor dem Wahlkampf den Mantel des Glaubens um. Nur hat das nicht mehr wirklich viel mit Spiritualität zu tun. Wenn man über die Burka oder Minarette diskutiert, diskutiert man auch über die Unzufriedenheit mit Grenzgängern und Ausländern. Bei der Minarett-Initiative beispielsweise ging es nicht nur um Religion, sondern auch um Xenophobie und Rassismus.

Wie würdest du dein Verhältnis zur Kirche beschreiben?
Ich würde mich durchaus als Aktivisten bezeichnen, der mittlerweile viele Aspekte bewusster erlebt, mehr Details kennt und sich über die vielen Instransparenzen im Klaren ist. Inzwischen blicke ich wieder positiver in die Zukunft: Die junge Generation ist säkularer und auch Ältere distanzieren sich öfters von der Kirche. Irgendwann wird es einen Dammbruch geben und auch Politiker werden es einfacher haben, sich für eine Trennung von Kirche und Staat auszusprechen. Freidenker und Humanisten haben schlicht die besseren Argumente auf ihrer Seite. Trotz der fehlenden Riesenbudgets für Medienarbeit können wir uns deshalb gut positionieren und die Argumente glaubhaft rüberbringen.

Freikirchen erleben jedoch einen Zuwachs, vor allem bei der jĂĽngeren Generation.
Das ist sehr bedauerlich. Es ist ja eine Art Katholizismus oder Rigidität im Denken, die Freikirchen an den Tag legen. Wir müssen in der Schule Fächer erarbeiten, die kritisches Denken und Rationalität fördern. Eine Art Anleitung zum und Hilfe beim sauberen Denken. Mit dem Internet haben wir bereits ein durchdringendes Tool, das diesbezüglich kräftig mithilft. Dadurch wird die Tendenz sinken, dass ein grosser Teil der Bevölkerung in einen Extremismus verfällt oder den Rattenfängern von Freikirchen und Sekten in die Fänge geht. Es wird aber immer Menschen geben, die sich gefangen nehmen lassen, insbesondere wenn sie aufgrund von – eventuell vorübergehenden – Extremsituationen und Schicksalsschlägen in ihrem Leben besonders verwundbar sind.

Wie schätzt du die Lage in der Schweiz hinsichtlich Trennung von Kirche und Staat ein?
Im Alltagsleben der Schweizerinnen und Schweizer ist die Kirche kein bestimmender Faktor mehr. In gewissen Kantonen gibt es bei der Säkularisierung nur noch wenige Baustellen. Bei allen anderen wird die Trennung Schritt für Schritt weitergehen. In weiten Landesteilen müssen erst die Transparenz der Kirchen und religionswissenschaftliche Ansätze in den Lehrmitteln und im Unterricht der Volksschule etabliert werden. So, dass auch Atheismus und Humanismus in unserer Gesellschaft ihren angemessenen Platz finden.

Welche Rolle spielen dabei die Medien?
Besonders bei den öffentlich-rechtlichen Medien finde ich viele Dinge kritikwĂĽrdig. Das „Wort zum Sonntag“ des Schweizer Radio und Fernsehens (SRF) durften, obwohl die Sendung als christlicher Kommentar definiert wird, auch schon Hindus, Buddhisten und Muslime ergreifen, jedoch keine Freidenker. Dass dies nicht mehr zeitgemäss ist, wissen das SRF und die katholischen und reformierten Medienbeauftragten. Das sind reine Besitzstandwahrungen und das Krallen an die Moneten, beziehungsweise Privilegien. Das ist schlicht nicht in Ordnung. Das haben mir gegenĂĽber im privaten Gespräch bei einem Kaffee oder Bier sowohl SRF-Angestellte wie auch hohe kirchliche Funktionäre schon zugegeben. Ă–ffentlich wollen sie sowas aber natĂĽrlich nicht gestehen.

Die Freidenker-Vereinigung Schweiz hat eine Plakatkampagne lanciert, in der ihr, begleitet von einem offenen Brief, fragt: „Liebe Katholiken! Huonder tritt nicht aus. Wie steht’s mit euch?“…

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Kampagnen-Plakat

Wir wollen die Katholikinnen und Katholiken dazu auffordern, über einen Kirchenaustritt nachzudenken. Sehr viele von ihnen haben innerlich ihren Kirchenaustritt schon vollzogen und die menschenfeindlichen, intoleranten Äusserungen des Kirchenaustrittskatalysators und Bischof Vitus Huonder sind geeignet, sich selber den Anstoss zu geben und in diesem Verein nicht mehr mitzumachen und ihn nicht mehr mitzufinanzieren. Huonder hat zwar auch innerkirchlich etwas Gegenwind zu spüren bekommen. Er sitzt aber immer noch fest auf seinem Bischofssitz. Und er gibt mit seiner Ablehnung der praktizierten Homosexualität nur die geltende Kirchenlehre, wie sie im Katechismus steht, wieder. Es ist etwas unaufrichtig und inkonsequent, wenn Katholikinnen und Katholiken denken, dass sich katholische Grundsätze und Ehe, Toleranz und Adoptionsrecht für alle unter einen Hut bringen liessen.

Was möchtest du neben der Aufwertung der medialen Präsenz noch erreichen?
Zentral ist momentan, dass wir Freidenkerinnen und Freidenker bei der Umsetzung der Grundlagen des Lehrplans 21 gut aufpassen. Es ist vorgesehen, dass der konfessionelle Religionsunterricht nicht mehr Aufgabe der Volksschule ist. Viele Kantone werden hier aber von diesem Grundsatz abweichen wollen und den Kirchen viele Privilegien zuschanzen und ihnen den Zugriff auf die Kinder weiterhin gewähren. Die Kirchensteuern für juristische Personen gehören abgeschafft. Abseits davon sehe ich einen Teil meines Engagements auch international. Auch wenn mir schlimme Dinge widerfahren sind, sind sie kein Vergleich zu dem, was Menschen wie Raif Badawi angetan wird. Mein Einsatz hört nicht beim Laizismus auf. Ich bin und bleibe wohl mein Leben lang Aktivist.

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Das Interview erschien auf hpd.de.

Interview: Katholische Priesterin Jacqueline Straub

Jacqueline Straub möchte die erste Priesterin der katholischen Kirche werden. Um ihre Berufung leben zu können, müsste die Theologiestudentin aus Freiburg eine globale Institution mit über einer Milliarde Mitgliedern in ihren Grundfesten verändern. Im Interview sprach die 24-Jährige über ihren Kampf gegen restaurative Tendenzen und für tiefgreifende Reformen in der Kirche.

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«Für Reaktionäre in der Kirche bin ich ein öffentliches Ärgernis» (Bild: MELI STRAUB/www.meli-photodesign.de)

Du bist überzeugt, spätestens in zwanzig Jahren katholische Priesterin zu sein. Ist das realistisch?
Jacqueline Straub: Die Kirche braucht für tiefgreifende Reformen immer eine relativ lange Zeit, und in der Frage des Frauenpriestertums hängt ziemlich viel dran. Im Vorfeld muss erst klar gemacht werden, dass die Diskussion überhaupt möglich ist. Denn kirchenrechtlich ist das Frauenpriestertum kein Dogma. Vor der Entscheidung durch ein Drittes Vatikanisches Konzil braucht es eine lange Vorbereitungszeit. Viele sagen deshalb, dass fünfzig oder hundert Jahre realistischer wären. Ich rechne aber weiter mit einer Vorbereitungszeit von zwanzig Jahren, da wir mit Papst Franziskus eine dialogische Kirche geworden sind.

Hast du keine Angst, dass dein Vorhaben auch in zwanzig Jahren noch eine Kirchenspaltung verursachen könnte?
Es wird extrem konservative, also reaktionäre Gruppen geben, die werden sich so oder so abspalten. Für die bin ich gerade zu ein öffentliches Ärgernis. Doch es gibt seit über fünfzig Jahren Frauen und Männer, die auf das Frauenpriestertum hingearbeitet haben. Wenn man die nächsten zwanzig Jahre darüber spricht, die Zweifel benennt und das Positive eines Frauenpriestertums hervorhebt, dann wird ein ruhiger Verlauf immer realistischer. Zuvor wird aber noch der Zölibat fallen, und Wiederverheiratete und Geschiedene werden die Kommunion empfangen.

Wie reagieren deine Kommilitoninnen auf deine Pläne?
Ich kenne einige Mitstudentinnen, die auch berufen sind. Die sagen aber nichts, da sie fürchten, nach den sechs Jahren Theologiestudium keine kirchliche Anstellung zu erhalten. Es gab schon Priester und Bischöfe, die ihres Amtes enthoben wurden, bloss weil sie sich öffentlich für Frauen als Priesterinnen aussprachen.

Ist diese Angst bei dir nie aufgetaucht?
Die war mal in den ersten Semestern da, als ich noch Pastoralassistentin werden wollte. Doch mit Schweigen würde ich mich nur selbst verleugnen. Mittlerweile stehe ich dazu und nehme das Risiko auf mich, dass ich später nicht im kirchlichen Bereich arbeiten kann. Denn mit Schweigen ändert sich auch nichts.

Wo siehst du in der Kirche sonst noch Veränderungspotential?
Da gibt es viel (lacht). Unsere Kirche muss menschenfreundlicher werden und an die Ränder der Welt gehen. Der Umgang mit Geschiedenen und Homosexuellen muss menschlicher werden. Wie konservative Kreise über Homosexuelle sprechen, tut mir wirklich weh. Auch der Pflichtzölibat passt nicht mehr in unsere Zeit. Man muss die Zeichen der Zeit erkennen und danach handeln. Es kann nicht sein, dass wir die nächste Generation einfach vergessen. Wenn die Jungen heute nicht gefördert werden und keinen angemessenen Platz in der Kirche erhalten, dann habe ich wirklich Angst um die Kirche.

Der Umgang mit Homosexuellen und die Öffnung der Ehe für alle erhitzen zurzeit die Gemüter. In einem früheren Interview hast du erwähnt, dass du am Ehesakrament, Mann und Frau, festhalten möchtest.
FĂĽr eine staatliche Homo-Ehe bin ich auf jeden Fall. Beim Ehesakrament gibt es aber Schwierigkeiten. Die Kirche tut sich immer noch extrem schwer mit dem Frau-Mann-Begriff und muss erstmal selbst definieren, was Ehe heute, mit all ihren Facetten eigentlich bedeutet. Wenn wir die Ehe wie bisher mit den drei Grundprinzipien Treue, Liebe und Sorge fĂĽr die Nachkommen definieren, dann wĂĽrde das auch Homosexuelle nicht ausgrenzen.

WĂĽrdest du eine Trennung zwischen Kirche und Staat also begrĂĽssen?
Auf der einen Seite könnte eine Trennung von Kirche und Staat durchaus nicht nur negative Wirkungen haben. So wĂĽrden mangels Kirchensteuer die kargen Finanzen gewisse Pfarrer und Bischöfe zu einem einfacheren und authentischeren Lebensstil zwingen. Auf der anderen Seite denke ich, dass sich durch eine Trennung eine katholische Elite-Gruppe herauskristallisieren wĂĽrde. Fortschrittlich denkende Katholiken wĂĽrden dadurch vermutlich ins Abseits geschoben werden, was eine elitäre „Fraktion“ hervorbringen wĂĽrde. Solange die katholische Kirche öffentlich-rechtlich anerkannt ist, ist eine gewisse Gewähr vorhanden, die das verhindert.

Die Religion verliert in der Gesellschaft zunehmend an Bedeutung, vielerorts auf der Welt sinken die Zahlen von Gläubigen. Was löst die zunehmende Abwanderung aus der Kirche Richtung Gottlosigkeit in dir aus?
Dass es heute so viele Atheistinnen und Atheisten gibt, ist auch eine Schwäche der Kirche, die durch ein falsches Auftreten verursacht ist. Wenn es die Kirche nicht schafft, den Glauben mit Herz und Verstand zu vermitteln, dann rennen die Menschen entweder in die fundamentalistische Ecke oder wenden sich dem Atheismus zu. Mir tut es weh, dass man sich in meiner Generation für den Glauben rechtfertigen muss. Aber alle wird man nie ins Boot holen können.

Wie kann die Kirche diesem Trend entgegenwirken?
Ich erlebe zu meinem eigenen Bedauern, dass es einige Bischöfen und Priestern gibt, denen das Feuer fehlt. Heute braucht es mehr denn je Überzeugung und Auftreten. Auf Christen und Nicht-Christen wirkt es abschreckend, wenn sich gewisse Bischöfe nie in der Öffentlichkeit äussern und zeigen. Die Menschen möchten Kleriker, die eine klare Position vertreten, die nachvollziehbar ist. Das fehlt in der Kirche vielerorts.

Dein Handy ziert ein Bild von Papst Franziskus. Ist er für dich ein Hoffnungsträger?
Franziskus interessieren westliche Kirchenthemen wie Zölibat oder das Frauenpriestertum weniger als Armut und fehlende Gerechtigkeit auf der Welt. Doch er ist ein äusserst mutiger Papst, welcher der katholischen Kirche zu viel positiver Berichterstattung verholfen hat. Wenn alle Priester, Bischöfe und Kardinäle so entschlossen aufträten wie er, könnten sich die Menschen viel eher mit der Kirche identifizieren. Da Franziskus angedeutet hat, wie Benedikt XVI. frühzeitig aus dem Amt zu scheiden, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass er zumindest noch darauf hinwirkt, dass in den nächsten zwei bis drei Jahren bestimmte Frauenthemen aufgenommen werden und die Diskussion darüber entfacht wird. Doch das Dritte Vatikanische Konzil wird erst mit dem nächsten oder dem übernächsten Papst kommen.

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Das Interview erschien auf hpd.de.

Interview: Atheist Kacem El Ghazzali

English Version

Weil er nicht an Gott glaubt, wurde Kacem El Ghazzali in seiner Heimat Marokko mehrfach attackiert und mit dem Tod bedroht. Vor vier Jahren ist der 24-Jährige in die Schweiz geflüchtet und hat sein altes Leben hinter sich gelassen. Seine Überzeugung bleibt ungebrochen, auch wenn er damit weiterhin sein Leben riskiert.

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„Ich werde meine Arbeit nicht wegen Todesdrohungen beenden. Das war mir schon in Marokko klar.“ – Kacem El Ghazzali

HPD.de: In frommen Ländern wie Marokko wird der Glaube von vielen gar nicht erst in Frage gestellt. Was hat dich dazu gebracht, deine Religion zu hinterfragen?
Kacem El Ghazzali: Menschen scheinen am liebsten den einfachen Weg zu gehen. Deshalb ziehen sie es vor, all den Sätzen auszuweichen, die mit grossen Fragezeichen enden. Etwas in Frage zu stellen bedeutet, dass man sich auf eine endlose Reise der Suche, der Zerstörung und des Neuaufbaus begibt. Man konfrontiert sich selbst mit seiner Vergangenheit, mit seinen eigenen Wahrheiten und all denjenigen Menschen, die ein Teil davon waren. Diese Gefühle verstärken sich, wenn die Dinge, die man in Frage stellt, als heilig gelten oder von politischen und religiösen Autoritäten geschützt werden, wie beispielsweise der Islam in der islamischen Welt. Ich habe mich nicht dafür entschieden, ein Atheist zu werden. Ich wurde dazu gezwungen von der Kraft der Logik. Warum ich meine Religion hinterfragt habe? Ich fand sie unlogisch. Und sie verursacht mehr Schaden als Gutes.

Hast du es je bereut, Atheist zu werden?
Ich habe lange versucht, gläubig zu sein, da es einfacher ist. Schlussendlich war ich immer voller kritischer Fragen. Es gibt viele andere in der islamischen Welt wie mich. Das Tabu der Ungläubigkeit wird langsam gebrochen, doch die Situation ist immer noch schwierig und gefährlich für alle, die sich dafür entscheiden, in der islamischen Welt zu ihrem Unglauben zu stehen.

Wieso ist diese Problematik im Islam weit ausgeprägter als im Christentum?
Der christliche Glaube durchlief bereits einen Prozess der Reformation. Auf der anderen Seite haben wir den Islam und seine Gesetze, die noch keinerlei Anzeichen einer Reformation zeigen. Der politische Islam erhält Glaubwürdigkeit und Unterstützung, weil die Menschen denken, dass er auf den Gesetzen Gottes beruht. Es ist nicht ein reines Glaubensproblem. Ich habe kein Problem damit, wenn sich jemand dazu entscheidet, seinen Glauben blind zu akzeptieren, solange der Glaube persönlich bleibt und keine politische Ordnung rechtfertigen soll.

Wie haben deine Familie und Freunde darauf reagiert, als du dich zum Atheismus bekennt hast?
Es war für alle ein Schock. Die meisten von ihnen hörten es nicht von mir persönlich. Sie erfuhren es durch die Nachrichten in den Medien und Hasskampagnen in den sozialen Netzwerken. Alle meine Freunde, bis auf zwei, von denen einer Muslim ist, haben sämtlichen Kontakt zu mir abgebrochen und mich fortan wie ein Aussenseiter behandelt.

Wie bist du mit den Todesdrohungen umgegangen, die du tagtäglich erhalten hast?
Die Todesdrohungen zeigen lediglich, dass meine Argumente korrekt sind. Die Muslime sagen, dass ihre Religion eine Religion des Friedens sei; das müsse man akzeptieren oder sterben. Aus diesen Gründen ignoriere ich die Drohungen und Hassmails einfach. Zur selben Zeit erhalte ich viele Dankeskarten und E-Mails mit netten Worten. Nicht nur von jungen Menschen, sondern auch von älteren, die mir dafür danken das zu sagen, was sie vor einigen Jahren nicht sagen konnten. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, bis wir eine Gesellschaft der Pluralität aufbauen können.

Hast du je darĂĽber nachgedacht, deinen Kampf gegen den Islam aus Angst abzubrechen?
Es ist wichtig zu betonen, dass ich nicht gegen den Islam per se kämpfe, da es auch viele friedvolle Muslime gibt, deren Religionsfreiheit ich verteidige. Meine kritischen Worte gelten all denjenigen, die den Islam blind befolgen und keine Diskussion oder moderne Auslegungen zulassen. Diese Menschen arbeiten hart daran, ein gemeinsames Zusammenleben zu verhindern. Sie versuchen die Gesellschaft in Gut und Böse zu unterteilen – Gläubige und Ungläubige. Ich werde meine Arbeit nicht wegen Todesdrohungen beenden. Das war mir schon in Marokko klar.

Du lebst mittlerweile seit gut vier Jahren in der Schweiz. Wie erlebst du das Land?
Die Schweiz ist wegen seinem politischen System ein einzigartiges Land mit einer stabilen Ökonomie. Die Schweiz ist bekannt für seine Neutralität, die ihr grosse Bewunderung und zur selben Zeit massive Kritik beschert. Es ist schwierig, über solche Dinge zu reden, ohne das staatliche System zu kennen. Es gibt trotz der Offenheit auch konservative Kantone wie Wallis und Schwyz – im Wallis wurde ein Lehrer namens Valentin Abgottspon entlassen, weil er ein Kruzifix von der Wand seines Klassenzimmers entfernte. Solche Dinge würden in Zürich und Genf nie passieren. Die Abstimmungsergebnisse bei politischen Initiativen beweisen das.

Was können die westlichen Länder zu dem Wandel beisteuern, den du forderst?
Der Westen muss sich erst seiner eigenen Situation bewusst werden. Einst schien es so, als würden wir uns in die richtige Richtung entwickeln. Heutzutage scheint man sich wieder rückwärts zu bewegen. Die westlichen Regierungen verbünden sich aus rein ökonomischen Gründen mit islamischen und theokratischen Staaten. Wir müssen uns überlegen, ob das moralisch und ethisch vertretbar ist.

Stimmt dich die offene Schweiz optimistisch oder wird durch den krassen Kontrast zu Marokko nur noch deutlicher, dass der Wandel noch lange ausbleiben wird?
Die Welt war schon immer so. Kriege und menschliche Katastrophen sind ein Teil unserer Existenz. Wir Menschen haben mehr Schaden angerichtet als Gutes getan, nicht nur an uns selbst sondern auch an unserer Erde. Ich habe immer noch Hoffnung auf eine bessere Zukunft, aber diese ist noch weit entfernt. Darum glaube ich, dass wir öfters an die Zukunft denken sollten. Nicht nur an die, in der wir leben werden, sondern auch die der kommenden Generationen.

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Der Artikel erschien zusätzlich auf hpd.de.